13.02.2016

FrankreichDie Überlebenden von Paris

Drei Monate nach den Anschlägen kämpfen die Besucher des Konzerts der Eagles of Death Metal immer noch jeden Tag mit den Erinnerungen an jene Nacht.
In der Spüle steht eine bunte Tasse mit Barbapapa, der Kinderbuchfigur, am Fensterknauf baumelt das Lätzchen seiner jüngsten Tochter, zwei Jahre alt. Darauf lächeln drei Dalmatinerwelpen.
Am Küchentisch, vor einer buntgekachelten Wand, sitzt Arnaud, Grafiker, 41 Jahre alt. Nur sein Vorname soll genannt werden. Mit schwarzem Kugelschreiber malt er einen Kreis auf ein Blatt Papier.
"Der Leichenhügel", sagt er.
In Arnauds Küche besteht das Grauen jener Nacht aus Kugelschreiberstrichen, Schraffuren und Pfeilen. Sie markieren Treppen, Notausgänge, die Bühne mit der Sicherheitsabsperrung. Der Kreis bezeichnet die Stelle, wo sich die toten Körper stapelten, sich aufeinandertürmten. Mitten im Konzertsaal. Zweimal musste er in jener Nacht an dieser Stelle vorbei.
Den schmalen, L-förmigen Korridor, in dem die Terroristen ihn und seine Frau Marie zusammen mit zehn anderen als Geiseln genommen hatten, zeichnet er auf ein anderes Blatt. Mehr als zwei Stunden lang saßen sie dort fest; zwei Stunden Gewissheit, jeden Moment sterben zu können.
Arnaud war der Letzte, der das Bataclan in der Nacht des Anschlags lebend verließ. Der Letzte, den die Einsatzkräfte befreiten.
Um 0.23 Uhr, Samstag, 14. November, liegt er auf dem Boden in diesem kleinen, schmalen Gang. Das Trommelfell im rechten Ohr ist zerrissen, in seinem Rücken stecken Metallteile aus dem Sprengstoffgürtel von Foued Mohamed-Aggad.
Arnaud erinnert sich, er weint dabei: "Ich öffne meine Augen, ich liege in einem See aus Blut und Eingeweiden. Verdammt, denke ich, ich atme."
Drei Monate später kreisen seine Fragen um die Vorgänge in jener Nacht. Haben ihm die Stufen am Ende des Korridors das Leben gerettet? Warum haben Foued Mohamed-Aggad und Ismaël Omar Mostefaï sie, die Geiseln, nicht einfach getötet? Bevor das Kommando der BRI, der Brigade de recherche et d'intervention, anrückt und eine Geisel nach der anderen hinter das schusssichere Ramses-Schild zieht. Bevor die Polizei mit diesem 80 Kilogramm schweren Schutzschild auf Rädern Zentimeter um Zentimeter in den Korridor vordringt. Bevor sie Mostefaï erschießt und Mohamed-Aggad explodiert.
Arnaud malt einen kleinen Kreis in ein Viereck: Der Kopf eines der Terroristen lag am Schluss auf dem Treppenabsatz.
Das Grauen des 13. November hat sich ins kollektive Gedächtnis der Franzosen gebrannt. In dieser Nacht wurde ein grellbunt angestrichenes, verschachteltes Gebäude, das Bataclan, einer der ältesten Konzertsäle von Paris, zu einem Anschlagsziel und zum Massengrab. 90 Menschen wurden getötet. Niedergemetzelt von drei jungen Männern mit Kalaschnikows und Sprengstoffgürteln.
Weitere 40 Menschen starben bei Angriffen auf Bars und Restaurants im Osten der Stadt, dort liegt auch das Bataclan. 130 Tote, ein derartiges Massaker geschah in Frankreich zuletzt während des Zweiten Weltkriegs. Drei Monate danach ringen Arnaud und all diejenigen, die es miterlebt haben, es überlebt haben, immer noch jeden Tag mit dem Schrecken.
