13.02.2016

SPIEGEL-Gespräch„Der Islam hat die Poesie getötet“

Vor der Verleihung des Remarque-Friedenspreises wehrt sich der syrische Lyriker Adonis gegen seine Kritiker. Er meint, nur die Trennung von Staat und Religion könne die Konflikte der arabischen Welt lösen.
Die geplante Auszeichnung des in Syrien geborenen Schriftstellers Adonis mit dem Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück hatte im vergangenen Jahr heftigen Streit ausgelöst. Die Ehrung, die schon im November hätte stattfinden sollen, wird nun am 19. Februar nachgeholt. Die Proteste von Menschenrechtsaktivisten und Kritikern des syrischen Regimes sind nicht verstummt. Im SPIEGEL erhob der 1980 aus dem Irak nach Deutschland geflohene Autor Najem Wali seinen Einspruch (47/2015) . In der Kontroverse geht es vor allem um das politische Denken von Adonis und seine ablehnende Haltung zum syrischen Widerstand. Adonis, die mythologische Figur, die Schönheit, Liebe, Tod, Wiedergeburt und Fruchtbarkeit symbolisiert, ist das Pseudonym von Ali Ahmad Said Esber, 86. Er lebt in Paris und gilt als der bedeutends-te lebende Dichter arabischer Sprache. Adonis wurde mehrmals als Anwärter für den Literaturnobelpreis genannt und erhielt 2011 den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt. Zuletzt erschien von ihm auf Französisch der Gesprächsband "Violence et Islam" ("Gewalt und Islam"; Éditions du Seuil). Darin beschäftigt er sich mit der arabischen Zivilisation und dem sakralisierten Charakter der Gewalt.

SPIEGEL: Adonis, haben Sie überlegt, den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis abzulehnen, nachdem die Stadt Osnabrück die Verleihung wegen der heftigen Proteste verschoben hatte?
Adonis: Warum hätte ich verzichten sollen? Ich kann keinen vernünftigen Grund dafür erkennen.
SPIEGEL: Als Dichter sind Sie unumstritten, in der Politik aber provozieren Sie mit Ihrer Haltung zum syrischen Bürgerkrieg und Ihrer Fundamentalkritik am Islam. Der Name des leidenschaftlichen Pazifisten Remarque steht mehr für einen politischen als für einen literarischen Preis.
Adonis: Auch ich bin leidenschaftlicher Pazifist. Ich lehne Gewalt ab. Mein dichterisches Werk hat eine politische Dimension – sogar eine eminent politische, wenn auch untergründige, weil es einen Bruch mit der vorherrschenden arabischen Kultur darstellt. Poesie verliert ihren Sinn, wenn sie aufhört, nach der Wahrheit zu suchen. Poesie ist eine Frage, wie übrigens auch die Mythologie, der sie ähnelt. Religion dagegen ist eine Antwort. Deshalb sage ich, dass Dichtung eine Dekonstruktion der Religion ist.
SPIEGEL: Wahre Dichtung ist immer subversiv?
Adonis: Das Schöpferische an ihr ist die Fähigkeit, eine andere Welt zu entwerfen. Sie ist ihrem Wesen nach ein utopisches Projekt. Für die arabische Kultur gibt es keine Hoffnung, die auf der Kontinuität der Vergangenheit beruht. Die arabische Gesellschaft ist heute die Bühne eines schrecklichen Schauspiels von Gewalt und Tod. Der Fäulnisprozess ihrer Institutionen ist unaufhaltsam. Die Zäsur muss radikal sein. Wir brauchen eine neue Lesart unserer Kultur, eine neue Ordnung der Dinge, wie Michel Foucault es genannt hat, ein neues Verhältnis des Menschen zur Welt und zum Fortschritt.
SPIEGEL: Mit dieser Einstellung müssten Sie der Paradedissident schlechthin sein.
Adonis: Die Polemik um die Preisverleihung stützt sich auf Lügen. Ich bin bereit, mich der Diskussion zu stellen. Ich habe den Eindruck, dass meine Kritiker nicht lesen, was ich schreibe, und nicht hören, was ich sage.
