05.01.1981

POLENDauerhafter Dialog

Moskau versucht, die Lage in Polen mit Hilfe des Papstes zu konsolidieren - die polnische Kirche spielt bei der „Erneuerung“ jetzt die Schlüsselrolle.
Stalins spöttische Frage: "Wie viele Divisionen hat denn der Papst?", angeblich in einem Gespräch mit Churchill über Polen auf der Konferenz in Teheran 1943 gestellt, scheint eine späte und überraschende Antwort zu finden.
Jedenfalls nach Meinung von Stalins Amtsnachfolger Breschnew hat der Papst so viel Macht in Polen, daß die um den Bestand des Sozialismus besorgte Kremlführung vorerst auf den Einsatz ihrer eigenen Divisionen verzichten konnte.
Schon seit Anfang September vorigen Jahres gab es geheime Kontakte zwischen der Sowjet-Führung und dem Vatikan, um Mittel und Wege zu finden, den für beide Seiten ungelegenen Aufruhr in Polen einzudämmen.
Erster Moskauer Emissär in Rom war ein "führender Mann aus der Auslandsabteilung der KPdSU", der sich im September mit dem Ostpolitiker des Vatikans und Kardinalstaatssekretär Agostino Casaroli traf, offiziell um die beiderseitigen Standpunkte zu der damals bevorstehenden KSZE-Folgekonferenz in Madrid auszutauschen.
In Wahrheit, so ein Insider, sei es bei dem geheimgehaltenen Gespräch hauptsächlich um die Lage in Polen gegangen, und Casaroli habe dem Mann aus Moskau versichert, Papst Wojtyla und der Vatikan würden sich bemühen, "Unheil von den Polen abzuwenden".
Diese Zusicherung war der Moskauer Führung auf Dauer offensichtlich zu vage. Anfang Dezember, gleich nach dem Ost-Gipfel in Moskau, reiste erneut ein Unterhändler nach Rom, diesmal von weitaus stärkerem politischen Kaliber: Wadim Sagladin, 53, Erster Vize-Chef der Internationalen Abteilung des ZK der KPdSU und erfahrener sowjetischer Sonderbeauftragter für heikle Missionen im Westen. Offiziell traf sich der Troubleshooter in der heißen S.92 Krisenwoche mit führenden Genossen der KP Italiens, darunter auch KP-Chef Enrico Berlinguer. Am Rande dieses roten Familientreffens nahm der Moskau-Gast aber auch Verbindungen mit der Kurie auf.
Die Turiner Zeitung "La Stampa" urteilte über das ungewöhnliche Zwiegespräch, Sagladin habe dem Vatikan zugesagt, die sowjetische Regierung werde von der Möglichkeit einer Invasion Abstand nehmen, wenn die Kirche mithelfe, "das starke Engagement der polnischen Streikenden einzudämmen".
Offiziell bestätigen mochte der Vatikan die Sagladin-Beichte nicht, aber auch nicht dementieren. Nur Gerüchte, die sowohl in Rom als auch in Polen umliefen, wonach der Moskauer in Geheimaudienz auch von Papst Johannes Paul II. empfangen worden sei, wiesen die Vatikansprecher als "falsch" zurück.
Was immer auch die Kurie verschweigen will, die jüngsten Entwicklungen in Polen sprechen dafür, daß die katholische Kirche als zur Zeit stabilste Kraft in dem krisengeschüttelten Land die führende Rolle im Krisen-Management übernommen hat -- und das mit sowjetischer Billigung.
Ganz neu ist der fromme Versuch, das gefährdete Vaterland vor Schlimmerem zu bewahren, für die Kirche in Polen nicht. Schon dreimal, bei den Arbeiteraufständen in den Jahren 1956, 1970 und 1976, war Polens Kirche, allen voran Kardinalprimas Wyszynski, auffallend darum bemüht, die Wogen der Empörung wieder zu glätten und Polens Staatsmacht, also die polnische KP, vor allzu heftigem Aufbegehren des Volkes in Schutz zu nehmen.
In seiner Weihnachtsmesse 1970 beklagte Kardinal Wyszynski zwar das Blutbad an der Ostseeküste und kritisierte als Ursache die "schlecht durchdachte Wirtschaftsplanung" der bereits abgesetzten Parteiführung, die Schuld an den Unruhen aber müsse "bei uns allen" gesucht werden.
Die Bereitschaft, mit Polens Staatsmacht in Krisenzeiten zu kollaborieren und sich stets unbesehen an die Seite der Fürsprecher von Ruhe und Ordnung zu stellen, hat sich für Polens Episkopat ausgezahlt: In keinem anderen kommunistischen Staat wurden so viele neue Gotteshäuser gebaut, bekam die Kirche so viele Mitspracherechte.
Überzeugten Katholiken ging die Annäherung der beiden gleich konservativen Ordnungskräfte mitunter zu weit. "Sie werden sehen, daß die Partei eines Tages auch Jesus Christus in ihren Reihen aufnimmt", schrieb der polnische Aphoristiker Stanislaw Jerzy Lec wenige Wochen vor seinem Tod in einem Brief an den katholischen Schriftsteller Stefan Kisielewski.
Den Eindruck mußte man endgültig gewinnen, als der überraschend zum neuen Papst gewählte ehemalige Krakauer Kardinal Wojtyla im Juni 1979 in einem von der Kirche organisierten und von der Partei sanktionierten Jubelzug durch Polen zog.
Der Papst aus Polen, der in seiner Krakauer Zeit öfter für eine härtere Gangart gegenüber den Kommunisten eingetreten war, gab nun neue Richtlinien des Vatikans für den Umgang mit der schon damals schwer angeschlagenen Parteiführung in Warschau bekannt. In einem Gespräch mit den polnischen Bischöfen empfahl er "die Normalisierung zwischen Staat und Kirche", einen "dauerhaften Dialog".