Auch das Land und vor allem die Politik ringen mit dem, was passiert ist. Die Trauer der Franzosen ist einer Art Apathie gewichen: Resigniert verfolgen sie die immer neuen Scheindebatten der Regierenden, wohlwissend, dass weder eine ausgeweitete Notstandsgesetzgebung noch all die drakonischen Maßnahmen, die jetzt durchgesetzt werden sollen, Terror und Radikalisierung verhindern können. Stattdessen spalten sie das Land weiter.
Das neue Jahr ist noch jung, in einem Café an der Seine sitzt in einer waldgrünen Steppjacke ein Mann der BRI, der Brigade, die das Bataclan stürmte, auch er soll anonym bleiben. Er erinnert sich an seinen Einsatz wie an einen Krieg. Der Saal, ein Massengrab. Vor der Bühne ein Teppich von Toten.
" Wir schwammen in Blut. Was kann ich sagen? Das ist mein Beruf. Aber so etwas habe ich noch nie erlebt. Und auf so etwas kann man sich auch nicht vorbereiten."
Er war, wie Arnaud, bis zum Ende dabei, stand hinter dem Ramses-Schild, als sie in den Korridor vordrangen, um die Geiselnehmer, die Terroristen zu töten. Erst Tage nach dem Einsatz traute er sich, seine Schuhe aus dem Plastiksack zu nehmen und zu reinigen. Sie waren voller Blut.
Er wischt über sein Smartphone, findet das Protokoll des Einsatzes. In der Notrufzentrale gehen an diesem Abend allein bis 22 Uhr 5000 Anrufe ein. Sein Kommando erreicht das Bataclan um 22.15 Uhr.
Eine gute halbe Stunde zuvor, um 21.40 Uhr, parkt ein schwarzer Polo vor dem Gebäude am Boulevard Voltaire.
Um 21.42 Uhr geht eine SMS von einem Samsung-Handy an einen noch immer nicht identifizierten Empfänger nach Belgien. "Wir sind da, es geht los", steht in der Nachricht. Das Handy findet sich später in einem Mülleimer neben dem Bataclan. Zwischen 21.48 Uhr, als die drei Männer mit ihren Kalaschnikows das Bataclan stürmen, und 22.15 Uhr, als die Einsatzwagen der BRI vor dem Gebäude parken, sterben 89 Menschen.
Einen der Täter sieht der Konzertbesucher Alex Jofre sofort. Der zierliche Mann steht auf einem Sockel hinter einer Säule unter der linken Empore, als die Attentäter das Bataclan stürmen. Vorne spielen seit einer Dreiviertelstunde schon die Eagles of Death Metal, eine Rockband aus Kalifornien. Jofre hat freie Sicht auf den Eingang neben der Bar. Er sieht die Kalaschnikow, den Rucksack. Er hört die Schüsse. In diesem Moment weiß er, anders als so viele im Publikum, dass es sich nicht um Knallfrösche handelt. Dass das hier kein Scherz ist, keine Inszenierung.
"Es dauert natürlich einen Moment, bis du begreifst. Was du siehst, passt nicht zu deiner Wirklichkeit. Du bist in Paris, bei einem Konzert, für das du seit Monaten Karten hast, du hörst Musik, tanzt ein bisschen, und plötzlich stürmt ein Mann mit einem Schnellfeuergewehr in den Saal und beginnt zu schießen."
Die Musik verstummt abrupt, Jofre und seine Nachbarn werfen sich auf den Boden, intuitiv.
Weil er nicht weiß, wo sich im Saal der Notausgang befindet, wird Alex Jofre von etwa 22 Uhr bis kurz vor Mitternacht in einem Kasten nahe der Bühne liegen. Er wird sich in Embryonalhaltung in eine Box zwängen, 1 Meter mal 1,5 Meter groß, etwa 40 Zentimeter tief. Kopf und Schultern wird er mit einem schwarzen Tuch aus dem Kasten bedecken.
