13.02.2016

BiografienMargit, das Monster

Wie wird man zu dem, der man ist? Der Journalist Sacha Batthyany hat die Geschichte seiner Familie in der NS-Zeit erforscht und dabei sich selbst entdeckt.
Am 18. Oktober 2007 präsentierte die "Frankfurter Allgemeine" ihren Lesern eine ziemlich unglaubliche Geschichte: Gräfin Margit Batthyány, eine Tochter des Industriellen Heinrich Thyssen, soll kurz vor Kriegsende im März 1945 auf ihrem Schloss im österreichischen Rechnitz ein rauschendes Fest gefeiert haben, "auf dem", so die "FAZ", "zur Unterhaltung der Gäste zweihundert Juden ermordet wurden". Etwa 15 Besucher der Feier, vor allem SS-Leute und andere Nazis, hätten die jüdischen Zwangsarbeiter mit Genickschüssen getötet und danach verscharren lassen – eine kaum vorstellbare Grausamkeit.
Dem Schweizer Journalisten Sacha Batthyany wurde der "FAZ"-Artikel (Titel: "Die Gastgeberin der Hölle") kurz nach Erscheinen von einer Kollegin auf den Schreibtisch gelegt. "Was hast du denn für eine Familie?", fragte sie ihn vorwurfsvoll. Batthyany war schockiert, von dieser Geschichte hatte er noch nie gehört.
"Tante Margit" immerhin kannte er genau. Die Schwägerin seines Großvaters gehörte bis zu ihrem Tod 1989 zum engeren Kreis der Familie. Nur zu gut konnte er sich noch an die Einladungen der Großtante zum Mittagessen im feinen Zürcher Hotel Dolder erinnern, die er als kleiner Junge zusammen mit seinen Eltern erdulden musste. Die Gräfin interessierte sich nicht für Kinder, sondern nur für ihre kostbaren Rennpferde, sie galt als kaltherzig und großzügig zugleich. Ihrem Wohlstand verdankte die Familie viel. Man mochte sie nicht, aber man mochte ihr Geld.
Sacha Batthyany wäre ein schlechter Journalist, wenn er nun nicht in eigener Sache recherchiert hätte: Was geschah wirklich bei dieser grauenvollen Party in Rechnitz? Warum wurde darüber in der Familie nie gesprochen? Und was wusste sein Vater von all dem?
Batthyany, 42, befragte Verwandte und Zeitzeugen, er sammelte Dokumente, Tagebücher und Fotos, reiste um die halbe Welt. Die Familie war alles andere als begeistert von dem investigativen Eifer des jungen Mannes, man fürchtete um den guten Ruf. Das werde "böses Blut" geben, warnte ihn sein Vater.
Ein erstes Ergebnis seiner Nachforschungen veröffentlichte Sacha Batthyany 2009 im "Magazin", einer Beilage mehrerer Schweizer Tageszeitungen. In der kommenden Woche nun legt der Journalist den Abschlussbericht seiner Recherchen vor: ein glänzend geschriebenes Buch über Rechnitz und andere familiäre Abgründe, ein historisches Panorama, in dem sich die Geschichte seiner Familie mit der Geschichte Mitteleuropas verbindet – und nicht zuletzt ein großer Essay über die Gegenwart der Vergangenheit(*).
Dass daraus mehr als nur eine Familienrecherche geworden ist, verdankt Batthyany einer Anregung Maxim Billers. Dem deutschen Schriftsteller hatte der Schweizer eines Abends in einem Zürcher Restaurant von seiner Großtante erzählt. Biller kannte die Geschichte bereits und stellte ihm die – wie sich bald herausstellte – entscheidende Frage: "Und was hat das mit dir zu tun?"
