13.02.2016

FinanzmärkteEin Funke genügt

Die Börsen beben, vor allem die Bankaktien stürzen ab – die Anleger fürchten eine neue globale Krise. Denn die Lage der Weltwirtschaft ist so fragil wie selten zuvor: Die Risiken häufen sich, die Gefahr eines Flächenbrands wächst.
Vertrauen ist lebensnotwendig im Bankgeschäft, geht es verloren, bricht jedes Kreditinstitut der Welt zusammen. Deshalb trat Kanzlerin Angela Merkel mit ihrem damaligen Finanzminister Peer Steinbrück im Oktober 2008 auf dem Höhepunkt der Finanzkrise vor die Presse und garantierte den Deutschen, ihr Erspartes sei sicher.
Erinnerungen an 2008 wurden wach, als John Cryan, der Chef der Deutschen Bank, den Kunden vergangenen Dienstag über einen offenen Brief an die Mitarbeiter signalisierte, die Deutsche Bank sei "absolut grundsolide"; und als sich Finanzminister Wolfgang Schäuble genötigt sah zu versichern, die Zukunft der Deutschen Bank bereite ihm "keine Sorge".
Dass ein Chef der Deutschen Bank jemals eine solche Erklärung abgeben müsste, war noch vor Kurzem unvorstellbar. Aber ein beispielloser Absturz des Aktienkurses und Gerüchte, der deutsche Branchenprimus könne womöglich in der Zukunft die Zinsen auf bestimmte Anleihen nicht zahlen, veranlassten Cryan zu dem ungewöhnlichen Schritt. Es war der vorläufige Höhepunkt einer Vertrauenskrise, die den Geldkonzern in seinen Grundfesten erschüttert.
Einst stand die Deutsche Bank für die Größe und das Ansehen der deutschen Wirtschaft in aller Welt; heute steht sie für die Probleme einer Branche, die weiterhin Altlasten aus der Zeit der Finanzkrise mit sich herumschleppt und noch kein überzeugendes Konzept für die Zukunft gefunden hat. Deshalb ist die Finanzbranche, und die Deutsche Bank vorneweg, so verletzlich – nun, da überall auf der Welt die Aktienkurse einbrechen.
Die Anleger haben das Vertrauen nicht nur in die Deutsche Bank, sondern in alle europäischen Banken, möglicherweise sogar in das ganze Finanz- und Wirtschaftssystem verloren: in ein System, das seit Jahren anfälliger wird, das sich von Krise zu Krise hangelt und jetzt so fragil wie selten zuvor ist.
Noch vor wenigen Wochen schien die Welt in Ordnung. Da prognostizierten die Analysten der Banken fast einhellig weiter steigende Aktienkurse für das neue Börsenjahr – dabei waren die Anzeichen der nahenden Krise schon damals sichtbar.
Die Wachstumsschwäche der chinesischen Wirtschaft hatte schon im Sommer und im Herbst vergangenen Jahres Kursstürze an den Börsen ausgelöst. Die chinesische Krise hat längst die Schwellenländer infiziert, der Verfall des Ölpreises droht ganze Volkswirtschaften in die Pleite zu treiben – all das war seit Monaten bekannt. Dennoch schloss der Deutsche Aktienindex Ende 2015 im Plus.
Seitdem hat sich die Stimmung gedreht. Die schlechten Zahlen aus China häuften sich, der Ölpreis ging in den freien Fall über. Plötzlich war die Angst da und das Vertrauen weg. Die Angst, dass ein Crash die Gewinne der vergangenen Jahre zunichte machen und vielleicht sogar in eine neue Weltwirtschaftskrise münden könnte. Und das Vertrauen, dass die Aktienkurse stetig steigen würden, solange die Notenbanken weiter billiges Geld in den Markt drücken.
Viel Geld und niedrige Zinsen: Beides befeuerte in der Vergangenheit die Kurse, aber auch die Risiken. Seit Mitte der Neunzigerjahre häufen sich an den Börsen die Einbrüche, Ursache waren immer Börsenblasen, aufgepumpt durch das billige Geld der Notenbanken, die versuchten, das Wachstum der Wirtschaft anzukurbeln.
