21.07.1980

„Herr Meier, wo Blumen, wo Sommer?“

Peter Brügge über die vietnamesischen Flüchtlinge auf dem oberbayrischen Daxenberg
Als die Vietnamesen nach Unterwössen kamen, hat der Pfarrer Franz Niegel das für einen Segen und für eine Prüfung genommen. Froh war er über diese Aussicht auf ein Praktikum in Caritas und bangte zugleich, ob bei dem behaglichen Christentum im oberen Achental eine Liebe zu Nächsten aus dem Fernen und sogar kommunistischen Osten mit inbegriffen sei. Deshalb predigte er diplomatisch. Zwar, sagte er, habe man sich um diese armen Menschen nicht "gerissen". Nun aber müsse man für sie "dasein, und zwar ganz". In seinem Weckruf zur Güte ächzte ein Leistungszwang.
Es war um Martini herum, die Zeit, zu der Christenmenschen in Oberbayern sich gern eine Gans braten und St. Martins gedenken, der seinen Mantel mit dem Frierenden teilt. Die Pfarrgemeinde Unterwössen verehrt in diesem Heiligen überdies ihren Kirchenpatron. Von selber verstand sich da des Pfarrers Ehrgeiz, die fünf Dutzend windig gekleideten Bootsflüchtlinge sogleich mit fabrikfrischen, festen Sachen in ihren kindlichen Größen zu versorgen. Im Gegensatz zu manchen seiner Beichtkinder schwebte ihm keine Sammlung alter Klamotten vor, und er obsiegte: "Die Textilfrage war sofort gelöst."
Nirgendwo im bayrischen Oberland wird die Legende der Herbergssuche zu Bethlehem so wohltönend im Andachtsjodler, mit Dreigesang und Krippenspiel alle Jahre wieder vors Publikum gebracht wie in der Unterwössener Rokokokirche St. Martin. Daraus erwuchsen Maßstäbe für den jähen Ausnahmefall, daß Gutes nicht bloß zu besingen war. Ein Ansehen stand auf dem Spiel.
Das wurde gewahrt. Die Boat-people mußten sogar gedrängt werden, sich vom Kleiderberg nicht bloß einmal zu bedienen. Es blieb soviel Rest, daß zwei Räume davon überquollen und eine Frau aus der Gemeinde sich zwei Tage lang unbezahlt damit abrackerte, den textilen Überfluß abzutragen. Das war eine wirklich gute Tat. Den Namen Opfer verdiente die fast.
Denn das meiste sonst schien eine Frage von Geld. Eine leise, umständliche Debatte brach sogar mit der Überlegung aus, wie angemessen es dem heutigen Standard abendländischer Caritas sei, wenn den Vietnamesen im Schuhsalon ihr festes Schuhwerk zugewiesen wurde. Ob man ihnen nicht besser Bargeld überreichte? Sie könnten dann selber eine Wahl treffen. Und so wurde zugunsten des Baren entschieden.
Ansteckend griff das Interesse an den Flüchtlingen um sich. Während selbst noch die schlichteste Mitteilung Übersetzungsprobleme aufwarf und keine Seite von den Stimmungen, Gefühlen oder Ängsten der anderen etwas erfuhr, erlaubte sich der Pfarrer bereits bayrische Koseformen für Namen chinesischen, vietnamesischen oder laotischen Ursprungs.
Vom "Kimei" sprach er und vom "Locei" statt von den Herren Kim und Loc. Die Flüchtlinge, ob Kind, ob Greis, lernten ihrerseits schnell, die Tatze eines jeden Einheimischen, so er sich ihnen näherte, mit ihren zierlichen Händen zu umfassen und ihm ein schmeichelndes "Glüß Gott" zu wünschen.