Batthyany wehrte zunächst ab: "Nichts, warum auch, ist doch alles so lange her." Doch die Antwort erwies sich als falsch. Bei genauerer Betrachtung schien vieles in seinem Leben mit dem schrecklichen Geschehen verknüpft zu sein, ohne dass er das bisher realisiert hatte. Ja, plötzlich erklärte sich manches von selbst, seine "gelegentliche Melancholie" etwa passte zur Grundstimmung seines Elternhauses: "In allen Dingen meiner Kindheit lag ein Hauch von Verlust und Niederlage, als könnte jederzeit alles zusammenbrechen." Er sei ein "Kriegsenkel", schreibt Sacha Batthyany.
Er unterzog sich einer Psychoanalyse, um mehr über die Traumatisierungen in seiner Familie zu erfahren. Und immer wieder fuhr er nach Rechnitz. Je häufiger er Zeugen befragte und recherchierte, desto widersprüchlicher wurde allerdings das Bild: Bis heute weiß Batthyany nicht, ob "Tante Margit" nur munter weitergefeiert hat, als vor den Toren des Schlosses die Hinrichtungen stattfanden, oder ob sie ihre Partygäste sogar dorthin beordert hat. Zumindest deutet nichts darauf hin, dass sie selbst getötet hätte.
Einer der mutmaßlichen Haupttäter jedoch war der Liebhaber der Gräfin, ein glühender Nazi, dem sie nach dem Krieg sogar zur Flucht nach Südamerika verhalf. Viel spricht dafür, dass sie in der Tatnacht registriert hat, was am Rande der Party geschah. Nach dem Mord an etwa 180 Juden, diese Zahl halten Historiker für verbrieft, kamen die Täter jedenfalls zurück ins Schloss und feierten bis in den frühen Morgen weiter.
Im Zuge seiner Nachforschungen ist Batthyany auf einen Vorfall gestoßen, der seine Familie – und damit ihn selbst – offenbar noch mehr geprägt hat als das Massaker von Rechnitz: den Mord an einem jüdischen Ehepaar im Sommer 1944, unter den Augen der Großmutter des Autors.
Der Tatort lag in dem ungarischen Dorf Sárosd. In den Archiven findet sich bis heute die Version, dass sich das Ehepaar Mandl vergiftet habe, nachdem die Nazis die beiden Kinder des Paares nach Auschwitz verschleppt hätten. In den Tagebüchern seiner Großmutter Maritta, die damals noch in Sárosd auf dem Gut ihrer Eltern lebte, aber bereits verheiratet war, entdeckte Batthyany nun die wahre Geschichte der jüdischen Familie.
Demnach hatten die Mandls Marittas Eltern um Beistand gebeten: Mandls Tochter Agnes war Marittas Freundin gewesen und nun von den Nazis inhaftiert worden. Das jüdische Paar hoffte auf irgendeine Unterstützung in dieser Notsituation. Es kam zu einem heftigen Streit. Doch Marittas Eltern wollten nicht helfen; nach einem Handgemenge, in dem Vater Mandl sogar zu Boden ging, verließ das verzweifelte Paar den Hof. Und in diesem Moment trat ein deutscher Soldat auf den Plan. Er hatte die Szene beobachtet und schoss den beiden kaltblütig in den Rücken.
In ihrem Tagebuch notierte Maritta: "Wenigstens die Mandls hätte ich retten können." Sie hätte den Konflikt schlichten und helfen müssen, doch sie sah nur zu und lud damit jene Schuld auf sich, die lebenslang "tonnenschwer" auf ihren Schultern gelastet habe und von Generation zu Generation vererbt worden sei, so jedenfalls empfindet es Batthyany heute.
Immerhin gelang es ihm, Marittas Freundin Agnes, die Auschwitz überlebt hatte, 2013 in Argentinien ausfindig zu machen und zu treffen. Agnes glaubte noch immer an einen Selbstmord ihrer Eltern, doch Batthyany wagte es nicht, ihr die Wahrheit zu sagen: "Warum sollte sie mit fast neunzig noch erfahren, dass man ihrer Mutter und ihrem Vater in den Rücken geschossen hatte?"