Das gelingt immer weniger, die Schulden wachsen schneller als die Wirtschaft. Wie sollen sie je getilgt werden? So werden die Probleme der Weltwirtschaft jedenfalls nicht gelöst, so werden sie nur weiter in die Zukunft geschoben – und dabei größer. Bis zum großen Knall?
So weit muss es nicht kommen, und so weit ist es noch lange nicht. Doch die gegenwärtigen Krisen, die isoliert betrachtet durchaus beherrschbar erscheinen, können sich gegenseitig verstärken: Ein Funke könnte einen Flächenbrand auslösen. Wenn etwa die chinesische Regierung den geplanten Umbau ihrer Wirtschaft hin zu einer Konsum- und Dienstleistungsgesellschaft nicht ohne politische Verwerfungen bewältigt. Wenn die Probleme in China und den Schwellenländern auf die reale Wirtschaft der Industrienationen durchschlagen und die Weltkonjunktur kippt. Wenn Energiekonzerne oder ganze Volkswirtschaften wegen der niedrigen Ölpreise kollabieren.
Oder wenn die Angst die Angst nährt und die Anleger in Panik geraten – so wie in den vergangenen Tagen, als jeder scheinbaren Beruhigung an den Börsen ein weiterer Absturz folgte. Seit Jahresbeginn brachen die Kurse der europäischen Finanzkonzerne im Durchschnitt um 30 Prozent ein. Der Marktwert der Deutschen Bank hat sich binnen eines halben Jahres auf nur noch rund 20 Milliarden Euro halbiert.
Es ist ein veritabler Bankaktien-Crash.
Wie ein Seismograf nehmen die Finanzkonzerne Erschütterungen in allen Teilen der globalisierten Wirtschaft auf. Vom Abschwung in China über den Verfall der Rohstoffpreise bis zu den niedrigen, häufig sogar negativen Zinsen wirkt alles auf die Banken ein. "Banken sind ein Spiegelbild der Volkswirtschaft und auch der bestehenden Risiken", sagt Andreas Dombret, der für die Bankenaufsicht zuständige Bundesbank-Vorstand.
Offenbar wird den Investoren bewusst, dass ein möglicher globaler Abschwung auf Banken trifft, die die Krise von 2008 noch nicht überwunden haben. Sie schleppen Altlasten mit sich herum, sind noch immer in zahllose Rechtsstreitigkeiten verstrickt, bekommen ihre Kosten nicht in den Griff oder sind auf der Suche nach einem neuen Geschäftsmodell – auf manche Banken trifft alles gleichzeitig zu.
Beispielsweise auf die Deutsche Bank: Sie hat in einer Abwicklungseinheit noch 27 Milliarden Euro an Vermögenswerten, die sie loswerden möchte. Sie hat bereits mehr als 12 Milliarden Euro für die Beilegung von Rechtsstreitigkeiten gezahlt, weitere 5,5 Milliarden Euro zurückgestellt – und eingeräumt, dass es dabei nicht bleiben wird. Viele Analysten halten deshalb eine Kapitalerhöhung für unausweichlich, auch deshalb steigen viele Anleger aus.
Immer lauter werden Stimmen innerhalb und außerhalb der Bank, die sagen, John Cryan trage Mitschuld an diesem Vertrauensentzug. Seit er vergangenen Sommer die Führung übernommen hat, spricht der Brite schonungslos und öffentlich über die Schwächen der Deutschen Bank: ihre teuren Rechtsstreitigkeiten, ihre "lausigen IT-Systeme", überbezahlte Mitarbeiter und unprofitable Geschäfte.
Seine Vorgänger Josef Ackermann und Anshu Jain sowie Kochef Jürgen Fitschen haben diese Probleme geschaffen, beschönigt und unbewältigt hinterlassen. Die Probleme sind also nicht neu. "Aber Cryan redet darüber und schürt bei Mitarbeitern, Kunden und Aktionären die Angst, die Bank sei ein Sanierungsfall", kritisiert ein hochrangiger Bankmanager.
Zugleich beklagt Bankchef Cryan, die Bank arbeite mit zu viel Aufwand, doch Umbau und Sanierung der Bank verursachen erst einmal neue Kosten. Und zuletzt gingen auch noch die Erträge der Bank zurück.