Gott zum Zwecke des Grußes zu erwähnen, war ihnen fremd wie das Weiß auf den Bergen oder der Leberkäs', den man ihnen in Unterwössen bereits zur Begrüßung kleingeschnipselt, abgebräunt und mit Reisbeilage vorgesetzt hatte. Daß ihre Nahrung mundgerecht, S.37 weich, mit Stäbchen faßbar sein müsse, war das erste, was über sie herumging.
Einige gastfreie Christenhäuser im Tal öffneten sich ihnen reihum. Und reihum bekamen sie an einem Jour fixe kleingeschnittene bayrische Hausmacherkost, auf die sie undurchschaubar liebenswürdig reagierten. In ihren Gastgebern erwachte manchmal Erinnerung an die eigenen, weit zurückliegenden Entbehrungen. Es wurde sogar um Übersetzung des Hinweises gebeten, selber habe man Kriege mitgemacht, seitdem werde bei Tisch hier immer aufgegessen. Kaum hatten nämlich die Boat-people etwas Bargeld in der Tasche, da zeigten sie Neigung, mit Lebensmitteln wie satte Kinder zu verfahren, nur höflicher.
Mit dem Leberkäs' zu leben lernten sie von Anbeginn. Daß "Nguyen mieng" Leberkäs' am Stück ist und "Da cat tung mieng mang" ein in Scheiben geschnittener, war einer der ersten nachbarlichen Hinweise am Schwarzen Brett ihrer Unterkunft. "Thit heo chien", das hieß Schweinsbraten, doch in den landesüblichen Portionen konnten sie den nicht verkraften.
Sie einzubeziehen, als seien sie wie die üblichen Zugereisten, bloß mittellos und gelb -- das war ein erstes Hilfsmittel zur Überbrückung einer sich alsbald öffnenden Kluft der Fremdheit. Über die hinweg lächelten die Unterwössener und ihre Schutzbefohlenen aus Saigon, Hue oder Haiphong sich sprachbehindert an.
Der Mechaniker La Duc Minh kam den Bayern so weit entgegen, ständig einen Trachtenhut zu tragen; den nahm er höchstens im Bett vom Kopf. Alle anderen, ob sie aus Familien von chinesischer oder vietnamesischer Lebensart stammten, mieden höflichst das Alpenländische, Loden, Filz oder Handgestricktes, und gingen bis hoch in den Tag im Pyjama. In den Augen der Eingesessenen ist das kein Tagesanzug für einen Gesunden.
Daxenberg, ein unrentables Erholungsheim am äußersten Ortsrand, war von der Regierung zur "Sammelstelle" für die Boat-people bestimmt worden. Zum Obdach für ihr Einstandsjahr. Dort Herbergsvater zu werden, verlangte es den Meier Schorsch, einen Monteur von Klöckner-Humboldt-Deutz, den die Leute weitum als einen Mann des Volksliedes kennen: Im Trio "Die Waldschmiedbuam" singt er die dritte Stimme, andächtig und tief. Nun, in seinem 40. Jahr, brauchte er eine Arbeit, bei der er es endlich mit Menschen zu tun hatte statt mit Maschinen.
Breitschultrig und sanftmütig regiert er jetzt die "Sammelstelle Daxenberg". Schön einsam, jedoch über einer Steilkurve der dichtbefahrenen B 305 nach Reit im Winkl erhebt sich diese ansehnliche Bruchbude. An ihrem First verwittert das Gemälde eines röhrenden Hirsches. Fast eine Stunde zu Fuß ist es nach Unterwössen, und das heißt: Das Haus ist abgeschieden, trotz des Straßenlärms. Nichts mehr für Kurgäste. Das gemachte Flüchtlingslager.
Ein bäuerlicher Freund des Bundesernährungsministers hatte es rechtzeitig vor der neuen Hochkonjunktur der Menschenvertreibung günstig gekauft und an den Staat vermietet. Der möchte dort vom ausgewachsenen Asylanten pro Bett und Nacht eine Mark. Bis er das nach fünf Monaten zum erstenmal rückwirkend verlangte, hatten die Boat-people die dafür bestimmte Unterstützung verlebt.
