13.02.2016

ÜberforderungStiefvater Staat

Kinder sind besondere Flüchtlinge, allein in Berlin sind binnen eines Jahres 3000 unbegleitete Minderjährige angekommen. Ein Jugendamt im Süden der Stadt ist theoretisch für sie zuständig. Praktisch sind die Beamten am Ende. Von Dialika Neufeld
Im zweiten Stock eines Backsteinbaus in Steglitz-Zehlendorf, dort wo Berlin geputzt ist und leise, zwischen Stadtvillen und hohen Bäumen, weit weg von der Wirklichkeit eines Asylbewerberlebens, steht in Zimmer 202 der Aktenschrank, in dem Danilo van der Heide versucht, den Wahnsinn zu verstauen. Der Schrank ist cremefarben, kompakt, mannshoch, darin hängen, zwischen grünen Pappdeckeln auf Papier gebannt, die Leben von 800 Flüchtlingskindern. Ohne Eltern sind sie in Berlin, manche 10, manche 16 Jahre alt. Sie waren allein, als sie ins Schlauchboot stiegen; sie sind allein, wenn nachts die schwarzen Träume in die Stockbetten ihrer Unterkunft kommen.
Die Akte von Ilyas aus Marokko hängt in diesem Schrank, er ist 17, seit einem Jahr in Deutschland, 30 Ermittlungsverfahren wegen Diebstahl, Raub, Körperverletzung, Betrug, jetzt hat er einen entzündeten Magen und braucht dringend eine Untersuchung. Van der Heide soll die Genehmigung unterschreiben.
Die Akte von Clinton aus Ghana hängt da, er ist 15, er weiß nicht, wer seine Eltern sind, flog aus mehreren Heimen, ehe er es mithilfe des deutschen Staates zum guten Schüler und Klassensprecher schaffte. Van der Heide soll ihm eine Woche Urlaub auf Mallorca genehmigen.
Die Akte von dem Jungen aus Guinea ist da, 16, auf dem Dealerstrich am Görlitzer Park mit einem Messer verletzt. Die Akte von Mohammed aus Syrien, 14, er wartet auf seine Familie.
Sie zerren an Danilo van der Heide, diese Kinder, sie greifen nach ihm aus diesem Schrank, sie brauchen seine Fürsorge, sein Wissen, seine Unterschrift auf Asylanträgen, Bibliotheksausweisen, Fitnessstudioverträgen, Beglaubigungen, Begleitschreiben, alle brauchen irgendwas. Aber van der Heide hat nichts mehr zu geben. Er zieht die Schultern hoch. Er sagt: "Ich muss mich schützen."
Der Beamte van der Heide ist gesetzlicher Vormund im Jugendamt Steglitz-Zehlendorf, verantwortlich für die Vormundschaft fast aller unbegleiteter Kinder und Jugendlicher, die nach Berlin kommen. Seine Abteilung ist das Lageso für Kinder, wenn man so will, eine Zentrale, in der sie jemanden haben sollen, der sie kennt und Entscheidungen für sie treffen kann. Einmal im Monat soll van der Heide seine Mündel persönlich sehen, das ist so vorgeschrieben. Aber seit Monaten gelten die Regeln nicht mehr. "Bei manchen wissen wir nicht mal mehr, wo die wohnen", sagt er, "viele haben wir noch nie gesehen."
Van der Heide ist 47, ein Turnschuhtyp, Adidas mit blauen Streifen, er trägt eine gut rasierte Glatze, einen ausrasierten Kinnbart, ein Kurzarmhemd und eine dicke, goldschimmernde Uhr. Er könnte auch ein Wettbüro betreiben, ohne sich groß umziehen zu müssen, und mit Glücksspiel hat seine Arbeit in diesen Wochen wirklich zu tun. Wie viele Kinder kann ein Beamter betreuen, ohne dass etwas schiefgeht? Ohne dass ein Kind im Knast landet, verschwindet oder tot in einem Keller liegt? 50, sagt van der Heide, "wenn überhaupt". 50, sagt auch das Gesetz. Die Realität bringt aber 200 auf seinen Tisch, in seinen Aktenschrank. Und bald womöglich noch ein paar Hundert mehr.
