03.03.1980

HOCHSCHULENDeutsche Physik

Vom Kaiser gegründet, von den Nazis gehätschelt, versorgt die Technische Universität Berlin seit 100 Jahren die Industrie mit Forschungsergebnissen und Fachleuten.
Im Südwesten Berlins, am Rande des Grunewaldes, steht der Teufelsberg. Auf seine für märkisch-ebene Verhältnisse beachtlichen 115 Meter erhebt er sich nicht nur, er wurde erhoben. Denn nachdem das Dritte Reich und mit ihm zahllose hauptstädtische Gebäude zum Teufel gebombt waren, wurden hier zwischen 1950 und 1973 mehr als 22 Millionen Kubikmeter Schutt zusammengekarrt.
Seit sechs Jahren decken Rasen und Gebüsch die Trümmer großdeutscher Vergangenheit, begrünt statt bewältigt. Wer hier winters an dem nach Osten geöffneten Ohr eines amerikanischen Radar-Horchpostens vorbei den Teufelsberg herunterrodelt, fährt Schlitten über ruinierte Nazi-Größe.
Zum Beispiel über Reste der Wehrtechnischen Fakultät jener "Reichsuniversität Adolf Hitler", die über einige Rohbauten nie hinauskam. 1937 begonnen und schon drei Jahre später als nicht unmittelbar kriegswichtig wieder eingestellt, bröckelte des Führers monumental geplante militärische Keimzelle einer "Hochschulstadt" direkt an der jetzigen Endlagerstätte vor sich hin, bis alliierte Bomben und Granaten den Zusammenbruch vollendeten.
Bereits in der Nacht vom 22. zum 23. November 1943 war die weiter stadteinwärts gelegene Technische Hochschule, die noch 1939 zum 50. Hitler-Geburtstag als Paradenkulisse gedient hatte, so weitgehend zerstört worden, daß der Lehrbetrieb eingestellt werden mußte. Doch zu diesem Zeitpunkt, so formuliert es der Berliner Historiker Reinhard Rürup, war es dem Nationalsozialismus längst gelungen, "eine so traditionsreiche und in sich gefestigte Institution wie die Technische Hochschule Berlin in weiten Teilen von innen heraus zu zerstören".
Die Rückbesinnung darauf, in welcher akademisch-politischen Gemengelage zwischen Kaiser- und Hitler-Reich technisch-naturwissenschaftliche Kader rekrutiert und ausgebildet wurden, hat kalendarische Gründe: Die Technische Universität ist 100 Jahre alt geworden -- Anlaß genug, daß Politiker, Gewerkschafter und Unternehmer beim öffentlichen Festakt Ende letzten Jahres "die Verantwortung des Ingenieurs heute" zu enträtseln suchten.
Historische Handreichungen haben dafür mehr als zwei Dutzend Autoren in einer von Rürup herausgegebenen Festschrift versammelt
( "Wissenschaft und Gesellschaft -- ) ( Beiträge zur Geschichte der Technischen ) ( Universität Berlin 1879 bis 1979". Im ) ( Auftrag des Präsidenten der TU Berlin ) ( herausgegeben von Reinhard Rürup, 1. ) ( Band; Springer-Verlag, Berlin; 628 ) ( Seiten; ca. 120 Mark. )
-- und dabei sogleich auf ein Paradoxon aufmerksam gemacht. Denn nur zwanzig Jahre nach der Gründung 1879 hatte die "Königliche Technische Hochschule zu Berlin" mit damals knapp 1300 Studierenden schon einmal eine Hundertjahrfeier zu bestehen gehabt.
Damals freilich war das Bezugsdatum die Errichtung der Berliner Bauakademie im Jahre 1799. Mit Bau- und Gewerbeakademie waren zwanzig Jahre zuvor auf Betreiben der liberalen Mehrheit des preußischen Abgeordnetenhauses zwei höhere Bildungsanstalten zur TH zusammengefaßt worden -- um das Industrialisierungstempo durch eine verbesserte Techniker-Ausbildung zu beschleunigen.
