13.02.2016

EssayBerührungsfurcht

Warum ich erstmals in meinem Leben das Bedürfnis nach Grenzen habe Von Stefan Berg
Vor wenigen Wochen hatte ich während einer langen Bahnfahrt eine überraschende Begegnung. Ich hielt mich im Gang auf, um meine täglichen Dehnungsübungen zu absolvieren. Draußen war es noch dunkel. Und so konnte ich in der Spiegelung im Zugfenster beobachten, wie eine Frau mit Kopftuch an mir vorbeiging, ein Stück weiter stehen blieb und einen kleinen Teppich ausrollte. Sie kniete nieder und betete still.
Mitten in Eile und Hektik gelang ihr die Einkehr. Es erschien mir plötzlich seltsam, mit meinem Übungsband herumzustehen. Ich tat etwas für meinen Körper, sie tat etwas für ihren Geist.
Erst nach und nach gestand ich mir ein, dass dieser Moment auch etwas Beunruhigendes gehabt hatte, etwas Verstörendes, Fremdartiges. Gehört Frömmigkeit nicht in die Privatsphäre? Und welche Verbindung gibt es von der freundlichen, betenden Frau zu der kollektiven Ekstase Hunderttausender Menschen in Mekka? Ich fragte mich auch, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen diesem friedlichen Gebet und den unheiligen islamistischen Kriegern.
Waren meine Gedanken "normal"? Oder hatte ich mich nun der Islamophobie überführt? Eine entlastende Antwort fand ich bei Elias Canetti, in "Masse und Macht". Das Buch beginnt mit den Sätzen: "Nichts fürchtet der Mensch mehr als die Berührung durch Unbekanntes ... Überall weicht der Mensch der Berührung durch Fremdes aus ... Alle Abstände, die die Menschen um sich geschaffen haben, sind von dieser Berührungsfurcht diktiert." Meine Reaktion lag also im Bereich des Üblichen.
Eine Veränderung kann ich nicht leugnen: 26 Jahre nach dem Fall der Mauer spüre auch ich nun das Bedürfnis nach Abgrenzung. Bislang hatte ich mich immer gefreut, wenn Grenzen und Mauern einstürzten. Für mich hatte das Überwinden von Grenzen einen durch und durch positiven Klang. Ich habe als Ostberliner davon profitiert. Ich empfand es als befreiend, und ich verachtete Menschen, die sich die Mauer zurückwünschten. Ich träumte von grenzenloser Freiheit, wie sie Reinhard Mey besungen hatte. Mit Worten wie Volk oder Heimat dagegen assoziierte ich Enge. Auch der Begriff Nation schien von gestern zu sein, Europa war doch die Zukunft Deutschlands. Ich hatte mich daran gewöhnt, die Auflösung nationaler Identität für den Kern unserer nationalen Identität zu halten.
Es ist mir nicht wohl dabei, mir meine "Berührungsfurcht" einzugestehen. Mein eigenes Abgrenzungsbedürfnis befremdet mich. Aber ich kann es nicht leugnen. Ich glaube, ein Grund dafür ist eine Veränderungsmüdigkeit, ich bin ruhebedürftig. Ich beobachte bei vielen Menschen diese Müdigkeit. Im Osten treffe ich auf Menschen, die erschöpft sind vom Umbruch nach 1990. Sie haben sich gerade eingefunden, und nun soll wieder alles anders werden? Sie gehen in Abwehrhaltung: Bitte, nicht schon wieder. Manche Menschen stoßen an ihre Grenzen.
Nach Jahren, in denen alles schneller oder größer oder zugleich schneller und größer wurde, Europa, unsere Kommunikation, unser Warenaustausch, unsere Züge, kommt vielleicht eine Phase, in der das Bedürfnis nach Entschleunigung nicht nur individuell beantwortet wird – mit Yoga, Landlust oder Meditation. Dem scheint eine kollektive Suche nach einem Halt zu folgen, wie ihn die regionalen und nationalen Traditionen bieten können. Diese Bewegung ist in vielen Teilen Europas zu beobachten, von Polen bis Katalonien.
Ich glaube nicht mehr an eine europäische Staatsbürgerschaft, an ein universelles Weltbürgerdasein. Die Nation wird als Handlungsrahmen bleiben, als Konstante. Und so wie der Mensch das Bedürfnis nach Grundstücksgrenzen hat, so wird auch das Bedürfnis nach Ländergrenzen bleiben, die ja zugleich trennen und verbinden können.
Es ist schwer, einen Ort zu finden, um über das Gefühl der Bedrohung und das Bedürfnis nach Schutz zu sprechen. In meinem märkischen Dorf, wo man schon Zuzüglern aus Berlin distanziert gegenübersteht, möchte ich es nicht. Das hier vorhandene Bedürfnis nach Homogenität finde ich übertrieben. Es gibt zu viele Zäune und Wachhunde. Manchmal hängt eine Fahne in unserem Dorf mit der Aufschrift: "Redet nicht, handelt."