SPIEGEL: Ihre Kritiker vermissen vor allem eine deutliche Stellungnahme gegen das syrische Regime und das von ihm entfesselte Massenmorden.
Adonis: In meiner Jugend habe ich mich ideologisch engagiert und politisch Partei ergriffen. Dieses Stadium habe ich hinter mir gelassen. Mir geht es nicht um ein politisches Ziel, sondern um die Freiheit des Menschen, um die Universalität seiner Würde und seiner Rechte.
SPIEGEL: Ist diese Entrücktheit in der jetzigen Lage nicht eine Flucht vor der Verantwortung?
Adonis: Jeder Mensch trägt Verantwortung für die Freiheit des anderen. Ich befinde mich seit Jahrzehnten im Widerstand gegen das Regime in Damaskus. Gerade deshalb kann ich mich nicht einer Opposition anschließen, in der ich nur dessen Kehrseite erkenne. Die arabische Erhebung ließ zu Beginn auf ein Erwachen hoffen, auf einen wunderbaren Aufbruch zu einer Gesellschaft der Freiheit, der Gleichheit und des Rechts. Nach fünf Jahren steht der sogenannte Arabische Frühling vor dem absoluten Scheitern: ein Frühling ohne Schwalben. Die Ereignisse haben gezeigt, dass es sich nicht um eine authentische Revolution handelte, sondern um einen schmutzigen Krieg, und dass dieser Kampf um die Macht, statt sich gegen die Tyrannei zu richten, selbst eine Tyrannei geworden ist.
SPIEGEL: Sie relativieren schon wieder, indem Sie den Widerstand einfach als Spiegelbild des Regimes abtun. Sie können doch die Gewalt des Diktators nicht gegen die der Aufständischen aufrechnen. Eine solche Gleichsetzung entzieht jedem Freiheitskampf die Legitimation. Der Protest in Syrien, wie auch anderswo in der arabischen Welt, hatte mit gewaltfreien Demonstrationen begonnen. Assad ließ als Erster schießen.
Adonis: Gewiss. Aber eine Revolution, die eine wirkliche Veränderung, eine Befreiung herbeiführen will, darf nicht dazu beitragen, ihr Land zu zerstören und ins Chaos zu stürzen. Die Eskalation der Gewalt hat jenen Kräften zum Durchbruch verholfen, die zur größtmöglichen Brutalität entschlossen sind. Aus dem Licht der Hoffnung ist die Finsternis der Barbarei geworden. Eine Revolution, die beim Großwerden eines Monsters wie des "Islamischen Staats" geholfen hat, muss ihre Voraussetzungen überdenken und ihre Grundlagen infrage stellen.
SPIEGEL: Auch das Assad-Regime verweist auf den Terror der IS-Dschihadisten, um die bewaffnete Opposition zu diskreditieren.
Adonis: Dieser Bürgerkrieg hat nichts mehr mit der Befreiung der Völker zu tun. Er kündigt die Wiederkehr der Unterdrückung in anderer Form an. Ein Regimewechsel ändert noch nicht die Gesellschaft, die dem Regime zugrunde liegt. Es reicht nicht, die Macht zu erobern, wenn der Kampf um sie entlang der Frontlinien zwischen Konfessionen, Stämmen, Ethnien ausgetragen wird. Demokratie bleibt unter diesen Umständen ein leeres Wort, eine Platzpatrone im ideologischen Gefecht.
SPIEGEL: Ohne Kulturrevolution bleibt die politische Öffnung eine Schimäre?
Adonis: Ohne ein Umdenken in den Köpfen führt das Stühlerücken an der Spitze des Staats zu nichts. Die Völker haben sich darauf konzentriert, die jeweiligen Machthaber zu stürzen. Wo sie einen Diktator losgeworden sind, wie in Ägypten, haben sie einen anderen bekommen und jubeln ihm schon wieder zu. Der Erneuerungswille müsste sich jedoch auf die Institutionen richten, auf die Fragen der Bildung, der Familie, der Stellung der Frau und der Autonomie des Individuums. Es fehlt das Nachdenken über die Schaffung einer wirklichen Zivilgesellschaft. Die arabische Geschichte ist eine Geschichte der Diktaturen und der Gewalt, nicht des Volkes.
