29.09.1980

SELBSTHILFEFür Kraut und Rüben

Das „Netzwerk Selbsthilfe“, ein Unterstützungsfonds für alternative Projekte, schüttete bereits eine Million Mark an Bürgerinitiativen und Handwerkskollektive aus.
Die Besetzer der leerstehenden Häuser in Berlin-Kreuzberg brauchten dringend Geld. In monatelanger Kleinarbeit hatten sie verrottete Räume renoviert, elektrische Leitungen erneuert, defekte Wasserrohre repariert. Doch nun kamen sie mit Fleiß allein nicht weiter.
Um die zum Abbruch vorgesehenen Häuser zu erhalten, benötigten die Sanierer Baumaterial für etwa 60 000 Mark. Denn sie mußten noch kaputte Dächer ausbessern, verfaultes Gebälk ersetzen und Regenrinnen installieren.
Der Gang zur Bank war aussichtslos gewesen. Kein Institut wäre bereit, Hausbesetzern, die sich selbst "Instand-Besetzer" nennen, einen Kredit zu geben.
Da sprang das "Netzwerk Selbsthilfe" ein. Der "Fonds für politische und alternative Projekte" hielt die Taten der "Instand-Besetzer" für förderungswürdig und überwies einen nicht rückzahlbaren Zuschuß von 30 000 Mark.
Ähnlich erging es einem aus sechs Jugendlichen bestehenden Druck- und Verlagskollektiv in Regensburg, das zwei Bücher und eine Schallplatte produzieren wollte. Das Netzwerk erklärte sich bereit, einen Bankkredit über 30 000 Mark zu verbürgen.
Für die Initiatoren des in Berlin ansässigen Hilfsfonds sind solche Taten Alltagsgeschäfte. Alle drei Wochen treffen sie sich in einem ehemaligen Fabrikgebäude in Berlin-Kreuzberg, um über die Vergabe von Zuschüssen oder Darlehen zu entscheiden.
Ähnlich wie der Kreditausschuß einer Bank entscheiden die Netzwercknüpfer erst nach einer gründlichen Prüfung, ob ein Antragsteller Geld erhält. Aber die Gesichtspunkte, nach denen entschieden wird, sind ganz und gar nicht bankenüblich.
Gefördert werden nämlich nur Personen und Vorhaben, die "modellhaft alternative Lebens- und Arbeitsformen" sowie "demokratische Selbstverwaltung" praktizieren. Außerdem dürfen die Antragsteller keinen individuellen Profit anstreben; und sie sollen, wenn in ihrer Branche schon Netzwerk-Geförderte arbeiten, "kooperieren, statt zu konkurrieren".
Diese Bedingungen erfüllten bisher etwa 70 Betriebe, soziale Projekte oder Bürgerinitiativen. So wurden in der Bundesrepublik das "Bremer Frauenhaus" und das Frankfurter Handwerkskollektiv "Arbeiter-Selbsthilfe" unterstützt. Dem linken "Kölner Volksblatt" helfen Netzwerk-Gelder genauso wie dem "Unabhängigen Jugendzentrum" in Hannover.
In Berlin flossen Netzwerk-Gelder an den Photo-Laden "März-Foto", der arbeitslose Jugendliche ausbildet, und an den Bioladen "Kraut und Rüben". Die "Umweltfreundliche Energieanlagen GmbH", die vor allem Solaranlagen montiert, steht ebenso auf der Förderliste wie die "Therapeutische Tagesstätte Wedding", in der psychisch Kranke behandelt werden.
Viele der geförderten Projekte hätten ohne die Netzwerk-Gelder kaum starten können. So erhielt etwa der Bioladen "Kraut und Rüben" einen Zuschuß von 14 600 Mark, um die Regale mit Naturkostware aufzufüllen.
Der Therapeutischen Tagesstätte Wedding wurden außer einem Investitionszuschuß zehn Monate lang 2000 Mark überwiesen, damit vier Halbtagskräfte angestellt werden konnten. Inzwischen ist die Tagesstätte auf das Geld nicht mehr angewiesen, weil der Berliner Senat sie als zuschußwürdig anerkannte.
Der größte Einzelbetrag floß in das Renommierprojekt der Berliner Alternativszene, die "Fabrik für Kultur, Sport und Handwerk". Mit über 100 000 Mark unterstützte das Netzwerk die 50 Fabrik-Leute, die auf dem ehemaligen Ufa-Gelände in Berlin-Tempelhof wohnen und in Kleinbetrieben arbeiten. Mit dem Geld konnten die Kommunarden ihre Unterkünfte renovieren, einen Transporter kaufen und eine Fernküche einrichten.
Insgesamt hat das Netzwerk seit seinem Start im Frühjahr des vergangenen Jahres schon beinahe eine Million S.102 Mark in Form von Darlehen oder Zuschüssen ausgeworfen.
