13.02.2016

SchweizKöppel aus dem Sack

Wie aus dem begabtesten Blattmacher Zürichs ein Rechtspopulist wurde, der sein Land verändern will. Von Thomas Hüetlin
In der ersten Klasse im Frühzug von Zürich nach Bern sind die Mächtigen per Du wie in einer Berghütte. Roger Köppel, 50, Laptop-Tasche vom World Economic Forum Davos 2014, begrüßt einen Energiemanager. Skifahren, Berge, Kinder sind die Themen. Heile Edelweißwelt.
Dann setzt sich Köppel auf die roten Polster, und ein anderer Mensch materialisiert sich. Ein Missionar, der die Schweiz in den Untergang driften sieht. Bedroht von Flüchtlingen. Von Minarettkonstrukteuren. Von Sozialschmarotzern. Und ganz schlimm, von der EU.
Seine Partei, die Schweizer Volkspartei, mit 29,4 Prozent die stärkste Kraft im Land, hat es gern derb und laut, als sei sie für immer in der Opposition. "Kosovaren schlitzen Schweizer auf", ließ die SVP einst als Anzeige schalten.
Heute Morgen will Köppel im Parlament in Bern 65 000 Unterschriften abgeben. Ein Referendum gegen die Reform des Asylgesetzes, die Flüchtlingen weiterhin einen kostenlosen Anwalt garantiert.
"Ich verstehe jeden Migranten, der kommt", sagt er. "Der Mensch ist ein Jäger und Sammler, der nimmt alles, was man ihm hinstellt." Und hinstellen, findet Köppel, soll die Schweiz viel weniger. Es soll Schluss sein mit einer Willkommenskultur, die er "größenwahnsinnig" nennt.
Fast 40 000 Asylbewerber seien im letzten Jahr gekommen, die meisten aus Eritrea, einer brutalen Diktatur. Köppel sagt: "Ich kann jeden verstehen, der Eritrea verlassen will." Zwar gebe es dort seit Jahren keinen Krieg mehr, dafür aber Kommunismus, das Land sei arm, funktioniere nicht richtig. Da wolle jeder normale Mensch raus. Aber nicht zu uns.
Mit der Sprache und Haltung eines Rechtspopulisten ist Roger Köppel zu einem der Stars der Schweizer Politik geworden. Trotz Listenplatz 17 zog er im Herbst bei den Nationalratswahlen im Kanton Zürich mit der höchsten Stimmenzahl ins Parlament ein. Er selbst führt den Erfolg auf seine "protestantische Unerbittlichkeit" zurück. Einen Grinder hat er sich genannt, eine Zerkleinerungsmaschine.
Früher stand Köppel für einen unkonventionellen Blick auf die Welt. Er ließ ihn zu einem angesehenen Journalisten werden, neugierig, eloquent. Als Chefredakteur erfand er Ende der Neunzigerjahre im Zürcher "Tages-Anzeiger-Magazin" und in der "Weltwoche" einen coolen und provokativen Journalismus. Da schon begann er, mit reaktionären Positionen zu flirten, bekannte sich aber nicht offen zu ihnen. Im Jahr 2004 holte ihn Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner als Chefredakteur zur "Welt" nach Berlin.
Seit seiner Rückkehr in die Schweiz 2006 lässt Köppel keinen Zweifel mehr darüber aufkommen, dass für ihn die Wahrheit rechts zu finden ist. Und in diesen Tagen schreibt er Sätze wie: "Dass in Deutschland die Asylheime brennen, hat mit der Weigerung der Regierung und der Medien zu tun, die berechtigten Sorgen der Leute aufzunehmen."