Erst schmerzen seine Beine, dann werden sie taub. Er hört, wie die Terroristen mit den Menschen spielen, wie sie sich über sie lustig machen. "Wer jetzt aufsteht, darf gehen", rufen sie. Darauf folgen Schüsse.
Erst als der Saal bis auf die Toten geräumt ist, und die Geiselnahme oben im ersten Stock in Gang ist, entdecken zwei Polizisten den reglosen Mann in der Kiste. Immer nach oben schauen, an die Decke, sagt der Polizist, der ihn nach draußen begleitet. Nicht nach vorn, und schon gar nicht auf den Boden.
"Ich bin Opfer eines Attentats", Alex Jofre wiederholt diesen Satz so oft, als gewöhne er sich nur langsam an diese Tatsache. Jofre, 38, Argentinier, lebt seit zwölf Jahren in Paris, er ist selbst Musiker, nebenbei arbeitet er als Verkäufer in einem Nespresso-Shop.
"Ich weiß nicht, wie ich mit meiner Angst umgehen soll. Es vergeht fast keine Sekunde, in der ich nicht an diese Nacht im Bataclan denken muss. Ich bin eigentlich nur ruhig, wenn ich schlafe. Ich habe keine Albträume. Aber wenn ich zu Hause aus dem Fenster schaue, spüre ich, dass auf der anderen Straßenseite jemand auf mich zielt. Mich erschießen will. Ich bin Opfer eines Attentats."
Anders als Alex Jofre merkt Louise Jardin, 28, erst einmal gar nichts. Mit ihrem Bier steht sie vor der Bühne, erste Reihe, auf der Seite des Bassisten. Böller, denkt sie, als sie die ersten Salven hört. Knallkörper, eine extra Performance. Wow, denkt sie.
Die Eagles of Death Metal hört sie an jenem Freitag zum vierten Mal live, das Bataclan ist ihr Lieblingssaal. Dann bricht die Musik ab. Als sie sich umdreht, sieht sie, wie sich die Menschen hinter ihr ducken oder schon auf dem Boden liegen. Ein Mann, etwa eine Armlänge von ihr entfernt, fällt um, dabei starrt er sie an, unverwandt. Sie erinnert sich:
"Ich sah in seinem Blick, dass er nicht mehr lebte. Da war dieser Geruch von warmem Blut, süßlich, beißend. Ich kauerte mich in der Hocke vor die Absperrung, hielt meine Handtasche vor meinen Kopf. Neben mir lag ein Mädchen, sie flüsterte, wollte unbedingt wissen, wie ich heiße. Louise, sagte ich da, und ich wunderte mich, warum sie das ausgerechnet jetzt wissen wollte. Es gehen einem seltsame Dinge durch den Kopf in einem solchen Moment. Das Zeitgefühl kam mir völlig abhanden, in meiner Tasche hörte ich mein Handy brummen. Ich habe versucht, nicht mehr aufzuschauen. Überall Leichen, Blut, Körperfetzen. Ich weiß nicht mehr, wann ich getroffen wurde, wann sie auf mich schossen. Es wurde ganz warm an meinem Hinterkopf, in meinem Nacken. Dann tat es ziemlich weh. Mein Kopf dröhnte, die Ohren rauschten. Es war, als wenn man mir mit voller Kraft einen Handball an den Hinterkopf geworfen hätte. Nur dass es blutete. Jetzt haben sie mich erwischt, dachte ich. So fühlt es sich an zu sterben. Das Mädchen neben mir murmelte die ganze Zeit nur: Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr. Und es war tatsächlich ein bisschen wie in einem Film."
Irgendetwas explodiert in ihrer Nähe. Um sich abzulenken, zählt Louise die Vibrationen des Handys in ihrer Tasche.
Die Detonation, das ist der Attentäter Samy Amimour; um 22.07 Uhr wird er von der Kugel eines Polizisten getroffen. Dabei explodiert auch der Sprengsatz, den er am Körper trägt. Als einziger der drei Täter war er noch unten im Saal, die anderen beiden sind da wohl schon oben, auf der Empore.
