10.03.1980

Spur Nr. 6 blieb ein Geheimnis

SPIEGEL-Report über Widersprüche bei der Untersuchung der Stammheimer Selbstmorde Sand aus Mogadischu unter den Schuhen des toten Andreas Baader, „Veränderungen“ im Gehirn der toten Gudrun Ensslin -- Redereien, die seit dem Selbstmord der Häftlinge von Stammheim umlaufen und suggerieren sollen, in Wahrheit seien die RAF-Leute umgebracht worden. Ein von der Ensslin-Schwester Christiane mitverfaßtes Buch wird das gleiche Thema haben; es soll die Wiederaufnahme der Mord-Ermittlungen erzwingen.
Könnte es so gewesen sein? Drei Männer, sie nannten sich Eitan, Casey und Theo, waren in den Zellenbau I der Stammheimer Strafanstalt gekommen, ohne von den Wachen bemerkt worden zu sein. Als gegen 20 Uhr die Zusatzschlösser der elektronisch gesicherten Türen zum Hof verriegelt wurden, hielten die drei sich versteckt. Es war der 17. Oktober 1977.
Um die gleiche Zeit machte sich in Mogadischu, fern in Somalia, eine Einheit der deutschen Grenzschutzgruppe 9 bereit, die vier Tage zuvor von arabischen Terroristen gekaperte Lufthansa-Boeing "Landshut" zu stürmen.
Bonn hatte beschlossen, die Geiseln gewaltsam zu befreien. Und noch etwas: Die in Stammheim einsitzenden Spitzen der "Rote Armee Fraktion", deren Freilassung die Araber zu erpressen suchten, sollten beseitigt werden. Nur wenn es fortan keine RAF-Leute mehr zu befreien gab, so die Überlegung, war die Bundesrepublik vor weiteren, womöglich noch schlimmeren Entführungsaktionen halbwegs sicher.
Lautlos huschten Eitan, ein Israeli, und Casey und Theo, beide vom Bundesnachrichtendienst, über das Nottreppenhaus vom 6. in den 7. Stock des Stammheimer Zellenbaus. Es war kurz nach fünf Uhr am Morgen des 18. Oktober, in Mogadischu hatte die GSG 9 ihren Angriff auf die "Landshut"-Piraten schon erfolgreich beendet.
Mit Nachschlüsseln, die der BND beschafft hatte, öffneten die drei Männer das Haupt- und das Zusatzschloß der Feuertür zum Gefangenentrakt, schlossen die über der Tür liegenden Kontakte der Alarmanlage kurz und betraten unbehelligt den Zellenflur. Die "Telemat"-Anlage -- zwei Fernsehkameras, die nachts den Gang überwachen sollten -- hatten BND-Spezialisten während des Trubels der letzten Tage durch Einschieben einer Leiterplatte manipuliert: Wenn der Aufsichtsbeamte, der 40 Meter entfernt in seiner Kabine saß, oder der Wachhabende unten in der Torwache auf ihren Monitor schauten, sahen sie zu bestimmten Zeiten nur ein Standbild vom leeren Zellenflur.
Leise entfernte das Trio die vor den Zellentüren der RAF-Terroristen angebrachten "Kontaktsperrepolster" -mit Schaumgummi umhüllte Holzspanplatten, die nächtliche Rufkontakte auf dem Flur verhindern sollten. Dann bauten sich die drei vor den Zellen der Gefangenen auf: Theo rechts vor der Nr. 716 (Jan-Carl Raspe), Casey auf der linken Seite vor 719 (Andreas Baader), Eitan schräg gegenüber vor Gudrun Ensslins Zellentür (Nr. 720).
Vorsichtig öffneten sie, alle zur gleichen Zeit, die Essensausgabeklappen. Theo schob ein hinter der Klappe hängendes S.89 rotbraunes Tuch ein Stück zur Seite und ortete, mit Hilfe eines Infrarotsichtgerätes, als erster sein Opfer. Raspe lag auf seiner Liege vor der Stirnwand und schlief oder döste.
Das Sichtinstrument, das jedes der drei Kommando-Mitglieder bei sich führte, hatte es in sich: Es war mit einer kleinen Pistole kombiniert -- ein Gerät, das vom US-Geheimdienst CIA konstruiert und in den USA bereits heftig diskutiert wurde. Denn das Ding mit dem Namen "Nondiscernible Microbioinoculator" verschießt giftige oder pharmakologisch präparierte Pfeile, die angeblich später in den Körpern der Opfer nicht mehr ausgemacht werden können.
Die Schießgeräte von Casey, Eitan und Theo waren mit einem ebenfalls aus den USA stammenden Betäubungsmittel munitioniert, das gerade ausreichte, den Getroffenen für fünf oder zehn Minuten in Tiefschlaf zu versetzen.
Raspe wurde von dem Pfeil am Hals getroffen. Theo öffnete, wieder mit Nachschlüsseln, die beiden Schlösser der Zellentür, sprang quer durch den Raum hinter die Liege, richtete den wehrlosen RAF-Mann auf und schoß ihm mit einer Neun-Millimeter-Pistole, auf die er einen Schalldämpfer gesteckt hatte, in die rechte Schläfe. Raspe sackte, an die Seitenwand gelehnt, zusammen.
Dann legte der Mörder die Todeswaffe an die halbgeöffnete rechte Hand seines Opfers, hantierte nahe dem Fenster an einer Sockelleiste und verließ die Zelle.
Hinter der Sockelleiste in Raspes Raum befand sich ein siebzehn mal acht mal drei Zentimeter großer Hohlraum, in den die Todeswaffe, Marke "Heckler & Koch", genau hineinpaßte. Er war von einem Helfershelfer des BND während einer Zellendurchsuchung eigenhändig ausgekratzt worden und sollte als Nachweis dafür herhalten, daß Raspe die Waffe selbst in der Zelle gehabt und mit ihr Selbstmord begangen hatte.
In Wahrheit stammte die "Heckler & Koch" -- die es mit vier austauschbaren Läufen verschiedenen Kalibers zu kaufen gibt -- aus einer Asservatenkammer des Bundesnachrichtendienstes. Fachleute hatten sie durch Überschlagen alter und Einschlagen frischer Nummern auf "Terroristenwaffe" getrimmt: Ein Schießeisen dieser Art, allerdings ohne den Neun-Millimeter-Lauf, war von dem Terroristen Christian Klar am 27. Oktober 1976 im italienischen Aosta gekauft worden -eine Erkenntnis, die das Bundeskriminalamt S.92 lange vor der Stammheimer Todesnacht gewonnen und dem BND arglos überlassen hatte. Ein einzelnes Neun-Millimeter-Rohr -- auch das wußte das BKA seit längerer Zeit -war am 10. November 1976 vermutlich durch ein Mitglied der Haag-Mayer-Bande in Basel erworben worden.