Das ist hinterhältig und falsch, und trotzdem ist Köppel kein stumpfer Spießer wie das freakhaft wirkende Personal der AfD. Er fühlt sich in New York wohl, er findet London wunderbar. Er ist verheiratet mit einer Vietnamesin, die als Boatpeople-Kind in die Schweiz kam und mit der er drei Kinder hat. Reden kann er auch. Mit roten Wangen und der Unbeirrbarkeit eines Marathonläufers spult Köppel in deutschen Talkshows seine Thesen herunter. Für Schwarzgeld, für Sepp Blatter, aussichtsloses Zeug. Ein Verrückter?
Inmitten von berechenbaren Demokraten umgibt ihn die Aura eines Provokateurs. Wo er ist, so sehen es seine Anhänger, ist Action, geht es frech zu, ist etwas los. Außerdem spricht er gern von "dunklen Imperien", er sagt: "Die Macht erwacht." Das ist die Sprache von "Star Wars", "Harry Potter". Sein Zuhause sind die modernen Mythen der Hollywoodblockbuster, die er mit den Mythen des vermeintlich einzigartigen Schweizer Bergvolks verwebt: der Rütlischwur, die Weisheit der direkten Demokratie, das Charakterbildende der eisigen Höhen, der kauzige Humor des Berglers.
Es ist eine ungewöhnliche Karriere vom Philosophiestudenten zum bekannten Chefredakteur zum Rechtspopulisten, aber Köppel ist der Beweis, dass so etwas geht.
Manche können es noch immer nicht ganz glauben. Zum Beispiel der Bestsellerautor Martin Suter. Er hat das Seelenleben der Schweizer in vielen Romanen seziert. Man trifft ihn in der Bar der Zürcher Kronenhalle, wo er, umgeben von Bildern Chagalls und Picassos, ein alkoholfreies Bier konsumiert. Man sei befreundet gewesen, erzählt Suter. Köppel habe früher die Familie Suter, die auf Ibiza und in Guatemala lebte, dort in den Ferien besucht.
Köppel sei damals so kreativ gewesen, so überraschend, schwärmt Suter. Aber jetzt gehe der hemdsärmelig zu SVP-Veranstaltungen, die übersetzt "Bauernfrühstück" heißen. Dazu die Wahlpropaganda, die grobschlächtige Grafik, das sei schon alles sehr peinlich. "Das sind doch nicht die Leute, mit denen der Roger gerne am Abend eine gute Flasche trinkt", sagt Suter. Dann formuliert Suter eine Art Hoffnung. "Ich bin nicht sicher, ob der Roger rechts ist. Er ist mehr rechthaberisch als rechts. Man kennt solche Leute aus dem Konfirmationsunterricht. Die steigern sich in irgendetwas rein aus reiner Debattiersucht."
Zu seinem Glück ist Suter nicht in Bern, als an diesem kalten Januarmorgen vor dem Bundeshaus die 65 000 Unterschriften überbracht werden. Neben den Kartons mit den Unterschriften liegt ein roter Teppich, ein Symbol für den angeblichen Umgang der Schweiz mit Flüchtlingen.
"So, und jetzt zusammenrollen und dann weg", sagt am Schluss Toni Brunner, der Präsident der SVP. Dann muss Köppel mit Brunner und ein paar anderen in die Knie und den Teppich wegräumen.
Es ist politisches Theater von der groben Sorte, das da betrieben wird. Es passt zu Brunner, der Bauer ist und immer gut für einen Schenkelklopfer, und es passt auch zu den wenigen Parteimitgliedern, die mit Goldkettchen, trübem Blick und Zigarette um ihn herumstehen und aussehen, als könnten sie bei der Mafiaserie "The Sopranos" mitspielen. Aber passt das auch zu Köppel, dem früher so urbanen Intellektuellen?
"So, jetzt gehen wir in den Bären etwas trinken", sagt Brunner. Zu Köppel, der wirkt, als hätte er nichts gehört, schickt Brunner eine Extraaufforderung. "Komm doch auch noch mit." Köppel folgt ohne Begeisterung.
