02.03.1981

EISSCHNELLAUFHilfe von Franz

Auch nach ihrem zweiten Comeback läuft die frühere Olympiasiegerin Monika Holzner-Pflug der aufwendig geförderten Konkurrenz davon.
Gewöhnlich geben Olympiasieger auf, wenn der Nachwuchs sie überholt. Als dagegen die Eisprinzessin Monika Holzner-Pflug beim Winter-Olympia 1980 in Lake Placid weit hinterherhechelte, beschloß sie: "So hör' ich nicht auf."
Einen Winter weiter stürzte sie sieben bundesdeutsche Rekorde. Bei der Sprint-Weltmeisterschaft lief sie schon wieder die zweitbeste 1000-Meter-Zeit. Dafür hätte sie bei Olympischen Spielen Silber bekommen.
Bei ihrem ersten Olympia-Auftritt 1972 in Sapporo war der Außenseiterin Monika Pflug, damals 17, nur eine Nebenrolle zugedacht gewesen. Doch der Buchbinderlehrling aus München stahl allen Stars die Schau und erspurtete in olympischer Rekordzeit die Goldmedaille im 1000-Meter-Rennen.
Sogar Fachleute erkundigten sich aufgeschreckt nach dem unbekannten Goldmädchen. Als das Glückwunschtelegramm vom damaligen Außenmininister Walter Scheel eintraf, fragte die Olympiasiegerin: "Der Scheel Walter, wer is denn dös?" Mit einem Sieg bei den Sprint-Weltmeisterschaften setzte sie ihre Blitzkarriere fort. 1976 wurde sie Olympia-Fünfte.
"Damals hab' ich viel falsch gemacht", räumte sie später ein. Der Teenager war in gut 90 Sekunden zu einem Star befördert worden. Monika Pflug überwarf sich mit ihrem Trainer und spielte zugleich den Funktionärsschreck. So atmete mancher Verbandsmitarbeiter auf, als sie noch 1976 die Titeljagd einstellte, aus Fernsehen und Zeitungen verschwand. Sie heiratete und versorgte bald eine Tochter.
Aber Kind und Küche lasteten den abgetretenen Liebling aller Medien offensichtlich nicht aus. Zuvor hatten sich ihre Eltern völlig auf den Terminplan der erfolgreichen Tochter eingestellt; ihr Vater, ein Maurerpolier, der nach einem Arbeitsunfall Rente bezog, war bei den meisten Inlandsstarts als Betreuer dabeigewesen.
Monika Holzner-Pflug kehrte auf die Eisbahn zurück. Doch der Verband revanchierte sich für erlittene Unbill und nahm sie nicht in seine Nationalmannschaft auf, bevor sie bewiesen habe, "daß sie es ernst meint mit dem Leistungssport" (so der Berliner Verbandspräsident Werner Deregoski).
Deshalb erhielt sie zunächst auch keine Unterstützung aus der Sporthilfe. Die Athletin schlug im gleichen Stil zurück und trainierte bei einem Bundestrainer, gegen den der Verband gerade prozessierte. Nach einem neuen Rekord gliederte der Verband sie wieder in seinen Kader ein.
Denn in bundesdeutschen Landen zeigte sich nirgendwo eine Olympiahoffnung. Zudem setzte sich in Inzell, unweit ihres Wohnortes Übersee, eine Lobby für sie ein: Dort trainierte sie und zog bei Wettkämpfen Zuschauer an; ihr Name, verbunden mit internationalen Erfolgen, warb für Inzells Fremdenverkehr.
Da kündigte sich für den Herbst ein zweites Kind an. Schon kurz nach der Geburt unternahm sie ihren zweiten Comeback-Versuch -- zu spät für das Olympia im Februar 1980. Dennoch stellte der Verband sie auf. Diesmal blieb sie Statistin. "Prima, daß ich zum drittenmal dabei bin", sagte sie, "aber sportlich war nicht mehr drin." Sie trainierte jedoch weiter.
Ehemann Franz und die Schwiegermutter ermöglichten ihr erstmals, "konsequent einen Sommer lang durchzutrainieren". Auch vor den Funktionären setzte sie sich rasch wieder als die Nummer Eins durch, vor der die übrige Konkurrenz resignierte. Die Eissprinterin, die ihre besten Leistungen auf der 1000-Meter-Distanz erbrachte, siegte sogar mit Rekord im sogenannten Großen Vierkampf, einer Kombinationswertung, für die sie vier Distanzen, darunter auch 3000 Meter, unter die Kufen nehmen mußte.
Nun will Monika Holzner-Pflug die "erste Eisschnelläuferin werden, die viermal an Olympischen Winterspielen teilnimmt". Rechtzeitig wird sie sich dazu auf die Sprintstrecken konzentrieren, denn "besser sein als in Lake Placid" möchte sie 1984 schon.

DER SPIEGEL 10/1981
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