Van der Heide und seine Kollegen haben den Aktenschrank aufgeteilt. Rechts hängen die älteren Fälle, 50 Akten pro Mitarbeiter, sie sind dick, sie dokumentieren viel Zuwendung, viel Zeit: Die Kinder, die zu diesen Akten gehören, haben Glück.
Links hängt der Rest. Alle Kinder, die zu spät kamen. Die Berlin erreichten, als der Willkommenssommer umschlug, erst in Herbst und dann in Winter, und sich Merkels Satz vom "Wir schaffen das" in eine ängstliche Frage wandelte.
Die Akten links sind dünn. "Das ist total gefährlich", sagt Danilo van der Heide, "wir kennen die Kinder gar nicht mehr. Wir wissen nicht, wer auf die Einfluss nimmt. Die gehen verloren, werden kriminell, bis hin zu Schläfern kann ich mir alles vorstellen", sagt er.
An diesem Dienstagnachmittag Ende Januar sind außer van der Heide noch Frau Klieber da, Frau Dietze und Frau Schönbeck, die gerade aus dem Amtsgericht kommt, weil einer ihrer Klienten keine Bleibeperspektive hat und "klaut wie ein Rabe"; die anderen sind krank.
Van der Heide musste vor ein paar Monaten die Leitung der Abteilung übernehmen. Die Überstunden stauen sich, seine letzten freien Tage hatte er im Frühsommer, er ist nicht weggefahren, er hat geschlafen. Er lächelt viel, während er spricht, seine Wangen schieben sich dann hoch, die Augen werden klein, es ist die Schutzmaske eines Verzweifelten. "Je schlimmer es hier wird, desto ruhiger werde ich", sagt er, beängstigend sei das, eine merkwürdige Form von Resignation.
Wenn er auf seinem türkisfarbenen Bürostuhl sitzt, gegenüber von Frau Schönbeck, Blick in die friedliche Beethovenstraße, liegen auf seinem Tisch meist mehrere Fälle übereinander. An diesem Tag sind da zwei syrische Cousins, 14 und 15 Jahre alt, die einen Gerichtstermin haben, bei dem van der Heide sie begleiten soll. Der eine soll aus der Pflegefamilie raus, weil er eine Tante hat, die die Verantwortung für ihn übernehmen will; der andere ist nicht in den Griff zu kriegen, "der geht nicht zur Schule, der hängt lieber mit arabischen Jungs auf der Straße rum".
Dann ist da noch ein polizeibekannter Marokkaner, der eine Kernspintomografie braucht, weil er "mit rezidivierendem Erbrechen", in der Rettungsstelle gelandet ist, so steht es im Bericht. "Der spuckt jetzt Blut", sagt van der Heide. Er muss die Kostenübernahme klären. "Ist das jetzt überlebensnotwendig oder nicht?"
Mehr als 60 000 unbegleitete Minderjährige leben inzwischen in Deutschland, viele traumatisiert. Wer soll sie zu gesunden, anständigen Menschen machen? Wer soll sie schützen? "Wir reagieren nur noch von Notfall zu Notfall", sagt van der Heide, und wenig später macht sich wie ein Albtraum diese Nachricht breit: 10 000 jugendliche Flüchtlinge werden laut Europol europaweit vermisst, 4749 sind es, sagt das Bundeskriminalamt, in Deutschland.
Die meisten, das vermuten die Leute vom Steglitzer Jugendamt, sind weitergezogen in andere Bundesländer, zu irgendwelchen Cousins. Vielleicht haben sie sich auch auf den Weg nach Schweden gemacht, "die melden sich ja nicht ab". Aber was, wenn es nicht so ist? "Man hat die Hosen voll", sagt van der Heide, "das lässt mich nachts nicht schlafen."