Kurz darauf wird der Saal evakuiert. Eine Männerstimme ruft: "Stehen Sie auf und verlassen Sie das Gebäude, ruhig, aber zügig." Louise weiß noch, dass sie über diese Formulierung beinahe lachen muss. Wie soll das gehen, "ruhig, aber zügig"? In einer solchen Situation?
Sie will sich nicht als "Opfer eines Attentats" sehen. Drei Monate später sitzt die junge Frau auf einem weißen Ledersofa, steckt ihre Hornbrille ins blonde Haar und sagt: "Ich war da. Das ist alles." Wenn Louise jetzt ein Konzert besucht, recherchiert sie zuvor im Internet, wo sich die Notausgänge befinden.
Am Anfang habe sie alles gut weggesteckt, erzählt sie. Dachte sie. Sie hat gleich wieder angefangen zu arbeiten. Dann kam Weihnachten, und sie hatte plötzlich Angst vor Weihnachtsbäumen. Angst, dass sich ein Terrorist im Baum versteckt. Angst, dass die Äste auf sie schießen könnten. "Hochgradig albern, ich weiß", sagt sie. Aber die Angst hört nicht auf.
"Es ist das Gefühl, dass ich jederzeit sterben kann. Jemand kommt und bringt mich um, einfach so." Ihr 28. Geburtstag Mitte Januar ist der erste seit vielen Jahren, den sie nicht mit einer großen Party begeht. Sie bittet ihre Freunde, nicht mehr über diese Nacht zu sprechen, sie will dazu auch nichts mehr lesen. Will sich nicht mit anderen Überlebenden treffen. Zu traurig, sagt sie.
"Ich sage mir, es ist schön, dass ich überlebt habe. Richtig cool sogar. Jetzt muss ich auch was Tolles aus meinem Leben machen." Sie spürt, dass da Druck auf ihr lastet. Sie mag das nicht.
Psychologen sagen, es falle den Überlebenden eines Attentats oft schwer zu akzeptieren, dass es ein Vorher und ein Nachher gibt. Dass das Erlebte, das Grauen zu mächtig ist, um sich verdrängen zu lassen. Man kann es vielleicht kurzzeitig nach hinten schieben, aber irgendwann bricht es sich Bahn, holt einen ein.
Aka Hermann, 39, ist einer der wenigen in jener Nacht, der weiß, wo sich im Bataclan die Notausgänge befinden. Hermann gehört zum Sicherheitspersonal, seit sechs Jahren arbeitet er hier, er mag seinen Job. Als das Konzert beginnt, steht er hinter der Absperrung vor der Bühne, auf der linken Seite. Er erinnert sich, wie ausgelassen alle waren. Dass sich die Besucher vorne auch freuen, als es plötzlich knallt. Cool, Böller!, ruft ein junger Mann.
Als die Menschen in den hinteren Reihen zusammenbrechen, als ihre Körper regelrecht nach vorne schwappen und der Saal im grausamen Rhythmus der Kalaschnikowsalven hin und her wogt, öffnet Hermann die Türen zum Backstagebereich und den Notausgang hinter der Bühne. Hierher, schreit er, hierher. Er wird beinahe überrannt.
Auch Hermann dachte, er brauche keine psychologische Betreuung. Bis der wuchtige Mann keine Straße mehr entlanggehen konnte, weil er glaubte, vorbeikommende Autos wollten ihn überfahren. Bei einer Panikattacke im Regionalzug begann er derart zu zittern, dass er aussteigen musste.
An einem Dienstag Mitte Januar steht er am Boulevard Voltaire vor seinem früheren Arbeitsplatz. Kerzen und Blumen liegen auf dem Bürgersteig gegenüber. Zum ersten Mal seit jener Nacht hat er das Bataclan wieder betreten, er ist froh darüber, zeigt die Fotos auf seinem Handy. Saal, Bühne, Bar, überall kleben zahllose weiße Kreuze. Sie markieren die Einschusslöcher.
