12.05.1980

GEWERKSCHAFTENAus der Jugendzeit

Jahrelang versuchten die Christdemokraten, den DGB-Vorsitzenden Heinz Oskar Vetter zum „Nazi-Aktivisten“ zu stempeln. Jetzt befand darüber ein Gericht.
Im Saal 23 des Dortmunder Amtsgerichts drängelten sich am Dienstag letzter Woche die Journalisten, die Mehrzahl von rechtem Schrot und Korn: von der "Deutschen National-Zeitung" bis zum "Deutschland-Magazin", vom "Axel-Springer-Inlands-Dienst" bis zu Gerhard Löwenthals ZDF-Magazin.
Was sie da anzog, war vielversprechend. Es ging um die Vergangenheit eines der prominentesten deutschen Sozialdemokraten, des DGB-Vorsitzenden Heinz Oskar Vetter: kein ehemaliger Kommunist wie Herbert Wehner, kein Emigrant wie Willy Brandt, sondern einer mit einem braunen Fleck.
"Vetter war schon 1933 Nazi-'Aktivist'" gewesen, hatte die "Deutsche Gewerkschafts-Zeitung" des CDU-nahen Christlichen Gewerkschaftsbundes (CGB) 1978 gemeldet, und habe als Siebzehnjähriger einen zehnjährigen Schulkameraden "zusammengehauen", weil der "nicht dem 'Jungvolk' beitreten wollte".
Vetter klagte wegen Beleidigung, übler Nachrede und Verleumdung, vor allem, um nachzuweisen, daß er nicht ein Kind "unmenschlich zusammengeschlagen" habe.
Richter Gerhard von Krahn fand vergangene Woche, der angeklagte Artikelschreiber -- vertreten durch den Strauß-Anwalt Günther Ossmann -sei zwar in seinen Formulierungen sehr weit gegangen, die Begriffe "Aktivist" und "Hitler-Gefolgsmann" allein stellten jedoch nicht schon von vornherein eine Beschimpfung dar. Vetter also doch ein aktiver Nazi?
Der blonde Heinz wechselte nach der Machtergreifung 1933 mit einem großen Teil des evangelischen Schüler-Bibelkreises und des Christlichen Vereins Junger Männer zum Nazi-Jungvolk über. Vetters Vater, ein führendes Mitglied der Baptistengemeinde von Bochum-Werne und Hitler-Gegner, gelang es nicht, den Sohn zurückzuhalten. "Es gab hitzige Diskussionen zu Hause", sagt Vetter, "aber ich habe das damals politisch nicht begriffen."
Das kann man wohl sagen. 1937 brachte es der gelernte Maschinenschlosser und spätere Abiturient bis zum Jungstammführer. Ein glücklicher "Zufall" (Vetter), daß er nicht in die Partei eintrat; er hätte es weit bringen können. Bei Kriegsende war er wie Helmut Schmidt und Franz Josef Strauß Oberleutnant -- ein deutsches Durchschnittsleben.
Der Versuch, der Jungvolk-Vergangenheit politisches Gewicht zu verleihen, kam von einem Vergangenheitsbewältiger besonderer Art, dem Alt-Nazi Kurt Ziesel. In seinem rechtsradikalen "Deutschland-Magazin" ließ er die Geschichte von einem "HJ-Führer Vetter" verbreiten, der "jüngere, schwächere Schüler, die zum Beispiel zum Bibelkränzchen gehörten, auf dem Heimweg von der Schule verprügelte".
Kronzeuge war der CDU-Ratsherr und Fabrikant aus dem rheinischen Düren Manfred Wolff-Müller. Der hatte eine Keilerei von damals nie vergessen, nun sollte die Erinnerung der "Gerechtigkeit und Gleichheit" dienen. Denn wenn über Kiesingers, Carstens' und Filbingers Nazi-Vergangenheit geredet werde, "dann darf man Vetter auch nicht vergessen".
Solche Aufrechnung nahm auch CSU-Generalsekretär und Historiker Edmund Stoiber, Jahrgang 41, vor, der sich schon wiederholt mit den Gewerkschaften angelegt hatte. Er empfahl dem DGB-Chef, "beim Thema Nazi-Diktatur möglichst leise zu treten".
ZDF-Löwenthal möchte über Sünden dieser Art am liebsten gar nicht mehr rechten. Nachdem er vergangene Woche vor seinem TV-Publikum den Zeugen und Ex-Fähnleinführer Wolff-Müller noch einmal genüßlich aus Vetters Jugendzeit plaudern ließ, resümierte er großzügig: "Es sollte sicher Schluß sein mit der Vergangenheitsbewältigung deutscher Politiker." Dann aber "für alle Seiten".
Gewissermaßen ein Marinerichter Filbinger gegen einen verblendeten Jugendlichen Vetter. Einer, der heute immer noch sagt, "was damals Rechtens war, das kann heute nicht Unrecht sein", gegen einen, der seinen Fehler "eingesehen hat und bedauert" -- eine rechte Gleichung.

DER SPIEGEL 20/1980
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 20/1980
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

GEWERKSCHAFTEN:
Aus der Jugendzeit

  • Wir drehen eine Runde - Suzuki Jimny: Klare Kante
  • Weg in die USA: Die tödliche Flucht der 7-jährigen Jakelin
  • Anschlagsserie in Sri Lanka: Video zeigt weitere Explosion
  • Titelgewinn für PSG: Mbappé schießt Hattrick zur Meisterfeier