Im Bären nippt er an einer Cola. Ein SVP-Mann aus dem Rheintal stürzt das zweite Bier hinunter und beschwört Köppel, endlich Ernst zu machen mit den Feinden der Schweiz, die er als Europa und Angela Merkel identifiziert. Und wenn sich Widerstand regt bei den Feinden? "Dann", sagt der Mann, "machen wir den Gotthard-Tunnel dicht." Köppel leert seine Cola. Er muss, will, darf zum Zug.
In seinem ersten Job ist Köppel Verleger, Chefredakteur und Besitzer der "Weltwoche", einer Wochenzeitung, die auf eine stolze, im Zweifel linksliberale Tradition zurückblicken kann.
Den Vormittag über in Bern, hatte Köppel seine Parteifreunde mit der Freude eines kaugummistehlenden Kindes in seine Davos-World-Economic-Forum-Tasche blicken lassen. Lächelnde Zustimmung.
Nun, in Zürich, offenbart er sein Geheimnis. Es ist ein Exemplar der "Weltwoche", die am nächsten Tag erscheint. Auf dem Cover die Überschrift: "Kriminelle Ausländer in der Schweiz". Dazu eine Illustration, als hätte Hieronymus Bosch das Land in den Bergen als Jahrmarkt der Apokalypse gemalt. Ein arabisch anmutender Kapuzenmann zeigt mit dem Finger auf den Leser, in der Faust ein Schlagring. Hinter ihm grinst ein Juwelenräuber, einer prügelt mit dem Schlagstock, einer begutachtet verzückt einen rosa Büstenhalter.
In Deutschland würde man sich mit solch einem Cover in der Tradition des "Stürmer" aus der seriösen Welt verabschieden. Köppel setzt sein Marathonläufer-Gesicht auf. Die Zeichnung sei von Morten Morland, einem Cartoonisten, der sonst für die konservative "Times" arbeitet. Ausländerkriminalität sei ein düsteres Thema, sagt Köppel. "Der Zeichner hat das Thema präzise erfasst und hervorragend umgesetzt, auf seine Art mit britischem Humor." Köppel streichelt die Seite jetzt fast.
Der kriminelle Ausländer an sich ist natürlicherweise ein Lieblingsthema der SVP. In den vergangenen Jahren war sie erfolgreich gewesen mit der "Masseneinwanderungsinitiative", dank derer es demnächst auch für Europäer wieder Einwanderungsquoten geben soll. Davor hatte eine Mehrheit der "Ausschaffungsinitiative" zugestimmt, die eine umgehende Abschiebung kriminell gewordener Ausländer verlangte.
Und nun kommt am 28. Februar die "Durchsetzungsinitiative" zur Abstimmung. Die heißt so, weil sie die Forderungen der "Ausschaffungsinitative", die nach Ansicht der SVP vom Parlament unzulänglich umgesetzt wurde, noch weiter verschärfen soll. Wer als Ausländer straffällig wird, soll nun schon bei minderen Delikten automatisch abgeschoben werden, ohne Ermessensspielraum für ein Gericht. Hausfriedensbruch oder ein wenig Haschisch könnte dann bereits genügen, um ausgewiesen zu werden.
Als der Schweizer Talkmoderator Roger Schawinski Köppel eine Liste mit Vergehen dieser Kategorie zeigte und lachend fragte: "Roger, welches dieser Dinge hast du noch nicht getan" – da redete Köppel schnell von etwas anderem.
Schawinski ist in vielem das Gegenteil von Köppel. Seine Vorfahren kamen aus Polen, das Motto seines Vaters Abraham, eines Vertreters für Bettwäsche, lautete: "Es geht mir in jeder Hinsicht immer besser und besser." Zu solchem Optimismus gehört, das begriff Schawinski früh, eine gewisse Offenheit für die Welt.