Andere europäische Finanzkonzerne kämpfen mit ähnlichen Problemen. Die Schweizer Großbank Credit Suisse wies wie ihr deutscher Rivale zuletzt einen Milliardenverlust aus und hadert mit ihrer Strategie. Konzerne wie Italiens Unicredit schreiben zwar schwarze Zahlen, doch die Investoren trauen diesen Zahlen nicht, weil sie ungelöste Probleme verschleiern, die ihren Ursprung in einer jahrelangen Rezession und in der europäischen Staatsschuldenkrise haben.
Seit 2008 hat sich das Volumen der faulen Kredite in den Banken der Eurozone mehr als verdoppelt, auf eine Billion Euro. Das entspricht fast einem Zehntel der Wirtschaftsleistung. Auf Zypern sind fast die Hälfte der Kredite in den Bilanzen der Banken "non performing", das heißt, sie werden nicht mehr pünktlich bedient und womöglich nie abbezahlt. Ähnlich finster ist die Lage bei den griechischen Banken.
Spekuliert wird daher, die Europäische Zentralbank (EZB) als Bankenaufseher dränge betroffene Banken, sich mit mehr Kapital zu stärken, zumal sie die Branche im kommenden Sommer einem neuen Stresstest unterziehen will. Doch der Absturz der Aktienkurse macht es extrem schwer für die Banken, neues Kapital aufzunehmen. Übt die Aufsicht zu viel Druck aus, treibt sie Investoren erst recht in die Flucht. Wie man mit dem Dilemma umgeht, wird derzeit in der EZB diskutiert.
Und ausgerechnet jetzt droht die Staatsschuldenkrise wieder aufzuflammen: Portugal und Spanien haben ihre Haushaltsziele für 2015 verfehlt, in Italien und Frankreich steigen die Schulden weiter, Griechenland ist in einem desperaten Zustand. Europas Banken aber haben mehr Staatsanleihen ihrer eigenen Regierungen in den Bilanzen als je zuvor.
Es ist also eine Illusion zu glauben, die Banken hätten die Krise von 2008 abgehakt. "Das globale Bankensystem ist noch immer verwundbar", sagt William White. Er ist Ökonom bei der OECD und seit vielen Jahren einer der kritischsten Analytiker der Finanzbranche. Vor dem Platzen der amerikanischen Immobilienblase warnte White – damals noch bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich – mehrfach vor den Gefahren, die vom US-Immobilienmarkt für die Wirtschaft ausgingen. Er wurde nicht gehört.
Heute warnt White wieder. Zwar seien die Banken gezwungen worden, ihre Kapitalpuffer aufzustocken, was sie etwas krisenfester mache. "Aber andere Probleme wurden nicht behoben: Die Vernetzung zwischen den Banken ist noch immer groß, die Pläne für ein Trennbankensystem, das Investmentbanking und Einlagengeschäft trennt, sind nicht konsequent umgesetzt und die großen Banken noch größer geworden."
Droht also erneut eine Serie von Bankenpleiten, eine Kernschmelze des Finanzsystems?
"Mit der Bankenkrise von 2008, als die Investmentbank Lehman Brothers zusammenbrach, ist die Situation heute trotz aller Probleme nicht vergleichbar", sagt Bundesbank-Vorstand Dombret. Damals seien die Kurse und Erträge der Banken um bis zu 80 Prozent abgestürzt, heute hätten die Institute etwa doppelt so große Kapitalpuffer, und Liquidität sei üppig verfügbar.
Zwar sind zuletzt die Preise für Kreditausfallversicherungen (CDS) von Banken sprunghaft gestiegen, mit denen sich Investoren gegen mögliche Zahlungsausfälle der Institute absichern. Auch das macht die Anleger an den Börsen nervös. Doch sind die Risikoaufschläge am CDS-Markt weit von ihren Höchstständen entfernt, die sie 2012 erreichten. Außerdem sind in diesem Markt Hedgefonds unterwegs, die Panik schüren, um mit Spekulationen auf fallende Aktienkurse Gewinne zu machen.
