13.02.2016

USADer falsche Sozialist

Der demokratische Präsidentschaftsbewerber Bernie Sanders hat mit seinen Reden von einer linken Revolution eine Euphorie entfacht, wie sie Amerika lange nicht erlebte.
Im Moment des größten Triumphes steht Bernie Sanders auf einer wackligen Bühne einer Turnhalle in Concord, New Hampshire. Er trägt seine eckige Brille, ein altmodisches Button-down-Hemd und ruft: "Vor neun Monaten sind wir mit nichts gestartet, keine Organisation, kein Geld." An diesem Dienstag aber steht er inmitten jubelnder Anhänger, ganz Amerika verfolgt, wie Sanders Hillary Clinton die sicher geglaubte Nominierung streitig macht. 60 Prozent der Wähler haben ihm bei der Vorwahl ihre Stimme gegeben, nur 39 Prozent der großen Hillary Clinton.
"Seid ihr bereit für ein paar radikale Ideen?", fragt Sanders auf der Bühne. Seine Stirn ist wie immer zerknittert, sein Zeigefinger wie meistens erhoben. Und ob sie bereit sind. Sanders hat mit seinen Ideen eine Euphorie entfacht, insbesondere unter jungen Amerikanern, wie dies zuletzt Barack Obama im Jahr 2008 gelungen ist. 83 Prozent der 18- bis 29-Jährigen gaben ihm in New Hampshire ihre Stimme, nur 16 Prozent der Jüngeren wählten Clinton.
Dabei fehlen Sanders fast sämtliche Eigenschaften, die Obama einst zum Sehnsuchtsmann des linken Amerika werden ließen. Sanders ist weder mit Charisma noch mit Charme gesegnet. Die Gabe zur Selbstinszenierung geht ihm ebenfalls ab. Statt von gläsernen Telepromptern liest er von verknitterten Zetteln ab. Seine Wortwahl ist nicht elegant, er klingt wie ein grimmiger IG-Metall-Funktionär. Die Worte "Wall Street" spricht Sanders mit feuchtem "Sch" aus und schürzt dabei wütend die Unterlippe. Jung und schön ist er auch nicht. Und welche Erzählung hat er schon anzubieten: der erste weiße ältere Herr im Weißen Haus, der sich selbst einen Sozialisten nennt?
Ben Cohen weiß, was das Besondere an seinem Freund Bernie ist. In ihrer gemeinsamen Heimat Burlington, Vermont, gründete Cohen 1978 die Eiscremefirma Ben & Jerry's, deren Produkte zu einer weltweiten Erfolgsstory wurden. Bernie sei sehr fokussiert, klug und bestimmt, sagt Cohen. "Er küsst keine Babys, es geht ihm um die Sache."
Anders als der mitunter wolkige Obama ist Sanders konkret. Er zitiert unentwegt Statistiken, die präzise verdeutlichen, wie ungerecht es in den USA zugeht. Er spricht für Millionen Amerikaner, die in den vergangenen 20 Jahren vom Wirtschaftswachstum nichts abbekommen haben, die oft zwei bis drei Jobs annehmen und ihre Rechnungen trotzdem nicht begleichen können. Seine Reden erinnern bisweilen an Proseminare im Studiengang Volkswirtschaft. Und trotzdem, oder gerade deshalb, mögen ihn die Menschen. Etwas hat sich verändert in diesem Wahlkampf in Amerika. Das Zeitalter des Ungefähren scheint vorbei zu sein.
Die krasse Ungleichheit zerstöre alles, sagt Sanders' Freund Cohen: "Für die meisten Leute funktioniert Amerika nicht mehr." Im pittoresken Burlington hat Cohen jenen Ansatz verfolgen können, mit dem sein Freund Bernie nun das ganze Land reparieren will. Als Sanders 1981 überraschend zum Bürgermeister gewählt wurde, gab es konkrete Pläne, das Ufer der Stadt mit hochpreisigen Apartments zu bebauen. Sanders kämpfte wie ein Löwe gegen die privaten Investoren. "Niemand dachte, dass er diesen Kampf gewinnen könne", erinnert sich Cohen. Am Ende aber durften die Investoren keine Häuser bauen, und am Ufer entstand eine Promenade für alle.