So unkonventionell die Netzwerker bei der Geldvergabe vorgehen, so pingelig achten sie darauf, was die Empfänger mit den Geldern anstellen. Die Netzwerk-Nutznießer müssen daher nach einer angemessenen Frist Rechenschaft ablegen, ob sie die Zuschüsse sinnvoll verwendet haben.
Mit der Rückzahlung der Darlehen dagegen nehmen es die Organisatoren nicht so genau. Sie unterteilen die Kredite in "ziemlich sicher" und "eher unsicher". Bisher aber, so Netzwerk-Mann Christian Wend, habe die Rückzahlung "erstaunlich gut geklappt".
Die Idee eines Netzwerkes, das helfen soll, "Freiräume zu schaffen, in denen sich eine andere Lebensweise entfalten kann", stammt von zwei Berlinern, dem Architekten Klaus H. Werner und dem Soziologen Joseph Huber.
Im Herbst 1978 richteten sie an 300 begüterte Links-Prominente den Appell, sich an der Gründung des Fonds zu beteiligen. Die Angesprochenen, etwa der Künstler Joseph Beuys oder der Schriftsteller Bernt Engelmann, sollten etwa ein Prozent ihres Nettoeinkommens an die neue Solidargemeinschaft abführen, "um Leuten in sozialen und beruflichen Notlagen ihre schöpferische Chance zu geben".
Die Resonanz war ungewöhnlich. Fast alle Angesprochenen waren bereit, die neue Idee mit Spenden zu fördern. Zum ersten Mal war es gelungen, beinahe sämtliche Fraktionen der sonst zerstrittenen Linken zu einen.
Inzwischen wird das Netzwerk, dessen Erkennungszeichen ein rasendes Sparschwein ist, von etwa 4500 Mitgliedern unterstützt. Jeden Monat kommen mehr als 50 000 Mark zusammen, über deren Verwendung der aus 20 Mitgliedern bestehende Netzwerk-Beirat entscheidet.
Der stete Geldfluß ermutigt die Netzwerk-Manager, nicht mehr nur nach dem Prinzip des "Small is beautiful" (klein ist schön) zu verfahren. Anfang dieses Jahres sicherten sie den Kauf eines ehemaligen Fabrikgebäudes für gut zwei Millionen Mark. Der in Berlin-Kreuzberg gelegene "Mehringhof", der ein Zentrum für Verlage und Theatergruppen, für Werkstätten und Bürgerinitiativen werden soll, wird nach einem ausgeklügelten Mietkaufsystem bewirtschaftet.
Die Netzwerker gründeten zunächst die "Mehringhof-Grundstücksverwaltungs GmbH" mit einem Eigenkapital von 372 000 Mark. Diese Gesellschaft verschaffte sich durch Kredite das nötige Kapital, um den Mehringhof zu erwerben.
Die Käufer, neben dem Netzwerk noch sechs andere Gruppen, wollen den Mehringhof jedoch nicht dauerhaft in ihrem Besitz halten. Um zu gewährleisten, daß er eines Tages jenen gehört, die darin leben und arbeiten, gründeten sie einen gemeinnützigen Verein, dem sämtliche Mieter des Gebäudes angehören.
Auf die Konten dieses Vereins zahlen alle Mieter ihre Monatsmiete ein. Aus den Einnahmen werden sowohl die Hypotheken getilgt als auch die Eigenkapitalmittel an die Gründungsgesellschafter zurückgezahlt.
Im Laufe der Jahre gehen mithin die Anteile der Gründungsgesellschafter an den gemeinnützigen Verein der Mieter über. Der Mehringhof wird später tatsächlich denjenigen gehören, die darin leben und arbeiten.
Manchen Mitgliedern gehen solche finanztechnischen Kunststückchen schon zu weit. Sie kritisieren, daß sich die aktiven Netzwerker immer mehr wie "Manager und Kleinstadt-Politiker" benehmen.
Viele fühlen sich auch durch die Arbeit der Fonds-Manager an einen "Nähzirkel" oder an einen "Biedermann-Kohlpflanz-Verein" erinnert, wie ein Mitglied in den Netzwerk-Mitteilungen klagte.
Doch die Alternativ-Banker wollen an ihrem Netzwerk weiterarbeiten. Nach Berlin soll nun das gesamte Bundesgebiet mit Zweigstellen überzogen werden. In 20 westdeutschen Städten wurden bereits Netzwerk-Initiativen gegründet.
In drei Städten haben die neuen Netzwerke schon den Förderbetrieb aufgenommen. Nach Frankfurt und Münster verkündeten unlängst auch die Hamburger Freunde des schwarzen Sparschweins: "Wir lassen jetzt die Sau raus."

DER SPIEGEL 40/1980
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