Zwei Lehrer der am Flüchtlingsproblem aufblühenden bayrischen Firma "Euro-Sprachschule" haben ihnen in der Lesefibel das Bild eines sauberen deutschen Ordnungsstaates vorgelegt. Aber wie der arbeitet, ist ihnen unerklärlich wie das Alpenklima.
Sechs Monate bereits werden sie, während es draußen meist regnet oder schneit, fünf Stunden am Tag mit deutscher Deklination gequält. Manche sind von der dabei lächelnd geschluckten Erfahrung ihrer Ungeschicklichkeit magenkrank geworden. Nicht zwischen Chinesen und Vietnamesen, wie die Asylverwalter erst gemeint haben, verläuft eine schneidende Grenze, sondern zwischen denen in der besseren und denen in der schlechteren Unterrichtsgruppe.
Was ihnen das Deutsche, ist dem Herrn Meier die Begegnung mit deutscher Bürokratie. Kommt da zum Beispiel eine Referentin im Dienstwagen und erklärt für ihr Sachgebiet die Tuberkulose im oberen Achental. Sie verordnet einen Tuberkulin-Test da und dort und, wo der positiv anspricht, die willkommene Tuberkulose-Beihilfe. Später fährt sie wieder hinauf und fordert das Geld im Namen des Herrn Landrats zurück.
Denn schau, der Begünstigte war ja bereits aus anderen Töpfen des Sozialstaats über jenen Richtsatz hinaus bedient worden, von dem an Tuberkulose-Hilfe überhaupt erwartet werden dürfte. "Haben Sie den Brief vom Herrn Landrat nicht bekommen?" forscht die Beamtin bei Herrn Trinh Hien De, der sich vom Gürtel aufwärts verneinend schüttelt und einen solchen Brief nicht einmal in Vietnamesisch begriffe. Geld vom Staat, das fällt wie Regen, welchen der Himmel ja auch nicht wieder zurückbefiehlt.
Einmal hat Herr Meier nichtsahnend versucht, der Beamtin einen gewöhnlichen S.39 Krankheitsfall in Obhut zu geben, aber da hat er sich gebrannt. Einzig für die Tbc im oberen Achental ist sie da.
Jeden der Asylanten vom Daxenberg haben sie amtlich zu etwas abstempeln müssen, und zwar nach Möglichkeit zu dem, wofür er sich ausgab oder vielleicht gar auswies. Unhandliche, vor einem Dolmetscher hingestammelte Schicksale galt es auf ein dem deutschen Sozialwesen angemessenes Format zu reduzieren, auf Bemessungsgrundlagen für Arbeitslosenhilfe, Arbeitslosenunterstützung, Sozialhilfe, Ausbildungsbeihilfe, Familien- und Behindertenzuschüsse, Kindergeld, Heilhilfe, Wohngeld.
Im Licht der Bürokratie gerannen unerforschliche Laufbahnen zu Wasserzeichen der Existenzsicherung, gaben den Ausschlag dafür, ob einer monatlich 264 oder 554 Mark zu beziehen begann. Ein 17jähriger, der sich auf Mechanikerpraxis in einer Honda-Werkstatt Saigons berief, hatte davon eben mehr als der 14jährige, der sich von Beruf Fischer nannte.
Hingenommen wurde das neidlos, wie ein Zufall der Natur. Vor der Sturmfahrt übers Südchinesische Meer hatten sie alle nicht soviel Geld zum Leben nötig. Von den Verwandten, die aus dem Auffanglager in Kuala Lumpur zu anderen Asylvölkern im Westen fortgeschwemmt worden sind, vernehmen sie in Briefen etwas über Hilfeleistungen, die sich mit denen am Daxenberg nicht messen könnten.
