13.02.2016

Die AugenzeuginRasierklingen im Mund

Diana Nuñez, 61, hat im Auftrag der Diakonie sieben Jahre lang als Abschiebungsbeobachterin am Frankfurter Flughafen gearbeitet. Ihre Aufgabe: Sie musste aufpassen, dass sich die Polizei angemessen verhielt.
"Bei meinem Einsatz am Frankfurter Flughafen habe ich etwa 1400 Abschiebungen beobachtet. Ich hatte nicht das Recht, einzugreifen oder gar die Maßnahme abzubrechen. Ich konnte den Menschen noch ein Telefonat ermöglichen oder ihnen die Adresse einer Hilfsorganisation in die Hand drücken, an die sie sich in ihrem Heimatland wenden können. Vor allem habe ich mich aber als Zeugin verstanden. Ich habe unter anderem darauf geachtet, dass die Bundespolizei korrekt handelt und die Verhältnismäßigkeit wahrt. Das war bis auf seltene Ausnahmen, in denen Beamte aus meiner Sicht zu hart durchgriffen, immer der Fall. Trotzdem spielen sich dort natürlich Dramen ab. Die Bilder mancher Abschiebungen bleiben mir für immer im Kopf. Vor allem, wenn die Menschen sich wehren, wenn man sie fesselt und an Bord des Flugzeugs trägt – das sind schlimme Szenen. Meine Kollegin von der Caritas und ich haben uns meistens diejenigen Fälle ausgesucht, die besonders schwierig erschienen. Etwa wenn die Menschen, die abgeschoben werden sollten, psychisch krank waren, traumatisiert, oder wenn es abzusehen war, dass sie Widerstand leisten würden. Einmal rannte ein Afghane aus dem startbereiten Flugzeug die Treppe runter auf die Landebahn. Manchmal kam es auch vor, dass sich Menschen Rasierklingen in den Mund steckten oder sich sonst wie selbst verletzten, damit die Abschiebung abgebrochen wird. Was mich besonders beschäftigt hat, sind Abschiebungen, bei denen Kinder dabei waren. Ich erinnere mich an eine pakistanische Mutter und ihren achtjährigen Sohn. Sie sagte: Ihr Mann werde sie töten, wenn sie nach Karatschi zurückkehre. Der Junge hat die ganze Zeit versucht, seine Mutter zu trösten. Das war eine sehr schwierige Situation, auch für mich. Dass Kinder ihre Eltern so sehen – zitternd, weinend, hoffnungslos –, ist ein traumatisches Erlebnis. Ich habe den Job als Abschiebungsbeobachterin vor Kurzem aufgegeben. Jetzt bin ich Leiterin einer Flüchtlingsunterkunft im Taunus. Nun helfe ich Menschen, die in Deutschland ankommen, statt Menschen, die das Land verlassen müssen."
Von Aufgezeichnet von Wolf Wiedmann-Schmidt

DER SPIEGEL 7/2016
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