Sanders habe damals die herrschenden Machtverhältnisse herausgefordert, sagt Cohen, das Primat der Wirtschaft über das öffentliche Wohl. "Bernie hatte diese unfassbar revolutionäre Idee namens öffentlicher Zugang", so Cohen. In den USA sei das für viele eine radikale Idee.
Auch in Deutschland gibt es das Missverständnis, wonach Sanders ein Radikaler sei, ein Sozialist oder linker Spinner. Oft wird er in einem Atemzug mit dem rechten Populisten Donald Trump genannt. Aber das wird ihm nicht gerecht. Auch wenn Sanders mit den Begriffen und der Ästhetik der Revolte spielt, sich selbst als Sozialist bezeichnet und seine Kampagne mit den aufmüpfigen Liedern der 68er-Bewegung versieht. Sanders' Veranstaltungen sind eine Mischung aus Woodstock und Kirchentag, seine Anhänger singen, trommeln und zünden Kerzen an. Sie tragen T-Shirts mit der Aufschrift "Revolution" und nennen sich "Sandernistas", in Anlehnung an die Revolution in Nicaragua.
Wenn das Ziel einer Revolution jedoch darin besteht, dass Eltern nach der Geburt zwölf Wochen bezahlte Erziehungszeit erhalten, es einen staatlichen Versicherungsschutz im Krankheitsfall geben und die Universitätsausbildung weitgehend kostenfrei sein soll, dann täte diese Revolution dem Land ziemlich gut. Mit Sozialismus hat das wenig zu tun. Gefühlt ist Sanders' Programm zu 95 Prozent deckungsgleich mit dem der CDU. Und er selbst ist ungefähr so revolutionär wie Volker Kauder.
Dennoch kommt Sanders in der Pose des Kämpfers daher, und das liegt an den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen der USA, wo die oberen 0,1 Prozent der Bevölkerung über dasselbe Vermögen verfügen wie die unteren 90 Prozent der Gesellschaft zusammen. Sanders hat diese Ungleichheit zum zentralen Thema seiner Kampagne gemacht. Und immer mehr Amerikaner hinterfragen nun, ob die extreme und raue Variante ihres Kapitalismus eigentlich gottgegeben ist. Oder ob es vielleicht ein strukturelles Problem gibt.
Im Vergleich zu Deutschland haben die Reichen der USA einen viel größeren Einfluss auf die Politik des Landes. Sie können ohne große Restriktionen spenden, diverse Wall-Street-Firmen ließen Sanders' Rivalin Hillary Clinton allein im Januar Millionen für ihre Kampagne zukommen. Sanders hingegen hat sich die Unterstützung von sogenannten Super-Pacs verbeten, jenen nur formal unabhängigen Gruppen, die ihre Kandidaten ohne größere Auflagen unterstützen dürfen. Stattdessen verschicken Sanders' Leute täglich Mails ans Volk mit der Bitte, einen oder vielleicht sogar drei Dollar zu spenden. Inzwischen hat er fast vier Millionen Einzelspenden von durchschnittlich 27 Dollar erhalten. Allein in den 24 Stunden nach dem Wahlsieg in New Hampshire gingen sechs Millionen Dollar ein.
Seine politischen Überzeugungen speist Sanders vor allem aus der eigenen Biografie. Sein Vater emigrierte mit 17 Jahren aus Polen, ohne Geld, ohne Ausbildung. Ein Großteil seiner Familie kam im Holocaust um. Mit den Eltern und seinem Bruder Larry wuchs er in einem kleinen Apartment im New Yorker Stadtteil Brooklyn auf, ein Arbeiterkind, dessen Mutter davon träumte, einmal in einem eigenen Haus leben zu können. Es blieb ein Traum, sie starb früh. Die Geschichte seiner Eltern habe ihn geprägt und politisiert, sagt Sanders. "Ich habe als Kind gelernt, was es für eine Familie bedeutet, wenn sie wenig Geld hat. Und diese Lehre habe ich niemals vergessen."
