19.05.1980

„Nur so werden wir ihn endgültig los“

Kanzleranwärter Franz Josef Strauß, für viele CDU-Spitzenfunktionäre Hauptschuldiger am NRW-Wahldesaster, will nun eine härtere Gangart anschlagen. Doch die Talfahrt der Union, das ahnen auch die Christdemokraten, kann er nicht mehr aufhalten. Schon rechnet sich Parteichef Kohl wieder Chancen aus: für 1984.
Der Kommentar des Professors Kurt Biedenkopf über den Auftritt des Kandidaten Franz Josef Strauß war ungewohnt knapp: "Gespenstisch, gespenstisch".
Vor der Bundestagsfraktion der Christenunion hatte der CDU/CSU-Kanzleranwärter einen Tag nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen geredet, als habe er mit der schweren Niederlage der CDU nichts zu schaffen.
Die Schuld gab der Bayer den anderen: Die Christdemokraten hätten ihn von Wahlplakaten verbannt, zu spät von der Landes- auf seine große Politik umgeschaltet und sich obendrein zur geplanten Moskau-Reise seines Widersachers, des Kanzlers, in Widersprüche verwickelt.
Da hielt es den in NRW geköpften Biedenkopf nicht mehr auf seinem Stühlchen. Unter dem Applaus rheinischer und westfälischer Abgeordneter bellte der kleine Verlierer zurück. Er habe sein Wahlkampfkonzept mit CSU-Generalsekretär Edmund Stoiber und dem Chef der Bonner CSU-Landesgruppe, Friedrich Zimmermann, abgesprochen. Er habe sogar im Januar in Wildbad Kreuth seine Wahlkampfpläne en detail der CSU-Prominenz vorgetragen und einhelligen Beifall geerntet.
Dann ging Biedenkopf den einstigen Förderer direkt an. Strauß trage die Verantwortung dafür, daß die nordrhein-westfälische CDU zuwenig Unterstützung von der Bundespartei erhalten habe. Das gemeinsame Wahlprogramm von CDU und CSU sei nur deshalb nicht an den Wähler zu bringen gewesen, weil Strauß die Vorlage vertrödelt habe.
Der säumige Kandidat tat so, als sei er im Recht: "Dieses Wahlprogramm haben wir nicht veröffentlicht, weil Herr Biedenkopf darum gebeten hatte."
Herr Biedenkopf wußte es besser: Er sei nur dagegen gewesen, in letzter Minute vor den NRW-Wahlen mit dem Programm noch herauszukommen. Der Entwurf habe Monate bei Strauß gelegen und sei zu Ostern immer noch nicht fertig gewesen. Immer noch habe die Präambel gefehlt, die Strauß sich selber vorbehalten habe.
Ehe Strauß und Biedenkopf sich noch tiefere Wunden schlagen konnten, ging der Fraktionsvorsitzende dazwischen. Denn allzu leicht hätte sich aus dem Gezänk entwickeln können, was Helmut Kohl einstweilen noch vermeiden will: die Diskussion über den wahren Schuldigen am Desaster der CDU beim letzten Test für die Bundestagswahl, die Abrechnung mit Verlierer Franz Josef Strauß, dem Minus-Mann.
Daß Strauß der Schuldige ist, daran zweifelt kaum einer in der Union. Und kaum einer glaubt noch an einen Wahlsieg der CDU/CSU am 5. Oktober.
Kohl fürchtet sogar, die Union werde so geschwächt, daß sie sich bis 1984 nicht erholt. Vor Mitarbeitern jammerte er, die CDU/CSU könne im Oktober weit unter die 45-Prozent-Marke rutschen.
Schwer vorstellbar, daß Strauß die Kraft hat, den Sturz abzufangen. Die Resignation ist um so größer, weil jener Mann versagt, der sich alleine zum Retter in der Not ausgerufen hat.
