13.02.2016

GESTORBENROGER WILLEMSEN, 60

In der Ausgabe vom 15. Januar 1990 wird Roger Willemsen zum ersten Mal im SPIEGEL zitiert. Es ging um eine erotische Anthologie, die der 34-jährige "Germanist, Übersetzer und Schriftsteller" für den Reclam-Verlag angefertigt hatte, die den Verlagsoberen aber zu krass geraten war. Willemsen hatte die Literaturgeschichte allzu gründlich durchsucht und Ausschweifungen zusammengetragen, die weit über das hinausgingen, was einem für Schullektüre bekannten Verlag noch geheuer war. Der Artikel endete: "Der Sammler sitzt nun klamm auf seinem Erektionsstau und schmettert einen Schlachtruf des Grafen Mirabeau ins muckerische Ditzingen: ,Zieht euch zurück, ihr eifernden Zensoren. Schließt, Frömmler, Moralisten, Narren, eure Ohren!'"
Seitdem hat Roger Willemsen das Bild des deutschen Intellektuellen revolutioniert. Hier sprach und schrieb einer, der kritisierte, aber den Leuten keine Angst einjagte, weder vor dem Weltuntergang noch voreinander; einer, der der Lust am Denken und am Leben einen gegenwärtigen Ausdruck gab. Der angstfrei, ja frech war – obwohl er nicht einmal Beamtenstatus genoss. Anders als so viele deutsche Geistesgrößen seit der Aufklärung verachtete er seine Gegenwart nicht, nicht einmal die zeitgenössische Kultur – mit Ausnahme vielleicht aller Sendungen von und mit Heidi Klum. Er liebte Jazz, Fotografie, das Kino und wurde zu einem Akteur im Massenmedium schlechthin, dem Fernsehen. Diese Arbeit betrieb er, ohne sich über seine Kollegen in den Sendern und den Studios zu erheben – schon gar nicht über sein Publikum. Sein wundervolles Buch "Deutschlandreise" ist eine Liebeserklärung an die kauzige, schräge deutsche Provinz und ihre Bewohner.
Willemsen war ein besessener Arbeiter, der – da ist die Episode mit dem Verlag ganz typisch – die ihm erteilten Aufträge ernster nahm, als seine Auftraggeber sie gemeint hatten. Wenn er zur Blattkritik kam, besprach er wirklich jeden einzelnen Artikel. Mit ihm befreundet sein zu wollen konnte zum Vollzeitjob werden – er machte die Dinge eben nie nur so halb.
Und so hielt er es auch mit den Werten des Westens. Seine Art der Subversion war es, sie ernst zu nehmen. Daher unterstützte er Amnesty International, reiste nach Afghanistan und zu den ehemaligen Häftlingen von Guantanamo. Er verbrachte ein Jahr im Bundestag und schrieb "Das hohe Haus" – ein wichtiges, aufklärerisches Buch über den real existierenden Parlamentarismus. Willemsen war, auf eine heute fast vergessene Art, ein Liberaler mit einer Faszination für das Libertäre. Und weil die Freiheit sein eigentliches Element war, können wir ihn uns heute, da er alle irdischen Grenzen überwunden hat, im Glück vorstellen und so, wie er seine E-Mails unterschrieb: freudig winkend. Roger Willemsen starb am 7. Februar in Wentorf bei Hamburg.
Von Nm

DER SPIEGEL 7/2016
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