Kardinal Wyszynski und Parteichef Gierek besprachen "noch offene Probleme in beiderseitigem Verständnis" -- so ein Pressesprecher des Kardinals im Juni 1980. Doch während es dem Kirchenfürsten um das Verbot des Schwangerschaftsabbruchs oder erhöhte Papierzuteilung für die Kirchenpresse ging, hatte das polnische Kirchenvolk ganz andere Sorgen.
So traf der Danziger Hafenstreik im August den polnischen Episkopat ebenso unvorbereitet wie die Parteiführung; der "dauerhafte Dialog" wurde nun von frommen, aber eben auch nicht zu kirchenfrommen Arbeiterführern vom Typ Walesa geführt.
Wie wenig der Kardinalprimas den Ernst der Stunde begriff, machte er Ende August in seiner Predigt zu Ehren der Schwarzen Madonna von Tschenstochau deutlich, die, Zugeständnis der verstörten Parteiführung, erstmals vom polnischen Fernsehen übertragen wurde: "Ich bin der Ansicht, daß man manchmal nicht viel fordern sollte, Hauptsache in Polen kehrt Ordnung ein."
Die Arbeiter auf der Danziger Leninwerft, die sich in ihren Forderungen vom Kardinal im Stich gelassen fühlten, räumten die besetzte Werft aber nicht, sondern malten unter das Bild der Schwarzen Madonna, das am verrammelten Werfttor hing, den Kommentar: "Die Madonna streikt."
Nur ein vom polnischen Episkopat am übernächsten Tag schleunigst in Umlauf gebrachtes Kommunique, das die Forderungen der Streikenden zu unveräußerlichen Rechten erklärte, konnte die allen Polen offensichtliche Panne ausbügeln: Erstmals hatten sich Polens gläubige Arbeiter dem Rat der Kirche entzogen und ihre eigene Strategie entworfen -- sie führte zum Sieg.
Spätestens wenige Tage nach der enttäuschenden Tschenstochauer Kardinalsrede, als Arbeiterführer Walesa der Partei den inzwischen schon historischen "Gesellschaftsvertrag" abtrotzte und Parteichef Gierek sein Amt verlor, war auch der polnischen Kirchenführung klar, daß sie eine gefährliche Konkurrenz bekommen hatte: die Gewerkschaft "Solidarität".
Wyszynskis Versuch, die neuen polnischen Nationalhelden zu vereinnahmen oder zumindest zu neutralisieren, scheiterte -- ebenso wie die Versuche des neuen Parteichefs Kania, der den Streikführern hohe Ämter in der Staats- und Gewerkschaftsführung anbot, mißrieten.
Der Kardinal empfing den Danziger Arbeiterführer Walesa Anfang September in Privataudienz und mutete ihm zu, Walesa solle die Führung der abgewirtschafteten Einheitsgewerkschaft übernehmen. Walesa lehnte ab: "Wir machen unsere eigene."
Ende Oktober, in Polen wurde noch immer gestreikt und die "Solidarität" kämpfte um die ihr zugesagte staatliche S.94 Anerkennung, bat Kania nach langer gemeinsamer Beratung den Kardinalprimas Wyszynski, beim Heiligen Vater in Rom zu intervenieren: Wojtyla solle seine Autorität dafür einsetzen, Walesas "Solidarität" endlich zur Vernunft zu bringen.
Hektisch wurde die Aktivität von Episkopat und Partei in der Woche nach Ostblockgipfel und Sagladin-Mission. Die Stützen der Gesellschaft konnten schließlich auch Walesas Gewerkschaft von der drohenden Gefahr einer militärischen Intervention und der Notwendigkeit gemeinsamer Verantwortung überzeugen.
So standen die Feiern zum Gedenken an den Danziger Aufstand 1970 fest in der Regie dieser notgedrungenen Dreisamkeit, in der die Kirche das Sagen hatte. In Danzig empfingen nach der Totenmesse Arbeiterführer Walesa und Vizepremier Olszowski gemeinsam vom Krakauer Kardinal Macharski die heilige Kommunion.
Ob die Polen dem Appell ihrer Bischöfe "Die Liebe zum Vaterland bedeutet auch Ordnung und Verantwortungsgefühl" auf die Dauer folgen werden, ist noch ungewiß. Warschaus Kania und Moskaus Breschnew können frohlocken, mit Hilfe der Kirche ein wenig Zeit gewonnen zu haben.
Vor Arbeitern im petrochemischen Werk in Plock, wo Kania selbst zur Betriebsparteigruppe gehört, lobte der Parteichef die Kirche als stabilisierende Kraft", und das Parteiorgan "Trybuna ludu" druckte Auszüge aus der Danziger Predigt von Kardinal Macharski.
Erstmals wurde in Polen am Heiligen Abend die Christmette im Rundfunk übertragen, aus der Krakauer Schloßkirche auf dem Wawel. Lohn der Angst für die noch einmal Davongekommenen?
Die Kirche jedenfalls scheint entschlossen, ihre offensichtlich auch von Moskau abgesegnete Schlüsselrolle so schnell nicht wieder abzugeben. Die polnischen Bischöfe haben versprochen, "in jeder Messe künftig für das Vaterland zu beten".
Am zweiten Weihnachtsfeiertag besprach sich Sowjetchef Breschnew in Moskau mit Polens Außenminister Czyrek. Wieder in Warschau, sprach Czyrek mit Gewerkschafter Walesa -über dessen nächsten Gesprächspartner: Kommende Woche fährt der nach Rom, um mit dem Papst zu reden.

DER SPIEGEL 1/1981
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