Schawinski hat mit unkonventionellen Unternehmungen ein Vermögen gemacht, darunter der erste Piratenradiosender der Schweiz, dessen Antenne er in den Siebzigerjahren auf einen fast 3000 Meter hohen Berg in Italien stellte. Sein Leben ist eine Erfolgsgeschichte, die viel dem Geist von 1968 verdankt. Rebellion, Hedonismus, Reichtum, schöne Frauen. Mit 70 Jahren ist Schawinski immer noch bei der Arbeit, man trifft ihn in einem seiner Privatradiosender.
Schawinski schätzt Köppel als eloquent und fleißig, aber er sagt auch: "Köppel ist sehr gefährlich. Es fehlt ihm ein gewisses moralisches Fundament."
Köppel, sagt Schawinski, sei ein traumatisierter Mensch. Aufgewachsen in Kloten, der Einflugschneise von Zürich, die Eltern seien früh gestorben, die Mutter, als Köppel 13 Jahre alt war, durch Selbstmord. In dem Waisen hätte sich das Gefühl ausgebreitet: "Entweder ich gehe unter, oder ich gehe ganz nach oben."
Fragt man Köppel nach dieser Zeit, gibt er eine knappe Antwort. "Natürlich war das ein Schicksalsschlag", sagt er. "Aber das Leben geht weiter. Weiter zur Schule gehen. Machen. Dranbleiben." Seine Lehrerin habe ihn damals mit den Worten getröstet: "Du bist halt schneller erwachsen geworden als die anderen, hast nicht so eine lange Jugend."
Vom Bauunternehmen, das sein Vater als Maurer zum mittelständischen Betrieb aufgebaut hatte, wollte der Sohn nichts wissen. "Ich war der Erste in unserer Familie, der ein Gymnasium besucht hat", sagt Köppel. Er studierte politische Philosophie und Geschichte. Seine Abschlussarbeit schrieb er über den konservativen Staatsrechtler Carl Schmitt.
Noch während des Studiums wird Köppel Eishockeyreporter bei der "Neuen Zürcher Zeitung", bald schreibt er auch über Musik und Film. Sein Blick auf die Welt ist gegen den Konsens gerichtet, das Vorhersehbare. Es ist ein unschweizerischer Blick, abweichend vom gesellschaftlichen Erfolgsmodell des Landes, das von seinen Bewohnern gern als "Genialität des Mittelmaßes" beschrieben wird. Köppel steigt weiter auf, wird Chefredakteur des Magazins des liberalen "Tages-Anzeigers".
Dort verfasst er etwa eine Polemik mit dem Titel "Zum Genre des Scheißfilms". Der Scheißfilm, das ist bei ihm das Autoren- und Kunstkino von Theo Angelopoulos, Wim Wenders und Alain Tanner, das Lieblingskino der 68er. Er hat sein Feindbild gefunden, und er weitet es aus. Der linksliberale Diskurs der wichtigen Medien des Landes, der Politik: alles ein großer Acker der Langeweile, ein Scheißfilm.
Der Scheißfilm, das ist der "Gottesdienst der Wohlmeinenden" wie Köppel sie nennt. "Die Inquisitorengesichter", die ihn mit ihrer politisch korrekten Weltsicht anöden. Ein Kosmos, in dem Berlusconi und George W. Bush schlecht und Minderheiten erst einmal gut sind. Natürlich ist sein Blick zunächst interessant.
Aber Köppel genügt das nicht. Er möchte den Scheißfilm nicht nur kritisieren und beschimpfen, er will einen anderen Film.
In diese Zeit fällt Köppels Interview mit dem rechtskonservativen Schweizer Politiker Christoph Blocher. Als er von seinem Vorhaben erzählt, verdrehen die wohlmeinenden Inquisitorengesichter die Augen. Blocher, ein Autokrat und Antidemokrat, das Letzte – den sollte man nicht unnötig vorkommen lassen, so die Ratschläge. Nach dem Interview ist Köppel derart begeistert, dass er mitten in der Nacht Freunde anruft und mitteilt, dies sei das wichtigste Treffen seines Lebens gewesen. Er spricht von Blocher wie von einem Meister, dem er sich schließlich ganz hingeben wird.