Klammheimliche Schadenfreude ist dabei. Daß die Union unter Strauß erst im Saarland, dann in Nordrhein-Westfalen abschmierte, freut trotz allem Strauß-Skeptiker wie Helmut Kohl und Ernst Albrecht, Heiner Geißler und Walther Leisler Kiep. Sie haben nicht vergessen, wie die Christsozialen die Kanzlerkandidatur ihres Vorsitzenden mit der Drohung, andernfalls die Union zu spalten, erpreßten.
"Wir wollen ihn", so ein Kohl-Vertrauter hämisch, "bis zur Niederlage bei der Bundestagswahl stützen, nur so werden wir ihn endgültig los."
Deswegen will sich Kohl bei dem Parteitag der CDU Anfang dieser Woche in Berlin darum bemühen, dem Kandidaten keine Vorwände für einen vorzeitigen Rücktritt von der Kandidatur zu liefern. Der Bayer soll sich nicht auf mangelnde Solidarität der Christdemokraten berufen können. Die Delegierten dürfen nicht über Strauß, sie dürfen lediglich über das Wahlprogramm diskutieren.
Keiner der Spitzenleute der Union mag jetzt mehr den einst umkämpften Job - Albrecht nicht, Gerhard Stoltenberg nicht. Am liebsten würden sie sich gar vor dem Einsatz in der Wahlkampfmannschaft, der freiwilligen Feuerwehr des CSU-Chefs, drücken. Sie wollen nicht mitverantwortlich gemacht werden für eine verlorene Bundestagswahl und eine verbrannte Union.
Allenfalls Helmut Kohl, der unverwüstliche, ließe sich wieder an die Spitze bitten. Er würde sich opfern, wenn er die Partei zur Dankbarkeit verpflichten könnte.
Schon kolportieren Strauß-Freunde, ihr Kandidat klebe nicht um jeden Preis an der Kandidatur.
Und Strauß-Kamerad Alfred Dregger verbreitete letzte Woche vorsorglich, der Kandidat habe ja eigentlich gar nicht gewollt. Nur Kohls Versuch, vor Jahresfrist Ernst Albrecht zum Kandidaten zu erheben, habe ihn zum Gegenzug gezwungen. Nur deshalb sei es den Christsozialen Zimmermann und Stoiber gelungen, Strauß zum Antritt zu überreden.
Hätte Kohl, so Schlaumeier Dregger heute, seinem Widerpart damals offen den Posten angetragen - der vorsichtige, stets zögerliche Bayer hätte die Kanzlerkandidatur abgelehnt. Wer's glaubt...
Auch die Sozialdemokraten hoffen auf den Durchhaltewillen ihres Wunschkandidaten. So leicht hat ihnen das Siegen lange keiner mehr gemacht. Bei der Generalprobe für den Herbst reichte den Sozialdemokraten die Einfachparole gegen den Buhmann "Wählen gehen - statt Strauß", um ihre Anhänger zu mobilisieren.
Die CDU-Sympathisanten dagegen blieben lieber zu Hause. In Köln etwa gingen nur 82 Prozent der Unionsfreunde zur Wahl.
Und von den CDU-Wählern räumte jeder vierte ein, er halte die Präsenz des Franz Josef Strauß im Wahlkampf für schädlich.
In mehreren Orten, die Strauß beglückt hatte, lagen in der Tat die Unionsverluste über dem Landesdurchschnitt. In Essen, wo der Ministerpräsident die CDU-Landtagswahlkampagne eröffnet hatte, fielen erstmals alle Wahlkreise an die SPD (siehe Seite 35).
Deshalb auch kam der Bayer schlecht an, als er am Montag letzter Woche der CDU/CSU-Bundestagsfraktion weismachen wollte, die nordrheinwestfälische CDU allein habe die Niederlage zu verantworten; ihre lasche und nur auf landespolitischen Kleinkram abgestellte Kampagne habe 600 000 Stimmen gekostet.