Einer füttert ihnen das ein, falls Apathie sie dennoch überwältigt: Herr Tran Nghia Doi, der Apotheker aus Saigon, der für seinen Dienst in der besiegten Süd-Armee im Umerziehungslager gebüßt und selber die heimliche Angst zu zügeln hat, daß einer mit seiner Ausbildung für deutsche Apotheken nimmermehr taugen werde. Einen gebildeten, anstelligen Mann wie ihn ziehen beide Seiten am Daxenberg fortwährend zur Vermittlung heran.
In Meiers Namen ruft Doi die Burschen zur Ordnung, die das Schnapstrinken anfangen, den Sprachkursus schwänzen und sich an vielen sonnenlosen Tagen völlig im Bett verkriechen. Mönchskahl schert sich einer plötzlich, sagt aber nicht wieso, ist nur der personifizierte Fleiß von da an.
Gegen ein Heimweh nach dem Leben in Wärme und auf asiatisch belebten Straßen hilft nicht D-Mark vom Sozialstaat Bundesrepublik. Doch in den Achentaldörfern ringsum rührt dieses Geld eine verdruckste Abneigung auf. Offen erfahren die Gelben vom Daxenberg die höchstens, indem Eingeborene im leeren Auto auf ihre Anhaltezeichen nicht mehr ansprechen und sie den langen Weg ins Dorf marschieren lassen. "Die hab'n Zeit gnua zum Geh'n", sagt einer im Wirtshaus "Zur Post" in Unterwössen. "Und gnua Geld hams a." Wenn es nun aber regnete, fragt ihn der Meier Schorsch, ob er da auch keinen mitnehmen täte? Da fällt dem anderen wohl der Heilige Martin wieder ein, und er murmelt: "A was, da nimm is nachher scho mit."
Schwerer ist es geworden, sich zu einem christlichen Empfinden aufgerufen zu fühlen, seit die Asiaten in ihren Adidas-Anzügen im Cafe vor Eisbechern mit Schlagsahne hocken, beim Einkaufen ausgerechnet die Trommeln mit dem teuersten Waschpulver wegschleppen und Transistor-Radios dazu und sogar schon Farbfernseher. Haben die denn nicht eine ganze Fuhre gebrauchter Schwarzweiß-Geräte bekommen? Und tun es die vielleicht nicht, wenn man arm ist? So geht das um in den Wirtsstuben. Sowie der Meier S.42 Schorsch in seiner vollen Breite hereintritt, wechseln alle das Thema.
Ein Marktfaktor sind sie geworden, die Bedürftigen vom Daxenberg. Die beiden Einkaufsmärkte Unterwössens wetteifern direkt um sie mit fernöstlichen Sonderangeboten, den Großsippen-Packungen mit Glasnudeln, Frühlingsrollen, Fischsoße, mit Sorten von Tee und Reis, als wäre man in Hongkong. Vom Postamt aus werden Pakete nach Vietnam geschickt, manchmal telephoniert ein Flüchtling von seinem Ersparten mit Fernost.
Da war es in den Augen einer frommen Frau das Tüpfelchen auf dem i, wenn diese Buddhisten zu Kirchenfesten der Gemeinde St. Martin geschlossen herunterbefördert wurden. "Uns hat noch keiner mit 'm Omnibus in d' Mess gfahren", zürnt sie zum Kircheneingang hinüber, während sie aus ihrem Volkswagen steigt.
Drum darf der Pfarrer kaum noch frei heraus sagen, daß er die Vietnamesen, für die man doch ganz dasein will, nach der Kirche immer zum Essen einlädt, weil sie dann nämlich lieber kommen. Diskret verlegt er schließlich die ganze Andacht in den Abend und erfüllt damit seinen Buddhisten die durch die Blume angedeutete Bitte nach mehr Schlaf am Sonntagmorgen.
Er und der Meier müssen achtgeben auf den leise rumorenden Mißverstand. Was sie aus ihrem immer noch ansehnlichen Spendenkonto herausgeben, die zunehmend psychischen Bedürfnisse ihrer Schutzbefohlenen zu stillen --Mißdeutungen werden davon immer mitfinanziert.
