12.01.1981

Hitlers Admiral „auf Grund gelegt“

SPIEGEL-Redakteur Wolfgang Becker über die Dönitz-Beerdigung
Eine "schon sehr große Gemeinde" zählte Pastor Hans-Jochen Arp, so groß, daß er in seiner Bismarck-Gedächtnis-Kirche und auf dem Friedhof dahinter "nie dagewesene Probleme" ausmachte. Und die bestanden nicht nur darin, daß da zu einer Beerdigung an die fünftausend auf einmal gekommen waren und zwischen den Grabsteinen im Schnee herumrutschten.
Es hielt auch sonst schwer, dem Trauergottesdienst für Karl Dönitz, den "Herrn Großadmiral", wie es in den Kondolenz-Listen hieß, "einen ruhigen, einen würdigen Verlauf" zu geben, so der Appell des Geistlichen über die Lautsprecher, die überall an die Föhren des Gottesackers gehängt worden waren.
Denn nach Aumühle, wo in der Nähe schon Bismarck ruht und wo vergangenen Dienstag nun der alte U-Boot-Kommandant Dönitz, Oberbefehlshaber der Kriegsmarine und, für 23 Tage, Nachfolger von Adolf Hitler, der Erde übergeben, "auf Grund gelegt" wurde, wie ein Fahrensmann es nannte, waren nicht nur schlicht Trauernde gekommen.
Mit den Frühzügen nach Hamburg und von da Richtung Sachsenwald waren von überallher alte Kameraden die Menge angereist, die mehr Trotz als Trauer auf die Beine gebracht hatte, wohl, weil ihnen das Ritterkreuz nicht weniger als das Kreuz bedeutet.
Zumindest mit einem gestickten goldenen Anker auf dem Schlips, viele aber mit den blauen oder weißen Schirmmützen, die vom Maat an aufwärts getragen werden, manche auch mit Dutzenden von Orden und Abzeichen am Jackett, kamen sie, um mit dem toten Admiral zugleich seine -- und ihre -- kriegerischen Taten zu ehren, ihm zu "danken dafür, daß er uns im Kriege makellos geführt hat", wie Edward Wegener, zuletzt noch Vize-Admiral der Bundesmarine, in seine Ansprache einflocht.
So gab es in Aumühle nicht nur das christliche Begräbnis eines christlichen Seefahrers, das Dönitz, bescheiden geworden, sich gewünscht hatte. Mit republikanischem Tuch, Schwarz-Rot-Gold, war sein Sarg bedeckt; die Flagge Schwarz-Weiß-Rot, die stolz einst von ihres Schiffes Mast wehte, hätten viele lieber dort gesehen: als Rechtfertigung und Demonstration all der traditionellen Tugenden des einstigen kaiserlichen Seeoffiziers, die der Vize-Admiral Wegener noch einmal hersagte: "Vaterlandsliebe und unwandelbare Treue zur Staatsführung", welcher auch immer gerade.
Demonstriert wurde auch so genug. Mal klar, daß es nicht streng nach der Liturgie geht, wo wie hier einstige Haudegen der "Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger", die Auszeichnung am Hals, schichtweise "Ehrenwachdienst" am Sarg versehen und ihren Zettel auswendig gelernt haben: "Langsame Bewegung, kleine Schritte", und Kommandos durch Kopfnicken erteilt werden: "Bitte anfassen, bitte anheben, Ordenskissenträger setzt sich in Bewegung."
Verständlich noch, daß der Choral "Ich danke dir von Herzen, o Jesu, liebster Freund" vom Schulterklopfen der "Männer der Kriegsmarine" -- wie Hitler sie, anders als die "Soldaten des Heeres und der Luftwaffe", titulierte -- begleitet wurde, die sich, so schien es, seit Narvik nicht mehr gesehen hatten.
Noch während der Aussegnung saßen sie bei Kaffee aus Pappbechern im Gemeindehaus, begrüßten sich durch Anlegen der rechten Hand an die Kopfbedeckung und redeten Dickschiff-Latein von schwerer See und weißt du noch und auch: "Der Hitler hat ja immer nachts gearbeitet."
Da waren vierzig Jahre vergangen wie ein Tag. Als sei die Zeit stehengeblieben, knallten Herren mit schwarzweißroter Schärpe und weißen Handschuhen, eine Abordnung der "Gemeinschaft der Sturmartillerie", die Hacken ihrer Lackschuhe zusammen. Einer mit schwarz-weiß-rotem Wollschal mangels anderer Embleme sucht nach "Kameraden vom alten I.R. 10" aus Sachsen.
Manche waren per Kranz lediglich im Geist zugegen: Rudolf Heß aus Spandau, eine "Marinekameradschaft Mailand", und mit "Deutschland wird leben", auch wenn Dönitz sterben mußte, Major Walter Reder, der in Italien wegen Kriegsmassakers von Marzabotto verurteilte österreichische SS-Sturmbannführer.
Das andere Deutschland, von vorgestern, war vollzählig und ließ wissen, daß, wie die "Landsmannschaft Ostpreußen" verkündete, die soldatischen Tugenden ihre Gültigkeit behalten, "auch wenn ein sogenannter Zeitgeist sie vorübergehend außer Kraft zu setzen versucht".
Aber wirklich nur vorübergehend: "Herr, erbarm, erbarme dich" sang die Gemeinde noch, dann rückten schon Buben und Mädels mit Landsknechttrommeln an, Wiking-Jugend und welche von der "Aktion Widerstand", und trabten querbeet über die heilige Stätte zum Findling mit dem Namen "Dönitz". Wie sie es von den Vätern gelernt haben, über Gräber vorwärts.
Von Wolfgang Becker

DER SPIEGEL 3/1981
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