21.07.1980

STUDENTENZipfel rechts

Nach Jahren der Stagnation melden studentische Verbindungen Zulauf. Schon fürchten Linke: „Die Herren mit dem Hackepeter-Gesicht machen sich wieder breit.“
Zumindest eines haben sie alle gemeinsam -- der rechte Kanzlerkandidat Franz Josef Strauß und der linke Kanzleramtsminister Gunter Huonker, Erzbischof Josef Höffner und Generalbundesanwalt Kurt Rebmann, auch Bundestagspräsident Richard Stücklen (CSU), Dresdner-Bank-Chef Hans S.50 Friderichs (FDP) und Wohnungsbauminister Dieter Haack (SPD): Sie sind, trotz vorgerückten Alters, Mitglieder studentischer Verbindungen.
Als "Alte Herren" halten sie wie rund 163 000 weitere Westdeutsche jenen skurrilen Männerbünden die Treue, die noch vor zehn Jahren an Nachwuchsmangel abzusterben drohten. Damals, zur Apo-Zeit, war das Verbindungswesen mehr denn je als ein Relikt vergangener Zeiten verpönt, und der farbentragende Student galt, so die liberale Hamburger "Zeit", als "deutscher Michel in seiner schmählichsten Gestalt".
Seither hat das Ansehen der Korporierten sich kaum gewandelt. "Bier im Bauch, Schmiß im Gesicht, Stroh im Kopf und ausstaffiert wie ein Pfingstochse" -- so karikierte noch letzten Monat eine Gewerkschaftszeitung den typischen Farbstudenten.
Auch der Anteil der "Aktiven" in der Studentenschaft ist nach wie vor verschwindend gering: Nur rund 37 000 der etwa 900 000 westdeutschen Hochschüler, mithin keine fünf Prozent, sind in Verbindungen organisiert -- wenig im Vergleich zu den zwanziger Jahren, als mancherorts zwei Drittel aller Immatrikulierten dabeiwaren.
Gleichwohl scheinen die Verbindungen den Tiefpunkt, an den sie in den siebziger Jahren geraten waren, langsam zu verlassen. An einigen Hochschulen zumindest gewinnen sie wieder an Einfluß, Korpsstudenten wie Wolfgang Reinecke vom "Coburger Convent" sehen schon "das Ende der mageren Jahre" dämmern, und auch ihre Gegner haben''s bemerkt. "Die Herren mit dem Hackepeter-Gesicht", meldete jüngst das Gewerkschaftsblatt "Metall", "machen sich wieder breit."
Über zwanzig aktive Studenten gehören derzeit beispielsweise der Burschenschaft "Wartburg Köln -- Germania Leipzig" an, neun mehr als noch vor zwei Jahren. Die "Turnerschaft Ghibellinia" verdoppelte ihre Mitgliederzahl binnen fünf Jahren auf dreißig. Die Münchner "Alemannia" stockte ihren zwanzigköpfigen Burschenstand in den letzten beiden Semestern um fünf auf. Bei der Würzburger "Adelphia" haben sich vier Neue angesagt -- der Schnitt vergangener Jahre lag bei einem.
Auch bei der "Germania-Jena" zu Göttingen "läuft''s zur Zeit ganz ordentlich", wie ein Sprecher verrät; aus Konstanz und Passau werden Neugründungen gemeldet. Und wie in den fünfziger Jahren schlendern Scharen von Verbindungsstudenten -- Käppi auf dem Kopf, Farbband vorm Bauch -- über den Marburger Marktplatz.
"Seit, wollen wir mal sagen, die Linken an den Unis wieder auf dem Rückmarsch sind", deutet Ernst Wreden, Altbursche von der "Alemannia Heidelberg", das personelle Plus, "sind wir wieder im Kommen" -- zur Freude vieler Würdenträger in Staat und Hochschule, die den zagen Trend nach Kräften fördern.
Bundespräsident Karl Carstens etwa empfing kürzlich in der Villa Hammerschmidt die Bonner "Alania" und rühmte die Verbindungen als Chance, "dem allgemein verbreiteten Übel der Bindungslosigkeit" die Stirn zu bieten. Niedersachsens Finanzminister Walther Leisler Kiep mochte beim Deutschen Burschentag in Celle Anfang Juni nicht fehlen.