Blocher ist die prägende Figur der Schweizer Politik der vergangenen 30 Jahre. Er spaltet das Land.
Seine Gegner sehen den Milliardär als ausländerfeindlichen Rechtspopulisten. Seine Fans preisen ihn als "konservativen Revolutionär", er hat die SVP von einer Randpartei mit 11 Prozent der Stimmen Anfang der Achtzigerjahre zur stärksten Partei des Landes gemacht, die nun fast 30 Prozent erreicht.
Blochers politisches Engagement liest sich wie eine Top-Ten-Liste gegen die Vernunft des späten 20. Jahrhunderts. Blocher rechtfertigte mitunter die Apartheid in Südafrika, bekämpfte ein Gesetz, das die Gleichberechtigung in der Ehe garantierte, und führte den Kampf seines Lebens: gegen eine Mitgliedschaft der Schweiz in der EU. Sein größter Feind? Der angeblich linke Zeitgeist.
Blochers Politik haftet etwas Missionarisches an. Er glaubt an die calvinistische Lehre, wonach das Schicksal eines Menschen auf Erden vorbestimmt ist. Sein politisches Wirken ist kein Wollen, sondern ein Müssen. Er glaubt, er habe den Auftrag, die Schweiz zu retten.
Wieder Köppels Marathonläufer-Gesicht. "Eine Schweizer Jahrhundertfigur, sehr erfolgreich und verantwortlich dafür, dass die Schweiz heute nicht in der EU ist", sagt er über Blocher. Erfolg, das scheint eines der Zauberwörter für Köppel zu sein. Also nachgefragt: Auf welchen Feldern war Blocher in Köppels Augen besonders erfolgreich? Seine Antwort ist kurz, aber schneidend, sozusagen neukernschweizerisch: Familie, Karriere, Militär.
Im Januar hält Köppel bei einer Schweizer Medientagung einen Vortrag im World Trade Center Zürich. Mit dem New Yorker Vorbild hat es wenig gemein, es ist flach, die Tiefgarage so eng, dass Köppel mehrere Versuche benötigt, um seinen Audi-SUV zu parken. In seinem Vortrag geht es um seine Zeitung, die "Weltwoche".
Köppel holt wieder einen seiner populären Hits heraus, seine Erkenntnis, dass jene Filme, die in den seriösen Tageszeitungen verrissen werden, die guten sind, und dass man sich jene, die dort gelobt werden, garantiert nicht anschauen sollte. Gelächter, sogar der ehemalige Chefredakteur des "Tages-Anzeigers" ruft: Er habe das Feuilleton ja im Sinne Köppels geändert. Das World Trade Center Zürich ist jetzt warmgeredet.
Einer Art Dauerverriss sei auch die Schweiz in den Neunzigerjahren ausgesetzt gewesen, fährt Köppel fort. Ein Auslaufmodell, für das nur noch ein paar wenige gekämpft hätten. Er habe das Gefühl gehabt, um seine geliebte Schweiz verteidigen zu können, "musst du dir deine eigene Zeitung kaufen".
Er war damals Chefredakteur der "Welt" in Berlin und bekam das Angebot, die "Weltwoche", die er zuvor als Chefredakteur geführt hatte, als Verleger zu übernehmen. Es kam vom damaligen Besitzer, dem rechtskonservativen Tessiner Financier Tito Tettamanti. Es folgte ein Geschäft, das bis heute viele Fragen aufwirft. Köppel kündigte nach zwei Jahren seinen Job als Chefredakteur bei der "Welt". Der Preis der "Weltwoche" wurde damals auf zehn Millionen Schweizer Franken geschätzt.