Dabei ging es dem deutschen Bürgertum um nichts Geringeres als den Sieg in der Produktionsschlacht gegen England, die technisch-industrielle Supermacht des ausgehenden 19. Jahrhunderts. In diesem Punkt ließen sich unternehmerisches Profitinteresse, allgemeiner, "grenzenloser Technikoptimismus" (Rürup) und staatliche Expansionsanstrengungen mühelos zur Deckung bringen -- spätestens jedoch, seit 1888 mit dem gerade 29jährigen Wilhelm II. ein Technik-Enthusiast den Doppelthron von Preußen und Reich bestiegen hatte.
Der militärisch-wirtschaftliche Wettlauf der europäischen Industriestaaten um den noch nicht kolonialisierten Rest der Welt tat ein übriges, der jungen Berliner TH rasch allerhöchste Huld und Aufmerksamkeit zu verschaffen. Schon 1891 durfte der TH-Rektor beispielsweise eine goldene Amtskette tragen.
Und acht Jahre später, zu jener ersten Hundertjahrfeier, erhielt die Hochschule das Recht, den Grad eines Dipl.-Ing. zu verleihen sowie Promotionen und Ehrenpromotionen vorzunehmen. S.87 Der Rektor hieß fortan Magnifizenz -- in Anerkennung dafür, daß "die Technische Hochschule", so der Kaiser, sich "ebenbürtig den obersten Bildungsstätten unseres Vaterlandes, unseren Universitäten an die Seite gestellt" hatte.
Magnifizenz Alois Riedler revanchierte sich mit Hymnen aufs Herrscherhaus und dem Versprechen, künftig für "Kulturmittel der wissenschaftlichen Technik", für "Waffe und Werkzeug, selbst geschmiedet", Sorge zu tragen. Die Hochschule ließ sich in diesem Sinne mit Krupp und Siemens zwei "Heroen der Technik" (Riedler) in Stein vors Portal setzen.
Die Professorenschaft dichtete dankbar einen "Festspielprometheus". Und mit dem ersten "Doktor-Ingenieur ehrenhalber" wurde Hohenzollern-Prinz Heinrich von Preußen dekoriert.
Wilhelm seinerseits ließ keinen Zweifel daran, was er von den akademisch aufgewerteten Technikern erwartete. "Sie sind zu großen Aufgaben berufen", verkündete er Riedler Anfang 1900: "Die bisherigen Richtungen haben ja leider in sozialer Beziehung vollständig versagt. Ich rechne auf die Technischen Hochschulen."
Der Techniker als Offizier im Arbeitskampf, der den Proleten die vaterländische Richtung weist -- so etwa stellte sich Wilhelm II. die Lösung der sozialen Frage vor. "Die Sozialdemokratie" dagegen werde nicht mehr als "eine vorübergehende Erscheinung" sein: "Sie wird sich austoben."
S. M. irrten, wenigstens in diesem Punkte. Dagegen erfüllten sich die Hoffnungen auf einen kräftigen Innovationsschub für die deutsche Industrie um so mehr: Um die Jahrhundertwende waren an der Berliner TH bereits 4500 Studenten immatrikuliert.
Viele Absolventen trafen sich, von "alten Herren" nachgezogen, in den Erfindungsmanufakturen der großen Kapitalgesellschaften wieder. Innerhalb von nur drei Jahrzehnten -- von 1877 bis 1907 -- wurden im Deutschen Reich 195 000 Patente angemeldet.
Das Zentrum der Berliner TH bildete bis 1918 unangefochten der Maschinenbau mit rund einem Drittel aller Ordinariate. Neben dem Rektor, Maschinenbauer Riedler, zogen um die Jahrhundertwende große Namen wie Franz Reuleaux, der die Bewegungslehre entscheidend beeinflußte, und Hermann Rietschel, der die wissenschaftliche Heizungs- und Lüftungstechnik begründete, die meisten Studenten in diesen Bereich.
Der spätere Erfinder des Zeiss-Planetariums, Walther Bauersfeld, promovierte hier 1904 mit einer Arbeit über "Die automatische Regulierung der Turbinen". Im gleichen Jahr wurde der Normen- und Rationalisierungsexperte Georg Schlesinger auf einen neu eingerichteten Lehrstuhl für Werkzeugmaschinen und Fabrikbetriebe berufen.