"Burschen heraus", wünscht sich Adolf Laufs, Rektor der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg, um "unverbindliche Geselligkeit" durch "beständige Freundschaft" zu ersetzen. Auf dem Stiftungsfest der hundertjährigen Burschenschaft "Cimbria" erbat sich unlängst Nikolaus Prinz Lobkowicz, Präsident der Ludwig-Maximilians-Universität München, "Solidarität mit Ihren Hochschullehrern" für den Fall, daß "Rote Zellen" Lehrende in politische Diskussion verwickeln. In Freiburg feierte der dortige Rektor und Moraltheologe Bernhard Stoeckle mit der "Teutonia" den 17. Juni, in Saarbrücken amtierte Uni-Präsident Paul Müller als Schirmherr eines Burschenfestes.
Bei soviel offiziellem Zuspruch nimmt es kaum wunder, daß die Korporierten vielerorts auch Mitstreiter im Kampf gegen hochschulrechtliche Restriktionen finden, mit denen die Farbstudenten nach dem Zweiten Weltkrieg aus den Universitäten verbannt werden sollten. So hatte 1949 die Westdeutsche "ektorenkonferenz beschlossen: Im Bilde der kommenden studentisch"n " Gemeinschaft wird kein Platz mehr sein für Veranstaltungen " " von Mensuren, die Behauptung und Herstellung eines besonderen " " studentischen Ehrbegriffes, die Abhaltung geistloser und " " lärmender Massengelage, die Ausübung einer unfreiheitlichen " " Vereinsdisziplin und das öffentliche Tragen von Farben ... " " Die Universität wird auch die Trennung von ihrer Seite " " vollziehen. "
Unter Berufung auf diese Empfehlung untersagten viele Hochschulverwaltungen damals das Farbentragen auf dem Universitätsgelände. Mit derlei Verboten sollte das Wiederaufleben beispielsweise der Burschenschaften verhindert werden, die von ihren Mitgliedern schon 1919 den "Ariernachweis" verlangt hatten und die weithin noch immer "Menschen nichtdeutscher Abstammung", Kriegsdienstverweigerern und Frauen (Jargon: "Eierstöcke") die Mitgliedschaft versagen.
Neuerdings jedoch gelingt es den Verbindungen immer häufiger, die alten Beschränkungen aufheben zu lassen. In Freiburg, wo sich Burschen von der "Teutonia" zum Semesterbeginn in voller Montur in eine Vorlesung gedrängt hatten, annullierte Rektor Stoeckle Ende Mai das Farben-Verbot. In Marburg erklärte sein Kollege Walter Kröll die Order ebenfalls für obsolet. In Berlin streiten Studenten der Freien Universität derzeit für eine Regelung nach Marburger Muster.
Zur bundesweiten Offensive sind vier Bünde angetreten:
* der "Coburger Convent", ein Zusammenschluß aus "Landsmannschaften und Turnerschaften", die sich 1860 zum Deutschen Turnerfest im fränkischen Coburg zusammengetan S.51 hatten, um "geistige Allgemeinwerte" zu pflegen;
* die "Deutsche Burschenschaft", die ursprünglich unter der Fahne Schwarzrotgold gegen Fürstenwillkür stritt, später aber Front machte gegen Republikaner und Demokraten;
* die Kösener und Weinheimer "Corps" mit über 160 Dependancen im Lande, darunter Klubs wie "Borussia" Bonn oder "Saxonia" Göttingen, in denen sich einstmals Adelige sammelten und die heutzutage Industriellensöhnen als standesgemäße Verbindung dienen;
* der "Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen" (CV), der mit 116 Filialen überall in der Bundesrepublik vertreten ist und der die "Zulassung von nichtkatholischen Christen" für "nicht erforderlich" hält.
Von gestern sind nicht nur die Namen, sondern auch die Rituale: Exakt regelt der "Comment", wann beispielsweise gesungen wird: "Zum Zippel, zum Zappel, zum Kellerloch hinein, heute muß alles besoffen sein."
Neue heißen noch immer "Füchse" und tauschen mit ihrem künftigen "Biervater" einen "Zipfel als Zeichen freundschaftlicher Verbundenheit" aus, der laut Reglement "am Halter rechts am Hosenbund getragen wird". Für voll genommen wird vielerorts nur, wer "geburscht" und -- pflichtgemäß oder fakultativ -- jene rituelle Handlung absolviert hat, die gelegentlich den Schmiß, die Schmucknarbe, hinterläßt.
