02.03.1981

SCHULENGleich nach der Hölle

Novum im Kulturkampf um die Gesamtschule: Über tausend Eltern verordneten Zwangsferien für ihre Kinder, weil die Union den Ausbau einer Modellanstalt in Rheinland-Pfalz verhindert.
Siegrid Gockel, 37, Mutter von drei Schülerinnen, wurde grob, sie fühlte sich "echt verarscht". Norbert Becker, 31 und Englischlehrer, formulierte seine Empfindungen etwas verbindlicher: "Verbitterung und Resignation."
Zorn und Enttäuschung galten der nach jahrelangem Streit getroffenen Entscheidung der rheinland-pfälzischen CDU-Kultusministerin Hanna-Renate Laurien, die integrierte Gesamtschule im Hunsrück-Städtchen Kastellaun nicht mit einer gymnasialen Oberstufe auszustatten -- entgegen dem Willen von über tausend Eltern.
Ausgerechnet die Christdemokraten, die sonst in Bildungsfragen so gern dem Elternwillen das Wort reden, hatten mit dem Nein zur Oberstufe den elterlichen Willen einer ganzen Region "einfach vom Tisch gefegt, weil ihnen die ganze Richtung nicht paßte" -- so Pfarrer Karl-August Dahl von der Bürgerinitiative "Oberstufe für Kastellaun".
Und deshalb entschlossen sich die verärgerten Erziehungsberechtigten zu einer auch im bundesweiten Kulturkampf um die Gesamtschule einzigartigen Aktion: Sie verordneten ihren Kindern Zwangsferien. Am ersten Tag eines als "Schulstreik" deklarierten Boykotts besuchten nur 86 von 1149 Kastellauner Gesamtschülern den Unterricht, das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern betrug eins zu eins.
Eine Woche dauerte die Protestaktion, dann, nach langem Zögern, stellte sich Kultusministerin Laurien den aufgebrachten Eltern. Dienstag letzter Woche mußte die Christdemokratin bei einer turbulenten Bürgerversammlung viel Volkszorn schlucken ("Wieso respektieren Sie nicht den Elternwillen?"). Die Ministerin war betroffen -umstimmen ließ sie sich nicht.
Der Aufstand in der Provinz, den in Mainz kein Regierender für möglich gehalten hätte, macht den Unmut über die Bildungspolitik Hanna-Renate Lauriens deutlich, die sich hartnäckig gegen tiefgreifende Änderungen des Schulsystems wehrt. So gibt es in Rheinland-Pfalz bisher nur drei Gesamtschulversuche (Kastellaun, Kaiserslautern und Ludwigshafen), obwohl diese Schulform gerade für bildungsarme Regionen verspricht, den Kindern zu höheren Abschlüssen zu verhelfen.
Zwar waren auch in dem Einzugsbereich Kastellaun, der 34 Hunsrück-Dörfer einschließt, Eltern, Lehrer und Schüler gegenüber dem 1975 gestarteten Versuch einer integrierten Gesamtschule für die Klassen fünf bis zehn zunächst mißtrauisch gewesen. Doch die Zweifel wurden durch Praxis ausgeräumt.
Eltern und Schüler erwärmten sich zunehmend für eine Unterrichtsform, in der Kinder unterschiedlichster Begabungen bis zum zehnten Schuljahr in vielen Fächern gemeinsam unterrichtet und nicht nach Bildungslaufbahnen vorsortiert werden. Mit der guten Erfahrung wuchs auch der Wunsch nach einer gymnasialen Oberstufe, die bis zum Abitur führt. Die Schüler wollten ohne Ortswechsel ihre Reifeprüfung machen, Kastellaun sollte, wie ein Vater formulierte, nicht länger "eine Schule ohne Dach und Kopf" bleiben.
Eine Bürgerinitiative sammelte kurzfristig 4000 Unterschriften, der Elternbeirat der Schule votierte für die Aufstockung. Und das Bestreben, den schlechten Ruf als Bildungshinterland loszuwerden, einte sogar Kommunalpolitiker aller Parteien. Sozial-, Frei- und Christdemokraten kamen bei der Landesregierung ein, doch endlich für Dach und Kopf zu sorgen.
Kultusministerin Laurien aber wiegelte mit wechselnden Argumenten ab. Erst war ihr der Ausbau der Oberstufe zu teuer, dann krittelte sie über die angeblich zu schwachen Leistungen in Kastellaun.
Als dann eine Untersuchungskommission der Bezirksregierung Koblenz herausfand, daß sich die Gesamtschüler durchaus mit den Absolventen herkömmlicher Schulen messen können, pochte die "gebildete, selbständige Frau" (Laurien über Laurien) darauf, daß mit dem Schulversuch "ja von Anfang an" nur der reibungslose Übergang von Gesamtschülern auf die gymnasiale Oberstufe getestet werden sollte.
Heißt: Begabte Schüler müssen, um die Hochschulreife zu bekommen, die Gesamtschule verlassen und die Oberstufe des Herzog-Johann-Gymnasiums im 17 Kilometer entfernten Simmern besuchen -- gleichbedeutend mit Schulwegen von bis zu 70 Kilometern.
Die 17jährige Jutta aus dem Dorf Uhler zum Beispiel, früher Gymnasiastin in Simmern, mußte jeden Morgen um 5 Uhr aufstehen, kam mittags nicht vor 15.30 Uhr zurück und erreichte "mit Hausaufgaben spielend eine 60-Stunden-Woche". Und zu Schulwechsel samt weiten Wegen kommt noch die Gefahr des sogenannten creaming effect:
Eltern leistungsstärkerer Kinder schicken ihren Nachwuchs lieber gleich aufs Gymnasium. Diese frühzeitige Auslese der Begabten oder von Haus aus Bevorteilten begünstigt zwangsläufig einen allgemeinen Rückgang des Leistungsniveaus in den Gesamtschulklassen und kann, fürchtet Schulleiter Dieter Höhle, dahin führen, daß die Modellanstalt in Kastellaun schon bald "nur noch eine Haupt- und Realschule ist".
Daß Hanna-Renate Laurien dann darauf verweisen könnte, das Gesamtschulexperiment sei gescheitert, wäre wohl kein Unglück für die Bildungspolitik der rheinland-pfälzischen Union. Weil, so FDP-Sprecher Walter Strutz, "für viele mittelmäßige CDU-Parlamentarier die Gesamtschule gleich nach der Hölle kommt".

DER SPIEGEL 10/1981
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