13.02.2016

AnalyseDie Mord-Legende

Polens neue Regierung will das Unglück von Smolensk umdeuten.
Die Stimme des Bordcomputers schnarrte: "Pull up, pull up". Sekunden später zerschellte die Maschine des polnischen Präsidenten nahe der russischen Stadt Smolensk. Lech Kaczyński starb und mit ihm seine 95-köpfige Entourage. Das war am 10. April 2010, vor fast sechs Jahren. Zwei offizielle Untersuchungsausschüsse nannten als Unglücksursache dichten Nebel, Fehler der Crew und des russischen Towers. Für viele von Kaczyńskis nationalkonservativen Anhängern ist es aber bis heute eine unerträgliche Vorstellung, dass Leichtsinn und schlichte Schlamperei den Präsidenten das Leben gekostet haben sollen, der auf dem Weg zu einer Gedenkfeier für das Massaker von Katyn war – dort hatte 1940 der sowjetische Geheimdienst mehr als 22 000 Polen ermordet. Der Warschauer Verteidigungsminister bestellte vergangene Woche einen weiteren Untersuchungsausschuss. Wie bis zu 50 Prozent der Polen will auch er nicht an einen Unfall glauben, sondern vermutet Mord – schließlich habe es eine Explosion an Bord der Maschine gegeben. Das Gremium soll Material liefern, um angeblich Mitschuldige vor Gericht bringen zu können. Gemeint sind Politiker der damaligen liberalen Regierung – allen voran Donald Tusk, heute EU-Ratspräsident. Tusk habe die Regierungsmaschine angeblich nicht mit der besten Technik ausgestattet und ausgerechnet den Russen die Aufklärung des Absturzes überlassen.
Für den Zwillingsbruder Kaczyńskis, Jarosław, der seit Kurzem wieder die Regierungsgeschäfte in Warschau dominiert, könnte das Narrativ vom Anschlag zur starken innenpolitischen Waffe werden. Nach seiner Lesart ist nur ein guter Pole, wer an die Anschlagstheorie glaubt, die anderen seien Verräter. "Die Religion von Smolensk fordert Scheiterhaufen", warnte vor zwei Jahren der Publizist Waldemar Kuczyński. Es sieht so aus, als würden sie gerade errichtet.
Von Jan Puhl

DER SPIEGEL 7/2016
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