Auch Arnaud, der Grafiker, die letzte Geisel von Ismaël Omar Mostefaï und Foued Mohamed-Aggad, will noch einmal ins Bataclan. Er will wissen, ob da, am Ende dieses L-förmigen Korridors, tatsächlich ein kleiner Vorsprung ist wie in seiner Erinnerung; er will wissen, wie viele Stufen zu der Stelle führen, an der Mohamed-Aggad starb. Ob es eine Erklärung gibt, warum der Terrorist, der noch Sekunden zuvor neben ihm gestanden hatte, sich nicht in diesem Augenblick sprengte. Denn damit hätte er sie beide getötet.
Seit dem Attentat wird Arnaud oft plötzlich wütend, einfach so. Dann möchte er sich rächen, an einem dieser Radikalen, wie er sagt: "Ich würde ihn foltern, nicht umbringen." Er erinnert sich an seine Wehrlosigkeit, an das Ausgeliefertsein. Erinnert sich, wie die Terroristen ihre Waffen auf sie richteten. Wie Mohamed-Aggad zu ihnen sagte:
"Hört gut hin, hört die Schreie, so schreien unsere Frauen und unsere Kinder, die Frankreich bombardiert."
Arnaud muss in solchen Momenten innehalten, tief atmen, das hilft ihm, wieder ruhig zu werden. "Ich bin 1974 geboren, meine Generation kennt keine Kriege, kein Leid. Wir wollten ein Konzert besuchen und landeten im Krieg. Wir hatten ihnen nichts entgegenzusetzen", sagt er in seiner Küche, vor den bunten Kacheln.
Auch die Attentäter mussten das Töten erst lernen; sie brachten Gewalt über ein Land, das sie friedlich hat aufwachsen lassen.
Marie, die Frau Arnauds, will nicht dabei sein, wenn er sich in den Räumlichkeiten des Bataclan noch einmal umsieht. Sie werde diesen Korridor nie wieder betreten, sagt sie. Sie ist auch nicht dabei, als Arnaud in der Küche erzählt, wie sie beide jene Nacht überlebten.
Arnaud redet schnell, mit tonloser Stimme; er übermalt seine Striche mit immer neuen. Aus Grau wird Schwarz. Da ist die Empore mit ihrer roten Brüstung, die vier Sitze hinter dem Tontechnikerpult, unter die Arnaud und Marie kriechen, als sie begreifen, dass das, was jetzt passiert, tatsächlich passiert: Sie besuchen ein Konzert, und unten im Saal wird scharf geschossen.
Arnaud riecht das Pulver, er hört die Schüsse, aber er begreift erst, als er zwei Menschen von der Empore stürzen sieht. Unter den Sitzen hört das Paar die Kalaschnikowsalven, jedes Mal, wenn Arnaud aufschauen will, drückt Marie seinen Kopf wieder auf den Boden.
Menschen robben an ihnen vorbei. Als die Schüsse nach etwa 20 Minuten aufhören, läuft das Paar zum Treppenabgang, will zum Ausgang. Die Treppe ist glitschig vor lauter Blut. Unten hören sie Schreie. Arnaud zieht Marie zurück zu den Sitzen.
"Wenn ihr keinen Mist macht, bleibt ihr am Leben", sagt eine Stimme neben ihnen.
Sie gehört Foued Mohamed-Aggad.
"Er sah nett aus, irgendwie", sagt Arnaud. Hinter Mohamed-Aggad taucht Ismaël Omar Mostefaï auf, "mit einer irren Frisur, einem Pony wie auf die Stirn geklebt". Mostefaï erinnert ihn an eine Playmobilfigur. Die beiden treiben Arnaud und Marie und einige andere vor sich her, über die Empore in einen schmalen Korridor. Von oben sieht Arnaud den Leichenhügel unten im Saal, das Bild, sagt er, erinnert ihn an Spielbergs "Schindlers Liste".