Da stehen sie dann beim Zweikampf, den "Schläger" in der Hand, um sich auf Distanz zu messen. Über die Nase wölbt sich der blecherne Bügel der Mensurbrille, die das Blickfeld einengt, eine "Krawatte" schützt den Hals vor der Klinge. Wer bei den vorgeschriebenen "dreißig Gängen a fünf Hieben" zuckt, gilt als Feigling und muß nochmal auf den Paukboden.
Die Deutsche Burschenschaft überläßt die Entscheidung über den Waffengang mit scharfer Klinge den Untergliederungen, die zumeist den alten Aufnahmeritus ungebrochen praktizieren. Und auch bei den Corps ist es noch immer Usus, zum Schläger zu greifen.
Denn in der "Kontrahage", im Kampf Mann gegen Mann, scheidet sich für sie allemal "der Mitläufer von dem, der für die Sache steht" (so Burschenschaftler Wreden). Die Sache, die sie meinen, heißt vornehmlich Deutschland, und zwar nicht zu knapp.
"Der deutschlandpolitischen Konzeption der Deutschen Burschenschaft", setzt etwa die Gießener "Germania" den rechten Akzent, "liegt zuvörderst die Auffassung zugrunde, daß sich das Gebiet des Deutschen Volkes nicht nur auf Mittel-, Ost- und Westdeutschland erstreckt, sondern selbstverständlich auch Österreich und Südtirol umfaßt."
Mehr als derlei Deutschtümelei beeindruckt manch einen Studenten, der sich den Verbindungen zuwendet, deren Bereitschaft, tatkräftig Lebenshilfe zu leisten -- etwa durch Vergabe von Plätzen im Verbindungshaus. "Die Zimmerknappheit in Köln ist ganz beträchtlich", gesteht einer von der Burschenschaft "Wartburg Köln -- Germania Leipzig", "und so ein Zimmer ist schon ein Mittel, jemanden aktiv zu machen."
Ein anderer Beitrittsgrund stand kürzlich in der "Welt", in einer Sonderbeilage über die "Karriere 80": In Verbindungen, "auf Herrenabenden in geselliger Runde", so Bundesbruder Wilm Herlyn von der "Rhenania" Würzburg, erfahre man, welcher "Job frei", "welcher Mann gesucht" sei. "Kartellbruder zu sein", räumt CVler Norbert Sklorz ein, "ist bei gleicher Qualifikation zweier Bewerber in der Regel förderlich und sehr hilfreich."
Doch die Zeiten, in denen, um die Jahrhundertwende, mehr als sechzig Prozent der Spitzenpositionen in der Verwaltung mit Verbindungsbrüdern besetzt waren, sind längst vergangen -obgleich einzelne Arbeitgeber immer noch vorzugsweise ehemalige Corpsstudenten einstellen. Bei der Allianz-Versicherung etwa kommt zum Zuge, wer der "Rhenania" Würzburg oder der "Frankonia" München angehört; Generaldirektor Wolfgang Schieren ist Bonner "Borusse" und im "Kösener Seniorenverbund" organisiert.
Ein anderer Grund freilich, aus dem sich manch einer neuerdings den Verbindungen zuwendet, ist jüngeren Datums und hat mit Ehre oder Karriere rein gar nichts zu tun: Der Berliner Politologe Tilman Fichter sieht eine der Ursachen für die Renaissance der Burschenbünde schlichtweg in "zunehmender Angst der männlichen Kommilitonen vor selbstbewußten Sudentinnen".
S.50
Im Bilde der kommenden studentischen Gemeinschaft wird kein Platz
mehr sein für Veranstaltungen von Mensuren, die Behauptung und
Herstellung eines besonderen studentischen Ehrbegriffes, die
Abhaltung geistloser und lärmender Massengelage, die Ausübung einer
unfreiheitlichen Vereinsdisziplin und das öffentliche Tragen von
Farben ... Die Universität wird auch die Trennung von ihrer Seite
vollziehen.
*
S.50 "Coburger Convent" beim Festkommers. * S.51 Mit den Politikern Kiep (3. v. 1.) und Haack (4. v. 1.). *

DER SPIEGEL 30/1980
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