Jan-Carl Raspe starb am Morgen um 9.40 Uhr im Stuttgarter Katharinenhospital; zwei Stunden zuvor hatte ihn der Frühdienst noch lebend, aber bewußtlos, in seiner Zelle aufgefunden.
Anders als sein Mörder hatten Casey und Eitan am Eingang zu den Zellen 719 und 720 mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Andreas Baader und Gudrun Ensslin hatten die Innenseiten ihrer Zellentüren mit gelben Schaumstoffmatten zugestellt. Bei dem Versuch der Männer, die Matten beiseitezuschieben, erwachten Baader und Gudrun Ensslin aus ihrem Dämmerschlaf. Sie wurden im Stehen von den präparierten Pfeilen getroffen.
Und bei Baader, dessen Körper durch ständige Einnahme von Schmerz- und Beruhigungsmitteln unempfindlich geworden war, wirkte das Betäubungsmittel erst nach einer halben Minute. Es kam zu einem Handgemenge, in dessen Verlauf sich aus Caseys schallgedämpfter Pistole der ungarischen Marke "FEG", Kaliber 7,65, mehrere Schüsse lösten.
Diese "FEG", von dem Stuttgarter Rechtsanwalt Arndt Müller Monate vorher über das Stammheimer Prozeßgebäude in die Anstalt geschmuggelt, hatte ein vom BND nach Stuttgart ausgeliehener Techniker eine Woche vor der Todesnacht tatsächlich in einem Wandversteck in der Zelle 715 gefunden und an sich genommen. Bewohner der Zelle war bis zum 4. Oktober drei Wochen lang Andreas Baader gewesen. Verrückt: Casey besaß nun eine echte Terroristenwaffe.
Als Baader zusammenbrach, zerrte der bullige Casey ihn auf einen Stuhl, der in dem Verlies vor einer Holzfaltwand stand. Dann zog er die Arme des Bewußtlosen nach hinten über den Kopf, preßte dessen rechte Hand um den Griff, einen Finger der linken Hand an den Abzugsbügel der Pistole und drückte los. Der Schuß saß im Nacken, Baader rutschte tot auf den Fußboden.
Währenddessen war Theo in die Zelle Irmgard Möllers eingedrungen, die der Raspes gegenüberlag. Die Terroristin hatte auf ihrer Liege vor sich hin gedöst, und Theo hatte sie mit seinem CIA-Gerät von der Tür aus direkt getroffen.
Jetzt zog er ihr das schwarz-blaue T-Shirt nach oben -- weil er wußte, daß solche Handlung für Selbstmörder typisch ist -- und stach mit einem Anstaltsmesser, das er in der Zelle gefunden hatte, mehrmals in die Herzgegend der Terroristin. Dabei drückte er ihre rechte Hand mit an den Messerschaft.
Daß Eitan in diesem Augenblick die Zelle betrat, hat Irmgard Möller möglicherweise das Leben gerettet: Der Israeli brauchte Hilfe in der Ensslin-Zelle.
Theo wähnte Irmgard Möller tot. Er ahnte nicht, daß das Messer ihr Herz verfehlt hatte, verließ mit dem Mordpartner die Zelle und drückte das S.94 Kontaktsperrepolster wieder gegen die Tür.
In der Zelle 720 hatte Eitan inzwischen das Lautsprecherkabel an einer der Stereoboxen abgeschnitten, die Gudrun Ensslin zugebilligt worden waren, und die Strippe durch das Wellgitter des Zellenfensters geschlungen. Den Rest konnten die beiden Männer nur mit vereinter Kraft erledigen. Theo hob die 49 Kilo Gudrun Ensslins erst einmal vorsichtig vom Fußboden auf einen Stuhl und hielt den Körper anschließend am Fenstergitter so weit in die Höhe, daß Eitan die beiden Enden des Kabels unter dem hängenden Kinn verknoten konnte. Als Theo losließ, bewegte Gudrun Ensslin deutlich Arme und Beine.
Die beiden Männer ließen den Stuhl am Fenster stehen, hängten eine dort hingehörende Wolldecke wieder an ihren Platz, eilten zum Flur zurück, verriegelten die Schlösser und zogen, indem sie durch die Essenklappe griffen, die im Zelleninnern zurechtgestellte gelbe Schaumstoffmatte wieder an die Tür heran.
In der Zelle gegenüber hatte Casey unterdessen den Schalldämpfer vom Lauf seiner "FEG"-Pistole gezogen, die bloße Mündung nochmals kurz in Baaders Nackenwunde getippt und dann die Waffe in die Blutlache gelegt, die sich neben der Leiche ausbreitete. Eitan und Theo halfen schließlich, die Schaumstoffmatte an der Innenseite der Baaderschen Zellentür wieder in die richtige Lage zu bringen.
Als auch die Kontaktsperrepolster für die Zellen 719 und 720 wieder vor Ort standen, packte das Trio die Geräte weg, zog die Handschuhe aus, schloß die Feuertür zum Nottreppenhaus hinter sich ab und verschwand. Noch am Vormittag verließen die drei, inmitten einer Gruppe von Sanitätern und Kriminalbeamten, unerkannt das Gelände.
War es wirklich so? Die Geschichte ist ausgedacht, aber so ähnlich kann es schon nicht mehr gewesen sein, denn das steht fest: Nur derart perfekt, derart perfide könnten die Ensslin, Baader und Raspe ermordet worden sein.
Das Bonner Kabinett so etwas wie die Mafia oder wenigstens doch wie eine dieser Juntas, Helmut Schmidt der Pate? Seit zweieinhalb Jahren hält sich dieser Verdacht in den Winkeln der linken Szene, und, na ja, ausschließen will es so mancher nicht.
Was ist mit den Sandspuren an Baaders Schuhen? Haben sie ihn nicht doch in jenen Nächten nach Mogadischu geflogen, in die Wüste, und dann umgebracht?
Gibt es sie, die ärztlichen Hinweise auf "Veränderungen" in den Gehirnen der drei Toten? Und was war mit den drei Mercedes-Limousinen, die in der fraglichen Nacht durch den Gefängnishof gekurvt sein sollen?
Stoff genug für ein Buch, das Christiane Ensslin, Gudruns Schwester, zusammen mit dem Kölner Redakteur Rudolf Rau und unter dem Beistand eines "sachkundigen Herausgebergremiums" diesen Sommer herausbringen will. "Es wird ein ziemlich dicker Band", sagt sie, "unser Ziel ist es, eine Wiederaufnahme des staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahrens zu erreichen."