Es gab einmal den Fall Kevin, der Junge war 2006 eingewickelt in Plastiktüten im Kühlschrank seines drogenabhängigen Ziehvaters gefunden worden. Damals hat man den Vormund verantwortlich gemacht. Die Staatsanwaltschaft klagte ihn wegen fahrlässiger Tötung an. Seitdem gibt es die Fallzahlbegrenzung, maximal 50 Kinder, das ist die rote Linie. Aber sie ist in diesen Zeiten nicht zu halten.
4252 Minderjährige ohne Eltern meldeten sich im vergangenen Jahr in Berlin, von ihnen wird nach Abschluss des Clearingverfahrens ein knappes Drittel doch als über 18 und volljährig eingestuft. Bleiben immer noch 3000 Kinder und Jugendliche, die einen Vormund brauchen. Van der Heide hat 4,5 Stellen. Um die Fallzahlbegrenzung nicht zu überschreiten, brauchte er theoretisch bald mehr als 50 Leute. "Wir müssten eine Megabehörde sein", sagt er. Aber wenn er sich umsieht in den Räumen des Jugendamts, dann sitzen da zwischen Aktentürmen, Topfblumen, Schreibtischsets und Kaffeebechern immer nur Frau Schönbeck, Frau Klieber und Frau Dietze wie die letzten Überlebenden im Kampf gegen den Untergang. Die rote Linie liegt längst hinter ihnen.
"Kaffee?", fragt Frau Dietze.
Van der Heide reibt sich die Glatze. Er atmet laut aus und klingt wie ein Kessel, aus dem Druck entweicht. Dann erzählt er von seinem Lieblingsmündel Clinton, und die Geschichte ist so gut, dass man diesen Clinton gern besuchen möchte; die Fahrt geht hinaus nach Brandenburg.
Clinton ist ein Junge in Jogginghose und Turnschuhen, er steht gerade vor einem Schweinestall, darin ein helles und ein dunkel geflecktes Schwein. Clinton zeigt auf die Pferdeställe dahinter und sagt: "Ich muss bei den Pferden immer abäppeln. Zweimal die Woche ist Dienst. Mach ich nicht gern, aber muss ja", er versenkt die Hände in den Hosentaschen.
Clinton ist 15 Jahre alt, ein sportlicher Junge, freundlich, fast 1,90 Meter groß, in seinem herzförmigen Gesicht liegt etwas Kindliches. Die Haare hat er sich an den Seiten abrasiert und oben blondiert, eine Fußballerfrisur, ein bisschen Boateng.
Er macht gerade den Realschulabschluss, Clinton ist ziemlich gut in der Schule, ein paar Zweien stehen im Zeugnis, eine Eins ist dabei. Das ist sensationell für einen Jungen, der bis vor zwei Jahren in einem Schulverweigererprojekt steckte und der nirgendwo hingehen durfte, ohne dass ein Aufpasser an seiner Seite war. Einer, der seine Betreuer angriff und Türen eintrat. Heute ist Clinton Klassensprecher. Beste Freunde: Thilo und Marie.
Das Jugendhilfeprojekt, das ihn gerettet hat, liegt hinter weiten, grünen Feldern, in einem umgebauten historischen Schafstall mit Wohnhaus. Bis zu acht Jugendliche leben hier, Mädchen und Jungen am Abgrund. Die nächste Stadt ist Dahme, 5000 Einwohner, nach Berlin braucht man anderthalb Stunden, es fährt ein Schulbus, aber sonst ist "nix los hier", sagt Clinton.
Er ging schon früh verloren. Als Baby wurde er aus Ghana nach Deutschland verschleppt. Die Frau, die ihn mitnahm, gab sich als seine Mutter aus. Der Test ergab später, dass das eine Lüge war. Niemand weiß, wer Clintons Eltern sind.