Der Vorsitzende der rheinischen Sozialausschüsse, der Dürener Bundestagsabgeordnete Wolfgang Vogt, schob die Schelte zurück: "Alle Töne von südlich des Mains, es habe am Einsatz gefehlt, sind sachlich ungerechtfertigt und töricht."
Strauß hat es nicht geschafft, jene Sympathisanten für die Union zu gewinnen, die eine bürgerlich-soziale Alternative zu den Sozis erwarten. Für viele von ihnen blieb Strauß auch dann noch der böse Wolf, als er sich Großmutters Nachtmütze überzog.
Der Mann, manisch davon überzeugt, er allein sei zum Retter der Nation auserkoren, wann immer nur sich eine Krise bietet, hatte, mit einem Auge auf jene wetterwendischen C-Sympathisanten schielend, mitten in den Krisen um Iran und Afghanistan die Rolle wechseln wollen - vom Muskelmann zum Staatsmann. Nur: Die mißtrauischen C-Wähler scheinen Strauß die wundersame Wandlung nicht abzunehmen.
Verstärkt wurde die Antipathie vieler konservativer Wähler gegen den CSU-Mann noch durch dessen offene Geringschätzung für alle Versuche der CDU-Zentrale, der Partei ein neues, klares Programm zu geben. CDU-Generalsekretär Heiner Geißler bekam den Widerwillen des Christsozialen zu spüren.
Strauß hielt es lange Zeit nicht einmal für wert, das zu lesen, was Geißler gemeinsam mit CSU-Vize Friedrich Zimmermann als Wahlprogramm verfaßt hatte. Zwar mahnte Strauß vor Weihnachten 1979 den Textentwurf an, schwänzte dann aber bis nach Ostern, ehe er endlich das Expose eines Vorworts präsentierte. Programmentwürfe sind des Bayern Stärke weiß Gott nicht.
Was er schließlich ablieferte, war lediglich ein längliches Pamphlet aus der Feder des "Bayernkurier"-Chefredakteurs Wilfried Scharnagl. In mehreren Redaktionssitzungen mußte dann eine gemischte Kommission aus CDU und CSU die Präambel stutzen. Die Folge: Das Wahlprogramm konnte erst in der vorigen Woche veröffentlicht werden, nach der Schlappe von Düsseldorf und so knapp vor dem Berliner Parteitag, daß die Basis zu ernsthaften Diskussionen keine Zeit fand.
CDU-Vorstandsmitglied und Chef der Jungen Union, Matthias Wissmann, resignierend: "Noch nie haben die Wähler so wenig von unserem Sachprogramm gewußt wie jetzt."
Bei seiner Mißachtung fürs Programmatische übersah Strauß, daß er damit auch seinen Schildknappen Zimmermann desavouierte. Der Bonner Landesgruppenchef hatte bereits während der Arbeiten am Wahlprogramm bemängelt, daß CSU-Generalsekretär Edmund Stoiber kaum Interesse an dem Werk zeigte und sich statt dessen lieber darum kümmerte, seinen Herrn F. J. S. auf künstlichen Kriegsschauplätzen zu vertreten: Er legte sich mit den Gewerkschaften an, verbellte Intellektuelle als "Ratten und Schmeißfliegen" und eröffnete die abstruse Diskussion um die Verwandtschaft von Nazis und Sozis.
Statt Zimmermann als Statthalter in Bonn für sich zu nutzen, ließ Strauß zu, daß der Landesgruppenchef in den zurückliegenden Monaten kaltgestellt wurde. Informationsstränge zwischen München und Bonn rissen ab.
In München verläßt sich Strauß allein auf den alerten Stoiber und seinen Büroleiter Wilhelm Knittel, einen juristischen Kreuzelschreiber. In Bonn vertraut er auf seine eilfertigen Verehrer, die CSU-Parlamentarier Hans Klein und Friedrich Voss: der eine angelernter Journalist und Autor eines hymnischen Strauß-Bilderbuches, der andere langjähriger Assistent und parlamentarischer Ohrenbläser des Bayern.