Wie nun ein Chefredakteur, der in der Einflugschneise Kloten aufwuchs, gerade einmal 41 Jahre alt, zehn Millionen auf den Tisch gelegt haben soll, gehört zu den besser gehüteten Geheimnissen des Schweizer Bankwesens. Köppel selbst sagt grinsend, "man habe über den Kaufpreis Stillschweigen vereinbart. Ich habe damals mein gesamtes Vermögen investiert und mich hoch verschuldet".
Seine Gegner, ja selbst Freunde sagen, Blocher habe ihm die "Weltwoche" finanziert, möglicherweise durch einen viel niedrigeren Preis oder durch Bankbürgschaften. "Es war ein Schleuder- oder Freundschaftspreis und über Bande gespielt", sagt Schawinski.
"Klar hat er das Geld nicht gehabt", sagt der Schriftsteller Martin Suter, "bestimmt haben Leute aus dem Machtbereich der SVP für seine Bankkredite garantiert."
Gut fünf Jahre vor dem Deal mit der "Weltwoche" hatte Köppel, von vielen Kollegen bewundert, den Spitznamen Harry Potter bekommen. Der hing mit dem jungenhaften Aussehen zusammen, dem immer ein wenig verwunderten Blick. Ausgerechnet er erwählte nun Christoph Blocher zu seinem Gönner und Übervater.
Das echte Leben ist kein Märchen, die meisten Dinge haben ihren Preis, und trotzdem ist Köppel kein Mensch, den man einfach kaufen kann. Man muss ihn füttern und ihm die Möglichkeit zur Selbsthypnose geben. So ähnlich muss es Blocher angestellt haben. Jedenfalls beraubt sich Köppel, seit er Eigentümer der "Weltwoche" wurde, selbst seiner Freiheit, seiner Offenheit, seiner Lust am abenteuerlichen Denken.
Die Klimaerwärmung gilt in seiner "Weltwoche" als Erfindung der Linken, Atomkraft als gesund, der Feminismus ist "der Kommunismus der Frauen, die unter der Tatsache ungleich verteilter Schönheit leiden", südamerikanische Juntachefs werden als verkannte Wohltäter gefeiert. Neulich schrieb er in einem Editorial über Hermann Göring, dieser sei weder "Monster noch Teufel" gewesen, er stellte ihn als hochintelligenten Verführten dar.
Suter sagt, er habe endgültig aufgehört, die "Weltwoche" zu lesen, als dort Efraín Rios Montt verteidigt wurde, der ehemalige Diktator Guatemalas, in erster Instanz wegen Völkermords zu 80 Jahren Gefängnis verurteilt.
Der Sitz, den Köppel jetzt im Schweizer Nationalrat für die SVP innehat, schränkt seinen Denkraum weiter ein. So wie Köppel seine Rolle interpretiert, ist diese Selbsteinengung nur konsequent. Die "Weltwoche" ist heute Parteiblatt, Kampagnen werden mit großer Härte gefahren, Abweichler in der Partei öffentlich angeprangert. Der Marathonläufer ist jetzt ein mächtiger Mann. Viele haben Angst vor ihm, vor allem Kollegen. Die Schweiz ist ein kleines Land.
Wie sehr sich Köppel radikalisiert hat, wie er von Harry Potter zum Köppel aus dem Sack wurde, kann man an einem Mann namens Bruno Ziauddin sehen. Ziauddin sitzt in einem Café am Zürichsee, er wirkt bedrückt.
Ziauddins Vater ist Inder, er selbst hat einen Schweizer und einen britischen Pass, ist in der Schweiz geboren und aufgewachsen, spricht Schweizerdeutsch und war lange ein Weggefährte Köppels, bis er es nicht mehr aushielt. Wenn man Anfang der Nullerjahre nach Zürich kam, stellte Köppel einem Ziauddin als seine rechte Hand vor. Den indischen Vater, den britischen Pass, das alles lobte Köppel, seht her, so globalisiert, so international ist die "Weltwoche".