Später nahm er am legendären "Marsch auf Washington" teil, wurde zum 68er und schloss sich der Bewegung gegen den Vietnamkrieg an. Er jobbte als Zimmermann und Autor und kandidierte erfolglos für verschiedene Ämter, ehe er 1981 Bürgermeister von Burlington wurde.
In dieser Funktion flog er im Sommer 1985 nach Nicaragua, um mit Präsident Daniel Ortega den Jahrestag der nicaraguanischen Revolution zu feiern. An der Seite von Delegierten aus Vietnam, Laos und Kuba verfolgte Sanders die Revolutionsparade, die Sandinisten priesen ihn als einzigen offiziellen US-Vertreter. Er werde "nie vergessen, wie in der ersten Reihe Dutzende von Beinamputierten in Rollstühlen saßen, junge Soldaten, viele noch minderjährig, die ihre Gliedmaßen in einem Krieg verloren, den die US-Regierung finanziert hatte", schreibt Sanders in seiner Biografie.
Er flog auch nach Kuba, wo er gehofft hatte, Fidel Castro zu treffen, "was leider nicht gelang". Gemeinsam mit seiner Frau besuchte er 1988 die damalige Sowjetunion, offiziell, um eine Städtepartnerschaft zwischen Jaroslawl und Burlington einzufädeln. Dann aber nutzten sie den Ausflug, um in der Sowjetunion auch noch ihre Hochzeit zu feiern. "Es waren wirklich merkwürdige Flitterwochen", gab Sanders später zu.
Nach drei Amtszeiten als Bürgermeister wurde er 1990 ins Repräsentantenhaus in Washington gewählt. Dort kämpfte er unter anderem gegen die Pharmaindustrie und deren Wucherpreise. Für die nächste Überraschung sorgte er, als er 2007 als Unabhängiger in den Senat einzog. Erst 2015, nach Bekanntgabe seiner Bewerbung für das Präsidentenamt, trat Sanders der Demokratischen Partei bei.
Und nun? Sollte diese ebenso unwahrscheinliche wie ungewöhnliche Karriere tatsächlich im Weißen Haus enden? Bernie Sanders, der mächtigste Mann der Welt? Mit dann 75 Jahren? Hillary Clinton gilt noch immer als Favoritin, bei den nächsten Vorwahlen in South Carolina und weiteren Südstaaten könnte sie von ihrer Beliebtheit bei Schwarzen und Latinos profitieren. Aber inzwischen scheint alles möglich, Clinton hat vor allem ein Glaubwürdigkeitsproblem. In New Hampshire gab die Hälfte der befragten demokratischen Wähler an, "nur Sanders" sei ehrlich und vertrauenswürdig. Nahezu niemand der Befragten hielt "nur Clinton" für glaubwürdig.
Nach einer anstrengenden Wahlkampfveranstaltung sind Sanders, seine Frau Jane und drei seiner Kampagnenleiter zu einem Restaurant gefahren. Es liegt gleich neben dem Holiday Inn Express, in dem sie schlafen werden. Vor dem Eingang bittet Sanders seine Begleiter, schon mal vorzugehen. Er wolle etwas allein sein.
Dann läuft er kreuz und quer über den riesigen Parkplatz, umgeben von einem Aldi-Markt und der Filiale einer Autobatteriekette. Er läuft durch jene Ausfallstraßenkulisse, die überall gleich aussieht in den Vereinigten Staaten – allein mit sich und der amerikanischen Gegenwart, die an Orten wie diesem etwas sehr Deprimierendes hat.
Sanders telefoniert nicht, checkt keine Nachrichten, er tigert einfach nur herum, in sich selbst versunken, die Hände in den ausgebeulten Hosentaschen, drei-, viermal umkreist er in weitem Bogen einen roten Pick-up. Es ist nicht ganz klar, ob er gerade versucht, seinen unerwarteten Erfolg zu verstehen. Oder ob er einfach Erholung braucht, weil das, was er angestoßen hat, so unfassbar groß geworden ist.
Von Markus Feldenkirchen und Holger Stark

DER SPIEGEL 7/2016
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