Vom Korridor aus gehen zwei große Fenster hinaus zur Passage Saint-Pierre Amelot, einer engen Gasse, die seitlich am Bataclan vorbeiführt. Arnaud, der Größte in der Gruppe, soll Straße und Dächer überwachen. Marie wird vor eine geschlossene Tür im Gang gesetzt:
"Ich war zum ersten Mal froh, dass wir getrennt waren. Ich dachte, so steigt die Chance, dass wenigstens einer von uns überlebt. Dass unsere Töchter nicht ganz allein bleiben nach dieser Nacht. Aber eigentlich glaubte ich nicht, dass wir überleben würden. Mostefaï war schlicht verrückt, immer wieder hat er uns seine Waffe in die Rippen gedrückt. Er wirkte wie auf Drogen. Beide redeten immer wieder von ihrem Kalifat. Wenn sie nicht wollten, dass wir verstehen, was sie sagen, warfen sie sich Arabisch-Brocken zu, aber das klang ziemlich rudimentär."
Mostefaï, 29, kommt aus einem Pariser Vorort; das Wenige, was man über ihn weiß, deutet darauf hin, dass auch sein familiäres Umfeld radikalisiert ist, im Gegensatz zu dem der meisten anderen Attentäter. Durch die Fenster schießt er auf die Straße, immer wieder sagt er zu Mohamed-Aggad, sie sollten sich endlich in die Luft sprengen.
Aber Mohamed-Aggad, den die Geiseln für den Anführer halten, schüttelt den Kopf. Er stammt aus dem Elsass, war vorher noch niemandem aufgefallen, frühere Lehrer beschrieben ihn als höflichen jungen Mann. Er habe Polizist werden wollen, heißt es, aber die Polizeischule habe ihn abgelehnt, genau wie die Armee.
Mohamed-Aggad will wissen, ob ein Ehepaar unter den Gefangenen ist. Marie und Arnaud bleiben still, melden sich nicht.
Er sucht jemanden, den er zu den Einsatzkräften schicken kann, um zu verhandeln. Von dem er sicher sein kann, dass er auch zurückkommt. Keiner zweifelt mehr daran, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis das Kommando der BRI den Korridor stürmt.
In regelmäßigen Abständen muss eine der Geiseln "Haut ab, sonst werden wir alle hochgehen" durch die Tür schreien. Schließlich melden sich zwei Cousins, einer von ihnen wird nach draußen geschickt. Mostefaï und Mohamed-Aggad sammeln die Mobiltelefone ein, legen sie auf den Boden. Sie vibrieren permanent, auf manchen Displays leuchtet das Wort "Maman" auf.
"Die beiden waren wirklich nicht besonders helle. Sie waren auch nicht gut organisiert. Nachdem sie eine Zeit lang laut darüber nachgedacht haben, wie sie sich Walkie-Talkies beschaffen könnten, machte einer von uns den Vorschlag, doch eines der Handys zum Verhandeln zu benutzen. Das war gefährlich, man durfte sie nicht ansprechen. Blickkontakt, vor allem mit Mostefaï, musste man vermeiden, sonst wurde er aggressiv. Er hörte nicht mehr richtig auf einem Ohr, wahrscheinlich wegen des ohrenbetäubenden Lärms seiner Waffe. Einmal musste jemand von uns kurz hysterisch lachen, weil es immer absurder wurde. Mohamed-Aggad versuchte, Mostefaï etwas zu sagen, was der aber nicht verstand. Was wiede-rum Mohamed-Aggad furchtbar aufregte. Als er das Lachen hört, lässt Mostefaï die Geisel aufstehen und schießt haarscharf am Kopf vorbei. Wenn das noch mal passiert, seid ihr tot, schrie er. Sie wurden beide immer nervöser. Ich glaube nicht, dass diese Geiselnahme geplant war."
