13.02.2016

DebatteUnsere Träume von fliegenden Autos

Die Zukunftsvisionen früherer Jahrzehnte haben sich nicht erfüllt. Warum? Der Neoliberalismus hat Schuld. Von David Graeber
Graeber, 55, ist ein amerikanischer Anthropologe. Der bekennende Anarchist lehrt in London an der School of Economics. Sein Buch "Schulden. Die ersten 5000 Jahre", eine Kulturgeschichte des Tauschhandels und der Geldwirtschaft, wurde weltweit ein Bestseller. In seinem neuen Buch "Bürokratie. Die Utopie der Regeln", das am 20. Februar im Verlag Klett-Cotta erscheint, entwickelt er die verblüffende These, dass Bürokratie keineswegs der verzweifelte Versuch sei, Effizienz, Transparenz und Gerechtigkeit zu schaffen, sondern Interessen neoliberaler Eliten diene und damit den Fortschritt verhindere. Der SPIEGEL druckt Auszüge.
Ein heimliches Gefühl der Enttäuschung, der Scham nagt an uns, heute, im 21. Jahrhundert. Für Menschen, die sich im Zenit ihres Lebens befinden, in ihren Vierzigern und Fünfzigern, gilt dies ganz besonders, doch eigentlich betrifft es alle. Dieses Gefühl wurzelt in einer tief sitzenden Ernüchterung über die Natur der Welt, in der wir leben, in der Erfahrung eines gebrochenen Versprechens, das uns gegeben wurde, als wir Kinder waren. Ich meine damit nicht das, was man Kindern üblicherweise erzählt (dass es gerecht zugeht in der Welt, dass die Behörden es gut meinen und dass man einen anständigen Lohn erhält, wenn man ordentlich arbeitet), sondern ein ganz besonderes, das vor allem jenen gegeben wurde, die in den Fünfziger-, Sechziger-, Siebziger- oder auch noch den Achtzigerjahren Kinder waren. Nun, da es auf spektakuläre Weise widerlegt ist, sind wir empört und auch beschämt darüber, dass wir so dumm sein konnten, unseren Eltern zu glauben.
Ich meine damit natürlich, dass es heute, im Jahr 2015, noch immer keine fliegenden Autos gibt. Ich denke an all die Wunder, die spätestens heute Realität sein sollten. Wir kennen die Liste: Kraftfelder. Teleportation. Antigravitationsfelder. Tricorder. Traktorstrahlen. Unsterblichkeitspillen. Androiden. Kolonien auf dem Mars. Es gibt noch immer keine Computer, mit denen man ein anregendes Gespräch führen kann, oder Roboter, die den Hund ausführen oder die Wäsche bügeln können.
Ich war zum Zeitpunkt der Mondlandung acht Jahre alt und weiß noch gut, wie ich mir damals ausrechnete, dass ich im magischen Jahr 2000 39 Jahre alt sein würde, und mir Gedanken darüber machte, wie die Welt um mich herum dann wohl aussehen würde. Habe ich ernsthaft erwartet, in einer Welt voller solcher Wunder zu leben? Natürlich. Jeder hat das getan. Und fühle ich mich heute deswegen betrogen? Zweifellos.
Warum aber hat die Explosion des technologischen Wachstums nicht stattgefunden? Logisch betrachtet gibt es dafür nur zwei Erklärungsmodelle. Entweder waren unsere Erwartungen bezüglich der Geschwindigkeit des technologischen Wandels unrealistisch, und in diesem Fall müssen wir uns fragen, warum so viele intelligente Leute dieser falschen Einschätzung erlagen. Oder unsere Erwartungen waren nicht von vornherein unrealistisch, aber dann müssen wir uns die Frage stellen, was geschehen ist, das dazu geführt hat, dass die technische Entwicklung so weit vom Kurs abgekommen ist.