Wirtschaftliche und militärische Priorität erlangten innerhalb des Maschinenbaus vor allem zwei Fachrichtungen: die Elektrotechnik wegen der Nähe zu den marktbeherrschenden Großunternehmen AEG und Siemens und der Schiffs- und Schiffsmaschinenbau wegen der von Wilhelm II. und seinem Admiral Alfred von Tirpitz forcierten Flottenpolitik.
Angesichts dieser engen Verzahnung von industriellen und militärischen Ansprüchen vertrug sich technischer Fortschritt für die Mehrheit der TH-Studenten durchaus mit einer konservativ bis reaktionären Haltung: Die Korporierten gaben stärker noch als in den geisteswissenschaftlichen Disziplinen der Universitäten den Ton an -- und das nicht nur bei den Feierlichkeiten 1899, wo Verbindungsstudenten in vollem Wichs, mit Säbeln und zum Teil beritten den Festzug anführten.
Zwar entstand auch in Berlin nach Leipziger Vorbild bald eine "Freie Studentenschaft", S.88 die das Duell als einem allein der "Vorurteils- und Voraussetzungslosigkeit" verpflichteten Akademiker "unwürdig" ablehnte. Aber auch sie mußte bedauernd anerkennen, daß das "Prinzip der unbedingten Genugtuung heute jeden Studenten leider mit magischer Gewalt nötigt, seine Stellung ''für oder wider'' klar auszusprechen".
Die offiziersständische "Abhebung vom gemeinen Volk", wie die "Freie Studentenschaft" das Korporationswesen kritisierte, blieb jedoch bis übers Kaiserreich hinaus faszinierend für die technische Intelligenz. Nach wilhelminischer Auffassung stand gerade die Berliner TH jedenfalls insoweit in der Tradition preußischer Kriegsakademien, als von ihr wesentliche Beiträge im Kampf um Weltmärkte und Weltherrschaft erwartet wurden.
Dieses Selbstverständnis deutscher Ingenieure vermochten weder der Erste Weltkrieg noch die Weimarer Republik zu ändern. "Die Grundhaltung der Hochschullehrer wie der Studenten", urteilt Historiker Rürup über die Zeit nach 1918, "war konservativ bis rechtsliberal, jedenfalls aber national; sozialistische oder sozialdemokratische Positionen waren praktisch nicht, linksliberale allenfalls vereinzelt vertreten."
Aus der Distanz gegenüber dem neuen Staat führte ein gerader Weg in die Destruktion: Schon 1919 beteiligte sich die Berliner TH aus Protest gegen Versailles an der demonstrativen Verleihung des Dr.-Ing. E. h. an den Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg. Als sechs Jahre später der sozialdemokratische Reichspräsident Ebert starb, nahmen an der Trauerfeier der Technischen Hochschule gerade achtzehn Personen teil.
Seit 1927 erzielte der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund kontinuierliche Erfolge bei den Wahlen zur TH-Studentenschaft: Im Wintersemester 1930/31 wählten bereits 61,7 Prozent, im darauffolgenden Jahr sogar über 63 Prozent der Abstimmenden nationalsozialistisch.
Ernst Storm, PG seit 1932 und von 1938 bis 1942 TH-Rektor, übertrieb nicht, als er am Ende seiner Amtszeit stolz feststellte: "Die Technische Hochschule Berlin galt schon vor der Machtübernahme als eine Hochburg des Nationalsozialismus unter den deutschen Hochschulen."
Hermann Göring, kaum mit an der Macht, bedankte sich bei Studenten und Dozenten der TH "für ihr Verhalten in der Kriegs- und Nachkriegszeit": Die Auflassung für die Abrechnung mit Juden und anderen Gegnern war damit erteilt.
Als der Physiker Max Planck, damals Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, zugunsten seines jüdischen Kollegen Fritz Haber bei Hitler direkt intervenierte und bat, zwischen Juden wenigstens Unterschiede zu machen, wies ihn der Nazi-Chef barsch ab: "Jud ist Jud; alle Juden hängen wie Kletten zusammen."