Dieser Ansicht ist auch der Mann aus dem Einsatzkommando, er bestätigt Arnauds Aussagen zum Ablauf. Er erzählt, dass derselbe Polizist, der im Januar 2015 mit Amedy Coulibaly verhandelte, auch mit den beiden Terroristen im Bataclan spricht. "Coulibaly war ganz ruhig; diese beiden waren hochgradig nervös", sagt der Mann der BRI, der Interventionsbrigade, der die Telefonate kennt.
Mohamed-Aggad und Mostefaï nehmen Maries Handy, um zu verhandeln. Es gibt Aufzeichnungen dieser Anrufe. Was sie sagen, klingt erratisch. Laut Aufzeichnungen schreien sie ins Telefon: "Wir sehen die roten Laserpunkte eurer Scharfschützen, wir hören euch hinter der Tür. Ich will wissen, mit wem ich rede, ich will, dass ihr das Land verlasst, dass ihr eure Armeen abzieht. Ich will ein unterschriebenes Papier haben, es ist jetzt 23.32 Uhr, wenn ich in fünf Minuten nichts habe, töte ich eine Geisel und werfe sie aus dem Fenster."
Oder: "Es ist mir egal, wir haben keine Angst. Wir wollen verhandeln. Wir werden die Leute gehen lassen, alles wird gut laufen." Fünf Anrufe zwischen 23.27 Uhr und 0.18 Uhr. Der letzte: "Verschwindet von der Tür, wir haben Sprenggürtel, wir werden uns in die Luft jagen, wenn ihr näher kommt, wir haben Geiseln."
Arnaud steht immer noch am Fenster, sein Körper schmerzt vor Anspannung. Er träumt sich in die Wohnung gegenüber, wo hinter den Vorhängen der Fernseher läuft.
Um 0.18 Uhr erfolgt der Zugriff; der 80-Kilo-Schutzschild der BRI stößt die Tür auf, die den Korridor von der Empore trennt. Das Licht geht aus. Blendgranaten fliegen. Arnaud dreht sich um, er sieht Panik in Mostefaïs Blick.
"Kommt her", schreit er den Geiseln am Fenster zu, feuert auf die Tür. Arnaud ist der Einzige, der ihm folgt.
Den Ermittlungen zufolge wurde der Sprengsatz an Mohamed-Aggads Körper ausgelöst, allerdings nur der vordere Teil. Ob er es selbst getan hat oder er durch einen Schuss explodiert ist, darüber gibt es keine Erkenntnisse. Mostefaïs Sprengstoffgürtel hingegen soll intakt gewesen sein.
Als Arnaud die Augen wieder öffnet, sieht er einen Fuß, abgerissen; sein Rücken ist heiß und nass, er blutet. Es ist Samstag, 0.23 Uhr. Eine halbe Stunde später steht er im Hof eines Nachbarhauses und umarmt seine Frau. Alle Geiseln haben überlebt.
Die meisten von ihnen werden am kommenden Dienstagabend ein Konzert besuchen, in einem Saal, im legendären Olympia, mitten in Paris. Die Eagles of Death Metal werden spielen; sie kommen, um das Konzert zu beenden, das an jenem Freitagabend unterbrochen wurde.
Marie wird hingehen, Louise Jardin wird da sein, genau wie Alex Jofre.
Arnaud wird an diesem Abend zu Hause bleiben, bei seinen beiden Töchtern.

Über die Autorin

Julia Amalia Heyer, Jahrgang 1980, leitet seit September 2014 das SPIEGEL-Büro in Paris. Zuvor war sie Korrespondentin in Griechenland und Israel, wo sie während des Krieges im Sommer 2014 aus dem Gazastreifen berichtete. Die mehrstündigen Interviews mit den Überlebenden der Pariser Anschläge erinnerten sie auch an Krieg.
Von Julia Amalia Heyer und Petra Truckendanner

DER SPIEGEL 7/2016
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