Die Lage der Banken ist daher im Moment nicht so dramatisch wie 2008. "Die Banken haben allerdings häufig Geschäftsmodelle, die in der heutigen Welt unter Druck stehen", sagt Leonhard Fischer, Chef der Bankengruppe BHF Kleinwort Benson. "Investoren fragen sich zunehmend, womit Banken in der Zukunft ausreichend Geld verdienen wollen."
So hat die Deutsche Bank in den Neunzigerjahren ihre Strategie ganz auf Geschäfte rund um den globalen Handel mit Devisen und Wertpapieren aller Art gebaut. Seit der Finanzkrise sind die globalen Geldströme jedoch ins Stocken gekommen, und Aufsichtsbehörden haben den Handel für Banken deutlich teurer gemacht. Für diese und andere Geschäfte verlangen Regulierer mehr Kapital zur Absicherung. Selbst in Aufsichtskreisen heißt es nun häufiger, die Gesamtbelastung der Banken durch die Regulierung dürfe nicht weiter steigen.
Während Aufseher wie die EZB die Regeln verschärfen und damit die Kreditvergabe verteuern, flutet der geldpolitische Arm der Zentralbank die Finanzmärkte mit Geld, um die Wirtschaft anzukurbeln. Das hilft zwar den Banken, flüssig zu bleiben. Doch weil die EZB mit ihren Anleihekäufen dazu beiträgt, auch die langfristigen Zinsen zu drücken, verdienen Institute selbst in ihrem klassischen Brot-und-Butter-Geschäft immer weniger Geld.
"Die Niedrigzinsen sind in einem Bankenmarkt wie dem europäischen, der sehr auf dem Kreditgeschäft basiert, ein gravierendes Problem", warnt Dombret. Es gibt zudem immer noch zu viele Banken, die sich in diesem ohnehin schwierigen Umfeld einen ruinösen Wettbewerb liefern.
"Es gab in Europa keine strukturelle Marktbereinigung, viele Banken überleben, weil sie am Tropf der EZB hängen", sagt Dombret. "Diese Zombifizierung muss einmal ein Ende haben."
Die Ertragsschwäche der Finanzkonzerne ist ein schleichendes Gift, sie verursacht keinen schnellen Zusammenbruch, zehrt aber die Banken aus. Sie sind weniger widerstandsfähig und können Verluste schlechter ausgleichen, etwa wenn in einem Abschwung die Kreditausfälle sprunghaft ansteigen.
Und jetzt wächst die Angst vor so einem globalen Abschwung. Die Konjunktur in wichtigen Schwellenländern ist regelrecht eingebrochen. Noch bis vor Kurzem trugen China, Russland, Brasilien und Co. fast zwei Drittel zum weltweiten Wirtschaftswachstum bei. Das ist vorbei.
Besonders China, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde, schwächelt gefährlich. Die Wachstumsraten haben sich binnen weniger Jahre fast halbiert. Dieses Jahr ist nur noch mit einem Plus von gut sechs Prozent zu rechnen. Im weltweiten Vergleich erscheint das viel, für chinesische Verhältnisse ist es mickrig.
Während der Finanzkrise übernahm das Land die Funktion einer Konjunkturlokomotive, mit seinem Wachstum verhinderte es einen Absturz der Weltwirtschaft, viele Länder, darunter Deutschland, profitierten, weil sie ihre Waren auch während der Flaute in China absetzen konnten.
Von der Rolle des Weltenretters ist die Volksrepublik derzeit weit entfernt, im Gegenteil, sie stellt selbst einen Risikoherd dar, weil die politische Führung es nicht schafft, das wirtschaftliche Tempo beizubehalten.
Auch andere, ehedem gelobte Volkswirtschaften kriseln: Brasilien steckt mitten in einer Rezession, das Land versinkt in Chaos und Korruption. Um Russland steht es nicht viel besser. Die autoritäre Führung des Landes hat ihr Militär modernisiert, nicht aber die Wirtschaft. Der setzen zusätzlich die Sanktionen des Westens zu, die wegen Russlands Aggression gegen die Ukraine verhängt worden waren.