SPIEGEL: Wie sollen die Fundamente einer demokratischen Zivilgesellschaft gelegt werden, wenn nicht zuvor die Diktatur beseitigt wurde?
Adonis: Eine demokratische Revolution kann in der arabischen Welt nur gelingen, wenn Religion und Politik getrennt werden. Ohne laizistisches Staatswesen keine Erneuerung und kein Fortschritt. Stattdessen haben sich religiöse Kräfte an die Spitze der revolutionären Bewegung gesetzt. Die organische Allianz zwischen Revolution, Gewalt und Islam war der erste Sündenfall, der Ruf nach Waffenhilfe des Auslands der zweite. Die arabischen Regierungen sind Marionetten in einem strategischen Spiel, das sie nicht beherrschen. Die Schirm- und Schutzherren der syrischen Rebellion sind die Vertreter eines verrotteten fundamentalistischen Systems, eines der schlimmsten auf der Welt, das jedoch die Protektion des Westens genießt.
SPIEGEL: Sie meinen Saudi-Arabien?
Adonis: Es lässt sich nicht bestreiten, dass Saudi-Arabien und Katar einen erheblichen Anteil an dem Desaster haben, das die arabische Welt gegenwärtig erlebt. Der wahre Revolutionär ist immer das freiheitsliebende Volk. In Syrien dagegen findet ein Stellvertreterkrieg von Söldnern um die strategische und ökonomische Kontrolle des Nahen Ostens statt.
SPIEGEL: In dem auf der Seite Assads Iran und Russland die Fäden in der Hand halten.
Adonis: Das leugne ich nicht. Der Nahe Osten war immer schon Schauplatz einer mithilfe lokaler und regionaler Verbündeter ausgetragenen Rivalität fremder Mächte. Wie sollen da am Ende Freiheit und Demokratie herauskommen? Die Araber haben seit 1950 viele Regimewechsel erlebt. Nirgendwo hat eine wahre Revolution stattgefunden. Ich kann deshalb nur wiederholen: Die arabische Revolution wird laizistisch sein, oder sie wird gar nicht sein. Soll doch die syrische Opposition, die mich attackiert, ein Manifest verfassen, das folgende Grundprinzipien aufzählt: erstens die Religionsfreiheit einschließlich der Freiheit, nicht zu glauben; zweitens die Gleichstellung der Frau; drittens die Nichtdiskriminierung jeder Konfession und jeder Minderheit; viertens die gleichen Rechte für alle Bürger als freie und autonome Individuen; fünftens die Unabhängigkeit der Nation – ich würde unterzeichnen, sofort.
SPIEGEL: Das klingt gut, doch halten Sie sich mit so weit gefassten Zielen aus dem derzeitigen Konflikt heraus. Wo stehen Sie politisch?
Adonis: Ich kann nicht Partei ergreifen, denn ich stehe mit beiden Seiten in Konflikt.
SPIEGEL: Sie erwecken den Eindruck, dass Sie Assad klammheimlich für das geringere Übel erachten.
Adonis: Das ist eine Unterstellung, die durch nichts begründet ist. Ich bin Assad nie persönlich begegnet, weder dem Vater noch dem Sohn. Nur weil ich als Alawit geboren bin, bin ich nicht mit ihm verbunden. Ich bin nie Beamter oder Bediensteter dieses Staats gewesen. Ich kam 1955 aus politischen Gründen ins Gefängnis. Danach ging ich mit meiner Frau in den Libanon. Seit 1985 leben wir in Paris im Exil. 1995 schloss man mich aus der syrischen Sektion des arabischen Schriftstellerverbands aus. Ich habe das Regime, seine Ideologie und die regierende Baath-Partei scharf kritisiert.