Nun hat Ziauddin einen Roman geschrieben. Er ist gerade erschienen, heißt "Bad News", und es geht um eine Wochenzeitung, deren Chefredakteur immer mehr dem rechten Denken und dem Ressentiment verfällt. Einer, der es aufregend und sexy findet, auf den vermeintlich linken Konsens einzuprügeln, und sich nicht um die Gefühle derer schert, die als Minderheiten gelten. Die Leser posten eifrig Kommentare unter die Artikel. "Ziegenficker" für Muslime ist noch einer der harmloseren. Eines Tages macht sich der Sohn einer im Bosnienkrieg vergewaltigten, traumatisierten muslimischen Mutter mit einem Messer auf in Richtung Redaktion.
Natürlich sagt Ziauddin, "Bad News" sei ein fiktiver Schlüsselroman, aber er gibt zu, dass viele Parallelen zu Köppel existieren. Er spricht vom Verlust der "Diskurshoheit der Linken", wie sich das "Provokationspotenzial nach rechts gewandt" habe und wie es bei den Rechtspopulisten einen höheren Drang gebe, die Dinge zu ändern. "Im Fußball würde man sagen, sie wollen den Sieg mehr."
In Ziauddins Roman steht Köppels Alter Ego während einer Redaktionskonferenz auf und sagt: "Die Linken sind das wahre Establishment. Und wie immer, wenn sich eine bestimmte Klasse in der Macht eingerichtet hat, formiert sich früher oder später Widerstand, ein Korrektiv. Heute sind wir wieder so weit: Es braucht eine neue 68er-Bewegung. Nur diesmal von der anderen Seite. Rechts ist das neue Links."
Nun ist die Schweiz einer der modernsten und wohlhabendsten Staaten der Welt, der Ausländeranteil beträgt 25 Prozent, die Arbeitslosigkeit liegt bei 3,4 Prozent. Köppel selbst ist einer der Profiteure dieser vielfältig gewordenen Schweiz. Seine Frau, das Flüchtlingsmädchen, brachte es im Alpenstaat zur Portfoliomanagerin bei der UBS.
Wenn man Köppel fragt, ob seine ressentimentgetriebene Politik nicht das torpediere, was er privat lebe, blickt er einen verdutzt an. Viele der Einzelschicksale, sagt er, "zerreißen einem das Herz". Auch fehle es ihm nicht an Empathie.
Es ist so eine Sache mit der Empathie bei ihm. Später, beim Essen im Restaurant, schüttelt er empathisch einem Theologen, der sich als Vertreter der sehr reaktionären Opus-Dei-Bewegung vorstellt, die Hand. Empathisch streift sein Blick noch einmal das "Stürmer"-Cover der "Weltwoche". Die Laune könnte nicht besser sein, alles prima, rote Wangen, volle Empathie.
Manchmal, wenn man mit Köppel zusammen ist, hat man das Gefühl, dass da jemand die Brüche des modernen Lebens, die auch sein Dasein bereichern, mit schwerem Mörtel zubetoniert.
Das Anything-Goes seiner früheren Blattmacherjahre hat er umgewandelt: Alles geht, ohne Tempolimit, aber nur auf der rechten Spur. Für einen Intellektuellen wie ihn gibt es dort viel Raum. Wenn man ihn aber von früher kennt, wirkt der Roger Köppel von heute wie ein Geisterfahrer.

Über den Autor

Thomas Hüetlin arbeitet seit 25 Jahren als Reporter beim SPIEGEL. Er war Korrespondent in New York und London, wo ihn Köppel öfter besuchte. Der Schweizer war damals anders, neugierig, Antworten zu finden, die er noch nicht auswendig kannte. Heute hat der große Freiheitsverteidiger seine Freiheit gegen das Parteibuch der SVP getauscht. Ein Jammer.
Von Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 7/2016
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