Meiner Meinung nach gibt es gute Gründe für die Annahme, dass zumindest einige dieser Science-Fiction-Phantasien tatsächlich hätten verwirklicht werden können. Das offensichtlichste Argument besteht darin, dass dies in der Vergangenheit regelmäßig geschehen ist. Wer um 1900 aufgewachsen ist, die Romane von Jules Verne oder H. G. Wells las und sich vorzustellen versuchte, wie die Welt beispielsweise um 1960 aussehen würde, hätte sich wohl eine zukünftige Welt mit fliegenden Maschinen, Raketenschiffen, Unterseebooten, neuen Energiequellen und drahtloser Kommunikation vorgestellt – und ziemlich genau das haben die Menschen auch bekommen. Wenn damals der Traum vom Flug zum Mond nicht unrealistisch gewesen ist, warum war es dann in den Sechzigerjahren unrealistisch, von Raketenrucksäcken und Roboterwaschmaschinen zu träumen? Wenn zwischen 1750 und 1950 immer wieder neue Energieformen aufkamen (Dampfkraft, Elektrizität, Benzin, Atomkraft), war es dann so unrealistisch, dass wir nicht noch eine weitere Energiequelle entdecken würden?
Tatsache ist wohl, dass sich bereits in den Fünfziger- und Sechzigerjahren das tatsächliche Tempo des wissenschaftlichen Fortschritts verlangsamte. Zwar gab es noch eine letzte Welle an Innovationen, als in schneller Folge der Mikrowellenherd (1954), die Antibabypille (1957) und die Lasertechnik (1958) aufkamen. Doch seither entstanden die meisten Neuerungen nur durch die Verknüpfung altbekannter Techniken oder durch deren Weiterentwicklung zu Konsumzwecken. Das bekannteste Beispiel dafür ist der Fernseher, der 1926 erfunden, aber erst ab den späten Vierziger- und frühen Fünfzigerjahren als Massenprodukt hergestellt wurde und eine neue Konsumnachfrage schaffen sollte, damit die Wirtschaft nicht wieder in die Depression zurückfiel. Der in den Fünfzigerjahren einsetzende Wettlauf im All aber förderte die Vorstellung, dass sich die Menschheit in einer Zeit bemerkenswerter Fortschritte befinde, und in der Öffentlichkeit setzte sich bald der Eindruck durch, dass sich das Tempo des Wandels in erschreckender, unkontrollierbarer Weise gesteigert habe.
Häufig wird gesagt, die "Apollo"-Mondlandung sei die größte historische Errungenschaft des Sowjetkommunismus gewesen. Zweifellos hätten die USA niemals einen solchen Kraftakt erwogen, wenn es nicht die Weltraumambitionen des sowjetischen Politbüros gegeben hätte. Nach der Mondlandung 1969 aber nahmen die US-Planer ihre Konkurrenz nicht mehr ernst. Die Sowjets hatten das Wettrennen im All verloren, und in der Folge wurden in Amerika die Aufwendungen für Forschung und Entwicklung nicht mehr dazu genutzt, eines Tages auf dem Mars zu landen oder Roboterfabriken zu bauen oder gar die technologische Grundlage zu schaffen für eine kommunistische Utopie.
Unsere Faszination für die mythischen Ursprünge des Silicon Valley hat bei uns die Vorstellung entstehen lassen, dass Forschung und Entwicklung heute in erster Linie von kleinen Teams wagemutiger Unternehmer vorangetrieben und durch jene Art dezentraler Kooperation bestimmt werden, die die Entwicklung von Open-Source-Software ermöglicht. Das sind tatsächlich jene Arten von Forschungsteams, die mit hoher Wahrscheinlichkeit Ergebnisse hervorbringen. In Wirklichkeit aber hat sich die Forschung in die entgegengesetzte Richtung entwickelt. Sie wird nach wie vor von großen bürokratischen Projekten bestimmt, die auch schon in den Sechzigerjahren amerikanische Astronauten auf den Mond gebracht haben. Aber die bürokratische Kultur hat sich geändert. Die gegenseitige Durchdringung und Vernetzung von Staat, Universitäten und Privatunternehmen hat zu Sprechweisen, Einstellungen und Organisationsformen geführt, die aus dem Wirtschaftsbereich stammen. Dies mag dazu beigetragen haben, die Entwicklung unmittelbar marktfähiger Produkte zu beschleunigen – und das sollen Unternehmensbürokratien auch leisten –, doch für die Förderung der eigentlichen Forschung war das verheerend.