Bereits der Tanzkursus war also ein Risiko. Aber das bißchen Wechselschritt einmal wöchentlich belebte die Sammelstelle, zog auch ein paar vom Vater gar nicht freigegebene Schülerinnen heran. Im atemlosen Eins-zweidrei erklärte der vom Rhein her zugewanderte Tanzlehrer den Boat-people den seiner Meinung nach zwingenden Zusammenhang zwischen der Heimatvertreibung und dem Mangel an Rhythmus: "Deshalb haben wir diese zerrissene Welt."
Zum Slowfox verließ selbst der greise Chinese Mach Phat Hy mit seiner Frau Lam Ai Minh sein Zweibettzimmer, von dem aus er sonst steinern das Scheinwerferspiel auf der B 305 beobachtet hätte. Zum Deutschunterricht schüttelte er starrsinnig den Kopf. Meier übersetzte sich das Nein: Der Alte wolle sich in Deutschland wohl gar nicht einleben.
Jedem Besucher nämlich hält Mach Phat Hy in Kodak-Color vor Augen, zu wem es ihn zieht: erstens nach Hongkong zu seinem "first baby", einem ersichtlich wohlsituierten Mann; zweitens nach Singapur zu seinem arrivierten "second baby". Nur, wie bekommen Mach Phat Hy und Lam Ai Minh die Einreisevisa? Nichts als Absagen gehen ein. Der alte Chinese kann nicht umhin, darüber manchmal zu weinen.
In einem 16 Kilometer entfernten Dorfkino hat er sich wiederholt bei einem Kung-Fu-Film getröstet und nachher zu Herrn Meier gesagt: "Chinese fighting gutt." Soviel Englisch verstehen sie beide.
Auf einmal durchfuhr den Heimleiter die Idee, den Greis zu einem Ohrenarzt zu schleppen. Der hat es gleich gemerkt: "Ja mei, der Mo hört ja praktisch gar nix." Ein Hörgerät auf Krankenschein wurde verordnet. Seitdem gibt Herr Mach sich samt Frau Lam dem Deutschen hin.
Der allgemeinen Schulpflicht wegen werden sieben Kinder vom Daxenberg im Schulbus verschiedenen Lehranstalten im Tal zugeführt. Sie vergnügen sich miteinander im Unterricht, von dem sie nichts verstehen. Den 15jährigen Hung aber traf das Los, einer achten Grundschulklasse als einziger Fremdling anzugehören. Für die 700 übrigen Schüler ist er in den Pausen eine Sehenswürdigkeit, hat ihnen aber nichts zu sagen, außer Grüß Gott. Allenfalls mitzuturnen wäre er in der Lage. Doch müßte er dazu wieder die deutschen Kommandos des Turnlehrers verstehen.
Einer seiner Pädagogen tröstet sich: "Vielleicht bleibt von der Schul' ja doch a bisserl was hängen."
Ein einziges Mal gab Hung an alle ein Signal. Das war, als er im Klassenzimmer den Papierkorb anzündete. Ein Lehrer sagte jedenfalls, er habe das verstanden.
Herr Meier denkt sich in den Schüler Hung hinein. Vielleicht möchte er lieber bei den Erwachsenen im Deutschkursus sein? Hung verneint das und lächelt. Meier fürchtet, daß es ein Nein aus Höflichkeit ist. Hung mag glauben, Schulpflicht S.44 und Hauptschule seien den Deutschen das wichtigste. Oder er hat, wer weiß, Angst vor dem Deutschkursus? Dem zu entrinnen, und sei es für Stunden, haben sich die anderen schon einiges einfallen lassen, beispielsweise sich wegen eines Heftpflasters für unpäßlich zu erklären oder einen Vietnam-Gedenktag anzukündigen. Da bleiben die Deutschlehrer daheim -- und die Boat-people in den Betten.