Massenhaft bringen Bürger und Unternehmen aus den Schwellenländern ihr Geld in Sicherheit – das heißt ins Ausland. In China machen sich die Anfänge einer Kapitalflucht bemerkbar, die weltweit die Devisenkurse durcheinanderwirbelt. Vor allem der Dollar gerät unter Aufwertungsdruck, die chinesische Zentralbank versucht mit Macht, den Kursverfall des Yuan zu stoppen. Allein im vergangenen Jahr sanken Chinas Devisenreserven um über eine halbe Billion Dollar.
Zusätzlich durchlebt die Weltwirtschaft gerade ein ökonomisches Paradox. Für gewöhnlich gelten niedrige Ölpreise als Segen, vor allem für Länder, die Öl einführen müssen. Niedrigere Kosten für Benzin und Heizöl wirken normalerweise wie Konjunkturprogramme. Die Bürger haben mehr Geld übrig, um andere Waren und Dienstleistungen zu kaufen, die Unternehmen, um mehr zu investieren.
Doch gegenwärtig scheinen die Nachteile des Energiepreisverfalls die Vorteile zu überwiegen. So schnell sanken die Kurse für Rohöl, dass etliche Förderländer in Schieflage zu geraten drohen. Es könnte zu gefährlichen Kettenreaktionen kommen, wenn ein Ölland nach dem anderen seine Verbindlichkeiten nicht mehr bedienen würde.
Erster Wackelkandidat ist Venezuela, ausgerechnet das Land mit den größten Ölreserven. Dort hat eine hoffnungslos inkompetente Regierung das Land an den Abgrund geführt. Eine Staatspleite dürfte für sich genommen keine großen Auswirkungen für die Weltwirtschaft haben, anders sieht es jedoch aus, wenn ein solcher Vorgang das Vertrauen in andere Ölförderländer erschüttert, allen voran Russland. Die Regierung von Präsident Wladimir Putin konnte sich auf einen Ölpreis von 100 Dollar pro Fass verlassen, um den Staatshaushalt auszugleichen. Davon ist er weit entfernt: Ein Barrel kostet nur rund 30 Dollar.
Ähnliche Probleme plagen Saudi-Arabien. Beide Länder sehen sich gezwungen, ihre Staatsausgaben zusammenzustreichen, was sich wiederum dämpfend aufs Wachstum auswirkt.
Schlimmstenfalls könnte die Ölschwemme dazu führen, dass die Eurokrise wiederauflebt. Die fatale Wirkungskette funktioniert so: Viele Banken, auch europäische, haben Ölförderunternehmen Hunderte Milliarden Euro geliehen. Der niedrige Ölpreis treibt, vor allem in den USA, viele Fracking-Firmen in die Pleite. Sie können ihre Verbindlichkeiten nicht mehr bedienen, was Banken in Bedrängnis bringt.
Drohen vermehrte Bankeninsolvenzen an einem Weltende, gerät in der global vernetzten Branche auch manch anderes Institut ins Fadenkreuz, selbst wenn es sich gar nicht im Ölgeschäft exponiert hat. Als besonders anfällig in der Eurozone gelten weiterhin die Institute Griechenlands, zunehmend aber auch die Italiens.
In ein regelrechtes Dilemma stürzen die neuen Turbulenzen die Geldpolitiker auf beiden Seiten des Atlantiks. Die US-Notenbank Fed hat selbst zur Verunsicherung beigetragen, als sie vor Kurzem zum ersten Mal seit neun Jahren die Zinsen erhöhte. Jetzt zeigt sich, dass dieser Schritt übereilt gewesen sein könnte.
Aber auch das Gegenteil, nämlich eine Zinssenkung, ist alles andere als unproblematisch. Durch ihre ultralockere Geldpolitik haben die Zentralbanken, gleichgültig ob Fed, die Bank von England oder die Europäische Zentralbank, selbst dazu beigetragen, dass die Finanzmärkte fast acht Jahre nach Ausbruch der Krise noch immer nicht stabilisiert sind.
