12.01.1981

TSCHADKrieg der Sände

Gaddafi vereinnahmte den Tschad -- und schuf sich damit neue Feinde in Afrika.
Nie hat die Welt ihn richtig ernstgenommen, wenn er Putsche anzettelte, zum Vernichtungskrieg gegen Israel aufrief oder rächende Revolvermänner ins Ausland ausschwärmen ließ. Oberst Muammar el-Gaddafi war für die meisten seiner Kollegen immer nur ein "kopfloser Irrläufer" (so Marokkos König Hassan).
Zu grotesk waren seine zahlreichen Vereinigungsversuche erst mit Ägypten, dem Sudan und Syrien, dann wieder mit Ägypten, dann mit Tunesien und schließlich ein zweites Mal mit Syrien.
Vergangene Woche aber gelang ihm eine "Fusion", die auch seine Gegner ernstnehmen.
In einem gemeinsamen Kommunique gaben Gaddafi und Tschad-Präsident Gukuni Weddei bekannt, sie hätten Libyen und den Tschad zu einem Unionsstaat vereinigt. 400 Jahre nachdem der Araber-Sheriff Achmed el-Mansur Timbuktu eroberte, stößt damit erstmals wieder eine arabische Macht nach Schwarzafrika vor.
Und zum ersten Mal in der rund 20jährigen Geschichte des unabhängigen Afrika wird ein afrikanischer Staat (fünfmal so groß wie die Bundesrepublik, aber nur vier Millionen Einwohner), von einem anderen afrikanischen Staat vereinnahmt. Denn das steht für Freund und Feind außer Zweifel: Die "Union" ist nichts als eine schlecht verschleierte Eroberung.
Fast zehn Jahre lang hatte Gaddafi den Bürgerkrieg zwischen dem schwarzen Süden und dem Tubu-Stamm im arabischen Norden des Tschad geschürt. Erst unterstützte er Tubu-Führer Hissen Habre, dann, als Habre mit seinen "Nordstreitkräften" (FAN) zur Regierung in der Hauptstadt Ndjamena überlief, dessen Rivalen Gukuni Weddei.
Im August 1979 fanden sich die beiden Tschad-Parteien im nigerianischen Lagos zu einer gemeinsamen Regierung mit Gukuni als Präsident und Habre als Verteidigungsminister zusammen. Die Koalition jedoch hielt nicht mal ein halbes Jahr, dann entbrannte der "Krieg der Sände" mit neuer Wucht.
Monatelang krallten sich die Verbände der Gegner in Ndjamena fest, ohne daß sich der Frontverlauf auch nur um einen Meter änderte. Bewegung kam erst wieder in den Krieg, als Mäzen Gaddafi eingriff.
Mitte Dezember rückte eine Gaddafi-Truppe, von Sowjets und Kubanern logistisch unterstützt, mit 50 sowjetischen T-52-Panzern in Ndjamena ein. Trotz verbissenen Widerstands mußten Habre und seine FAN-Truppen wenige Tage vor Weihnachten die Waffen strecken.
Doch soviel scheint jetzt schon sicher: Gaddafi wird an seinem Sieg nicht viel Freude haben. Oberst Kamouge, starker Mann im Gukuni-Lager, erklärte bereits am Tag nach Vertragsschluß, er fühle sich nicht an die Vereinbarung seines Präsidenten gebunden. Denn: "Die Union mit Libyen ist wirklich eine unmögliche Ehe."
Und in Afrika löste Gaddafis Eroberung einen Proteststurm aus. Die Regional-Großmacht Nigeria schloß die libysche Botschaft in Lagos und gab dem Personal 48 Stunden Zeit, das S.97 Land zu verlassen. Ägyptens Sadat, Gaddafis stärkster Feind, schickte seinen Außenminister Butrus Ghali auf Afrika-Tour, um die wachsenden antilibyschen Ressentiments zwischen Sahara und Sambesi zur Bildung einer Front gegen Tripolis zu nutzen.
Die Angst vor der libyschen Gefahr hat in Afrika an Boden gewonnen, seit Gaddafi sich offen in afrikanische Krisen einmischt. Anfang 1979 etwa scheiterte ein libysches Expeditionskorps am Äquator bei dem Versuch, Ugandas Diktator Idi Amin vor dem Sturz zu retten. Ein Jahr später schlug die Regierung in Tunis mit französischer Hilfe einen von Gaddafi angezettelten Putsch in Gafsa, Südtunesien, nieder.
Vor allem die militärisch schlecht gerüsteten Sahel-Staaten fürchten jetzt, sie könnten die nächsten Opfer libyscher Expansionsstrategie werden und einem vom Roten Meer bis zum Atlantik reichenden "Islamischen Sahel-Staat" einverleibt werden, von dem Gaddafi träumt.
Furcht und Groll der Afrikaner bekam zuerst die Tschad-Schutzmacht Frankreich zu spüren, weil sie sich, sonst mit Eingreifen in Afrika nicht zimperlich, dem libyschen Hegemoniestreben nicht in den Weg gestellt hatte.
"Frankreich", so mahnte Zaire-Staatschef Mobutu, "hätte sich nicht aus dem Tschad zurückziehen dürfen, denn es hat eine gewisse moralische Verantwortung in dieser Situation." Und Senegals Leopold Senghor forderte eine "gemeinsame afrikanische Front gegen den libyschen Imperialismus".
Indizien sprechen dafür, daß Frankreichs seltsame Zurückhaltung im Tschad tiefere Gründe hatte: Wenige Tage bevor Gaddafis Afrikakorps zum Sturm auf Ndjamena antrat, weilte Gaddafis Außenkommissar Ahmed el-Schahati zu Besprechungen mit seinem Kollegen Francois-Poncet im Pariser Quai d'Orsay.
Wenige Tage danach gab die zu 60 Prozent staatliche Erdölgesellschaft "Elf-Aquitaine" bekannt, sie habe mit Libyen einen Vertrag über umfangreiche neue Probebohrungen geschlossen, gewiß nicht ohne Billigung der Pariser Behörden.
Erschrocken über das harsche Echo auf Frankreichs Doppelspiel, schritt der Elysee Ende letzter Woche zu einer regierungsamtlichen Verurteilung der libyschen Aggression. Und Industrieminister Andre Giraud beeilte sich mitzuteilen, die Mittel für die Probebohrungen in Libyen seien fürs erste eingefroren. Auf Ersuchen der Sahel-Staaten kündigte Paris vorigen Freitag schließlich seine Bereitschaft zu militärischer Hilfe an.

DER SPIEGEL 3/1981
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