07.01.1980

KUBAPosten warmhalten

Die Brüder Castro wollen die Arbeitsmoral ihrer Manager und Führungskader heben.
Er ist ein Mann, der nicht nein sagen kann: Wann immer ein Kumpel einen Job braucht, wann immer eine kleine oder auch größere Gefälligkeit zu vergeben ist -- Blandengo macht das schon.
Bequem zurückgelehnt in seinem Schreibtischsessel, eine dicke Havanna im Mund, verbringt er seine Tage als Betriebsleiter im sozialistischen Kuba vorwiegend damit, sich selbst und seinen Freunden ein angenehmes Leben zu verschaffen. Von effizienter Arbeit hält er wenig. Als einmal ein junger Untergebener ihm sichtlich aufgeregt von einer Panne im Betrieb berichtet, beschwichtigt Blandengo: "Nun beruhige dich doch, Kleiner, du kriegst sonst noch ein Magengeschwür."
"Blandengo", der Lasche, ist der negative Held einer Comic-Serie, die seit wenigen Monaten auf Anweisung von oben in der von der kubanischen KP herausgegebenen Tageszeitung "Granma" erscheint. Mit Blandengo will Kubas Maximo Lider Fidel Castro gegen Schlamperei, Günstlingswirtschaft und Unproduktivität unter Kubas Funktionären und Managern vorgehen, die der Spitze des Regimes zwei Jahrzehnte nach der siegreichen Revolution auf der Zuckerinsel offenbar zunehmend Sorge bereiten.
Manche Führungskräfte auf Kuba, so beklagte unlängst Fidel Castros Bruder Raul, der zweite Mann im Regime, "sind mehr damit beschäftigt, ihren Posten warmzuhalten als dem Volk zu dienen". Viele Kubaner hätten "die Befreiung von der Ausbeutung als eine Befreiung von der Arbeit mißverstanden".
Die öffentliche Debatte um die "Deformationen des Systems" (Raul Castro) begann im vergangenen Jahr, als Kubas führende Politzeitschrift "Bohemia" unter der Titelzeile "Was das Volk wissen müßte" ein überraschend offenes Interview mit dem obersten Wirtschaftsplaner des Landes, Humberto Perez, abdruckte.
"Wie erklären Sie, daß Kuba Zement exportiert, wo wir doch nicht genug haben, um unseren eigenen Bedarf zu befriedigen?", fragte etwa die Journalistin Marta Harnecker und verlangte Auskunft, warum im Jahr 1978 nur 16 500 Wohneinheiten gebaut, dafür aber 25 000 "wegen nicht vorgenommener Reparaturen" wieder abgerissen worden seien. Zumindest ein Teil der Verantwortung für derlei Dinge, so räumte der Befragte in dem seitenlangen Interview selbstkritisch ein, liege bei den Führungskadern.
Wenig später veröffentlichte das Zentralkomitee der kubanischen KP einen Bericht, der keinen Hehl daraus machte, daß die Ziele des von 1976 bis 1980 geltenden Fünfjahresplanes nicht erfüllt werden könnten. Vor allem Tabak- und Kaffeeproduktion, aber auch Viehzucht und Transportwesen hinkten hinter den Planzielen her.
Zwar gab der ZK-Bericht die Hauptschuld an dem Mißstand den durch die "Krise des Kapitalismus" verschlechterten Welthandelsbedingungen. Doch scharf geißelte der Report auch "Verantwortungslosigkeit", "Ineffizienz" und "Trägheit" der kubanischen Arbeiter und Manager.
Im vergangenen Juli griff Fidel Castro persönlich das Thema auf. Vor der Nationalversammlung fragte er in einer programmatischen Rede: "Warum ist zum Beispiel aus unseren Eisenbahnen jede Disziplin verschwunden, warum funktioniert der Schienenverkehr in kapitalistischen Ländern viel besser als bei uns?" Und er antwortete selbst: "Die Schuld trifft all unsere Kader, unsere Verwaltung, unsere politischen Arbeiter, unsere Gewerkschafter, unsere Presse, unser Erziehungswesen."
Nach diesem Rundumschlag fiel auch die gegängelte Presse über die "Fehler und Schwächen unseres sozialistischen Systems" her (Fidel Castro). Zeitungen wie "Granma", wie die von der KP-Jugendorganisation herausgegebene "Juventud Rebelde" und die Gewerkschaftszeitung "Trabajadores" veröffentlichen seither regelmäßig Kolumnen mit Leserbriefen über Mißstände in Fabriken und Verwaltung.
Besonders heftig kritisiert wurde das Transportwesen der Hauptstadt Havanna.
"Granma" berichtete, daß die "Consejos de trabajo", die Arbeitsräte, die Verstöße gegen die Arbeitsbestimmungen zu ahnden haben, von Januar bis September vergangenen Jahres in 5760 Fällen eingreifen mußten -- die Transportbetriebe beschäftigen nur 12 870 Personen.
Etwa zwölf Prozent der Arbeitsstunden im Transportwesen gingen überdies verloren, weil wichtiges Betriebspersonal nicht zur Arbeit erschienen war. Und vielfach mußten die Autobusse des öffentlichen Nahverkehrs morgens in ihren Garagen bleiben, weil die Mechaniker der Nachtschicht blaugemacht hatten.
Auch auf dem Lande, so klagte Castro-Bruder Raul, sei die Arbeitsmoral gesunken: Landarbeiter auf Staatsfarmen, die nur vier bis fünf Stunden täglich arbeiteten, erhielten oft mit stillschweigendem Einverständnis ihrer Vorgesetzten für acht Stunden Lohn. Manager von Staatsbetrieben beschuldigte Castros Bruder gar, sie fälschten Statistiken und steckten sich Staatsgelder in die Tasche.
"Um jeden Preis", verkündete Raul Castro, müßten Arbeitseffektivität und Disziplin gehoben werden -- besonders "an der Spitze". Die einfachen Arbeiter jedenfalls "sollen nicht die Rechnung zahlen müssen".
Wenige Tage vor Jahresende zog Wirtschaftsplaner Perez erste Konsequenzen. Die für 1980 angepeilte Wachstumsrate, so gab er bekannt, werde von ursprünglich sechs auf drei Prozent heruntergeschraubt. Grund: Schon 1979 sei die Produktivität nicht, wie vorgesehen, um vier, sondern nur um 0,8 Prozent angestiegen.

DER SPIEGEL 1/1980
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