Ein Ziel wird dieses Werk wohl so oder so erreichen: Die Diskussion um die Toten von Stammheim wird erneut aufflackern, zu den geläufigen Gerüchten werden noch ein paar mehr kommen, dem Bonner Staat wird wieder einmal Mord unterstellt werden.
Das alles mag absurd klingen, so wirklichkeitsfremd wie schon immer das Gerede dieser RAFs und der anderen Revoluzzer. Aber doch sind diese schwarzen Geschichten gar nicht verwunderlich.
Sie sind gediehen auf allerlei Unrat, den amtliche Instanzen und private Sachverständige, Polizisten wie Parlamentarier bei der Behandlung der Affäre hinterlassen haben. Schludrigkeiten und Schläfrigkeiten mindern den Wert einer Indizien-Kollektion, die makellos hätte sein sollen.
Die Staatsanwaltschaft stellte im April 1978 das Ermittlungsverfahren S.97 über den Tod der Stammheimer Häftlinge ein, "weil", so die bündige Begründung, "die Gefangenen Baader, Ensslin und Raspe sich selbst getötet haben, die Gefangene Möller sich selbst verletzt hat und eine strafrechtliche Beteiligung Dritter nicht vorliegt". Dabei hat die Kriminalpolizei, auf deren Zuarbeit die Strafverfolger angewiesen waren, die Möglichkeit "Mord" nur mal so nebenbei überprüft.
Und der vom baden-württembergischen Landtag eingesetzte parlamentarische Untersuchungsausschuß -- dessen sozialliberale Minderheit vor allem bestrebt war, die Unionsmehrheit in Verlegenheit zu bringen -- verlor rapide an Schwung, nachdem parteipolitisch nichts mehr herauszuholen war. Am Ende war es eine ganze Latte von Schludereien bei den Ermittlungen, Widersprüche unter den Experten, Lücken und Fehler in den Untersuchungsberichten.
Daß etwa die Todeszeit von Andreas Baader und Gudrun Ensslin nicht präzise ermittelt werden konnte, mag noch mit der Angst der Behörden vor internationalem Mißtrauen und dem latenten Argwohn der Linken zu erklären sein. Ausländische Koryphäen mußten herbei, um die Erkenntnisse einheimischer Wissenschaftler zu bestätigen und jedwedem Verdacht vorzubauen, die Deutschen hätten in eigener Sache nicht genau genug untersucht.
Die drei Professoren Wilhelm Holczabek, Hanspeter Hartmann und Armand Andre brauchten bis zum späten Nachmittag des 18. Oktober, um erst einmal aus Wien, Zürich und Lüttich nach Stuttgart-Stammheim zu gelangen. So lange jedoch wollte der Tübinger Gerichtsmediziner Hans Joachim Mallach mit der Leichenschau nicht warten, und er fuhr, weil er sich in seiner Arbeit "beeinträchtigt" fühlte, schon um die Mittagsstunde "aus der Jacke" (Mallach: "Der Herrgott möge es mir verzeihen"). Dem Mediziner schien die Gefahr unabweisbar, daß in der Zwischenzeit "wesentliche Befunde, die zu erheben wären, verlorengehen".
Am Morgen beispielsweise hätten die Muskeln der Toten mechanisch oder mittels elektrischen Stroms noch erregt, die Pupillen der Augen mit pharmakologischen Substanzen noch gereizt werden können -- Methoden, durch die sich die Todeszeit oft auf ein oder zwei Stunden einengen läßt. Aber Mallach blieb ungehört.
Die Gutachter mußten sich am frühen Abend mit Rückschlüssen aus der Totenstarre, den Totenflecken und der Leichentemperatur zufriedengeben und mochten schließlich nur mehr einen vagen Zeitraum für den Todeseintritt angeben: "Zwischen Mitternacht und 6 Uhr morgens."
So recht mit dabei waren die Experten aus dem Ausland ohnehin nicht; S.98 "völlig normale Feststellungen", attestierten sie den "deutschen Kollegen" hinterher -- ohne überhaupt an den Untersuchungen über die Todeszeit teilgenommen zu haben. Ebensowenig wirkten sie bei der Suche der Gerichtsmediziner nach etwaigen Gift- oder Betäubungsmitteln mit, und auch bei Leichenschau und Leichenöffnung waren sie offiziell nur als "Beobachter" zugegen.
Wochenlang war es sogar fraglich, ob die Kapazitäten, inzwischen von Unbekannten bedroht, noch ein zweites Mal nach Stuttgart zurückkehren und vor dem Untersuchungsausschuß aussagen würden. Einer jedenfalls, Professor Holczabek aus Wien, blieb lieber gleich zu Hause.
"Die Herren", erinnert sich Professor Mallach, "haben mir erklärt: Bei ihnen zu Hause hätte man in einem solchen Fall die Untersuchung alleine gemacht und nicht erst jemanden aus dem Ausland geholt. Und sie haben versichert: Falls wir noch mal gerufen werden -- wir werden nicht wiederkommen."
So waren die deutschen Ermittler ganz unter sich bei den Pannen und Unterlassungsfehlern, die ihnen laufend unterliefen. Das begann bereits bei der Spurenuntersuchung an den Körpern Andreas Baaders und Jan-Carl Raspes. "Der Gerichtsmediziner weiß", mahnte ahnungsvoll der erste Obduzent und Gerichtsarzt Professor Joachim Rauschke aus Stuttgart bald nach der Stammheimer Todesnacht, "auf welche Spuren es besonders ankommt, wenn es um die Frage einer Unterscheidung zwischen Suicid und Einwirkung von fremder Hand geht", auf "Schmauchablagerungen" und "Blutspritzer" nämlich -- und zwar "ehe irgendwelche Spuren durch Maßnahmen der Polizei und der Anwesenden verwischt werden konnten".
Als dann Waffenfachleute des Bundeskriminalamtes mehrere Wochen später mit einer Vergleichsbeschießung feststellen wollten, aus welcher Entfernung der Schuß in Baaders Nacken abgegeben worden war, kamen sie anhand der verhältnismäßig geringen Pulverschmauch-Auflagerungen an Baaders Nacken zu dem Ergebnis: aus 30 bis 40 Zentimetern. "Eine Distanz", mokierte sich Stammheim-Anwalt Karl-Heinz Weidenhammer, "aus der sich nur ein Artist erschießen kann."
Und die BKA-Experten fanden für den Mangel an Schmauch denn auch eine Erklärung, die den Befürchtungen des Professors Rauschke entgegenkam: Es könne sich da nur um eine "Verschleppung von Pulverschmauchspuren" S.99 handeln; anders gesagt: Die Polizei hatte mit den Leichnamen hantiert oder hantieren lassen, ohne an irgendwelche beweiskräftigen Ablagerungen zu denken.