Dieses Quartett hat es geschafft, daß Strauß nur noch für eine von ihnen handverlesene Auswahl von Journalisten zu sprechen ist. Von der einst gut funktionierenden Pressearbeit der Landesgruppe macht Strauß derzeit keinen Gebrauch.
Statt dessen führen für ihn Männer das Wort wie der frühere Kommentator des "Münchner Merkur", Hans Tross. Der Journalist lieferte eine Qualitätsprobe, als er kürzlich nach langem Nachdenken in Washington erklärte: "Fragen sind nie schwierig, aber Antworten."
Und Stoiber setzt mittlerweile auf Reklame. Am Mittwoch vergangener Woche erschien in der "Süddeutschen Zeitung" eine von dem CSU-Generalsekretär unterzeichnete "Wahlanzeige" der CSU: "Düsseldorf, Saarbrücken: Das ist gestern. Jetzt beginnt der Kampf um die Wende in Bonn." So als ob Franz Josef Strauß erst jetzt anträte.
So erschien er auch am Dienstag letzter Woche vor der Presse in Bonn - wie einer, den die Niederlagen der vergangenen Wochen nichts angingen. Ob er das Ergebnis von Düsseldorf als einen Rückschlag für sich selbst betrachte, wurde er gefragt. Darauf gab Strauß die einzige eindeutige Antwort des Tages: "Nein."
Franz Josef Strauß wirkte dabei unverkrampft, für seine Verhältnisse zu gelassen, als daß man diese Antwort nur für Zweckpropaganda halten könnte. Er glaubt es vermutlich wirklich. Seine Fähigkeit, sich die Realitäten nach der eigenen Statur zuzuschneiden, ist ungebrochen.
Das Kostüm, in dem er sich den Parteifreunden in der vergangenen Woche darbot, wies ihn als den reinen Parsifal aus: Erstens habe er nicht die geringste "persönliche Verantwortung" für die Niederlagen im Wahlkampf - er warnte vor "falschen Meßlatten", vor "falschen Motivzuweisungen". Von ihm habe es schließlich "kein einziges Plakat" in NRW gegeben.
Zweitens habe auch die "Vorsehung" der Union übel mitgespielt, ihr eine "herbe Wunde" geschlagen mit dem Tod Heinrich Köpplers.
Drittens sei die Union - offenbar unerwartet - auf einen besonders bösartigen Gegner getroffen, der mit "Diffamierungen" und "Gemeinheiten" gearbeitet hat, dem die Union nur ein "hohes Maß an Naivität" gegenüberzustellen wußte.
Unschwer war in diesen Strauß-Argumenten schon das Muster zu erkennen, nach dem der Öffentlichkeit wohl auch eine verlorene Bundestagswahl erklärt werden soll. Unschwer war aber auch auszumachen, daß der als Kanzlerkandidat von vornherein auffällig gehemmt auftretende Bayer sich subjektiv in eine Position zu manövrieren versucht, die allein ihn zum Kämpfen befähigt: von aller Welt abgeschrieben, verfolgt und mit dem Rücken zur Wand.
Der Trend in der Bundesrepublik sei bisher gewesen, daß die Union in den Ländern gewinne, um dann im Bund auf der Strecke zu bleiben, so Strauß. Sein Motto, mit dem er sich selbst Mut zu machen sucht: "Drehen wir jetzt den Trend um."
Seit der SPIEGEL-Affäre braucht Strauß die Welt voll Teufel, um seine Kraftreserven mobilisieren zu können. Nun ist es soweit, er hat nichts mehr zu verlieren.
Endlich kann er seine Lieblingsrolle verkörpern, die ihm zuvor verstellt war, als die Wahlchancen der Union noch besser standen: Strauß als Opfer von Verketzerung durch seine Feinde und des Mangels an Unterstützung durch seine Freunde. Strauß als Verfolgter und Verfolger, als Opfer und Rächer in einer Person.