Hier kann ich aus Erfahrung sprechen. An der Universität beispielsweise, an der ich tätig bin, wird von der Fakultät erwartet, dass sie mindestens ebenso viel Zeit auf Verwaltungsangelegenheiten verwendet wie auf Forschung und Lehre zusammen. Diese Explosion der Papierarbeit ist eine direkte Folge der Einführung unternehmensbezogener Managementtechniken, die stets als eine Möglichkeit zur Effizienzsteigerung gerechtfertigt werden, indem auf allen Ebenen der Wettbewerb verankert wird. Diese Managementtechniken haben zur Folge, dass alle Beteiligten einen Großteil ihrer Zeit damit verbringen, sich gegenseitig etwas zu verkaufen: Anträge auf Forschungsmittel, Buchvorschläge, Beurteilungen von Stellen- und Stipendienbewerbungen der Studenten, Beurteilungen der Aussichten von Kollegen, Konzepte für neue interdisziplinäre Studiengänge, Institute, Konferenz-Workshops; und die Universitäten, die mittlerweile als Marken gegenüber künftigen Studenten beworben werden müssen, liefern dazu ihre Beiträge. Marketing und PR haben alle Bereiche des universitären Lebens erfasst.
Das Ergebnis ist ein Wust von Papieren über die Förderung von "Phantasie" und "Kreativität", die in einem Umfeld produziert werden, das wie geschaffen dafür scheint, jede Phantasie und Kreativität im Keim zu ersticken. Ich bin kein Naturwissenschaftler. Ich arbeite auf dem Gebiet der Sozialtheorie. Aber ich sehe, welche Ergebnisse in meinem Fachgebiet hervorgebracht worden sind. Kein bedeutendes Werk über Sozialtheorie wurde in den vergangenen dreißig Jahren in den USA verfasst. Wir sind zurückgeworfen auf den Entwicklungsstand der mittelalterlichen Scholastik und verfassen endlose Anmerkungen zur französischen Theorie seit den Siebzigerjahren, obwohl uns bewusst ist, dass Gilles Deleuze, Michel Foucault oder Pierre Bourdieu heute im amerikanischen Wissenschaftsbetrieb nicht über das Aufbaustudium hinauskommen würden.
Es gab eine Zeit, da war die Hochschule der gesellschaftliche Rückzugsort für die exzentrischen und brillanten Naturen. Heute ist die Hochschule ein Ort professioneller Selbstvermarkter. Für die Exzentrischen, so scheint es, gibt es keinen Platz mehr in der Gesellschaft. Wenn dies für die Sozialwissenschaften gilt, wo die Forschung noch immer zum großen Teil von Einzelnen durchgeführt wird und relativ geringe Gemeinkosten anfallen, lässt sich ermessen, um wie viel schlimmer es in den Naturwissenschaften bestellt sein muss.
Ein ängstlicher bürokratischer Geist durchdringt alle Aspekte des geistigen Lebens. Nicht selten kleidet er sich in eine Sprache, die Kreativität, Initiative und Unternehmergeist beschwört. Doch die Sprache ist bedeutungslos. Jene Denker, denen zuzutrauen ist, dass sie mit neuen, konzeptionellen Durchbrüchen aufwarten, sind gleichzeitig jene, die mit der geringsten Wahrscheinlichkeit finanzielle Unterstützung erhalten. Und wenn sich dennoch Durchbrüche einstellen, findet sich niemand, der daraus mutige Schlüsse zieht.
Die Amerikaner betrachten sich ungern als ein Volk von Bürokraten – ganz im Gegenteil –, verabschiedet man sich jedoch von der Vorstellung, Bürokratie sei ein Phänomen, das sich nur auf staatliche Behörden beschränkt, wird offenkundig, dass Amerika tatsächlich zu einem Volk von Bürokraten geworden ist. Der endgültige Sieg über die Sowjetunion führte in Wirklichkeit nicht zur Herrschaft des "Marktes". Er festigte vielmehr die Vorherrschaft einer konservativen Managerelite, von Wirtschaftsbürokraten, die unter dem Vorwand kurzfristigen Wettbewerbsdenkens alle ungewöhnlichen, neuartigen oder möglicherweise auch revolutionären Gedanken zu ersticken versuchen. Wir leben in einer zutiefst bürokratischen Gesellschaft. Die bürokratischen Verfahrensweisen und Anforderungen haben die Gesellschaft mittlerweile so stark durchdrungen, dass wir es kaum noch wahrnehmen – oder, schlimmer noch, dass wir uns gar nicht mehr vorstellen können, die Dinge auch anders zu regeln.