Schmauchspuren orteten die Professoren auch an Baaders rechter Hand -für die Ermittler und den Untersuchungsausschuß ein untrügliches Zeichen dafür, "daß Baader sich die Schußverletzung selbst beigebracht hat". Denn dieser Schmauch konnte nur aus der Waffe stammen, die Baader bei seinem Selbstmord mit der rechten Hand geführt hatte und deren Boden undicht gewesen sein mußte.
Hingegen, an der rechten Hand Jan-Carl Raspes, der sich laut Staatsanwaltschaft ebenfalls selbst tötete, war von Schmauch keine Spur zu finden. Noch nicht einmal Blut gab es da, das an Baaders Hand immerhin noch entdeckt worden war.
Derlei Ungereimtheiten bewegten auch den Professor Hartmann aus der Schweiz, als er am 23. Januar 1978 vor dem Stuttgarter Ausschuß erschien. Blut wie Schmauch, meinte er, könnten während Raspes Aufenthalt in der Klinik abhanden gekommen sein, aber "schön wär''s gewesen, wenn wir es für den Beweis der Selbsthandlung gefunden hätten". Und weiter: "Sie müßten unter Umständen Waffenversuche durchführen. Ich würde auch sagen: Hier wären Waffenversuche wichtig, um zu sehen, ob es überhaupt zu einer Beschmauchung bei einer Schußabgabe kommt, wenn die Waffe gewöhnlich gehalten wird."
Doch bis zur Staatsanwaltschaft drang der Appell des Wissenschaftlers offenbar nicht durch, obwohl deren Protokolleure bei den Verhandlungen des Untersuchungsausschusses ständig im Saal saßen. Die Waffenversuche fanden nicht statt, weder mit der Raspe- noch mit der Baader-Waffe.
Für das BKA war nicht einmal sicher, ob es sich bei den dunklen Flächen an Baaders Hand überhaupt um Schmauch handelte oder vielleicht nur um Staub oder Farbe. Ein Untersuchungsergebnis -- gewonnen von einer Hautprobe, die Stuttgarts Staatsanwaltschaft nach Wiesbaden geschickt hatte -- ließ alles offen: "Mikroskopisch waren auf dem Hautteil keine als Pulverschmauch anzusehenden Anhaftungen erkennbar." Bei einem weiteren Test, in dessen Verlauf zehn Stellen des Baaderschen Hautteils untersucht wurden, fanden sich an zwei Punkten Blei- und an einem Blei- und Bariumspuren.
Zwar konnte das nach Ansicht der Prüfer immerhin "als Hinweis auf Pulverschmauchspuren angesehen werden". Jedoch war dieser Schluß für die S.100 Chemiker "nicht zwingend", da es sich "bei Blei und Barium um häufig in der Natur vorkommende chemische Elemente handelt, die auch anderer Herkunft sein können, und da sich keine zusätzlichen Hinweise auf Pulverschmauchspuren fanden".
Seine Zweifel übermittelte das BKA unter dem 15. Juni 1978 nach Stuttgart -- vier Monate nachdem der parlamentarische Untersuchungsausschuß seine Arbeit beendet, zwei Monate nachdem die Staatsanwaltschaft das Todesermittlungsverfahren eingestellt hatte. PS: "Es wird um Mitteilung gebeten, wie über das Hautteil verfügt werden soll, da es hier nur noch kurzfristig im Gefrierschrank aufbewahrt werden kann."
Doch da bleiben als weiteres Indiz ja noch rötliche Spritzer aus der Daumen- und Zeigefingergegend an Baaders rechter Hand, bei denen auch das BKA, ohne sie näher zu untersuchen, auf "Blutspuren" tippte -- und die, falls es sich wirklich um Baaders Blut handelte, nach Lage der Dinge nur von einer Selbsttötung herrühren konnten.
Die Blutuntersuchungen oblagen, wie alle serologischen und histologischen Überprüfungen, dem Mediziner Rauschke vom Stuttgarter Institut für Rechtsmedizin, dem Mann also, der nach der Todesnacht seine Skepsis gegenüber polizeilicher Sorglosigkeit kundgetan hatte. "In acht bis vierzehn Tagen", kündete der Professor am 2. November 1977 vor dem Landtags-Untersuchungsausschuß an, könnten die Arbeiten "abgeschlossen" sein.
Als vier Wochen vergangen und die Blutgutachten noch immer nicht beim Ausschuß eingegangen waren, hakte der Ausschußvorsitzende Rudolf Schieler nach. Schon, schon, vertröstete Rauschke die Abgeordneten, aber es seien da eben noch Untersuchungen "im Gange". Und er "möchte deshalb im Augenblick darüber noch nichts sagen. Es handelt sich um Untersuchungen in Zusammenarbeit mit dem Institut für Rechtsmedizin der Freien Universität Berlin".
Sozialdemokrat Schieler, der früher einmal baden-württembergischer Justizminister war, ließ es an Nettigkeit nicht fehlen: "Können Sie etwas darüber sagen, auf was diese Untersuchungen zielen, oder wollen Sie das nicht sagen?"
Nein, sagte Rauschke, "das möchte ich nicht sagen".
"Das möchten Sie jetzt nicht sagen", bestätigte Schieler freundlich, "bis wann werden die Untersuchungsergebnisse vorliegen?"
Rauschke: "In ein bis zwei Wochen wird das Gutachten schriftlich bei der Staatsanwaltschaft und dann auch wohl beim Justizministerium und beim Ausschuß eingegangen sein."
Sieben Wochen danach, am 23. Januar 1978, erschien der Professor ein drittes Mal vor dem Ausschuß. Sein Gutachten lag zwar noch immer nicht vor, aber das fiel weiter nicht auf. Er wurde von keinem Abgeordneten mehr danach gefragt.
Die feingeweblichen Untersuchungen und Blutgruppenbestimmungen Rauschkes fehlten auch noch, als sich der Ausschuß Ende Februar 1978 auflöste. Sie waren noch nicht da, als die Staatsanwaltschaft am 18. April 1978 ihr Ermittlungsverfahren einstellte und als der Frankfurter Anwalt Weidenhammer im Januar 1979 in Stuttgart die Ermittlungsakten einsah.
Ende 1979 verbot die Staatsanwaltschaft dem Professor Rauschke ein bereits vereinbartes Gespräch mit dem SPIEGEL, der sich nach dem Schicksal der Blut- und Gewebeproben erkundigen wollte. Direkt um Auskunft gebeten, hüllten sich die Strafverfolger in Schweigen. "Wir haben uns entschlossen", so Stammheim-Staatsanwalt Rainer Christ Anfang des Jahres, "über Detailfragen keine Angaben mehr zu machen."