Mit drei oder vier Jahren wurde er auf der Straße aufgegriffen, verwahrlost, ausgehungert, die Frau, die nicht seine Mutter war, hatte ihn in der Wohnung allein gelassen und war nach Ghana gefahren. Clinton konnte sich irgendwie befreien. Die Leute vom Jugendamt brachten ihn in einem Heim unter. Dort begann Clintons Bilderbuchkarriere eines unbegleiteten minderjährigen Ausländers.
Als Danilo van der Heide, sein Vormund, ihn das erste Mal sah, stand da ein verstörtes Kind, sieben Jahre alt vielleicht, ein kleiner, haltloser, hilfloser Mensch. Van der Heide kam mit dem Motorrad zu der Jugendeinrichtung in Kreuzberg, daran erinnert er sich, eine 1000er Suzuki V-Strom, Clinton durfte mitfahren.
Es war der Beginn einer Beziehung, die den Jungen bis heute prägt. Sein Vormund und er, dafür war damals noch Zeit, gingen regelmäßig zusammen essen, fuhren Motorrad, van der Heide nahm Clinton sogar mal mit zu sich nach Hause, es gibt bis heute Geschenke zu Weihnachten und zum Geburtstag. "Der ist Familie", sagt Clinton über van der Heide. Der Begriff Familie wird dehnbar, wenn man nicht weiß, woher man kommt.
Aber nichts ging einfach glatt. Ständig musste er die Einrichtungen wechseln. Niemand konnte ihn aushalten, nirgendwo kam er wirklich an. Regelmäßig rastete er aus. Eine Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie diagnostizierte bei ihm "posttraumatische Belastungsstörung (Entwicklungstraumata), Störung des Sozialverhaltens; kombinierte Entwicklungsstörung", da war er gerade elf Jahre alt.
Als Clinton aus der bis dahin letzten Einrichtung flog, setzte van der Heide sich beim Jugendamt dafür ein, dass er endlich bekam, was er brauchte. Zuerst weigerte sich Clinton, aufs Land zu ziehen. Van der Heide nahm ihn an die Hand und ging mit ihm in die geschlossene Psychiatrie. "Willst du hier enden?", fragte er ihn. Clinton entschied sich für Brandenburg.
Dort bekam er Einzelbetreuung, wurde psychologisch begleitet. Wenn er zur Schule ging, saß in der letzten Reihe ein Betreuer und beobachtete ihn. So wurde Clinton, das ghanaische Findelkind, zum wohl teuersten Jugendlichen seines Jugendamts.
In dem umgebauten Schafstall, der heute sein Zuhause ist, könnte man eine Geschichte für die Zeitschrift "Landlust" fotografieren, ohne einen Stein zu versetzten. Neben den Schweinen, den Pferden und dem geretteten Zirkushund gibt es eine große Werkstatt, in der gerade eine Bauwagensauna gebaut wird, es gibt einen Gruppenraum, in dem die Kinder gemeinsam essen, was der Koch frisch zubereitet, ein Klavier steht im Raum, und hinterm Haus, im "Sommerland", leben in rot und grün gestrichenen Bauwagen die Betreuer, die mit den Kindern nach Luckenwalde ins Kino fahren und zum Schwimmen.
Es ist ein Idyll, wie übrig geblieben aus der Zeit vor dem vergangenen September, als in Deutschland noch die wünschenswerten Dinge passierten. Wo um Jugendliche gekämpft wurde, weil die Gesellschaft das so wollte. Wo keiner verloren gehen sollte, egal, woher er kam. Aber wenn 3000 Clintons ankommen, in einem Schwung? Wenn aus Sommermärchen Winter werden?