So sind sie frei und doch in Quarantäne. Ihre bezahlte Arbeitslosigkeit isoliert sie von dem Tal der Nächsten, die bloß für Arbeit Geld bekommen und keine andere Notdurft anerkennen außer der des Leibes. Es isolieren sie der Berg und die Sprache.
Viele sammeln erste Erfahrungen mit dem Phänomen Elektrizität und verstehen kaum die Gebrauchsanweisung für den in jedem Zimmer neu aufgestellten Kühlschrank. Meier spürt die Anspannung in ihrem Lächeln und verschreibt ihnen als Arznei fruchtlose Handarbeitskurse, ein Kostümfest, zu dem die Gelben sich in Indianer oder Holländer verwandeln, eine Fahrt mit der Bergbahn, bei der sie in viel Nebel sehen, ab und an eine Wanderung auf den von Kurgästen so geschätzten Aussichtspfaden. Er schleift verständige Freunde mit, auch mal den Buchner Peter, einen hilfswilligen Holzknecht. Aber was können die tun außer mit ihm selber ratschen?
Hinterdrein tippeln die Asylanten, in Hauspantinen manche, andere rauchend und umhüllt von vietnamesischer Musik aus dem Portable. An das manchmal aus den Wolken tauchende Bergpanorama verschwenden sie keinen Blick, der Reiz des Ausflugs liegt in der Einkehr, selbst wenn der Heimleiter sie dabei, des Ansehens wegen, für Stärkung selber aufkommen läßt.
"Herr Meier, wo Frühling?" haben sie ihn tausendmal gefragt. "Wo Blumen?" Dann begannen sie: "Herr Meier, wo Sommer?" Er lacht bedrückt und zeigt ihnen die entsprechenden Daten im Kalender. Ihm soll man keinen Vorwurf machen.
Schnee immerhin wurde ausreichend geboten. Erst war der berauschende Novität. Auf gespendeten Skiern fuhren die Boat-people gleich riskant, "unheimlich begabt", wie Einheimische lobten. Der 17jährige Nguyen Ngoc Chan geriet im Schuß auf die B 305 und an ein Auto und beulte das ein. Die 12jährige Nang Thie Lien beendete einen Unterwössener Schülerslalom mit einem Oberschenkelbruch. Von da an war den Asylanten Schnee ein Graus.
Ein Frühlingsfest mit Leberkäs', Kartoffelsalat und Stubenmusi verschob Meier auf Ende April. Da lag schon wieder kniehoch frischer Schnee, und die gelben Männer schaufelten für ihre Gäste aus dem Pfarrsprengel keuchend etwas Parkraum.
Mit hohen Stimmen sangen sie dann ein Lied aus Vietnam, mit dem sie sich schon zu Weihnachten bedankt hatten: "Dem Dong -- Winternacht".
Die bayrischen Musikanten konnten es bereits leise begleiten. Zur Überraschung für die Honoratioren hatten die Eurolehrer einen Kursus sprachlich dahin dressiert, jenes ruckhaft fröhliche Frühlingslied des Hoffmann von Fallersleben vorzutragen, in dem es heißt, alle Vögel seien schon da.
Sommeranfang verging ohne Feier. Herr Trieu Yen Quang empfing seine S.46 Frau Lu Thuc Tran, die er von Unterwössen aus telephonisch in Hongkong wiedergefunden hatte. Frau Truong Kim Sin kam nieder. Unterwössen hat seinen ersten gelben Eingeborenen. Nach dem vietnamesischen Schmaus, zu dem die Truongs auch die wenigen unbeirrbaren Gönner aus dem Tal am Tisch hatten, ließen sich die jungen Männer vom Daxenberg mitnehmen zum Amüsierschuppen "Bauerngirgl"; deutsch tanzen konnten sie schließlich.