Details sind bei der Staatsanwaltschaft offenbar nicht mehr gefragt, seit sich Gutachter, Kripo und Strafverfolger einig darin sind, daß die Stammheimer Gefangenen Selbstmord begingen, nicht aber, wie sie es machten.
Das Blut an Baaders Hand war nicht der einzige Stoff, dessen Untersuchung durch das von Rauschke geleitete Institut bei Abschluß der Ermittlungen noch ausstand. Als Gefängnisbeamte am Morgen des 18. Oktober Baaders Leiche fanden, entdeckten sie drei Einschüsse in der Zelle, darunter eine "Aufschlagstelle mit einem Abpraller" (Kripo) in der Wand gegenüber. Das S.103 offensichtlich dazugehörende Projektil lag auf dem Boden, neben der Liege in Höhe von Baaders Brustkorb.
Einhellig waren die fünf Gerichtsmediziner, Ausländer eingeschlossen, der Meinung, daß dieses Projektil "das Geschoß war, das durch den Kopf bis vor an die Wand gegangen ist, von dort reflektiert wurde und auf den Boden zu liegen kam". Die Abprallerspuren belegte die Polizei denn auch mit Beschlag und nahm sie auf in ihren Spurensicherungsbericht: "Spur Nr. 6: Gewebeteil oder Blut von der Wand." Aber sie kam bei der Untersuchung des Tathergangs zu einem ganz anderen Ergebnis.
"Das abgefeuerte Geschoß", befand die Kripo im Gegensatz zu den Professoren, "drang nur noch mit schwacher Restenergie aus dem Schädel und blieb im unmittelbaren Bereich der Leiche liegen." Niedergelegt war dies im polizeilichen "Spurenauswertebericht" über die Baader-Zelle Nr. 719, in dem zwar jede Spur einzeln aufgezählt -- nur die "Spur Nr. 6", laut Professoren-Urteil der tödliche Schuß, mit keinem Wort mehr erwähnt war.
Die Sechserspur existiert seither zwar für die Wissenschaftler, nicht aber mehr für die Kripo, wiewohl im Spurensicherungsprotokoll noch über das "Gewebeteil oder Blut von der Wand" vermerkt war: "Befindet sich zur Untersuchung beim Gerichtsmedizinischen Institut der Stadt Stuttgart."
Wie das Blut oder die Gewebeteile an die Wand kamen, wenn doch das tödliche Geschoß nach Meinung der Polizei die Wand gar nicht erreichte, ist bis heute das Geheimnis der Ermittler geblieben.
Asserviert und nie mehr angerührt wurde auch sonst noch allerlei: Nahe der am Fenstergitter hängenden Leiche von Gudrun Ensslin stand am Nachmittag nach der Todesnacht ein Stuhl, auf dessen Sitzfläche sich Spuren befanden, Haare und Fasern unter anderem. Professor Holczabek aus Wien, mit dem gesamten Ärzteteam zur Leichenschau versammelt, wollte das Möbel stehenlassen, der Kollege Rauschke aus Stuttgart es lieber samt den Spuren entfernen.
"Ich hatte Angst", so Rauschke, "daß man diese Spuren zerstören könnte. Außerdem habe ich das Argument vertreten, daß für den Fall, ein anderer wäre beteiligt, dieser andere an dem Stuhl unter Umständen Fingerabdrücke hinterlassen haben könnte."
Schließlich sprach Rauschke ein Machtwort ("Ich bin hier der Gerichtsarzt, es kann eigentlich nur einer das Sagen haben"), der Stuhl wurde gegen einen anderen ausgetauscht und als "Spur Nr. 12" sichergestellt: "Mikrospurenabzug vom Stuhl, der unmittelbar neben der Leiche stand." Zweck der Maßnahme, laut Spurensicherungsprotokoll: "Untersuchung auf Fremdspuren."
Als die Staatsanwaltschaft das Todesermittlungsverfahren einstellte, war aber Spur Nr. 12 keineswegs untersucht worden. Dazu nämlich, so allen Ernstes die Stuttgarter Mordkommissare, habe die behördliche Erlaubnis gefehlt. Eine Prüfung des Stuhls aus der Ensslin-Zelle könne "nur mit einem zielbegründeten Untersuchungsersuchen vorgenommen werden".
Ähnlich verfuhren die Ermittler mit den meisten Mikrospurenabzügen, die von den Fußböden der Todeszellen genommen worden waren. Auch die sollten eigentlich eine "Untersuchung auf Fremdmaterial" erleben, kamen aber gar nicht erst ins Labor. Bei anderen S.104 Fährten, die eine Beteiligung Dritter hätten widerlegen oder nahelegen können, unterblieb die Überprüfung einfach "aus zeitlichen Gründen".
An Zeit mangelte es mitunter auch den Sachverständigen -- selbst dann, wenn es darum ging, Fakten zu überprüfen, die ihnen Anlaß zu schwerwiegenden Schlußfolgerungen boten.
So etwa im Fall des Jan-Carl Raspe, der am Morgen des 18. Oktober auf seiner Liege hockend aufgefunden wurde, mit der rechten Schläfe, in der sich der Pistoleneinschuß befand, zur Außenmauer hingewandt. "Ich spreche wieder als Advocatus Diaboli", beschwor Professor Hartmann aus Zürich den Untersuchungsausschuß, "ein Mensch, der diesen Schuß dem auf dem Bett sitzenden Raspe beibringen will, muß hinter dem Bett stehen, zwischen Bett und Wand. Und dieser Platz ist außerordentlich beschränkt."
Wie beschränkt der Platz dort war, schilderte Experte Rauschke dem Ausschuß: "Zwischen der rechten Hand (Raspes) und der Außenmauer war kein Platz, weil die Schaumgummimatratze nach meiner Erinnerung ganz an der Wand lag, oder fast ganz."
Nichts davon stimmt. Denn Schlafstatt samt Matratze standen so weit von der Mauer ab, daß auf dem Boden zwischen Liege und Wand nicht nur Raspes Plattenspieler, sondern, weiter zum Fußende hin, auch noch ein kompletter Stuhl mit einem Lautsprecher Platz hatte. Bequem hätten sich auch noch zwei Menschen hinter der Liege aufhalten können.