SPIEGEL: Sie haben im Juni 2011, wenige Monate nach Ausbruch der Rebellion, einen offenen Brief an Assad gerichtet, in dem Sie ihn respektvoll als gewählten Präsidenten des Landes und des Volkes titulierten. Haben Sie ihm damit nicht eine Legitimität zugebilligt, die er wahrscheinlich nie besaß, jedenfalls zu diesem Zeitpunkt endgültig verspielt hatte?
Adonis: Ich habe dieses Schreiben mit der Höflichkeitsformel "Herr Präsident" eröffnet. Ich habe Assad nie als "meinen" Präsidenten bezeichnet. Ja, ich habe an ihn als "gewählten" Präsidenten appelliert – und ihn aufgefordert, unverzüglich die Übergabe der Macht durch allgemeine und freie Wahlen vorzubereiten. Assad wurde schließlich auf eine Art und Weise gewählt, wie sie in den meisten arabischen Ländern, in denen überhaupt Wahlen stattfinden, gang und gäbe ist. Das Ergebnis wurde von der ganzen Welt, auch von Deutschland, auch von Frankreich, anerkannt. Warum unterschlagen meine Gegner, die mir diesen Brief heute um die Ohren hauen, dass ich darin das Baath-Regime als dem Untergang geweiht bezeichnete, dass ich als Assads letzte Pflicht nicht die Rettung seiner Herrschaft, sondern die des Landes beschrieb? Über dem offenen Brief stand das Leitmotiv: "Entweder der Mensch, seine Rechte, seine Freiheiten oder der Abgrund".
SPIEGEL: Er hat den Abgrund gewählt.
Adonis: Das ist nicht meine Schuld. Das Regime hat auf meinen Brief gar nicht reagiert.
SPIEGEL: Assad kann sich, vor allem auch dank russischer Unterstützung, sicherer fühlen als zuvor. Selbst der Westen akzeptiert ihn bei den Friedensgesprächen in Genf als unausweichlichen Teil einer Übergangslösung.
Adonis: Er kann sich vielleicht noch eine Weile halten, solange Russland die Hand über ihn hält. Aber er kann nicht weitermachen. Er muss gehen. Er ist moralisch erledigt. Die Frage ist nur, was nach ihm kommt. Ein auf den sunnitischen Islam gestütztes Regime nach dem Gefallen von Saudi-Arabien und Katar? Das wäre die Fortsetzung der Katastrophe. Ich befürchte ja nicht von ungefähr, dass die Opposition nur die Kehrseite der gleichen Medaille ist. Auch sie handelt nach dem Gesetz des Ausschlusses und der Ausgrenzung: Wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Das ist politischer Monotheismus – die Wahrheit ist mit der Macht, und die Macht ist unteilbar. Ich erinnere daran, dass die syrische Gesellschaft aus mehr als 25 unterschiedlichen religiösen und ethnischen Minderheiten besteht. Mit einer Kultur des Glaubens, des Rassismus und der Spaltung lässt sich keine nationale Einheit herstellen.
SPIEGEL: Ein solcher Diskurs gefällt westlichen Zuhörern. Er lehnt sich erkennbar an das laizistische Vorbild der französischen Republik an. Aber geht er nicht völlig an den Realitäten der arabischen und islamischen Lebenswelt vorbei? Können die Araber den herrschenden Islam abstreifen, ohne ihre Identität preiszugeben?
Adonis: Eine Revolution, die ihren Namen verdient, wie die Französische, muss den Bund zwischen Macht und Religion zerschlagen. Die Religion darf keine nationale Identität stiften. Man kann nicht als Demokrat in einer Gesellschaft leben, die im Zeichen der Religion steht. Der einzelne Muslim muss begreifen, dass er nicht länger bloß ein Rädchen in der gigantischen Maschine sein kann, die sich als Gemeinschaft der Gläubigen versteht. Das ist im kantschen Sinn das Heraustreten aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit.
SPIEGEL: Sind Sie ein gläubiger Mensch?
