03.03.1980

„Feuer der Revolution nicht zu löschen“

Jahrelang galt der Nordjemen als Bastion des Westens zwischen dem Erdölstaat Saudi-Arabien und dem linken Südjemen. Westliche Milliarden flossen in das Land. Eine ungeschickte Politik Saudi-Arabiens und die Schwäche des Präsidenten Salih scheinen den Nordjemen nunmehr in die Arme des Südens und damit Moskaus zu treiben.
Der südliche Teil unseres Vaterlands", scholl es aus dem Lautsprecher -- neue Sprachregelung des nordjemenitischen Rundfunks für den kommunistischen Südjemen.
Ungewohntes erfahren die Nordjemeniten auch aus dem Munde ihres Präsidenten. "Vorrangig und von nationaler Bedeutung" sind für Oberst Ali Abdallah Salih die Bemühungen gemischter Kommissionen, die eine gemeinsame Verfassung und die wirtschaftlichen Voraussetzungen für eine Vereinigung ihres Landes mit dem bislang gefürchteten Nachbarn im Süden schaffen sollen.
Der sowjetfreundliche Südjemen mit der Hauptstadt Aden am Südausgang des Roten Meeres schaltete prompt von Feindpropaganda auf Freundschaft um. "Nationales Verantwortungsbewußtsein" bescheinigte der Rundfunk der "Demokratischen Volksrepublik Jemen" den Brüdern im Norden, die vor kurzem noch als "Agenten des amerikanischen Imperialismus und arabischer Reaktion" galten.
Die Grenzposten des Südjemen fertigen neuerdings mehr Reisende aus dem Nachbarstaat ab als je zuvor. Der mit Moskau verbündete Südjemen lockt die Besucher aus dem Norden mit günstigen Tauschkursen, laschen Zollkontrollen und der Aufhebung des Paßzwanges. "Eine feine Sache", freute sich Hamdan Schamsan aus der nordjemenitischen Hauptstadt Sana. "Zum erstenmal seit einem Jahrzehnt darf ich in Aden wieder Ersatzteile verkaufen."
Nach dem Sturz des Schah von Persien und dem Sowjet-Einmarsch in Afghanistan zeichnet sich nun in der strategisch wichtigen Südwestecke der arabischen Halbinsel eine neue Entwicklung ab: Der Nordjemen ist nicht länger das Bollwerk des Westens gegenüber den militanten moskauhörigen Regimen in Südjemen und Äthiopien.
"Wir haben uns der Bündnisfreiheit und der positiven Neutralität verschrieben", umschreibt die in Sana erscheinende Tageszeitung "El-Thaura" (Die Revolution) das Abdriften des Nordjemen zum kommunistischen Süden.
Die mit dem Südjemen paktierende Linksfront im Norden ist erstarkt, die Popularität des Präsidenten Salih gesunken. Er nahm wider Willen linke Politiker ins Kabinett und entfernte Parteigänger der kommunistenfeindlichen Saudis aus Regierungsämtern.
"Die Vorgänge im Jemen erschrecken uns mehr als das russische Roulette in Afghanistan", gestand ein saudiarabischer Diplomat dem SPIEGEL.
In der Tat könnte eine Vereinigung beider Jemen Moskaus Kontrolle über den Südausgang des Roten Meeres festigen und die für die Energieversorgung des Westens unersetzliche, politisch instabile Erdölgroßmacht Saudi-Arabien eines wichtigen Pufferstaates zu den linken Regimen in Aden und Addis Abeba berauben.
Der Nordjemen, etwa doppelt so groß wie die DDR und nur von etwa sechs Millionen Südarabern bewohnt, war bis zum Sturz der Monarchie 1962 das rückständigste Land der Welt: Schulen, Krankenhäuser und elektrischen Strom lernten die Jemeniten erst durch die ägyptische Armee kennen, die bis zum arabisch-israelischen Sechstagekrieg von 1967 das republikanische Regime in Sana gegen königstreue Rebellen verteidigte.
Nach dem Abzug der Ägypter gewannen die miteinander rivalisierenden Stämme wieder stärkeren Einfluß. Das an Bodenschätzen arme Land war auf Wirtschaftshilfe aus dem Ausland angewiesen.
Da vor allem die Bundesrepublik schon früh großzügige Wirtschaftshilfe leistete (insgesamt 374 Millionen Mark), scherte der Nordjemen 1969 nach Jordanien aus der arabischen Front gegen den Bonner Staat aus und nahm wieder S.127 diplomatische Beziehungen mit den Westdeutschen auf.
Im Südjemen, bestehend aus der ehemaligen britischen Kolonie Aden und dem Protektorat Hadramaut, die von den Briten erst 1967 in die Unabhängigkeit entlassen wurden, etablierte sich schon zwei Jahre darauf ein marxistisches Regime, und alsbald begann auch der Krieg zwischen Nord und Süd.