Computer haben maßgeblich zu dieser Entwicklung beigetragen. So haben die Softwareprogramme, die entwickelt wurden, um uns von administrativen Verpflichtungen zu entlasten, uns letztlich in teilzeit- oder vollzeitbeschäftigte Administratoren verwandelt. Eltern akzeptieren, dass sie jedes Jahr 40-seitige Onlineformulare ausfüllen müssen, um ihre Kinder in den von ihnen gewünschten Schulen unterzubringen; Büroangestellte finden sich damit ab, ihre Zeit für das Eingeben von Passwörtern in ihre Mobilgeräte für den Zugang zu ihren Bank- und Kreditkartenkonten aufzuwenden – und eigentlich allen ist klar, dass sie Aufgaben übernehmen, die früher von Reisebüromitarbeitern, Brokern und Buchhaltern ausgeführt wurden. Ich glaube, dass es in der Geschichte nie eine Periode gegeben hat, in der die Menschen annähernd so viel Zeit für Papierarbeit und Schreibkram aufwenden mussten.
All dies aber entwickelte sich erst nach der Überwindung des schrecklichen, bürokratischen Sozialismus und nach dem triumphalen Sieg der Freiheit und des Marktes. Das ist zweifellos eine der großen Paradoxien des heutigen Lebens.
Ich möchte es folgendermaßen ausdrücken: In diesem letzten, widersprüchlichen Stadium des Kapitalismus entwickeln wir uns von poetischen Technologien hin zu bürokratischen Technologien.
Mit poetischen Technologien meine ich die Nutzung rationaler, technischer, bürokratischer Mittel, um überschäumende, unrealistische Phantasien zum Leben zu erwecken. In diesem Sinne sind poetische Technologien so alt wie die menschliche Zivilisation. Die ägyptischen Pharaonen konnten ihre Pyramiden nur erbauen, weil sie die administrativen Abläufe meisterhaft beherrschten. Dadurch waren sie in der Lage, Produktionsstraßen zu entwickeln, komplexe Aufgaben in Dutzende einfacher Operationen zu unterteilen und jede von diesen einer bestimmten Gruppe von Arbeitern zuzuweisen – obwohl die verfügbare mechanische Technologie über den Hebel und die schiefe Ebene nicht hinausging. Unter bürokratischer Anleitung und Aufsicht wurden Heere von Sklaven in die Zahnräder einer gigantischen Maschine verwandelt. Noch viel später, nachdem die tatsächlichen Zahnräder erfunden waren, war die Bauweise einer komplexen Maschine in gewisser Weise eine Verfeinerung jener Prinzipien, die ursprünglich entwickelt worden waren, um große Menschenmengen zu organisieren. Immer wieder wurden diese Maschinen – ob ihre beweglichen Teile Arme und Rümpfe sind oder Kolben, Räder und Federn – eingesetzt, um Phantasien oder Träume zu verwirklichen, die sonst niemals Wirklichkeit hätten werden können: Kathedralen, Mondraketen, transkontinentale Eisenbahnen und so weiter. Zweifellos haben poetische Technologien etwas Erschreckendes an sich: Ihre Poesie kann ebenso dunkle, satanische Kräfte hervorbringen wie Schönheit und Befreiung. Doch die rationalen, bürokratischen Techniken stehen stets im Dienst irgendeines phantastischen Ziels.
Heute haben wir das Gegenteil. Es ist nicht so, dass Visionen, Kreativität und Phantasien nicht mehr ermutigt werden würden. In den wenigen Bereichen, in denen die freie, schöpferische Kreativität noch gefördert wird, wie etwa bei der Entwicklung von Open-Source-Software im Internet, aber wird sie letztlich dazu genutzt, weitere und noch effizientere Plattformen für das Ausfüllen von Formularen zu schaffen. Das meine ich mit "bürokratischen Technologien": Administrative Zwänge und Notwendigkeiten sind von einem Mittel zum Zweck der technologischen Entwicklung geworden. Unterdessen hat die größte und mächtigste Nation, die es jemals auf diesem Planeten gegeben hat, die vergangenen Jahrzehnte damit zugebracht, ihren Bürgern einzureden, dass wir keine großen, ehrgeizigen Unternehmungen mehr in Angriff nehmen können, selbst wenn – wie die gegenwärtige Umweltkrise vermuten lässt – das Schicksal der Erde davon abhängt.