Es ist Mittagszeit im Jugendamt Steglitz-Zehlendorf, Danilo van der Heide kommt vom Gericht zurück. "Traurig war das", sagt er, die beiden syrischen Jungs, deren Papiere er tags zuvor auf dem Tisch hatte, werden ihre Pflegefamilie verlassen. Das Telefon klingelt. Van der Heide schaut auf den orangefarben blinkenden Knopf und dann wieder auf seinen Computerbildschirm. "Ich geh nur noch operativ ans Telefon", sagt er. "Wenn ich sehe, dass das eine externe Nummer ist, hebe ich nicht mehr ab." Er wisse, wer da anruft, sagt er. Es sind Leute, die helfen wollen.
Es ist ein paar Monate her, dass seine Vorgesetzten einen Notruf abgesetzt haben. Im "Tagesspiegel" sprachen sie über die Zustände im Jugendamt Steglitz-Zehlendorf und riefen die Bürger dazu auf, ehrenamtliche Vormundschaften zu übernehmen und Pflegekindern ein Zuhause zu geben. Innerhalb kürzester Zeit meldeten sich 1000 Menschen.
Sie rufen weiterhin jeden Tag bei van der Heide an, sein Posteingang ist voll mit Anfragen, die alle gleich klingen: "Sehr geehrte Damen und Herren, ich möchte Ihnen meinen Wunsch mitteilen, eine Vormundschaft für einen minderjährigen unbegleiteten Flüchtling zu übernehmen ..." Aber warum reißt der Mann nicht den Hörer an sich und schreit "willkommen"? Warum begräbt er die E-Mails aus seinem Posteingang in einem versteckten Ordner? "Ich bin nicht zuständig", sagt er, "niemand ist zuständig. Es geht einfach nicht."
Wer eine Vormundschaft oder Gastelternschaft für ein Kind übernehmen will, lädt sich eine große Verantwortung auf, muss geschult werden, braucht ein Führungszeugnis, braucht jemanden, dem er 1000 Fragen stellen kann. Van der Heide kann dieser Jemand nicht sein im Moment und auch sonst niemand aus der Abteilung, daran hat keiner der politischen Notrufer gedacht. Was Rettung sein könnte, raubt noch mehr Zeit. Van der Heide ist in der Situation eines Hungernden, der ein Hilfspaket voller Konserven bekommt, aber keinen Dosenöffner hat.
Immerhin gibt es unabhängige Einzelvormünder, die das Amt entlasten, Organisationen, die sich auf Vormundschaften spezialisiert haben, aber die sind alle voll. Es gibt eine Liste von Richtern und Rechtsanwälten, die bereit sind, Vormund zu werden, aber auch hier fehlt ein zuständiger Koordinator. Acht Stellen wurden van der Heide zugesagt, vor Monaten schon. Jetzt, im Februar, fängt der erste neue Mitarbeiter an. Es wird Monate dauern, bis er eingearbeitet ist. Van der Heide hat keine Ahnung, wann die anderen kommen.
Das Jugendamt Steglitz-Zehlendorf konnte bisher fünf Pflegefamilien vermitteln, immerhin, eine davon sind die Gündoğdus, sie haben Mohammed bei sich aufgenommen.
Der Junge steht mit einem Mountainbike vor der Clearingstelle in der Wupperstraße und zeigt auf ein Kind in einer großen roten Daunenjacke. "Baby", sagt Mohammed, "ganz alleine." Der Junge, auf den er zeigt, ist vielleicht sechs, vielleicht acht. Er wurde von seinem Bruder in Deutschland getrennt, weil der über 18 war und in eine Unterkunft für Volljährige musste, erzählt Mohammed. Er selbst musste weinen, sagt er, als er den Kleinen das erste Mal sah.
Mohammed stammt aus Aleppo, er ist allein über das Mittelmeer gekommen, mit 14 Jahren. Er wurde auf dem Weg von der Polizei geschlagen und eingesperrt, reiste weiter über die Balkanroute, zu Fuß, im Bus. Am 20. August erreichte er die Wupperstraße in Berlin.