Vor allem aber: Strauß als Retter. Er rettet die Union, die jetzt endlich für jedermann sichtbar so desolat ist, wie er sie immer beschrieben hat, und die dringend der Hilfe aus den bayrischen Bergen bedarf.
Und: Strauß rettet das Vaterland, das von einem zum Appeasement-Politiker á la Chamberlain stilisierten Helmut Schmidt an die Sowjets ausgeliefert zu werden droht und an den Rand des Krieges getrieben wird.
In seinem geradezu manischen Drang, historische Parallelen zwischen der Bundesrepublik und dem Deutschen Reich aufzuzeigen, ist der studierte Historiker mit seiner verqueren Logik endlich bei 1938 angekommen. Schmidts bevorstehende Reise nach Moskau gleicht für ihn der Fahrt Chamberlains nach München, und er, der "kein Alpen-Churchill" sein will, findet sich zwanghaft in der Rolle des britischen Warners und Kämpfers wieder, Sir Winston Strauß.
Da kamen ihm die Krawalle beim Rekrutengelöbnis in Bremen als "entscheidendes Signal" - so die CSU-Anzeige - wie gerufen. Jetzt endlich kann er die angebliche Entwicklung der SPD zum eigentlichen Thema der Auseinandersetzung bis Oktober machen.
Diese Taktik verdeutlichte er in Bonn den Parteifreunden und den Wählern in der CSU-Annonce. Es gehe darum, wie es "mit Sicherheit, Freiheit und Frieden nach dem 5. Oktober bestellt sein wird, wenn Schmidts linke Genossen ins Ruder greifen".
Demonstranten in Düsseldorf hatte Strauß schon am Mittwoch vor der Wahl in NRW als "die roten Hilfstruppen Helmut Schmidts" beschimpft, als "Bürgerkriegshorden" und "apokalyptische Reiter der Linken". Strauß: "Hier sehen Sie, wohin Deutschland kommt, wenn es den Linken ausgeliefert wird."
Was immer Strauß auch in den beiden letzten Landtagswahlen verloren haben mag - seinen Faden hat er wiedergefunden: Freiheit statt Sozialismus. Wenn die Unionsparteien jetzt "knüppelhart" (Strauß) zurückschlagen, dann mit dem alten Kampfruf: Alle Wege des Sozialismus führen nach Moskau.
Schmidts Versuch, in der Zeit erhöhter Ost-West-Spannung alle Chancen zum Dialog mit den Nachbarn im Osten zu nutzen und die Entspannung zumindest in Europa zu retten, soll, so will es Strauß, nichts weiter sein als eine weitere Annäherung der Bundesrepublik an die Sowjet-Union. Jetzt komme die zweite Stufe der Ostpolitik, die Finnlandisierung stehe kurz bevor.
Helmut Schmidt sei lediglich ein Erfüllungsgehilfe Herbert Wehners; und der gilt Strauß als Chef der sozialdemokratischen "Moskau-Fraktion" - die SPD, ein einziges Sicherheitsrisiko.
Auf geht's, mag auch der neue Krawallkurs die Talfahrt der Union beschleunigen. Daß damit jene Wechselwähler zu holen sein werden, die er zu seinem Wahlsieg braucht, kann selbst er nicht ernsthaft glauben. Fazit: Wie immer der Kandidat sich dreht und wendet, ob hin zum Strese- oder zum Buhmann, er kommt an Schmidt offensichtlich nicht vorbei.
Der Wahlsonntag in Nordrhein-Westfalen hat gezeigt: Wenn der Wähler die Alternative hat zwischen Kanzler und Kanzler-Darsteller, dann votiert er lieber für das Original.
