13.02.2016

NilsMinkmarZur ZeitWelt im Schuhkarton

Im Haus gegenüber wurde die Wohnung eines alten Schneidermeisters aufgelöst. Möbel standen am Straßenrand, man konnte aber auch hineingehen und sich etwas aussuchen, alles wurde verschenkt. Die Wohnung war eine Art Zeitkapsel, die plötzlich geöffnet wurde. Es gab eine Musiktruhe, Gummibäume, Vitrinen und ein weiß furniertes Schlafzimmer. Ich nahm einen Schuhkarton voller Karten an mich, er trug die Aufschrift: "Ansichtspostkarten von unseren Urlauben". Die ersten Karten waren von 1947, die letzte aus dem Jahr 2008. Fast alle ohne Text und ohne Briefmarke, es handelte sich um Souvenirs.
Die Karten zeigen Gebirgskämme, Städte aus der Vogelperspektive, geometrisch korrekte Nachkriegsbauten und kaum je einen Menschen. Es sind Destinationen berücksichtigt, die heute völlig unbekannt sind, Schlangenbad, Bad Krozingen oder Nierstein am Rhein. Dafür fehlen die beliebten Reiseziele unserer Tage. Man sieht keinen Strand, keinen Sonnenuntergang und Palmen nur von der Insel Mainau im Bodensee. Heute halten wir weltweiten Spaß für eine Art Menschenrecht. Doch so ist es erst seit Kurzem. Für meinen unbekannten Nachbarn sollte sich die Welt nach dem Motto des Buchs von Ludwig Harig zeigen: "Ordnung ist das ganze Leben". Neue, breite Straßen gaben den weiten Wäldern eine Struktur. Ein Parkplatz, aus der Luft fotografiert, wirkte wie ein Tribut an die menschliche Tüchtigkeit. Sechs Postkarten zeigen Heidelberg, fünf davon das Schloss und eine den Hauptbahnhof: In klaren Linien, mit hohen Fenstern und flachen Dächern dokumentiert das neue Deutschland, dass es nichts mehr zu verbergen hat.
Die Reiseziele reichen von Aachen bis Wien. Einmal ist das Mittelmeer abgebildet, einmal der Eiffelturm, aber das sind frankierte Karten, die Freunde geschickt haben. Eine Freundin hat es mit Fernreisen, sie schreibt einmal aus Costa Rica und auch aus Berlin. Exotische Tiere finden sich nur auf einer Karte: zehn Pinguine von der Bundesgartenschau in Karlsruhe 1967. Autos sind in fast jeder Stadtansicht zu sehen, gutmütige, gewölbte Modelle mit dicken Reifen. Damals war der Mensch noch ganz Landsäugetier, nur dreimal sieht man das sauber eingehegte Blau eines Freibads. Eine nächtliche Stadtansicht mit Leuchtreklame gibt es, natürlich aus Wien – Wien war ja damals New York, Bangkok und Shanghai zugleich. Aus der Welt der internationalen Prominenz findet sich ein Autogramm von Maria und Margot Hellwig, die Politik ist mit dem Berghof Adolf Hitlers vertreten: Aus Berchtesgaden zeigt eine Karte, wie es vorher aussah, also beschaulich und geordnet, mit dem wesentlichen Kennzeichen des schönen Lebens – gepflegten roten Blumen. Darunter zeigt die Karte das Danach, als die Alliierten fertig waren: eine deprimierende Ruine.
Diese Karten haben eine Botschaft: Glück ist eine saubere und wohlgeordnete Welt mit Parkplätzen, Geranien und einer Fontäne, die aus einem Weiher sprudelt. Menschen meidet man besser. So wie der verstorbene Nachbar sehen noch viele ältere Deutsche die Welt. Die Flüchtlinge versetzen sie in Panik. Ich glaube, die ist nicht begründet. Aber wer sagt es ihnen? Und wem vertrauen sie?
An dieser Stelle schreiben Nils Minkmar und Elke Schmitter im Wechsel.
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 7/2016
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