Die Erstaufnahme für Kinder befindet sich in einem u-förmigen Bau, durch die Fenster erkennt man Stockbetten, vor dem Tor lungern Jungs in Jogginghosen herum und verbrennen Zeit, beobachtet von einem Security-Mann. Eigentlich werden die Neuankömmlinge hier als Erstes auf Krankheiten untersucht, befragt, abgeschätzt, aber inzwischen ist die Wupperstraße so überfüllt, dass sie die Kinder auf irgendwelche Hostels und Pensionen in der ganzen Stadt verteilen.
39 Außenstellen hat die Senatsverwaltung inzwischen eröffnet, die Sozialarbeiter können die Jugendlichen nur noch ambulant betreuen. Vor wenigen Monaten war Mohammed noch einer von ihnen, er lebte an der Wupperstraße in Zimmer 227. Manchmal kommt er her, um zu gucken, ob er Freunde wiederfindet.
Er ist jetzt ein Pflegekind der Gündoğdus, seit acht Wochen. Hat ein Fahrrad und eine Familie. Die Gündoğdus leben im Obergeschoss der ehemaligen Direktorenvilla einer Schule in Zehlendorf. Herr Gündoğdu ist dort Hausmeister, seine Frau Inci ist Altenpflegerin, vier Kinder haben sie großgezogen. Ein Sohn ist Theologe und verheiratet mit einer Pfarrerin, der andere ist gerade Vater geworden, eine Tochter studiert. Sie und der jüngste Sohn, der 15-Jährige, leben noch zu Hause.
Als der dreijährige Aylan Kurdi in Bodrum an den Strand gespült wurde und das Foto um die Welt ging, traf die Familie eine Entscheidung. Sie würden ein geflüchtetes Kind aufnehmen. Sie hatten auch vom Notstand in Steglitz-Zehlendorf gelesen. "Wir waren uns sicher, aber wir hatten auch Angst", sagen sie.
Herkunft, Hautfarbe: sei ihnen alles egal gewesen. Wichtig war ihnen: "Akzeptiert er mich und meine Tochter als Frauen", sagt Inci Gündoğdu. "Kann er akzeptieren, dass wir abends gern mal einen Sekt trinken?", sagt Herr Gündoğdu. "Wir feiern auch Weihnachten", sagt Frau Gündoğdu. "Und ich liebe Bratwurst", sagt ihr Mann. "Wir wollen so auch weiterleben."
Als sie Mohammed das erste Mal sahen, stand er im Flur seiner dritten Unterkunft, in einem Heim in Neukölln, er zitterte, er hatte Angst, dass er die leiblichen Eltern nie mehr wiedersehen würde, wenn er zu einer deutschen Familie kommt. "Er hat uns nur die Hand gegeben", sagt Frau Gündoğdu, "die Lippen waren zu."
Als sie ihn nach dem dritten Besuch das erste Mal mit nach Hause nahmen, dauerte es eine Stunde, bis sie ihn in der Wohnung hatten. Momo, wie sie ihn bald nannten, sah den Labrador der Familie und weigerte sich einzutreten. Doch schon kurze Zeit später rollte er mit dem Hund über den Küchenboden. "Seitdem ist Charly sein bester Freund", sagt Pflegevater Gündoğdu, "Charly therapiert ihn."
Als sie den Weihnachtsbaum aufstellten, fing Mohammed an, ihn zu schmücken. "Wir hatten den kitschigsten Weihnachtsbaum überhaupt", sagt Frau Gündoğdu. Er wollte ihnen Geschenke kaufen, "wir waren sehr erleichtert", sagt sie.
Momo braucht viel Aufmerksamkeit, viel Nähe. Wenn Herr Gündoğdu seinen leiblichen Sohn in den Arm nimmt, wartet Momo, bis er weg ist, und wirft sich dann dem Pflegevater in die Arme. Wenn er merkt, dass jemand das Haus verlassen will, rennt er zur Garderobe und zieht seine Jacke an. Nach wenigen Wochen nannte er seine Pflegeeltern "baba" und "anne", Papa und Mama.
