03.03.1980

UMWELTBlei im Blut

Blei und giftiges Cadmium in der Luft und in Lebensmitteln bedrohen Kinder in Goslar. Das niedersächsische Sozialministerium wiegelt ab.
Niedersachsens Sozialminister Hermann Schnipkoweit ließ anrichten. Über Monate mußten seine Beamten Gemüse putzen, Kartoffeln schälen und Kopfsalat waschen.
Für den Verzehr war das alles freilich nicht vorgesehen -- und auch nicht gerade geeignet, wie CDU-Mann Schnipkoweit, im Kabinett auch für Umweltfragen und Gesundheit zuständig, öffentlich warnen mußte.
Obst und Grünzeug, das Fachleute untersuchten, kam aus schlechten Gegenden: aus 49 Kleingärten in und um Goslar, sämtlich in der Nähe von Bleihütten, die fast alle im Besitz des Preussag-Konzerns sind.
Was diese Hütten in den letzten Jahren und Jahrzehnten an Blei und Cadmium in die Luft bliesen und was sich außerdem seit Jahrhunderten an Bleirestbeständen auf Halde in dem traditionellen Erzgebiet um Goslar angesammelt hat, das verdarb nicht nur Erdbeeren und Grünkohl. Es gefährdet auch Mensch und Tier. S.123
"Beträchtliche Überschreitungen" konstatierte das niedersächsische Sozialministerium -- nämlich bis zum 60fachen der vom Bonner Gesundheitsministerium aufgestellten Grenzwerte für die Belastung von Obst und Gemüse mit Schwermetallen. Der frühere Bergmann Schnipkoweit empfahl -- in einer Hochglanzbroschüre, Deckblatt himmelblau, mit kleinen Wolken drauf -- das Zeugs, wenn überhaupt, mit Vorsicht zu genießen.
Weniger aufwendig, auf grauem Umweltschutz-Papier gedruckt, ist die neueste Schrift zum "Umweltgift Blei". Das Freiburger "Institut für angewandte Ökologie", ein Zusammenschluß engagierter Wissenschaftler, legte alarmierende "Basisinformationen zur Verseuchung des Raumes Goslar" vor.
Acht Chemiker des "Öko-Instituts" hatten Schnipkoweits himmelblaue Untersuchung durchforstet und analysiert. Am Dienstag letzter Woche forderten sie "Entschleierung der behördlichen Vertuschungsversuche". Während Schnipkoweit den Blei- und Cadmium-Gehalt im Goslarer Grünzeug als lediglich "unbefriedigend" bezeichnet hatte, machten die Ökologen eine andere, düstere Rechnung auf: Schwermetall-Katastrophe im Harz.
Fazit des Freiburger Instituts: Die Goslarer Betriebe, die Blei und Cadmium an die Umwelt ausstoßen, müßten sofort geschlossen, die ganze Region dürfe landwirtschaftlich nicht mehr genutzt werden. Ein 42 Quadratkilometer großes Gebiet um die Bleihütten herum müßte bis zu 30 Zentimeter tief abgetragen werden. Notfalls seien sogar 27 000 Einwohner wegen akuter Gesundheitsgefährdung zu evakuieren.
Die Warnungen sind nicht aus der Luft gegriffen. In allen Mitgliedsländern der Europäischen Gemeinschaft, die 1977 Richtwerte für maximalen Bleigehalt im Blut errechneten, untersuchten Ärzte im letzten Jahr in besonders stark bleihaltigen Gegenden und in normal belasteten Regionen das Blut von Bürgern. In Niedersachsen standen vorigen Sommer Einwohner von Hannover und Goslar auf dem Prüfstand.
Während von den untersuchten 200 Hannoveranern kein einziger die EG-Richtwerte überschritt, waren es in Goslar von 141 untersuchten Kindern immerhin vier.