Mit ihren Geldspritzen und Ankaufprogrammen für Staatspapiere verhinderten sie zwar den Komplettabsturz der Weltwirtschaft und ein Auseinanderbrechen der Europäischen Währungsunion, aber sie legten auch das Fundament für neue Turbulenzen. Die monetären Impulse entluden sich nicht in höheren Preisen für Waren und Dienstleistungen, wie es die Lehrbücher nahelegten. Stattdessen bildeten sich weltweit neue Blasen, vor allem an den Börsen. Überall erreichten die Indizes im vergangenen Jahr neue Rekordwerte.
Die Korrektur dieser Entwicklung führt nun zu neuer Verunsicherung. Immer deutlicher wird, dass die Geldpolitik der vergangenen Jahre nicht Teil der Lösung ist, sondern Teil des Problems.
Dennoch stehen weitere geldpolitische Maßnahmen bevor, zumindest in der Eurozone. Im März wird EZB-Präsident Mario Draghi wohl ankündigen, das Ankaufprogramm für Staatsanleihen aufzustocken. Im Gespräch ist, es über das Frühjahr 2017 hinaus zu verlängern und auch das derzeitige Volumen von 60 Milliarden Euro im Monat zu vergrößern.
Selbst Fed-Chefin Janet Yellen, die vor Kurzem erst die Zinsen anhob, denkt über neue Lockerungsübungen nach. Zunächst vorgesehene Zinsanhebungen könnten verschoben werden, wenn nicht ausfallen, signalisierte sie vor einigen Tagen.
Das Problem ist nur, dass die Notenbanken ihr Pulver weitgehend verschossen haben, zusätzliche Maßnahmen erbringen immer weniger Wirkung. Die Geldpolitik scheint überfordert.
Finanzminister Wolfgang Schäuble will das Versagen der Geldpolitik deshalb auf internationaler Ebene zum Thema machen, zum Beispiel beim nächsten G-20-Finanzministertreffen in Shanghai Ende des Monats. Schäuble möchte im Kreise seiner Amtskollegen aus den Industrie- und Schwellenländern in Anwesenheit der Notenbankgouverneure die Frage aufwerfen, ob die lockere Geldpolitik nicht langsam an ihre Grenzen stößt. Er weiß, dass er sich auf vermintem Terrain bewegt, schließlich pochen die Notenbanker stets auf ihre Unabhängigkeit. Aber er findet, dass zu viel auf dem Spiel steht, wenn die Geldschleusen noch weiter geöffnet werden.
Schäuble fürchtet, dass sich immer neue Blasen bilden, wenn die Kehrtwende in der Geldpolitik ausbleibt und strukturelle Reformen stets weiter aufgeschoben werden. "Das ist eine ungesunde Mischung", heißt es in seinem Ministerium. Im Klartext: Schäuble hielte es für angemessen, die Zinsen schrittweise zu erhöhen.
Den Versuch, Wachstum mit Gelddrucken zu erkaufen, hält er für gescheitert. Stattdessen will er jene stärken, die Strukturreformen befürworten, um Wachstumskräfte zu entfesseln, allen voran den Internationalen Währungsfonds.
"Notenbanken können helfen, Liquiditätsengpässe zu überwinden. Aber sie können kein Schuldenproblem lösen", sagt auch Zentralbank-Experte William White. Das Problem sei, dass die Regierungen sich darum drückten, Dinge zu tun, die nur sie tun können.
White sieht vier dringliche Aufgaben für die Politik. "Sie sollte erstens in allen Ländern, die wie Deutschland finanziellen Spielraum haben, die Staatsausgaben erhöhen, insbesondere indem sie mehr in die Infrastruktur investiert", sagt White.
Zweitens müsse sie dafür sorgen, dass die Kapitaleinkommen zulasten der Arbeitseinkommen nicht immer weiter steigen.
Drittens gebe es in vielen Ländern erheblichen Bedarf für strukturelle Reformen, in den Arbeitsmärkten ebenso wie in den Gütermärkten und anderen Bereichen.
"Und schließlich müssten die Staatsschulden in vielen Fällen restrukturiert werden, ohne Schuldenerlass wird es auf Dauer in einigen Ländern nicht gehen."
Viel Hoffnung, dass Politik und Notenbanken diesmal auf ihn hören, hat White allerdings nicht.
Von Martin Hesse, Armin Mahler und Christian Reiermann

DER SPIEGEL 7/2016
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