12.01.1981

SCHACH-WMAngst im Magen

Streit in der eigenen Delegation und ein Nervenkrieg, den sein Manager schürte, ließen den Deutschen Robert Hübner im Meraner Kandidatenfinale kapitulieren.
Nach der sechsten von insgesamt geplanten 16 Partien sprach der deutsche Weltmeisterkandidat Robert Hübner vor Vertrauten zum erstenmal davon, daß er das Meraner Kandidatenfinale gegen den Exilrussen und Vizeweltmeister Wiktor Kortschnoi aufgeben wolle.
Vor der elften Partie, am Freitag vergangener Woche, steckte der Kölner Altphilologe und derzeitige Schachprofi dann tatsächlich auf. Beim Frühstück erzählte sein Gegner Kortschnoi schon: "The match is over." Am Abend erklärte es der deutsche Delegationschef Wilfried Hilgert offiziell.
Hübner hatte Meran um diese Zeit schon verlassen, saß aber nicht im Zug nach Köln (wie die Zeitungen schrieben), sondern war in Italien geblieben. Der Verzicht kam überraschend, denn alle Fachleute waren sich darüber einig gewesen, daß Hübner den Wettkampf durchaus gewinnen könnte.
Hübner lag, als er aufgab, lediglich einen einzigen Punkt hinter Kortschnoi zurück. Ein Sieg hätte den Gleichstand gebracht, mit zwei Siegen und keiner weiteren Niederlage wäre Hübner der Herausforderer des derzeitigen Weltmeisters geworden.
Hübner-Manager Hilgert, ein Kölner Immobilienhändler, Schiffseigner und Schachmäzen, führte den Verzicht auf äußere Störungen, insbesondere Presseberichte, zurück.
Das ist nicht mal die halbe Wahrheit. Der wahre Hauptschuldige an dem Meraner Desaster ist niemand anders als Hilgert selbst.
Er hatte zu seiner Aufgabe erklärt, "allen Ärger von Robert fernzuhalten und für eine ruhige Atmosphäre zu sorgen". Er bewirkte das Gegenteil: Nahezu aller Ärger, den es für Hübner in Meran gab, beruhte auf Äußerungen und Aktionen Hilgerts.
Hübner litt unter erheblichen Spannungen in der deutschen Delegation, die Hilgert nicht zu dämpfen vermochte und zum Teil sogar schürte. Und der Kölner, einer der sensibelsten Schachspieler der Weltspitze, litt unter dem öffentlichen Nervenkrieg, den sein Delegationschef schon daheim in Köln begonnen hatte und fast bis zum letzten Tag fortsetzte.
Zur deutschen Delegation gehörten als Sekundanten neben dem Tschechen Vlastimil Hort der Amerikaner William Martz und der Isländer Gudmundur Sigurjonsson, die sich ablösten. Außerdem hatte Hübner den italienischen Psychologen Renato Lorenzetto engagiert.
Hilgert spielte die Funktion Lorenzettos öffentlich herunter: "Der macht mit Robert nur ein bißchen Gymnastik." Und: "Wenn er behauptet, daß er mehr macht, dann gibt er nur an."
Wahr ist: Lorenzetto war für Hübner der wichtigste Mann der Delegation.
Kennengelernt hatten sich die beiden im Sommer 1980, als Hübner im norditalienischen Kurort Abano Terme im Halbfinale gegen den Ungarn Lajos Portisch spielte. Später besuchte Hübner den Psychologen in Padua, und in Meran absolvierte er vom ersten Tag an ein umfassendes Programm, das Lorenzetto für ihn entwickelt hatte.
Insbesondere ging es beiden darum, eine Hauptschwäche Hübners zu "indern. Dem SPIEGEL gegenüber hatte er sie so geschildert: Mein " " Selbstvertrauen ist nicht immer riesengroß, und in manchen " " Situationen kommt es mir zuweilen unglaublich vor, daß ich " " besser sein könnte als Spieler mit großen Namen. Dann tritt " " im Unterbewußtsein vielleicht eine Art Hemmung auf, sie zu " " besiegen. "
Zu Lorenzettos Programm gehörten neben Lauf- und Gymnastikübungen auch sportliche Zweikämpfe; sie boxten und rangen miteinander. Mit Rollenspielen versuchte der Italiener, das Selbstbewußtsein des Deutschen zu erhöhen.
Lorenzetto war überzeugt, daß Hübners "Angst im Magen" sitzt, und stellte Massagen darauf ein. Eine besondere Kost bereitete der Psychologe eigenhändig in der Hotelküche zu. Er übte mit Hübner überdies, die Kaumuskeln anzuspannen, um die Angriffslust des Finalisten zu erhöhen.
Sogenannte biorhythmische Kurven Hübners und Kortschnois waren die Basis für das Programm.
In Gesprächen erörterten Lorenzetto und Hübner alle Meraner Probleme so lange, bis sie davon überzeugt waren, daß sie den Spieler nicht mehr von seinem Zweikampf mit Kortschnoi ablenkten.
Wie orthodox oder unorthodox Lorenzettos Methoden auch sein mögen, sie trugen offenbar wesentlich zum Erfolg bei. In den ersten sieben Partien machte Hübner einen psychisch und physisch weit stabileren Eindruck als je zuvor in seinen zehn Großmeister-Jahren. Und er hat in diesen Partien, verglichen mit seinem Gegner, nach Ansicht des deutschen Großmeisters Wolfgang Unzicker "das wesentlich bessere Schach gezeigt".
Erst nach einem Patzer, mit dem er sich um den Sieg in der siebten Partie brachte, geriet Hübner in Schwierigkeiten. Die Belastungen waren so stark geworden, daß Lorenzetto nicht mehr hinreichend gegensteuern konnte.
Zwischen dem Psychologen und den anderen Mitgliedern der Delegation gab es nie ein Miteinander, bestenfalls ein Nebeneinander. Mehrfach äußerte sich Hilgert vor Journalisten abfällig über Lorenzetto.
Auch die Folgen etlicher Fehlentscheidungen Hilgerts trugen dazu bei, Hübner zu entnerven. Der Manager ließ das sensible Schachgenie in der trubeligen Hotelhalle Skat spielen, und er hatte gebilligt, daß jeweils in den ersten fünf Partieminuten die Fernsehkameras surrten.
Schlimmer noch: Mit seinen negativen Äußerungen über Kortschnoi, die Tag für Tag in den Zeitungen standen, heizte Hilgert die Atmosphäre so lange an, bis Hübner es nicht mehr ertrug.
S.88
Mein Selbstvertrauen ist nicht immer riesengroß, und in manchen
Situationen kommt es mir zuweilen unglaublich vor, daß ich besser
sein könnte als Spieler mit großen Namen. Dann tritt im
Unterbewußtsein vielleicht eine Art Hemmung auf, sie zu besiegen.
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DER SPIEGEL 3/1981
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