Und unter den studierten Städtern? Sie genießen es, vor allem Grenzen überwunden zu haben, sprachliche und räumliche. Man ist Weltbürger. Aber einmal sensibilisiert, entdecke ich die von Canetti beschriebene "Berührungsfurcht" auch hier. Sie gilt Wörtern wie "Heimat" oder "Nation", und sie gilt Menschen, für die diese Wörter einen positiven Klang haben. Es gibt unter den urbanen Studierten auch Ängste vor zu vielen Zuzüglern, aber man hat dafür ein englisches Wort gefunden: "Gentrifizierung". Das klingt besser als Überfremdung. Aber an den Häusern in Berlin stand "Schwabe go home".
Angst ist kein guter Ratgeber. Es hilft nur nicht, sie zu leugnen. Ich glaube, viele Menschen haben das Gefühl, ihre Ängste und Wünsche würden in der Debatte über die Zuwanderung nicht ernst genug genommen. Sowohl im Privaten als auch im Öffentlichen ist das Reden darüber nicht leicht, es erfolgt rasch eine Zuweisung nach ideologischen Rastern.
Ein Teil der Deutschen fürchtet, nachdem mehr als eine Million Menschen hier angekommen sind, offenbar um das Vertraute, um das, was sie für deutsch und abendländisch halten. Sie vermissen Sicherheit, Grenzen, sie fürchten eine schleichende Entheimatung. Ein anderer Teil der Deutschen glaubt an universelle Werte und an ein darauf beruhendes Zusammengehörigkeitsgefühl. Sie kennen sich aus in der Fremde, warum sollen sie nun Fremde fürchten?
Die Kommunikation zwischen beiden Bevölkerungsgruppen aber ist gestört. Die "Heimat-Deutschen" fühlen sich hilflos und missverstanden, im Diskurs der politischen Klasse finden sie sich nicht wieder. Die rechte Ecke wird ihnen zugewiesen, also richten sie sich in ihr ein. Die Gruppe der "Weltbürger" ist formulierungsgeübt. Ihre Anhänger freuen sich, die anderen auf dem völkischen Fuß zu erwischen. Die Weltbürger schreiben "Nazi". Die andern twittern zurück: "Volksverräter". Den Worten folgen bereits Steine.
Eine Kultur der Verdächtigung und Denunziation beschädigt den freien Meinungsaustausch in unserem Land. Ich bemerke die Folgen dieser Verrohung. Ich zögere in manchen Runden, darüber zu sprechen, dass auch mir die Aussicht, mit Hunderten muslimischer Männer in meiner Nachbarschaft zu leben, nicht nur Freude bereitet. Ich bemerke ein vollkommenes Unverständnis, wenn ich danach frage, ob es eine kulturelle Identität Deutschlands gibt; ob wir diese bewahren wollen; ob wir uns um die deutsche Sprache nicht mindestens so viele Gedanken machen müssen wie um den deutschen Wald. Ich mag mir gar nicht ausmalen, was geschähe, wenn ich in manchen Runden fragte, was es heute bedeute, dass am Reichstagsgebäude noch immer die Widmung "Dem deutschen Volke" steht. Seltsam: Es ist in manchen Runden selbstverständlicher, über sexuelle Identität als über die nationale zu reden.
Im Zuge der Wiedervereinigung wurde diskutiert, ob aus der Bonner Republik eine Berliner wird, ob der größere Anteil Protestanten die einst eher rheinisch-katholische Prägung ablösen wird. Manche Weltbürger von heute fürchteten damals die "Verostung des Westens", ihre kulturelle Aufgeschlossenheit war bezüglich der neuen Mitbürger durchaus begrenzt. Einige skandierten: "Deutschland muss sterben, damit wir leben können." Man würde sie heute vielleicht "germanophob" nennen.
Die Zuwanderung hat ähnliche Dimensionen wie die Vereinigung von Deutschland-Ost und Deutschland-West. Die Zuwanderung von Menschen, deren religiöse, nationale und kulturelle Prägung sehr stark ist, wird unsere eigene bereichern und stellt sie zugleich auf die Probe. Wir müssen uns über das scheinbar Selbstverständliche neu verständigen, es manchmal auch das erste Mal verteidigen – unser Verständnis von Gleichberechtigung etwa oder eine Religionsfreiheit, die die Freiheit zur Religion so schützt wie die Freiheit von der Religion.
Ich wünsche mir in einer solchen Debatte die Souveränität, mit der Bertolt Brecht einmal über Deutschland schrieb. 1950 verfasste er die wunderschöne "Kinderhymne", weil er weder das alte "Deutschlandlied" noch die neue DDR-Hymne mochte. Bei Brecht heißt es: "Und weil wir dies Land verbessern / Lieben und beschirmen wir's / Und das liebste mag's uns scheinen / So wie andern Völkern ihrs." ■
Von Stefan Berg

DER SPIEGEL 7/2016
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