Es umgab sie Mißmut der dort von ihrer Lohnarbeit ausspannenden Platzhirsche, zu denen es wohl schon durchgedrungen war, wie katzenflink die Gelben einer Unterwössener Jugendmannschaft auf dem Fußballplatz ein 6:0 beschert hatten. Daß der Staat den Chinesen das Arbeiten verbiete, riefen die bierschweren Stammkunden einander beim Wasserlassen zu, das stinke einem schon.
Hinterrücks begleitet dieser Gedanke jede Begegnung mit den Asylanten, ob sie sich beim Freiluftkonzert der Unterwössener Feuerwehr unter dem Maibaum zeigen oder als Buddhisten-Gruppe mitten im Weihrauch der Fronleichnams-Prozession. Glücklichsein, hat der Pfarrer frei nach Buddha gesagt, werde nicht dadurch gemindert, daß man es mit anderen teile. Aber was von dem, das einem Unterwössener Glück heißt, kann er mit denen noch teilen?
Wie soll er seine Nächstenliebe frisch halten, wenn die eben noch Bedürftigen nichts mehr anzunehmen brauchen, nichts Guterhaltenes, nichts Neues und schon gar nicht eine Beschäftigung? Auch den Hirten Meier plagt der erlebte Zwiespalt zwischen Sozialstaat und Caritas, und er schaut im Oberland auf eigene Faust nach Arbeitsplätzen für Vietnamesen. Denen in der Regierung wäre es recht, wenn es in der Sammelstelle schnell wieder Platz gäbe für den, wie sie sagen, "nächsten Schub".
Mit acht jungen Männern aus Vietnam zieht der Heimleiter zu einer Isolierglasfabrik im nächsten Landkreis. Gleich anfangen könnten sie da alle und eine Wohnung haben. Aber überlegen wollen sich das nur zwei. Bald kriegen es auch die mit der Angst und möchten sich vom Gros und dem schon Gewohnten in ihrem Alpen-Ghetto nicht absprengen lassen.
Recht so, findet ein leitender Herr von der Sprachenschule. Ein staatlich finanziertes Jahr der Anpassung sollte keiner durch einen vorzeitigen Sprung ins Arbeitsleben verkürzen. Nebenhin räsoniert der Sprachvermittler: Der Staat vergifte sie nur leider, diese Asylanten aus der ärmeren Welt, mit seinem falsch dosierten Geld.
Zu den wenigen, die auf solche Gedanken nicht kommen, gehört Hermann Hain, ein Konditor-Geselle. Er hat sich den Vietnamesen sprachlos und spontan angeschlossen wie einer langerwarteten Wahlverwandtschaft.
Wenn die inzwischen sechs bezahlten Helfer und Sorger und Lehrer bei Büroschluß abziehen, gehören dem Hermann und ein, zwei gleichgesinnten Mauerblümchen aus dem Tal die Boatpeople und deren blütensanfte Freundlichkeit allein. Mit den Kindern herzt der Konditor, begütigt die Deprimierten, seufzt über eigenen Kummer und versorgt sich mit längst souverän geführten Stäbchen und dem Schmatzen und Rülpsen des gelernten Asiaten aus den vielen Töpfen der Asylanten.
Für Hermann, den Konditor, hat auf einmal jeder Tag Sinn. Gleich nach dem Semmelbacken prescht er hinauf zum Daxenberg und verausgabt sich dort durch bloßes Dabeisein und verdrießt damit Sprachlehrer und Landsleute. Die einen finden ihn eine Quelle für schlechtes Deutsch, den anderen war er immer schon befremdlich mit seiner Weichheit an Leib und Seele.
Bei den Boat-people endlich vermeint er zu spüren: Die mögen ihn, die brauchen ihn. Einen Schmarrn nennen die anderen das. Die Vietnamesen, sagen sie, die mögen den vielleicht, weil er sie braucht. Und das ist doch, finden sie, ein Unterschied, oder?
Von Peter Brügge

DER SPIEGEL 30/1980
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