Schon Grund genug für das Gesundheitsamt Goslar, von Oktober bis Dezember noch einmal Blutuntersuchungen bei 114 Kindern und sieben Erwachsenen zu machen. Um das Ergebnis dieser Blutproben, bislang unter Verschluß gehalten, kam es letzte Woche zu heftigem Streit. "Öko"-Leute behaupteten, "alle untersuchten Kinder" müßten "als schwer belastet gelten". Bei dem "überwiegenden Teil der Kinder" befinde sich der Blutbleiwert "innerhalb gesundheitlich bedrohlicher Konzentrationen".
Niedersachsens Sozialminister sieht indessen "keine akute Gefahr einer gesundheitlichen Beeinträchtigung der Bevölkerung". Der Minister räumte zwar ein, daß bei elf Kindern Werte zwischen 35 und 45 Millionstel Gramm Blei pro 100 Milliliter Blut festgestellt S.124 worden seien, und bei zweien sogar über 50 Millionstel Gramm. Eines der Kinder mit Spitzenwerten sei in der Medizinischen Hochschule Hannover untersucht worden. Dabei aber hätten sich "keine Anhaltspunkte für gesundheitliche Schäden ergeben".
An der Untersuchung beteiligte Wissenschaftler aber machen, wie sie dem SPIEGEL mitteilten, eine alarmierende Gegenrechnung auf: Fast dreiviertel der in Goslar untersuchten Kinder lägen über dem Grenzwert von 20 Millionstel Gramm; weitaus mehr als zehn Prozent über 30 Millionstel Gramm. Nicht nur 13, wie Schnipkoweit einräumt, sondern 22 der 114 Kinder kamen auf Werte über 35 Millionstel Gramm, mindestens neun sogar noch über 40 Millionstel Gramm.
Wenn die Hälfte der in einem bestimmten Gebiet untersuchten Leute über 20 Millionstel Gramm Blei in 100 Milliliter Blut hat, gilt die Region bereits als bleigefährdet. Ebenso, wenn mehr als zehn Prozent über 30 Millionstel Gramm oder mindestens zwei Prozent über 35 Millionstel Gramm aufweisen. Für Erwachsene wird es gefährlich, wenn der Wert über 35 steigt, bei Kindern schon ab 30.
Auf welche Weise und in welcher Konzentration die Schwermetalle Blei und Cadmium dem Menschen schaden, ist zwar weitgehend unerforscht; daß sie schaden, ist todsicher.
Bleiazetat etwa, oral aufgenommen, gilt in einer Dosis von fünf bis 30 Gramm als tödlich. Bei Cadmium sollen schon 30 Milligramm zum Ende führen. Doch auch wesentlich geringere Mengen, aufgenommen durch Luft und Lebensmittel, speichern sich im menschlichen Organismus und führen zu schweren Erkrankungen.
Bleivergiftung äußert sich anfangs durch Müdigkeit und Kopfschmerzen, Nervosität und Appetitlosigkeit. Später kommt es zu Koliken, mitunter treten Lähmungen auf. Cadmium-Vergiftungen, bei Arbeitern in Metallhütten diagnostiziert, führen zu Lungenblähungen und Störungen der Nierenfunktion, Bronchial- und Prostatakrebs.
Obwohl die Folgen einer Schwermetallvergiftung zumindest insoweit bekannt sind, gibt es in der Bundesrepublik keine verbindlichen Vorschriften, wie hoch allenfalls der Blei- oder Cadmium-Gehalt in Lebensmitteln sein darf. Die metallhaltigen Goslarer Kartoffeln und Johannisbeeren mag produzieren und vertreiben wer will, belangt werden kann keiner für das giftige Zeug.
So sehr der zuständige Minister Schnipkoweit noch abwiegeln mag, so einfach zur Tagesordnung übergehen will er wohl auch nicht. Bereits am letzten Freitag stellte er zehn Millionen Mark bereit -- für Eltern mit Kindern, die aus der bleihaltigen Luft wegziehen wollen.

DER SPIEGEL 10/1980
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