Adonis: Der Mensch braucht den Glauben, um sein Verhältnis zum Tod und zum Jenseits zu bestimmen. Das respektiere ich, ich bin nicht areligiös. Aber ich werde immer gegen eine institutionalisierte Religion sein, die einer ganzen Gesellschaft ihren Stempel aufdrückt. Das Grundproblem der sogenannten arabischen Revolution besteht darin, dass sie die Religion politisch instrumentalisiert. Der Glaube muss dem Einzelnen zurückgegeben werden. Er darf nicht Sache des Staats und der nationalen Gemeinschaft sein. Es gibt ein sinnvolles Leben außerhalb des Islam.
SPIEGEL: Umso mehr irritiert es, dass Sie 1979 mit Begeisterung die iranische Revolution begrüßten.
Adonis: Moment, ich habe nicht Khomeini unterstützt. Ich habe anfangs die iranische Revolution begrüßt, so wie es auch Michel Foucault, Noam Chomsky und viele andere Intellektuelle im aufgeklärten Westen getan haben. Denn diese Revolution war einzigartig. Sie war friedlich. Sie wurde nicht vom Militär gemacht, nicht von den Arbeitern, nicht von den Kaufleuten, nicht von einer bestimmten Gruppe oder Klasse. Sie wurde vom gesamten Volk getragen. Vor die Wahl zwischen dem imperialen Regime des Schahs und einer Volkserhebung gestellt, kann es kein Zögern geben.
SPIEGEL: Es war dann aber doch Ajatollah Khomeini, der die Revolution schlussendlich zum Sieg führte. Das lässt sich nicht verschweigen.
Adonis: Ich respektiere Khomeinis Verdienste um das iranische Volk, ohne seine religiösen Einstellungen zu teilen. Ich habe sein Loblied nicht gesungen. Im Gegenteil, ich habe in mehreren Artikeln meine Ablehnung sämtlicher Formen der Theokratie bekräftigt und vor der Gründung eines Staats auf der Basis der Religion gewarnt.
SPIEGEL: Ihre Kritiker halten Ihnen vor, dass Sie zur Fatwa über Ihren Schriftstellerkollegen Salman Rushdie geschwiegen hätten. Wo blieb da Ihr Einsatz für die Freiheit des Wortes?
Adonis: Das ist niederträchtig! Mein ganzes Werk zeugt von meinem Eintreten für die Meinungs- und Gedankenfreiheit. Der Islam hat die Poesie getötet, indem er einen Mord an der Subjektivität des Menschen im Namen der Umma, der Gemeinschaft der Gläubigen, beging. Es gibt keinen einzigen großen Dichter, der ein gläubiger Muslim im Sinne des dogmatischen Islam gewesen wäre. Auch keinen Philosophen. Die besten Dichter waren Mystiker und als solche verdächtig. Philosophen und Poeten hatten mit der religiösen Orthodoxie und ihren militanten Rechtsgelehrten nichts zu tun. Der Islam, den der Fundamentalismus verkündet, ist eine Religion ohne Kultur. Es gibt heute keine arabische Kultur mehr.
SPIEGEL: Ein Europäer würde sich wohl nie zu einer solchen Behauptung versteigen.
Adonis: Der Islam beherrscht die arabische Sicht auf die Welt. Der Islam begreift sich selbst als die absolute Kultur, er braucht das andere nicht, er bleibt unveränderlich bis zum Ende der Zeiten, er ist Gottes letztes Wort. Das erstickt jede Kreativität. Das kulturelle Schaffen beschränkt sich auf Wiederholung und Nachahmung, die Dichtung dient nur der Lobpreisung Gottes und des Herrschers.
SPIEGEL: Sie bewegen sich politisch in einer Art Niemandsland: gegen das herrschende Regime und gegen die Opposition, gegen die Diktatur und gegen den bewaffneten Widerstand. Pflegen Sie die Einsamkeit als Unabhängigkeit?
Adonis: Ja, ich bin allein. Ich liebe diese Einsamkeit, ich lege Wert auf sie, ich werde mich niemals beugen.