Und Schmidt hat in den kommenden Monaten noch genug Gelegenheiten, seine Eigenschaften als Staatsmann wirksam ins Bild zu rücken - beim Weltwirtschafts-Gipfel Ende Juni in Venedig, bei den Visiten in Moskau und in der DDR.
Mehr Erfolg verspricht sich CDU-Generalsekretär Geißler denn auch von einem Wahlkampfkonzept, das mit den Sozialdemokraten auf den Gebieten der Sozial- und Gesellschaftspolitik konkurriert. Auf dem Berliner Parteitag möchte er klarmachen, daß die CDU in der Familien- und Rentenpolitik ein echtes Kontrastprogramm zu den Sozialliberalen anbietet. Aber wie will er das an einem Strauß vorbeischmuggeln?
So sind denn die Planer des Konrad-Adenauer-Hauses darauf verfallen, jetzt schon "die Perspektive 84" sichtbar zu machen, Unionspolitik für die Zeit nach Strauß.
Für die Legislaturperiode nach dem 5. Oktober 1980 rechnet sich - soweit ist es gekommen - Partei- und Fraktionschef Helmut Kohl noch einmal Chancen aus. Im Konrad-Adenauer-Haus wird bereits das Szenario für ein Comeback beschrieben: Strauß bleibt unter 45 Prozent und schneidet vielleicht sogar schlechter ab als Rainer Barzel, der es 1972 nur auf 44,9 Prozent brachte. Mit dem Untergang des Gegenspielers wäre dann jede Gefahr aus dem Süden auf lange Zeit gebannt: Entweder bliebe die CSU als ein Defacto-Landesverband der CDU übrig, oder der harte Kern der Strauß-Getreuen, ausgeschieden aus der Union, verkümmerte zu einer Sekte á la Bayernpartei.
Einen weiteren Widersacher hat Kohl jetzt schon fürs erste ausgeschaltet: den einstigen Strauß-Helfer Kurt Biedenkopf. Noch am Abend nach der Wahlniederlage in Düsseldorf beorderte Kohl den widerstrebenden Professor für den nächsten Tag zur Sitzung von Präsidium und Vorstand nach Bonn. Und dort nahm sich der CDU-Vorsitzende seinen einstigen Generalsekretär separat vor.
Biedenkopf wollte von der Fahne, wollte aus der Politik ausscheiden. Doch Kohl verlangte, wie auch seine Freunde in der Düsseldorfer Christenunion, von dem Professor ein größeres Opfer: Er müsse Ersatzdienst als Fraktionsführer im Düsseldorfer Landtag leisten. Ein Kohl-Helfer schadenfroh: "Der Biedenkopf hat die Chance, bei Null wieder anzufangen."
Und auch den niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht - für viele Unionschristen immer noch die geheime Hoffnung - kann Kohl, so glaubt er, als Kanzlerkandidaten abhängen, ist die Wahl erst mal verloren. Seine Rechnung: Wenn er es schaffe, wenigstens den liberal-konservativen Teil der Union bei Laune zu halten, werde er als Fraktionsvorsitzender nicht zu verdrängen sein und auch 1981 Parteivorsitzender bleiben können. Er wäre dann der Retter, der die Union durch alle Fährnisse hindurch und über Strauß hinweg geführt habe - erfahren und stark im Nehmen.
So hätte Strauß der Union noch einen letzten Dienst erwiesen, einen schlechten: Helmut Kohl wäre wieder Kanzlerkandidat der Union, als Nachfolger des Verlierers Franz Josef Strauß.

DER SPIEGEL 21/1980
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 21/1980
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Nur so werden wir ihn endgültig los“

  • Senioren in der JVA Waldheim: Gebrechliche Gangster
  • Real präsentiert Mendy aus Lyon: Franzose sorgt für Lacher bei der Vorstellung
  • Vom Winde verweht: Sturm deckt Haus ab
  • Trump über Drohnen-Abschuss: "Ein großer Fehler"