13.02.2016

SerienkritikWeltkulturerbe

Sex, Drogen und Rock 'n' Roll im New York der Siebziger: „Vinyl“, produziert von Martin Scorsese und Mick Jagger
Der Teppich von Bayeux ist eine im 11. Jahrhundert entstandene Stickarbeit auf einem rund 50 Zentimeter hohen Tuchstreifen. Über eine Länge von knapp 70 Metern wird in 58 Einzelszenen die Eroberung Englands durch den Normannenherzog Wilhelm der Eroberer gezeigt, beginnend mit einer Begegnung von Harold Godwinson, Earl of Wessex, mit dem englischen König Edward und endend mit der Flucht der Engländer nach der Schlacht von Hastings am 14. Oktober 1066. Da die Schlussszenen fehlen, ist die ursprüngliche Länge des Tuchstreifens unbekannt. Seit 2007 gehört der Teppich zum Weltdokumentenerbe der Unesco.
Die Serie "Vinyl" des amerikanischen Bezahlsenders HBO ist eine am 14. Februar 2016 startende Produktion in zehn Folgen. In den 113 Minuten der ersten Episode wird die Musikszene der Stadt New York in den frühen Siebzigern gezeigt, beginnend mit einer Begegnung des Musikmoguls Richie Finestra mit einem Koksdealer an einem Abend 1973 und endend mit seiner Flucht aus einem zusammengebrochenen Haus nach einem wilden Konzert in derselben Nacht. Da die Serie fortgesetzt werden soll, ist ihre endgültige Länge noch unbekannt.

Eine Bewerbung für das Weltkulturerbe der Musikgeschichte ist "Vinyl" schon jetzt. Das Drehbuch schrieb unter anderen Terence Winter ("Die Sopranos", "The Wolf of Wall Street"), die Produzenten heißen Martin Scorsese und Mick Jagger. Scorsese, 73, der Regisseur von "Taxi Driver", "GoodFellas" und "The Last Waltz", und Jagger, 72, Kopf und Sänger der Rolling Stones, haben sich zusammengetan, um ein Panorama jener Zeit zu entwickeln, in der sie selbst noch am Anfang ihrer Karrieren standen – jung, ehrgeizig und von jener adoleszenten Robustheit, in der Sex & Drugs & Rock 'n' Roll eine natürliche Einheit bilden, ohne moralischen oder physischen Kater. Wie Andy Warhol, David Bowie, Lou Reed, Alice Cooper und viele andere der inzwischen kanonischen Geschichte von Pop und Rock waren sie zur rechten Zeit am rechten Ort: im kaputten, kriminellen, wirtschaftlich dahinröchelnden New York der beginnenden Siebziger, das eine Explosion der alternativen Szene hochgehen ließ. Noch dominierten Rock und Soul, doch parallel dazu entwickelten sich in diesem Jahr in buchstäblicher Nachbarschaft der Bowery, des Greenwich Village und der Bronx die Anfänge des Punk, des Hip-Hop und das Disco Fever. Die sexuelle Revolution, aufputschende Drogen, Vintage-Mode und viel arbeitslose Zeit: Das ergab den Cocktail, an dem "Vinyl" sich berauscht.
Wie der Teppich von Bayeux ist auch "Vinyl" ein Panorama, das auf Überwältigung setzt: Vor knapp tausend Jahren waren es die schiere Länge des Tuchs, der kombinierte Einsatz von Bild und Text, die farbige Detailfreude seiner Stickerei und die Kostbarkeit des Materials, welche die Betrachter in Bann zogen, um eine Sicht der unmittelbaren Vergangenheit verbindlich darzustellen. Nun ist es ein Zusammenspiel von bewegten Bildern und bewegender Musik, von Rausch in Farben und im Bewusstsein – durch Flashbacks des Hauptdarstellers markiert –, das denselben Effekt erzeugen soll: So und nicht anders kann es gewesen sein. Wer "Vinyl" sieht, so lautet das Gelöbnis, hat die frühen Siebziger nicht besichtigt, sondern gelebt.

So sehr wird die Aufmerksamkeit des Publikums gefordert, so vollkommen ist der Einsatz aller Mittel, um die Sinne des Hörens und Sehens zu beschäftigen. Ob eine Massenszene à la Fellini, in der, in rotes Licht getaucht, zahllose junge Nackte zu einer sexuellen Orgie zusammenfinden, oder das Zusammentreffen alter, weißer Männer der Musikindustrie mit jungen, schwarzen Musikern in einem Aufnahmestudio: Die Bilder sind von einer meisterlichen Präzision, stimmig und atmosphärisch hinreißend. Der Tempowechsel im Ganzen, vom Elegischen zum Dramatischen, vom genussvollen Horrortrip zur prekären Idylle, von der Gruppendynamik zur Innenwelt des Einzelnen, ist von bezwingender Macht. Die Schauspieler sind durchweg exzellent, und in keiner einzelnen Szene verrät die Dramaturgie ihr Ziel: eine Welt zu zeigen, die von narzisstischer Ausschweifung, von vitaler Unbekümmertheit und kreativer Lust sowie Selbstzerstörung lebt – und in deren Mitte, unerkannt und unbewegt, das kalte Herz des Geldes schlägt.
Und doch bleibt ein Gefühl des Unbelebten. Denn die Figur, durch deren schwere Lider diese Welt betrachtet wird, ist zumindest zu Beginn der Serie noch wenig prägnant: Richie Finestra (Bobby Cannavale), der den Rock 'n' Roll und von ihm leben will, der zu wenig zynisch ist, um unter allen Umständen erfolgreich zu sein, und nicht integer genug, um seiner Leidenschaft bedingungslos zu folgen, dieser Finestra kann nicht durch ein Drama führen. Er bleibt, wie der Normannenherzog Wilhelm der Eroberer im Teppich von Bayeux, eine Figur unter vielen. Anders als der mittelalterliche Held ist er eine blasse Erfindung. Das Panorama um ihn herum ist gleichwohl von musealer Pracht.
Am 15. Februar um 3 Uhr unter anderem auf Sky Online, ab 7. April auf Sky Atlantic HD.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 7/2016
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