13.02.2016

Eine Meldung und ihre GeschichteNachtschwärmer

Ein einsamer Uhu wird zum Liebling eines niederländischen Orts.
Er tötete gern im Morgengrauen, manchmal in mondloser Nacht, leise und schnell war er, außerdem stärker als jeder andere Vogel im Revier. Seine Spannweite betrug schätzungsweise 180 Zentimeter, ein einziger Schwingenschlag auf den Hinterkopf ließ einen kräftigen Mann zu Boden gehen. Er attackierte Jogger, Zeitungsfrauen, und junge Mütter warfen sich schreiend über ihre Kinderwagen, wenn sie ihn im Anflug wähnten. Den "Terror-Uhu", so nannte man ihn, nicht nur in Purmerend.
Die Gemeinde, 80 000 Einwohner, liegt in Nordholland, so heißt die Provinz, von Amsterdam aus sind es etwa 40 Minuten mit dem Vorortzug. Man fährt durch eine flache, zersiedelte Gegend, ehemaliges Sumpfland, mit Kanälen und Deichen dem Meer und der Natur abgetrotzt.
Das Stadtbild, etwa am Bahnhof, wirkt aufgeräumt, aber auch trostlos. Der Ort ist ein Gegenentwurf zu Amsterdam, wo es gern bekifft, bunt und unordentlich zugeht. Purmerend wirkt farblos, begradigt, seine Bürger brav.
Doch dann kam der Terror-Uhu.
Die Geschichte beginnt vor etwa drei Jahren. Damals entdeckte der Hobbyornithologe und Freizeitfotograf Jan Butter aus Purmerend den größten Raubvogel, den er je gesehen hatte: massiger als Habicht, Kauz, Waldohreule; ein Vogel, der mit Krähen, Füchsen, Kolkraben mühelos fertigwürde. Seine Spannweite war unwesentlich geringer als die eines Steinadlers.
Es war ein Uhu, ein Weibchen, die bei dieser Spezies größer und stärker als die Männchen ausfallen. Zwei Jahre lang beobachtete und fotografierte und studierte Butter das Tier. Er lernte auch, seinen Ruf nachzuahmen: Uhuuu – tief und kehlig angesetzt, im Abgang heulend. Der Vogel reagierte, manchmal antwortete er, manchmal kam er geflogen.
"Wir wurden Freunde", sagt Butter.
Dann allerdings, Anfang vergangenen Jahres, schien es so, als schlage das Verhalten des Uhus um ins Aggressive. An einem Märztag 2015, frühmorgens, attackiert der Uhu die Zeitungszustellerin Frederique Abbring, Mutter zweier Töchter, und fügt ihr eine schwere Wunde neben dem linken Ohr zu. Sie ist nicht das erste Opfer.
Was hat er auf einmal gegen Menschen?
Die Stadtväter von Purmerend zogen einen Fachmann hinzu, der den Terror-Uhu einfing. Aufgeregte Bürgerversammlungen fanden statt, der Vogel wird weggesperrt in ein Tiergehege, und damit schien das Thema beendet. Aber die Geschichte geht weiter, weil nun Robin und seine Freunde auf den Plan treten.
Sie wollen den Terror-Uhu befreien, Robin ist ein Deckname, er will anonym bleiben, weil sein Vorhaben zwar moralisch korrekt sei, aber eben nicht ganz legal. Robin ist ein dünner Mensch von Anfang zwanzig, sehr höflich, Vegetarier, der nur am Wochenende ein, zwei Bier trinkt. Demnächst will er studieren, Physik. Aber vorher noch den Uhu befreien.
Er habe ihn nur ein Mal gesehen, erzählt Robin. Welch ein perfektes Tier! Die Bürger von Purmerend hätten dem Vogel ein Denkmal setzen sollen, er habe den Menschen Mut gemacht, ihnen Schönheit vermittelt, ja, zugegeben, das sei schwer zu erklären – it's a long story, sagt Robin.
Sie ist dabei gar nicht so schwer zu verstehen. Der Vogel hat das Leben in Purmerend aufgemischt. Es tat sich plötzlich ein Spalt auf, und ein Geschöpf war zu sehen, frei, wild und schön. Robin und seine Freunde waren nicht die Einzigen, die sich verliebten. Der örtliche Supermarkt-Manager, Henry Blekemolen, schrieb einen Uhu-Song und ließ sich das En-Face-Bild des Vogels auf die rechte Wade tätowieren. Er war unser Freund, er hat uns inspiriert, sagt Robin, darum lassen wir ihn nicht im Stich.
Die von den Stadtvätern beauftragten Experten und Falkner entlasten den Vogel. Der Uhu habe nichts gegen Menschen, im Gegenteil: Er sei auf der Suche nach einem Partner gewesen.
Aller Wahrscheinlichkeit nach handle es sich um ein in Gefangenschaft aufgezogenes Tier, um einen Uhu, der wohl noch nie im Leben einen anderen Uhu gesehen hatte. Das Tier hatte zwar gelernt, in der Wildnis zu leben, Beute zu machen – doch was Paarung und Partnersuche anging, da war es gleichsam falsch abgebogen. Der Vogel, geschlechtsreif, wusste nicht, wer oder was er war. Für ihn waren die Menschen seinesgleichen. Seine Angriffe waren Flirtversuche.
Die Zeitungsausträgerin Abbring, vom Terror-Uhu attackiert, klingt fast so, als habe selbst sie, das Opfer, die Notlage des Vogels intuitiv verstanden. Als sie sich für das Tier zu interessieren begann, empfand sie bald Sympathie, später unterschrieb sie eine Petition für dessen Freilassung. "Die Begegnung war ein Abenteuer", sagt sie, "ich fand es aufregend, dieses fremde, seltsame Tier zu spüren."
Dass es nun eingesperrt sei, sagt sie, tue ihr leid. Und es sei unfair. "Wissen Sie, ich arbeite hart, verdiene nicht viel, mein Leben ist nicht leicht", sagt Frederique Abbring, die Zeitungsfrau, "der Uhu bot mir irgendwie Trost."
Von Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 7/2016
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