13.02.2016

LeichtathletikIm goldenen Hamsterrad

Nils Schumann, strahlender Olympiasieger 2000 in Sydney, bekennt sein grandioses Scheitern. Jetzt ist er auch noch für die Dopingfreigabe.
Die Zeit der Privilegien ist auch längst vorbei. Ein ruhiger Tisch im oberen Stockwerk, ausnahmsweise, obwohl dieser Bereich so früh noch nicht geöffnet ist? "Für ein Interview", bittet Nils Schumann, der Olympiasieger, im Café am Erfurter Bahnhofsplatz. Die Bedienung bleibt eisern. Geschlossen.
Selbst in seiner thüringischen Heimat wird Schumann, der 800-Meter-Sieger von Sydney und "Sportler des Jahres" 2000, nicht mehr automatisch erkannt. Zwischen Wollmütze und Kapuzenpullover quillt ein üppiger Vollbart, neun Kilogramm Zusatzballast zum einstigen Wettkampfgewicht haben sich in der Bauchregion niedergelassen, und das damals weißblond gefärbte Haupthaar ist der modischen Kahlrasur gewichen.
Schumann, 37, war mal Symbolfigur einer Generation, galt als Lichtgestalt der Leichtathletik und designierter Werbekönig. Nichts davon, außer der ausgesuchten Freundlichkeit, strahlt er mehr aus, das will er auch gar nicht. Heldenstatus und tiefer Fall, Dopingvorwürfe und private Krisen – über all das und seine Fehler der Vergangenheit denke er nicht viel nach, sagt er, jetzt im Café an der historischen Krämerbrücke, wo es ruhiger ist.
Dafür hat er dann allerdings ziemlich lange in verflossenen Zeiten gewühlt. Über ein Jahr zogen sich 100 Gesprächsstunden mit seinen Mitautoren Ingo Niermann, dem Berliner Schriftsteller, und Erik Niedling, dem Erfurter Künstler, zur Fertigung von "Lebenstempo", seinem Buch(*). Es sollte ein Fitnessratgeber werden, dann habe das Trio den Verlag mit dieser eigentümlichen Mischung überrascht, sagt Schumann – es sind jetzt Offenbarungen aus seiner Vita, garniert mit sportlichen Gebrauchsanweisungen zum Wert von Hochintensitäts-Intervalltraining für die Kondition oder Liegestützen für guten Sex. Oft fließen philosophische Betrachtungen ein, Niermann hat Philosophie studiert.
Schumann, heute Inhaber einer Sports Lounge für Personal Training, hatte einst ein Talent dafür, entstehende Lücken zu erahnen und zeitig hindurchzusprinten. Jetzt plädiert er etwas schwerfällig für eine "rhythmische Ruhe" im Sport und im Alltag. Er schreibt über Achtsamkeit gegenüber den eigenen Grenzen, gesunde Mitte, das alles hat man schon mal gehört. Der frühere Einser-Abiturient rät zu einem Fitnesstraining, das selbstverständlich wird wie Atmen und Zähneputzen. Den Körper solle man nicht als Werkzeug sehen, sagt er, sondern als den "besten Freund".
Das ist schön. Aber darum geht es eigentlich gar nicht. Nils Schumann, das wird im Gespräch deutlich, hat sich frei geschrieben. Er hat sich eingestanden, dass der 27. September 2000 eine persönliche Niederlage war, weil er mit dem Olympiatriumph nicht umgehen konnte.
Er wäre besser nur Zweiter geworden, dieser Gedanke traf ihn noch am selben Abend im Flutlicht des Stadium Australia von Sydney. Er sah im Erfolg sofort eine Bürde, das Erreichte von nun an bestätigen zu müssen, immer wieder, er lief "im goldenen Hamsterrad" seines Erfolgs, so schreibt er es.
Mental war bald die Luft raus. Psychologischen Rat zu suchen, dafür war er zu stolz. "Vielleicht hätte ich vor 15 Jahren schon das Buch schreiben sollen."
EM-Bronze in München 2002, das war sein letzter großer internationaler Auftritt, eine Enttäuschung, und dennoch folgten sieben zermürbende Jahre. Schumann, auch von finanziellen Zwängen umstellt, wollte verletzungsbedingte Rückstände zu schnell wettmachen und provozierte bloß neue Blessuren. Fast vier Jahre lang lief er keinen einzigen Wettkampf.
Als er 2009 die Karriere beendete, musste er Privatinsolvenz anmelden. Danach verließ ihn seine Frau. "Ich hatte über viele Dinge keine Übersicht mehr", gesteht er. Das Geld ist in Schiffsbeteiligungen und Medienfonds versickert, zeitweise hat er vier Autos gleichzeitig besessen, davon eines für den Hund.
Hätte er den erfolgreichen Teil der Karriere mit Doping verlängern können? "Wenn ich über die finanziellen Mittel verfügt hätte, wäre ich wahrscheinlich schwach geworden", sagt er. Er habe nie Verbotenes genommen, allerdings bei Ernährung und Wissenschaft alles ausgereizt, er redet vom Graubereich. Schumann ließ sein Blut mit UV-Strahlen behandeln, als das noch nicht verboten war. Einmal geriet er in Verdacht, als bei seinem früheren Trainer Thomas Springstein verbotene Mittel gefunden worden waren. Das Verfahren des Deutschen Leichtathletik-Verbandes gegen Schumann wurde eingestellt.
Heute ist der Thüringer, Vater zweier Söhne, mit einer Yogalehrerin verheiratet und schuldenfrei. Vielleicht werde er über Kindersport schreiben, wenn sich dieses erste Buch gut verkaufe. Womöglich sorgt es für Aufsehen. Denn Nils Schumann fordert darin, etwas versteckt, die Dopingfreigabe. Sein krudes Argument: Saubere Sportler taugten sowieso nicht mehr als Vorbilder; denn als Sieger stünden ja auch sie unter Generalverdacht.
Allen Ernstes schlagen die Buchautoren vor, Pharma- und Biotech-Konzerne könnten noch nicht zugelassene Medikamente oder Gentherapien an Leistungssportlern erproben. Was will Schumann: eine olympische Freakshow? Menschenversuche von Dopingsponsoren? Eigentlich habe er über Doping "überhaupt nicht schreiben" wollen, bekennt er kleinlaut beim Tee. Es war wohl nicht seine Idee.
Andererseits: Sei Leistungssport nicht sowieso schädlich? Er könne Bilder von seinem Bein zeigen, sagt er, nach seiner zwölften Operation. "Das sieht aus wie im Schlachthaus."
* Nils Schumann: "Lebenstempo". Verlag Herder, Freiburg im Breisgau; 320 Seiten; 22,99 Euro.
Von Jörg Kramer

DER SPIEGEL 7/2016
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