Reguläre südjemenitische Truppen und linke Rebellen drohten den gesamten Norden zu überrennen. Die nordjemenitische Armee verlor einen breiten Landstreifen im Süden, nur dem Einsatz von Stammeskriegern war es zu verdanken, daß die "Arabische Republik Jemen" überlebte.
Den Schock auf den offenen Überfall aus dem kommunistischen Süden beantwortete der Norden mit offener Hinwendung zu Saudi-Arabien. "Der Saudi-Botschafter war schon bald wichtiger als jeder jemenitische Minister", sagt ein westlicher Diplomat in Sana.
Immer mehr Nordjemeniten verdingten sich als Gastarbeiter in dem reichen Nachbarland. Die 1,2 Millionen Jemeniten in Saudi-Arabien überwiesen allein im letzten Rechnungsjahr 2,8 Milliarden Mark nach Hause, 98 Prozent der Deviseneinnahmen ihres Staates.
Infolge der Emigration fehlten daheim bald die Arbeitskräfte, die landwirtschaftliche Produktion ging um ein Drittel zurück, und die für das jemenitische Bergland typischen Terrassen-Äcker verfielen.
Saudi-Arabien sprang in die Bresche: Riad finanzierte den Staatshaushalt S.128 des Nordjemen zu über einem Drittel und schloß auch die chronische Lücke in der Außenhandelsbilanz. Mit Saudi-Rials bezahlte Sana den Bau von Moscheen, Schulen, neuen Straßen und sogar die Beamtengehälter.
Eine linke Guerillabewegung entwickelte sich dennoch: Die von Aden ferngesteuerte "Nationale Demokratische Front" (NDF) brachte weite Landstriche im Süden unter ihre Kontrolle. Im Bezirk von Damt bombardierte die nordjemenitische Luftwaffe Dörfer und Truppenkonzentrationen der Linken. Dort haben Regierungsstreitkräfte auch heute nicht wieder Fuß gefaßt.
Einen Monat nach dem jemenitischjemenitischen Krieg schlossen Nord- und Südjemen zunächst einen Burgfrieden: In Kuweit unterzeichneten die Präsidenten Ali Abdallah Salih und Mohammed Abd el-Fattah Ismail ein Abkommen, in dem sie sich sogar verpflichteten, die Wiedervereinigung beider Jemen anzustreben.
"Das hat keiner ernst genommen", erinnert sich ein südjemenitischer Emigrant in Sana, "bis auf die Kommunisten und die Linken hier im Norden."
Der unpopuläre und konzeptlose Präsident Salih, bedrängt unter anderem von libysch bezahlten Putschisten, wandte sich nach links. In der neuen Regierung erhielten prominente Anhänger der Linken Platz, Planungsminister Ali Lutf el-Thaur gilt als Wortführer der irakischen Baath-Sozialisten.
Inzwischen hat Sanas 35 000-Mann-Armee 160 sowjetische T-34-Panzer und 36 MiG-21 in Empfang genommen. Das bereits im Lande weilende 120 Mann starke sowjetische Militärteam wurde auf 325 Experten verstärkt.
Saudi-Arabiens Kronprinz Fahd griff daraufhin zu noch härteren Maßnahmen: Er verlangte ultimativ, der Nordjemen solle die sowjetischen Experten zurückschicken und obendrein die bereits gelieferten Sowjetwaffen in Saudi-Arabien "sicherstellen".
"Die führten sich auf wie eine Kolonialmacht", ärgerte sich ein Beamter des nordjemenitischen Außenministeriums. Die in ihrem Selbstbewußtsein verletzten Jemeniten wiesen das Ansinnen zurück. Prompt stellte Saudi-Arabien die Unterstützungszahlungen ein, und eine weitere Weiche in Richtung Aden war gestellt.
Die Gönner in Saudi-Arabien waren tief verstört und entschlossen sich, gegenüber Sana einen harten Kurs einzuschlagen. So verkündete Riad, daß die Nordjemeniten die ihnen vertraglich zugesicherten amerikanischen Waffen im vorgesehenen Umfang von 390 Millionen Dollar nicht bekommen.
Nur mit großer Verzögerung erhielt Sana schließlich acht US-Kampfmaschinen vom Typ F-5 und eine geringe Zahl M-60-Panzer. Die Saudis, die die Kaufsumme vorgestreckt hatten, hielten eine umfangreiche amerikanische Restlieferung zurück.
Der Nordjemen wandte sich flugs an Moskau. "Die sagten über Nacht zu", beteuert ein jemenitischer Offizier, "ihre Kreditbedingungen waren auch in Ordnung."
Gleichzeitig flammten sporadische Kämpfe zwischen nordjemenitischen Stämmen und der saudiarabischen Armee auf. Bautrupps, die nahe der Jemen-Grenze eine Autostraße vermessen, können nur noch im Schutz von Saudi-Soldaten arbeiten.
Historische Erinnerungen schwingen bei der Entfremdung dabei mit: Die Jemeniten haben bis heute nicht verwunden, daß Saudi-Arabien vor dem Zweiten Weltkrieg die jemenitischen Städte Dschisan und Ndschran annektierte. Die Saudis sind volksweit unbeliebt. "Schafshirten" heißen sie im Volksmund.