Derlei Widersprüche gab es auch bei den anderen Todesfällen. So etwa bei der Frage, wie Andreas Baader es letztlich schaffte, sich eigenhändig in den Nacken zu schießen. Für Professor Mallach war das "gar kein Problem", wenn Baader die Waffe "so gedreht" hielt, "daß das Griffstück nach oben in Richtung auf die Decke zeigte". Auch Sachverständiger Rauschke hielt so etwas für "ohne weiteres möglich" -- sofern "der Abzug oben" liege. Und Mediziner Hartmann zelebrierte dem Ausschuß sogar mit einer Spielzeugpistole, wie Baader die Waffe mit beiden Händen gegriffen und sich an den Nacken gehalten habe: mit Griff und Abzug, versteht sich, nach oben.
Die Kriminalisten der Landespolizeidirektion Stuttgart II aber ermittelten gänzlich anderes: "Waffe, Verletzung und Schmauchspur zusammen ergeben, daß die Waffe mit dem Griffstück nach unten an den Hinterkopf gesetzt wurde."
Vollends konfus gerieten dann die Details in der Beweiserhebung, die der parlamentarische Untersuchungsausschuß anstellte. Für ihn war beispielsweise Andreas Baader auf Seite 42 des Schlußberichts im Absatz 1 noch "Rechtshänder" (was falsch war); dann aber, im Absatz 3, wiederum "Linkshänder" (was stimmte). Unbefangen zogen die Abgeordneten, fast alle juristisch vorgebildet, aus jeder der beiden Behauptungen ein- und denselben Schluß: Selbstmord.
Eine "Pistole Smith & Wesson, vernickelt", die laut Seite 88 des Untersuchungsberichts am 18. November 1977 in der Wand der Zelle 723 der Stammheimer Anstalt entdeckt wurde, wandelten sich zwei Seiten weiter in einen "sechsschüssigen verchromten Revolver Marke Colt detective special". Daß Schludrigkeiten dieser Art durchgingen, hing wohl auch zusammen mit dem dramatischen Fallen des Jagdfiebers gegen Ende der Sitzungsserie.
Penibel hatten die Abgeordneten in den ersten Wochen nach der Todesnacht jede Einzelheit betrachtet. Keine Frage schien ihnen zu umständlich, und sie ließen nicht locker, wenn sich Zeugen oder Sachverständige um klare Antworten herumzudrücken suchten. Doch als zum Rücktritt des badenwürttembergischen CDU-Justizministers Traugott Bender, der wegen Stammheim schon am 20. Oktober 1977 seinen Abschied genommen hatte, Anfang Februar 1978 auch noch die Demissions-Ankündigung des christdemokratischen Innenministers Karl Schiess kam, schien den Sozialliberalen das alles nicht mehr so wichtig.
Die Opposition gab sich zufrieden damit, es den Regierenden nun ordentlich gegeben zu haben. Neun Seiten lang sonnte sie sich in einem "abweichenden Bericht der Mitglieder der Fraktion der SPD und der Fraktion der FDP/DVP" in ihrer Makellosigkeit. "Die politische Führung der Landesregierung hat versagt", hieß es da, und hingebungsvoll wurde protokolliert: "Die Regierung von Baden-Württemberg war der Größe der ihr gestellten Aufgabe bei der Bekämpfung des Terrorismus nicht gewachsen. Sie trägt dafür die politische Verantwortung."
Die Volksvertreter, einige von ihnen ehemalige Richter und Staatsanwälte, fragten plötzlich noch nicht einmal mehr nach Unterlagen, deren Beschaffung sie zuvor selbst dringend gefordert hatten. Sie beharrten nicht mehr, wenn ein Zeuge schlankweg erklärte: "Diese Frage kann ich Ihnen beantworten, aber nicht hier." Und als es am Ende um das Funktionieren der Fernsehüberwachungsanlage im Stammheimer Terroristentrakt ging, ließ der Ausschuß einfach mal fünfe grade sein.
In der Todesnacht war die Garantiefrist für die Röhren der "Telemat"-Anlage, die täglich von vier Uhr nachmittags bis sieben Uhr früh die Zellentüren beäugte, längst abgelaufen. Irgendeinen S.106 Wartungsvertrag mit dem Lieferanten, der Firma Siemens, hatte die Justizverwaltung nicht abgeschlossen; die Leute von Siemens waren lediglich "immer mal wieder da und haben nachgeschaut" (Vollzugsdienstleiter Rudolf Hauk).
Im Untersuchungsausschuß wollte der Vorsitzende Schieler nun gerne wissen, inwieweit und ob überhaupt die Kriminalpolizei nach dem 18. Oktober untersucht habe, ob die Anlage "durch Abnützung oder durch Alter irgendwie nicht mehr ganz funktionsfähig ist". Der Diplom-Physiker Rolf Martin vom Landeskriminalamt hob, als Zeuge befragt, nur die Achseln: "Ich weiß nicht, wer das entscheiden soll", sagte er.
Schieler: "Das war nicht Ihr Auftrag?"
Martin: "Wir hatten keinen Auftrag, nein." Damit hatte sich''s.
Allerdings hatte Physiker Martin, gegemeinsam mit einem anderen LKA-Beamten, drei Wochen nach dem 18. Oktober ausprobiert, ob denn wohl die akustische Alarmanlage funktionierte, mit der die beiden Fernsehkameras im 7. Stock kombiniert waren: ein elektronischer Dauer-Gong, der in der Aufsichtskabine im 7. Stock und in der Torwache am Anstaltseingang immer dann ertönen sollte, wenn sich auf dem Fernsehbild etwas bewegte.
Sinn dieser Anlage war es nach den Worten eines Siemens-Ingenieurs, "Aufmerksamkeit zu wecken, weil es unzumutbar ist, daß ein Wachmann die ganze Zeit über auf den Monitor starrt".
Der Physiker hatte den Umschlußflur, an dem die ehemaligen Zellen der Terroristen lagen, durch die Feuertür vom Nottreppenhaus her betreten. Martin: "Ich bin durch die Tür ... dann an der linken Wand entlang ganz vorgelaufen bis zur letzten Zelle, wo Herr Baader war, habe die Zellentür geöffnet, bin rein in die Zelle, dann wieder raus und quer über den Gang rüber, die gegenüberliegende Zellentür (vormals: Ensslin) geöffnet und dort rein, dann wieder raus und dann diagonal durch den Gang nach vorn gelaufen, und das Ganze sehr langsam -- und dabei hat die Warneinrichtung nicht angesprochen."
Betreten hörten sich die Parlamentarier den abenteuerlichen Bericht des LKA-Mannes an -- denn eigentlich wollte der Ausschuß seine Beweisaufnahme an diesem Tage abschließen. Doch da gab der Siemens-Vertriebsingenieur Joachim Pauls das Stichwort, mit dessen Hilfe möglicherweise alles erklärt werden konnte.