Auch der Industrielle Carl Bosch, der Habers Verfahren der Ammoniak-Gewinnung aus Stickstoff und Wasserstoff für den industriellen Großbetrieb nutzbar gemacht hatte, holte sich eine Abfuhr, als er vor der Entlassung "nichtarischer" Forscher warnte und die negativen Folgen für die deutschen S.89 Naturwissenschaften beschwor. Hitlers Antwort: "Dann arbeiten wir eben einmal hundert Jahre ohne Physik und Chemie]"
Selbst Gustav Hertz, Nobelpreisträger von 1925 und Ordinarius für Experimentalphysik an der Berliner TH, wurde Opfer des antisemitischen Kesseltreibens. Auf ihn gemünzt, schrieb die "Preussische Zeitung" 1933: "Wissenschaft bedeutet für einen Juden ... ein Geschäft und ein Mittel zur Zerstörung der Kultur seiner Wirtsvölker ... Man räumte ihnen für ihre Schmarotzertätigkeit Forscherstellen ein und belohnte sie mit Nobelpreisen."
Zwei Jahre nach der Machtergreifung schied Hertz unter zunehmendem politischen Druck als Universitätslehrer aus. Seine Prominenz schützte ihn immerhin so weit, daß er die NS-Zeit als Leiter des Siemens-Forschungslaboratoriums überlebte.
Andere kamen in Konzentrationslagern um oder gingen -- wie Georg Schlesinger -- in die Emigration. Die TH Berlins war endgültig zur nationalsozialistischen Erziehungsanstalt verkommen, an der "deutsche Physik" gepflegt wurde. Im März 1934 beispielsweise beschloß der TH-Senat, zwei ehemaligen Direktoren des Reichsrundfunks -- Heinrich Giesecke und Kurt Magnus -- die Ehrensenatorenwürde abzuerkennen.
Kommentar des Dozentenschaftsführers Willing: "Beide Herren sitzen seit längerer Zeit im Konzentrationslager Oranienburg, und ich glaube, daß es mit der Würde einer Technischen Hochschule Berlin nicht vereinbar ist, daß ihre Ehrensenatoren im Konzentrationslager sitzen."
Elf Nazi- und fünf Entnazifizierungsjahre später wurde wieder ein Professor aus politischen Gründen entlassen -- nun von der Technischen Universität zu West-Berlin. Es war der Chemiker Heinrich Franck, der sich als Prorektor und Dekan aktiv um den Wiederaufbau der Hochschule bemüht hatte. Jetzt war es mit der Würde des Instituts nicht mehr vereinbar, daß jemand wie Franck Kommunist war und der SED angehörte.
Inzwischen freilich hat sich die Tendenz längst wieder gewendet, seit in der TU Berlin Ende der sechziger Jahre Pro-Vietnam- und Anti-Springer-Kongresse stattgefunden und sich ein paar hundert Technik-Studenten erstmals links engagiert haben. Seither vergeht kaum ein Jahr, in dem Unternehmer nicht ihrer Presse stecken, von der roten Kaderschmiede könne guten Gewissens kein Nachwuchs mehr bezogen werden.
Das Dilemma ist offensichtlich: "Das grundsätzliche Problem, welcher Art von ''technischem Fortschritt'' eine wissenschaftliche Hochschule verpflichtet sei", begleite sie -- so Historiker Rürup -- "bis in unsere Gegenwart".
S.85 "Wissenschaft und Gesellschaft -- Beiträge zur Geschichte der Technischen Universität Berlin 1879 bis 1979". Im Auftrag des Präsidenten der TU Berlin herausgegeben von Reinhard Rürup, 1. Band; Springer-Verlag, Berlin; 628 Seiten; ca. 120 Mark. * 1884, mit Kaiser Wilhelm I. (X). * S.87 Flugblattverteiler zur Wahl der Studentenschaft 1933. * S.88 Mit Anti-Atomplakat. *

DER SPIEGEL 10/1980
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