Die Atmosphäre war bereits vergiftet, als Staatschef Salih den als Saudi-Freund verschrienen Mohammed Chamis seines Postens als Geheimdienstchef enthob. Nordjemenitische Regierungsstellen ließen nun Saudi-Diplomaten in Sana ungewohnt lange warten, bis sie ihnen Audienzen gewährten.
Doch da kam Hilfe von unerwarteter Seite: Die neuen Allianz-Partner der Saudis, die Sozialisten des Irak, seit kurzem auf Distanz zu Moskau, sahen Gefahr für das Kräfte-Gleichgewicht im ganzen Nahen Osten.
So wartete Bagdad denn mit einem Unterstützungsangebot von 300 Millionen Dollar auf, als Ersatz für die ausgefallene Saudi-Hilfe. Irakische Baathisten beschwören seit Wochen die revolutionäre NDF, sich von Aden und Moskau zu lösen, um den Jemen nicht zu einem Kriegsschauplatz zwischen den beiden Machtblöcken werden zu lassen. Bagdad trägt so auch eine Privatfehde mit dem südjemenitischen Regime aus, weil dieses Regierungsfeinden aus dem Irak Asyl gewährt.
Um das labile Regiment des farblosen Präsidenten Salih nicht weiter in die Arme der Südjemeniten abtreiben zu lassen, läßt sich auch der Westen den Jemen etwas kosten, allen voran die Bundesrepublik, die dem einstigen Saudi-Partner Schulden in Höhe von 195 Millionen Mark erließ.
Für den bedrohten Nordjemen brachten die westdeutschen Steuerzahler allein im letzten Jahr 33 Millionen Mark an Entwicklungshilfe auf, die Holländer zahlen fast genausoviel. Auf der Liste der Spender-Staaten stehen S.129 aber auch Japan, Frankreich, Schweden und die Schweiz. Selbst der verarmte Sudan zweigte fünf Millionen Dollar ab, um das Regime in Sana zu stützen.
Als im Oktober 1979 der Südjemen einen bis zum Jahre 2000 gültigen Freundschaftsvertrag mit der UdSSR und einen ähnlichen Vertrag mit der DDR abschloß, hielten die Saudis den gefährlichen Flirt der Nordjemeniten mit dem Moskau-Freund Aden für beendet. Sie hatten sich getäuscht.
Die Anziehungskraft der Linken nämlich nahm eher zu als ab. Zunächst verstärkte die Sowjet-Union ihre militärische Präsenz im Südjemen beachtlich: Auf der Insel Sokotra wurden zwei Staffeln der sowjetischen Bomber Suchoi-28 stationiert. Sowjetische Techniker bauten einen aufwendigen Horchposten bei Aden auf, der sowjetische Flugzeugträger "Minsk" wurde in nordjemenitische Gewässer geschickt.
Diese Gesten wirkten: Gemischte nord-südjemenitische Regierungskommissionen wurden eingesetzt, um Pläne für die vom Süden gewünschte Vereinigung auszuarbeiten. Der Luftraum des Nordjemen steht den Flugzeugen des Südjemen bereits offen, und umgekehrt.
Die Post- und Telephongebühren wurden vor kurzem vereinheitlicht, die Angleichung des Zollwesens steht unmittelbar bevor. Nach einem überraschenden Treffen mit Sultan Ahmed Omar, dem Vorsitzenden der linken NDF, bot der bedrängte Staatschef Salih der linken Opposition schon Beteiligung in der Regierung an: Sultan sollte Erziehungsminister, sein Mitstreiter Jahja Schamia Minister für soziale Fragen, Jugend und Arbeit werden, ein weiteres Mitglied der Aden-Fraktion den wichtigen Posten eines Unterstaatssekretärs im Innenministerium erhalten.
Die NDF ziert sich. Sie glaubt es sich leisten zu können, abzulehnen und auf ein noch günstigeres Angebot zu warten.
Zum erstenmal seit Bestehen der Republik erschwert die Regierung die Ausreise ihrer Staatsbürger. Die sonst überbuchten Maschinen nach Saudi-Arabien und in die Golfstaaten sind leer. Auch die Einreise von Ausländern ist nicht mehr so unkompliziert wie früher. Ferngespräche und Fernschreibverbindungen mit dem Ausland werden überwacht oder einfach unterbrochen.
In der Hauptstraße von Sana dürfen keine Autos mehr parken, nicht einmal vor dem größten Hotel der Stadt "Sam City". Der Grund: An der Straße liegt das Hauptquartier der Streitkräfte, und da logiert Staatschef Oberst Salih.
Sein Berufskollege im kommunistischen Aden läßt keinen Zweifel an seinen Zielen: "Es ist unmöglich", drohte er, "das Feuer einer Revolution zu löschen, sobald die Zeit dafür reif ist."

DER SPIEGEL 10/1980
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