SPIEGEL: Die heroische Pose des Schriftstellers. Ist Ihre Verweigerungshaltung nicht letztlich unpolitisch? Es gibt Situationen und Augenblicke, in denen man sich entscheiden, Stellung beziehen muss.
Adonis: Ich bin kein Politiker, ich bin Schriftsteller. Poesie kann nicht politisch engagiert sein. Sie schafft eine Gegenwelt, in der sie sich mit den existenziellen Problemen von Freiheit, Liebe und Tod beschäftigt. Das Wesentliche am Menschen ist, dass er sich selbst erschafft und dass er seine eigene Identität durch Geist und Arbeit herstellt.
SPIEGEL: Sie sind nicht immer politisch so enthaltsam – man könnte auch sagen: so abgehoben – gewesen. Sie waren in Ihrer Jugend aktives Mitglied der Syrischen Sozial-Nationalistischen Partei, die 1932 von Antun Saadeh gegründet wurde. Saadeh wurde 1949 im Libanon nach einem Schnellverfahren hingerichtet. Die Partei gibt es immer noch. Assad hat sie 2005 wieder offiziell zugelassen. Sie ist mit seinem Regime verbandelt.
Adonis: Sie ist nicht mehr das Symbol des Strebens nach nationaler Unabhängigkeit, das sie bis in die Fünfziger- und Sechzigerjahre des vorigen Jahrhunderts war.
SPIEGEL: Sind Sie noch in der Partei aktiv?
Adonis: Schon lange nicht mehr. Das war die Zeit meiner Jugend- und Studentenjahre, von 1947 bis zu meiner Inhaftierung Mitte der Fünfziger.
SPIEGEL: Stehen Sie den Ideen der Partei und Ihres Gründers noch nahe? Der ira-kische Schriftsteller Najem Wali hat im SPIEGEL auf die faschistischen Merkmale dieser Partei mit ihrem hakenkreuzähnlichen Symbol und ihrem Kampf für ein großes Syrien unter Einschluss des Libanon, Jordaniens und Palästinas hingewiesen, vom Taurusgebirge bis zum Suezkanal.
Adonis: Das ist Geschichte. Geblieben sind von Saadeh die Grundlagen seines Denkens, die Wali nicht erwähnt, nämlich die vollständige Trennung von Staat und Religion, die Bildung einer modernen säkularen Gesellschaft und die Befreiung der Frau von den Fesseln der religiösen Rechtsprechung.
SPIEGEL: Er vertrat einen extremen Nationalismus und einen virulenten Antizionismus.
Adonis: Seine Bewegung blickte über religiöse, ethnische und sprachliche Unterschiede sowie auch über Geschlechtergrenzen hinweg. Ihr schlossen sich Frauen und Männer, Sunniten und Christen, Schiiten, Drusen, Alawiten, Ismailiten, Maroniten, Protestanten und Orthodoxe an. Saadeh hatte den Ersten Weltkrieg und das damit verbundene Elend erlebt, mit eigenen Augen die Karawanen der Flüchtlinge und die Teilung der Region durch die Kolonialmächte gesehen. Für ihn war die syrische Nation ein Ergebnis der Vielfalt, wie Amerika, nicht der Einfalt.
SPIEGEL: Syrien ist zerstört und zerstückelt, die Hälfte seiner Bevölkerung ist auf der Flucht. Assad klammert sich an die Macht, die Opposition ist zerstritten. Wie wird dieser Krieg enden?
Adonis: Es ist nicht nur die materielle Zerstörung eines Landes, sondern die Vernichtung eines Volkes. Diese Massenflucht ist beispiellos. Ich setze keine großen Hoffnungen auf die Gespräche in Genf. Das Regime und die Revolution, sie sind beide am Ende. Der Nahe Osten, die ganze arabische Welt ist in einen hundertjährigen Krieg eingetreten. Was wir erleben, ist ein Untergang, kein Anfang, ein Ende, kein Neubeginn.
SPIEGEL: Adonis, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Mit dem Redakteur Romain Leick in Paris.
Von Romain Leick

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