"Es ist unglaublich, wie schnell er uns nahekommt", sagt Frau Gündoğdu, es mache sie sehr glücklich, und ein bisschen mache es ihr Angst. "Wir müssen ihm beibringen, dass wir auch mal Privatsphäre brauchen", sagt sie.
Das Schlimmste für Mohammed ist, dass er seine Familie nicht nachholen kann, jedenfalls nicht sofort. Als er erfuhr, dass es anderthalb Jahre dauern kann, stürzte er in ein Loch. "Da ist eine große Last auf ihm", sagt Inci Gündoğdu. Er hat Angst, seine Familie könnte die anderthalb Jahre nicht überleben.
Abends ist Momo oft traurig, sitzt auf seinem Bett und weint. Am Anfang hat er sich an den Computer gesetzt und sich schlimme Videos auf YouTube angesehen, Leichen, Enthauptungen, Dinge, die bis vor Kurzem seine Wirklichkeit waren und die noch heute die Wirklichkeit seiner Familie in der Heimat sind. Die Gündoğdus haben ihm erklärt, dass sie das nicht mehr wollten, dass er die Videos nicht mehr sehen solle. "Du sollst Kind sein, Momo", haben sie gesagt, "du sollst fröhliche Sachen angucken." Seitdem guckt Mohammed die Folgen einer syrischen Comedy.
Gute Momente sind, wenn sie gemeinsam mit dem Hund rausgehen. Oder nach Neukölln fahren, in Straßen, in denen alle Schilder auf Arabisch sind. Dann will Momo sie ins Restaurant ausführen, für sie bestellen, dann ist er derjenige, der den Gündoğdus etwas aus seinem Leben zeigen, ihnen etwas geben kann.
An die Wände in seinem Zimmer hat er Bilder gehängt, die er in seiner Willkommensklasse gemalt hat, mit Acrylfarben hat er auf kleine Leinwände die Namen seiner Familie gemalt, "Mama, Papa, Mohammed", steht da in arabischen Schriftzeichen und: "LOVE". In der Schule hat er auch ein Plakat gebastelt, darauf steht: "Ich bin 14 Jahre alt, ich komme aus Syrien, ich spreche Arabisch. Ich liebe Hunde."
Er hat einen Plan gezeichnet und ihn seiner Gastfamilie vorgelegt. Er zeigt den Grundriss der Wohnung, in der er jetzt lebt, auf der Zeichnung hat er das Obergeschoss umgebaut. Wenn die große Tochter der Gündoğdus auszieht, das ist seine Idee, können seine Eltern aus Syrien kommen und oben mit ihm wohnen. So könnte er beide Familien behalten, die deutsche und die syrische. Seine Pflegemutter Inci Gündoğdu schaut sich das ein wenig hilflos an und lacht. Mohammed lacht nicht. Der Junge aus Aleppo, allein, will daran glauben.

"Die gehen verloren, werden kriminell, bis hin zu Schläfern kann ich mir alles vorstellen."

"Ich bin nicht zuständig", sagt Vormund van der Heide, "niemand ist zuständig. Es geht einfach nicht."

Über die Autorin

Dialika Neufeld, Jahrgang 1982, arbeitet seit 2009 beim SPIEGEL im Ressort Gesellschaft. Sie war erstaunt, wie schnell es Pflegefamilie Gündoğdu gelang, den Flüchtlingsjungen Momo in ihr Leben zu integrieren. Nirgendwo könnte er Sprache, Kultur und Alltag schneller aufnehmen. Ein Glücksfall für das überforderte Jugendamt – und für die Gesellschaft.
Von Dialika Neufeld

DER SPIEGEL 7/2016
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