Nach dem Krieg war Marittas Familie enteignet und ihr Mann nach Sibirien verschleppt worden. Auch dort suchte der Autor nach Spuren. Mit seinem Vater fuhr er erst nach Moskau und dann in das ehemalige Straflager Asbest, um das Schicksal seines Großvaters zu rekonstruieren, der zehn Jahre Zwangsarbeit hatte leisten müssen und danach nur noch ein Schatten seiner selbst gewesen war.
Aber warum war Marittas Mann überhaupt inhaftiert worden? Warum, so fragte Batthyany, hatte er als ungarischer Offizier auf der Seite der Deutschen gekämpft? "Willst du mir gerade sagen, dass dein Großvater ein Nazi war?", empörte sich sein Vater. Nein, ein Nazi war der Großvater wohl nicht, aber eben doch ein Mitläufer wie viele andere. Vater und Sohn gerieten heftig aneinander. Hier war sie wieder, die Gegenwart der Geschichte: Noch Jahrzehnte nach dem Krieg kontaminierte sie die Familie.
Batthyanys Vater war mit seinen Eltern nach dem gescheiterten Ungarn-Aufstand 1956 in die Schweiz ausgewandert und erst nach dem Ende des Kommunismus unter bescheidenen Umständen in die Heimat zurückgekehrt. Vom Glanz der Grafen Batthyany blieb am Ende wenig übrig.
Sein Psychoanalytiker, so berichtet Batthyany, habe ihm erklärt, dass er in einer "Familie der schwachen Männer" aufgewachsen sei: "Die einzige Person in Ihrer Familie, die Sie mit männlichen Attributen verknüpfen, mit Macht, Sex, Kraft und Gewalt, ist Ihre Tante Margit, das Monster."
Batthyany gibt dem Psychoanalytiker am Ende recht. Zwar habe er nie Sympathien für seine Rechnitzer "Tante Margit" oder gar deren Nazifreunde gehabt. Aber wenn er ehrlich sei, erkenne er sich in seiner Großmutter Maritta wieder, "in ihren Schwächen" vor allem: "Hätte ich denn anders gehandelt als meine Großmutter, damals, an jenem Nachmittag?", fragt sich Batthyany. Und seine Antwort ist eindeutig: Nein, auch er wäre nicht mutig genug gewesen, als die Mandls um Hilfe baten, auch er hätte keine Juden versteckt.
Eine niederschmetternde Erkenntnis, aber zugleich ein Gewinn an Klarheit – und eine Antwort auf Maxim Billers Frage: "Was hat das mit dir zu tun?" Das, was alle Generationen seiner Familie verbinde, sei ein Mangel an "Aufrichtigkeit" und Mut. Weder seine schreckliche Großtante noch seine ängstliche Großmutter, weder sein Vater noch er selbst hätten jemals Zivilcourage bewiesen.
Eine Schwäche allerdings, die nicht nur seine Familie besitze, sondern fast jeder Zeitgenosse: "Sind wir aufrichtig genug, Wahrheiten anzusprechen, auch die unbequemen?", fragt Batthyany. "Wäre Krieg wie vor siebzig Jahren, liefen wir nicht alle mit?"
Damals hätten Passanten in Budapest tatenlos zugeschaut, als ungarische Juden in der Donau ertränkt wurden. Heute, in Friedenszeiten, werde das Elend dieser Welt bei Twitter und Facebook wortreich beklagt, aber wer tue wirklich etwas dagegen? "Nehmen wir überhaupt je Risiken in Kauf? Wer denn? Wofür?"
Mit seinem Buch widersetzt sich Batthyany nun der Tradition des Schweigens und Vertuschens. Er beweist tatsächlich das, was seiner Familie fehlte: Aufrichtigkeit.
* Sacha Batthyany: "Und was hat das mit mir zu tun? Ein Verbrechen im März 1945. Die Geschichte meiner Familie". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 256 Seiten; 19,99 Euro.
Von Martin Doerry

DER SPIEGEL 7/2016
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