"Röhren halten auch nicht ewig", sagte er, "und geben nicht ewig den gleichen Lichtstrom ab." Wenn sich die Lichtverhältnisse auf dem Umschlußflur, etwa durch Staub auf dem Fußboden, wesentlich geändert hätten, dann sei es nicht auszuschließen, daß die Alarmanlage den Dr. Martin nicht wahrgenommen habe. "Ich weiß es nicht", erläuterte er, "ich bin nicht dabeigewesen. Aber es kann sein."
"Möglicherweise" habe da ja Staub gelegen, sinnierte daraufhin der Ausschuß-Berichterstatter Helmut Münch (SPD), fügte aber immerhin hinzu, daß es sich bei dieser Überlegung nur um "eine Theorie" handele. Auch der Vorsitzende Schieler sprach zunächst nur davon, daß "beispielsweise der Fußboden ... schmutzig, staubig und so weiter" gewesen sein könne.
Wenig später aber nahm Schieler eben das schon "mit ziemlicher Sicherheit" an, und elf Tage später, als der Ausschuß sich auflöste, war aus der bloßen Vermutung, der schieren Theorie, denn doch feste Gewißheit geworden. In seinem Schlußbericht hakte der Ausschuß das Thema "Telemat" als erledigt ab, "da ... der Linoleumfußboden" am Tage des "Telemat"-Tests durch die Kripo "stark verschmutzt war".
Eine weitere Merkwürdigkeit wurde der Ausschuß gar nicht erst gewahr. Die in- und ausländischen Professoren hatten sich im Ausschuß über den Vorfall ausgeschwiegen, und die Kriminalpolizei kam erst sechs Tage nach dem Ende der Ausschußverhandlungen mit der Neuigkeit heraus: Als man am Abend des 18. Oktober im Terroristentrakt versucht hatte, die Leiche der Gudrun Ensslin "aus ihrer ursprünglichen Lage abzuhängen", riß das zweiadrige Kabel, mit dem die Frau sich per Sprung vom Stuhl erhängt hatte.
Schwester Christiane Ensslin mag es vermuten: "Das Kabel hat eben nur S.108 zum Aufhängen einer Bewußtlosen ausgereicht." Die Beamten der Landespolizeidirektion Stuttgart II aber sehen das ganz nüchtern: Der Draht sei dort, wo er durch das Zellengitter geschlungen war, durch Gudrun Ensslins Krampfbewegungen während des Erstickungskampfes schon angeknackst gewesen.
Möglich ist beides -- und das trifft auf beinahe alles zu in der Todessache Ensslin, Baader, Raspe. In der Natur solcher Geschehnisse liegt es, daß sie die Phantasie der Betroffenen wie der Außenstehenden aufheizen, sich jedweder Spekulation öffnen.
Doch bei aller Nachlässigkeit und Ignoranz, die der Wahrheitsfindung im Wege standen: Es gibt keinen vernünftigen Grund für die Unterstellung, es habe sich um Mord gehandelt, weder im Detail noch im allgemeinen.
Heuchelei und Korruption und Machtgier, das und sonst noch Übles mag''s wohl geben in der bundesdeutschen Politik. Mord und Totschlag aber zählen nicht dazu.
"Dieser Staat ist dafür zu solide", meint der baden-württembergische Landespolizeipräsident Alfred Stümper, und wenn schon nicht, sagt er: "Dann hätten die Leute den Mut nicht dazu."
Nur das blanke Nichtwissen über die politische Szenerie und die Ämtermentalität macht die Überzeugung möglich, da sei behördlich gemeuchelt worden. Und zudem müßten bei allen Anzeichen, die den Selbstmord plausibel machen, die Augen fest geschlossen werden.
Der Freitod hatte sich lange angekündigt. Am 12. August schon registrierte der Stuttgarter Medizinprofessor Joachim Schröder, der die Gefangenen ärztlich betreute, "eine gewisse Todessehnsucht und Verzweiflung".
Der Anstaltsarzt Dr. Helmut Henck traf am 6. Oktober Jan-Carl Raspe in einem "ausgeprägten depressiven Stimmungszustand" an und meldete der Gefängnisleitung: "Nach dem Gesamteindruck muß davon ausgegangen werden, daß bei dem Gefangenen eine echte suicidale Handlungsbereitschaft vorliegt. Ich bitte um Kenntnisnahme und um Mitteilung, auf welche Art und Weise ein eventueller Selbstmord verhindert werden kann."
Am 8. Oktober drohte Andreas Baader gegenüber dem Ersten Kriminalhauptkommissar Albrecht Klaus vom BKA mit einer "irreversiblen Entscheidung der Gefangenen in Stunden oder Tagen". Und am Nachmittag des 17. Oktober, unmittelbar vor der Todesnacht, bat Gudrun Ensslin zum erstenmal um ein Gespräch mit den Anstaltsgeistlichen, dem evangelischen wie dem katholischen.
Um diese Zeit mußte die innere Spannung der Häftlinge nahezu unerträglich sein. Beamte des Bundeskanzleramtes und des Bundeskriminalamtes gingen seit Tagen in Stammheim ein und aus, um mit den Inhaftierten über ihren Austausch gegen den gekidnappten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer und die "Landshut"-Passagiere zu verhandeln.
Am Abend des 17. Oktober hatte Irmgard Möller über ein Anstaltskabel bis 22 Uhr die Nachrichten von der Entwicklung in Mogadischu gehört. Ein Transistorradio vom Typ "Sanyo RP 5110", das morgens in Raspes Zelle aufgefunden wurde, war auf den Süddeutschen Rundfunk eingestellt, der 40 Minuten nach Mitternacht die erste Meldung von der Erstürmung der "Landshut" ausgestrahlt hatte.
Schließlich konnten sich die Gefangenen mit Hilfe von Schallplattenverstärkern, S.109 Lautsprechern und raffiniert geschalteten Schwachstromleitungen untereinander ausgezeichnet verständigen. Mit größter Wahrscheinlichkeit erfuhren sie deshalb noch in der Nacht von dem Handstreich in Somalia -- für sie das Ende aller Hoffnungen, die ein letztes Mal aufgeflackert war.
So schlüssig das Selbstmord-Motiv der Häftlinge sich ausnimmt, so verquer erscheint die Vorstellung, ein von Bonn oder BND entsandtes Killer-Kommando sei erst unbemerkt in die Anstalt, dann in die Zellen eingedrungen. "Die hätten", sagt der Stuttgarter Staatsanwalt Rainer Christ, "50 Komplizen haben müssen."