Welche politischen Implikationen ergeben sich daraus? Wir werden einige unserer Grundannahmen über die Natur des Kapitalismus radikal überdenken müssen. Eine dieser Annahmen besagt, dass der Kapitalismus in gewisser Weise mit dem Markt identisch sei. Daher seien beide gegenüber der Bürokratie, als einer Schöpfung des Staates, feindlich eingestellt. Die zweite Annahme lautet, der Kapitalismus sei seiner Natur gemäß technologisch fortschrittlich.
Die Verteidiger des Kapitalismus führen gewöhnlich drei fundamentale historische Behauptungen ins Feld: Erstens habe er die rasche technologische Entwicklung gefördert; zweitens habe er, wie viel Reichtum sich auch bei einer kleinen Minderheit anhäufen mag, zu einer Zunahme des allgemeinen Wohlstands geführt; und drittens habe er dadurch eine sicherere und demokratischere Welt hervorgebracht. Heute, im 21. Jahrhundert, zeigt sich deutlich, dass der Kapitalismus keine dieser Errungenschaften für sich verbuchen kann. Auch seine Befürworter zweifeln zunehmend an diesem System und greifen stattdessen auf die Behauptung zurück, es sei das einzig mögliche System – oder zumindest das einzig mögliche System für eine komplexe, technologisch hochentwickelte und differenzierte Gesellschaft wie die unsere.
Wenn das Ziel des neoliberalen Kapitalismus letztlich darin besteht, eine Welt zu schaffen, in der niemand mehr den Glauben an ein anderes funktionsfähiges Wirtschaftssystem besitzt, dann muss er aus diesem Grund nicht nur jeden Gedanken an eine erlösende Zukunft unterdrücken, sondern auch jede radikale technologische Zukunft, die diese Erlösung hervorrufen könnte. Hier tut sich ein gewisser Widerspruch auf. Es kann dem Neoliberalismus nicht darum gehen, uns von einem Ende des technischen Wandels zu überzeugen – denn das würde bedeuten, dass der Kapitalismus in Wirklichkeit gar nicht fortschrittlich ist. Vielmehr sollen wir überzeugt werden, dass der technische Fortschritt tatsächlich weitergeht, dass wir wirklich in einer Welt voller Wunder leben. Zugleich aber dürfen diese Wunder nur die Form bescheidener Verbesserungen annehmen (das neueste iPhone!), sollten stets Gerüchte über bevorstehende Erfindungen kursieren ("Ich habe gehört, bald soll es fliegende Autos geben"), muss noch geschickter mit Informationen und Bildern gespielt und müssen noch komplexere Plattformen für das Ausfüllen von Formularen entwickelt werden. Die Welt zu überzeugen, dass der neoliberale Kapitalismus den Fortschritt vorantreibt und anführt, während er ihn in Wirklichkeit zu bremsen versucht, ist problematisch.
Mit ziemlicher Sicherheit können wir davon ausgehen, dass sich Erfindungen und echte Innovation nicht im Rahmen des Konzernkapitalismus vollziehen werden – und wahrscheinlich überhaupt nicht unter irgendeiner Form von Kapitalismus. Wenn wir tatsächlich Kuppeln auf dem Mars bauen oder uns Mittel und Möglichkeiten verschaffen wollen, um herauszufinden, ob es im All fremde Zivilisationen gibt, mit denen wir Kontakt aufnehmen können, dann müssen wir ein anderes ökonomisches System entwerfen. Vielleicht können wir nur dorthin gelangen, wenn wir bestehende bürokratische Strukturen aufbrechen. Und wenn wir tatsächlich Roboter entwickeln wollen, die unsere Wäsche waschen oder die Küche sauber machen, müssen wir sicherstellen, dass dieses neue, den Kapitalismus ablösende System auf einer gerechteren Verteilung von Wohlstand und Macht beruht – ein System, in dem es keine Superreichen mehr gibt und auch keine Armen, die bereit sind, deren Hausarbeit zu erledigen. Erst dann wird die Technologie in den Dienst der Bedürfnisse der Menschen gestellt. Das ist auch der wichtigste Grund, warum wir uns aus dem tödlichen Griff der Hedgefonds-Manager und der Konzernchefs befreien müssen – um unsere Phantasien aus den Schablonen zu lösen, in die diese Männer sie gezwängt haben, und unsere Imagination abermals zu einer materiellen Kraft in der menschlichen Geschichte werden zu lassen.
Von David Graeber

DER SPIEGEL 7/2016
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