13.02.2016

LeitkulturWilly

von Alexander Osang
Vor ein paar Tagen, zwischen dem Tod von David Bowie und dem von Roger Willemsen, ist mein Kater gestorben. Mitten in der Flüchtlingskrise, als die deutsch-russischen Beziehungen auf dem Tiefpunkt waren, als in Amerika Freaks den Präsidentschaftswahlkampf bestimmten, die AfD einen Schießbefehl forderte, der Dax einknickte und sowieso alles den Bach hinunterging. Der Kater hieß Willy.
Er ist fast 20 Jahre alt geworden, in Menschenjahre umgerechnet sind das beinahe hundert. Er hatte, soweit ich das einschätzen kann, ein gutes Katzenleben. Er stammte aus Eberswalde, ich habe mir immer eingeredet, wir hätten ihn von dort gerettet, aus den Fängen der Rechtsradikalen sozusagen. Er hat mit uns zunächst in Berlin-Mitte gewohnt, später in Brooklyn und dann in Prenzlauer Berg. In Berlin strich er über Dächer, in New York durch den Backyard. Der Kater hat viermal den Atlantischen Ozean überflogen.
Ich habe ihn morgens in der Küche gefunden. Gegen sechs, es war dunkel draußen. Er lag auf meinem Arbeitsstuhl. Er sah friedlich aus, sein Fell war noch warm. Ich trug meinen Stuhl vorsichtig ins Wohnzimmer, weil ich im Bad unseren Hausgast rumpeln hörte, einen Freund aus New York, der für ein Buchprojekt an einer Familienaufstellung in Charlottenburg teilnehmen wollte. Es geht um deutsche Vergangenheit. Mein Freund hat selbst zwei Katzen. Sie heißen Mingus und May Johnson, stammen aus Brooklyn und waren nie weg.
Willy ist gestorben, sagte ich, als er in die Küche kam. Der erste Satz. Es klang viel zu groß. Wie eine Zeile aus dem Konstantin-Wecker-Song. Gestern habns an Willy daschlogn. Aber das war nicht zu übersetzen.
Oh, sagte er.
Er kannte Willy aus New York und aus Berlin, aber es ist schwer, angemessen um eine fremde Katze zu trauern. Wir tranken Kaffee und redeten über Familien, Tierfriedhöfe und deutsche Schuld.
"Ich weiß nicht, ob die Familienaufstellung für mich wirklich funktionieren kann", sagte mein Freund. "Mir fehlt Trauma."
Ich dachte an meinen Kater im Nebenzimmer. Es war immer noch dunkel draußen, als mein amerikanischer Freund ging. Ich musste meine Frau und meine Tochter über den Tod des Katers informieren, mit dem wir seit 20 Jahren zusammengelebt hatten. Das war der schlimmste Teil. Meine Tochter kannte ja gar kein Leben ohne Kater.
Wir begruben ihn in Brandenburg, dem Bundesland, aus dem er kam. The Circle of Life. Wie im "König der Löwen". Auf der Rückfahrt nach Berlin las mir meine Frau die letzten Punkte im Finale der Australian Open aus einem Liveticker vor. Und obwohl ich Angelique Kerber wirklich mag und mir immer gewünscht habe, dass sie endlich mal ein großes Tennisturnier gewinnt, wollte ich jetzt, dass sie verliert. Weil es besser zu meinen Gefühlen gepasst hätte. Weil ich wusste, was passiert. Nach all den schlechten Nachrichten würde Deutschland sich auf diese gute Nachricht stürzen. Eine durstige Nation, die seit Tagen deutsche Handballsiege in Polen feierte wie Weihnachtswunder. Ständig war von den jungen Underdogs die Rede, von Bescheidenheit, Unbekümmertheit, Unverdorbenheit. Bis ich ahnte: Es geht um mehr.
Die deutsche Handballmannschaft hörte in der Kabine ein Lied des Schlagersängers Matthias Reim, um sich anzufeuern. Das Lied hieß "Du bist mein Glück". Es gibt dort die Zeile "Hände hoch und an die Wand. Sinnlos jeder Widerstand".
Sie sangen es mir direkt ins Ohr.
Seine Gefühle zum Haustier in einem deutschen Nachrichten-Magazin zu beschreiben kostet Überwindung. Erst recht in Zeiten angespannter Nachrichtenlage. Wenn die Welt brennt, redet man nicht über die Katze. Ein Hund würde vielleicht noch gehen, ein richtiger Hund, aber ich bin leider ein Katzentyp.
Vor zehn Jahren hatte mein Kater seine einzige ernsthafte Krankheit. Irgendetwas mit dem Harnleiter. Er hatte sich bereits zum Sterben in unseren Backyard in Brooklyn zurückgezogen, als meine Frau ihn fand. Ich selbst war in New Orleans, um über eine Stadt zu berichten, die in Chaos und Wasser unterging. Ich stand zwischen schwer bewaffneten Polizisten, Bürgerwehren und hartgesottenen Journalisten und telefonierte mit meiner verzweifelten Frau. Es roch nach Verwesung, und es hieß, dass Wasserleichen in den Straßen treiben. Ich aber redete am Telefon über meinen todkranken Kater. Ich stand am Rand und sprach ganz leise, um nicht als "crazy German cat person" in die Geschichte von "Katrina" einzugehen. Nachts lag ich auf dem Fußboden des Hotels, in dem es keinen Strom mehr gab und kein Wasser, und flehte meinen Kater schweigend an, durchzuhalten.
Es fällt mir jetzt noch schwer, das hinzuschreiben.
Als das Finale der Handballeuropameisterschaft begann, war ich mir nicht mehr sicher, ob ich wirklich tief genug in die Brandenburger Erde gegraben hatte. Ich hatte plötzlich Angst, dass die Füchse den toten Kater aus der Erde holen könnten. Oder die Wölfe. Was weiß ich. Wahrscheinlich hätte ich zu einer Familienaufstellung gehen sollen, fuhr stattdessen aber noch mal nach Brandenburg. Allein. Alles war still und ruhig. Keine Wölfe. Ich zimmerte aus zwei Latten ein Kreuz und rammte es in den weichen Winterboden, etwa in dem Moment, als die deutschen Handballer Spanien besiegten. 13 Millionen Deutsche jubelten am Fernseher. Es fing an zu nieseln.
Ich habe mich bescheuert gefühlt. Aber am richtigen Platz.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 7/2016
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