13.02.2016

KommentarIm Land der Hasenfüße

Wie Schulreformen am Druck der Eltern scheitern
Deutschlands Eltern feiern einen weiteren Sieg über die Kultusbürokratie: Soeben beschloss das Berliner Abgeordnetenhaus das Ende der Früheinschulung. Nächsten Sommer muss in Berlin nur in die erste Klasse, wer vor dem 30. September sechs Jahre alt wird; zuvor war der 31. Dezember Stichtag für die Schulpflicht. Die Rolle rückwärts kostet das Land rund 30 Millionen Euro pro Jahr – es fehlen ja nun Kitaplätze. Dazu kommen gut 30 Millionen für einmalige Investitionen, so Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Durchgesetzt haben die Reform der Reform vor allem die Eltern. Scharenweise ließen sie ihre Sprösslinge von der Einschulung zurückstellen, zuletzt knapp ein Fünftel eines Jahrgangs.
Schadet die frühe Einschulung den Kindern? Nicht zwangsläufig, das zeigt eine Auswertung von Vergleichsarbeiten an öffentlichen Schulen in Berlin. In der achten Klasse konnten die jüngeren Kinder genauso gut lesen und rechnen wie ihre älteren Mitschüler. Schadet den Kindern die Hasenfüßigkeit der deutschen Kultusminister, die regelmäßig vor den Eltern einknicken? Ja, weil sie das Schulchaos zementiert – das zeigt ein Blick auf ausgewählte Reformversuche der letzten Jahrzehnte.
Da war, zum Beispiel, die verknappte Gymnasialzeit. Kaum eingeführt, galt "G 8" schon als Synonym für Überforderung und Schüler-Burn-out. Nach viel Elterngeheul hoben manche Bundesländer die Reform wieder auf, andere lassen die Schulen entscheiden, ob sie G 8, G 9 oder gar beides anbieten möchten, wieder andere halten fest am Abi nach zwölf Jahren.
Oder die Ganztagsschule: An das Programm einer früheren Bundesregierung gemahnen heute zahlreiche Schulkantinen. Zwar können nun die Kinder bis zum Nachmittag in der Schule bleiben, vielerorts aber nur freiwillig, denn zwingen lassen sich deutsche Mütter und Väter nicht gern. Ein didaktisch sinnvoller Ganztagsunterricht kann so natürlich nicht funktionieren.
Ruhmlos war auch das Ende der aus Skandinavien importierten Idee des längeren gemeinsamen Lernens. Wäre es nicht schön, wenn die Kinder erst nach sechs statt nach vier Jahren Grundschulzeit getrennt würden? Auf keinen Fall, fanden Hamburgs Gymnasialeltern und stoppten den Systemumbau per Volksentscheid.
Waren die Reformen vielleicht einfach schlechte Ideen? Wir werden es nie wissen. Wenige Neuerungen überlebten lange genug, um sich zu bewähren.
Von Julia Koch

DER SPIEGEL 7/2016
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