Die "Telemat"-Anlage mit den beiden Fernsehkameras im Häftlingstrakt hatte noch am Abend des 17. Oktober um 23 Uhr, als an die Gefangenen die Medikamente ausgegeben wurden, ganz normale Bilder an die Monitoren der Aufsichtskabinen geschickt. Und auch die Herkunft der Schußwaffen gibt zu Deuteleien wenig Anlaß.
Die "Heckler & Koch"-Pistole mit dem auswechselbaren Neun-Millimeter-Rohr, die am Morgen an der Hand des sterbenden Jan-Carl Raspe gefunden wurde, war Monate vorher von dem Stuttgarter Anwalt Arndt Müller in die Anstalt geschmuggelt worden, ebenso die 7,65-Millimeter-"FEG" Baaders. Jedenfalls behauptete dies ein Kronzeuge der Bundesanwaltschaft in mehreren Terroristenverfahren, der aus der Szene ausgestiegene RAF-Logistiker Volker Speitel: Er hat, wie er sagt, die Waffen selbst in Müllers Aktenordner versteckt.
Und die Pfeile jener amerikanischen Giftpistole, die den Gerüchtebrei um Stammheim so recht verfeinerten, verschwinden zwar spurlos im Körper, nicht aber auch die mit ihnen verschossenen Wirkstoffe. "So etwas hätte man festgestellt", versichert der Tübinger Gerichtsmediziner Mallach.
Zwar hat der Sachverständige Mallach in jedem seiner vier toxikologischen Gutachten darauf hingewiesen: "Mit den angewandten Methoden werden folgende Substanzgruppen nicht erfaßt: anorganische Verbindungen, tierische und pflanzliche Giftstoffe, die meisten Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmittel sowie viele als Pharmaka nicht verwendete organische Verbindungen." Dem Ausschuß sagte er: "Der Teufel ist ein Eichhörnchen", und dem SPIEGEL: "Vielleicht gibt es eine Substanz, die uns nicht geläufig ist, so daß man sie chemisch-toxikologisch nicht erfassen kann."
Doch an derart "ganz, ganz Ausgefallenes" mag der Professor, Fachmann S.112 auf dem Gebiet der Toxikologie, nicht glauben: "In der Literatur, in der Weltliteratur ist mir eigentlich so etwas nicht bekannt." Es gab für ihn "keine Anhaltspunkte", die "erklären könnten, daß hier eine Bewußtlosigkeit eingetreten ist und dann erst in der Bewußtlosigkeit die Verletzungen erfolgt wären".
Schon gar nicht bei Irmgard Möller, einzige Überlebende der Stammheimer Nacht. Sie erzählte zwar dem Untersuchungsausschuß allerlei Nebelhaftes. Um kurz nach 5 Uhr, früh am 18. Oktober, habe sie, vor sich hindämmernd, "zweimal einen Knall" und dann ein "Quietschen" gehört, und das "alles unheimlich leise".
Sie sei aber der Sache nicht weiter nachgegangen: "Ich habe mich wieder hingelegt, dann habe ich die Augen zugemacht, bin eingeschlafen ... woran ich mich dann jetzt noch erinnern kann, ist, daß ich aufwachte, also zu Bewußtsein kam, als man mir die Augen wieder hochzog ... Ich fand mich auf einer Bahre."
Aber jeglicher Gedanke an Mord ist auch für Kriminaloberrat Günter Textor, damals Chef der "Sonderkommission Stammheim", abwegig: "Wenn schon Killer, dann lassen die doch nicht einen überleben." Und da gibt es für die Staatsanwaltschaft den Umstand "von besonderer Bedeutung", daß "die gefährlichste, eine etwa vier Zentimeter tiefe Stichverletzung trotz größerer Klingenlänge des zur Tat benutzten Messers im Vorderblatt des Herzbeutels endete, ohne den Herzbeutel selbst zu verletzen".
"Im Gegensatz zu dem Widerstand", so die Strafverfolger im Einstellungsbescheid, "der von den äußeren Körperpartien (Haut, Bindegewebe) ausgegangen war, hätte es nämlich nach der erreichten Tiefe der Stichverletzung keines größeren Druckes mehr bedurft, um den Herzbeutel zu durchbohren und eine tödliche Blutung hervorzurufen. Weshalb ein zur Tötung entschlossener Dritter die Stichbewegung abgestoppt haben sollte, wäre nicht verständlich." Sekundiert Mediziner Rauschke: Es "leuchtet nicht ein, warum man dann das Messer am Herzbeutel abstoppte und nicht eben bis in das Herz vortrieb".
Auch an den Körpern der Toten konnten weder die einheimischen noch die eingereisten Ärzte Spuren einer Gewaltanwendung "durch Dritte" ausmachen. An Gudrun Ensslins Leiche entdeckten sie, neben einigen Kratzern an den Oberschenkeln und in der Leistengegend, mehrere Quetschungen und Blutunterlaufungen an den Kniescheiben und an der linken Hand. Gerichtsarzt Rauschke führt die Verletzungen jedoch auf "Krampfbewegungen während der Erstickung" zurück; die Gefangene sei unter anderem gegen den neben ihr stehenden Stuhl gestoßen.
Kollege Mallach ("Das ist nicht so, daß man da so lammfromm hängt") ergänzt: "Man müßte sie andernfalls ja irgendwie hochgehievt haben." Aber "Griffspuren", die "für ein Schleifen oder Hochhieven und so weiter gesprochen hätten", registrierten die Professoren bei Gudrun Ensslin so wenig wie an den Leichen Baaders und Raspes.
"um Fall Ensslin der Zürcher Mediziner Hartmann: Wenn sie sich " " nicht wehrt, weil sie bewußtlos ist, dann könnte man sie " " aufhängen, ohne daß man Abwehrverletzungen hat. Aber dann muß " " man sie halten und muß sie in die Schlinge hinaufheben. Und " " eine bewußtlose, schlaffe Person, die man halten muß und " " aufheben muß, muß man festhalten. Es ist üblich, daß man eine " " solche Person unter den Arm nimmt, unter den Armen hält. Man " " kann sie ja nicht an den Beinen oder am Unterkörper halten, " " weil sie sonst vorneüberkippt. Wenn man sie also an den " " Achseln oder an den Armen hält, dann sollten Griffspuren " " entstehen. Selbst wenn man diese Griffspuren von außen nicht " " sieht, so sollte man wenigstens diskrete Gewebsblutungen " " haben. Wir haben die beiden Arme sorgfältig untersucht: Es " " ist keine derartige Blutung äußerlich oder innerlich " " festgestellt worden. "
Lügen sie, der Christ und der Textor; irren sie, der Hartmann oder der Mallach? Sicher nicht, aber eine Glaubensfrage kann das immer und ewig bleiben.
Die Wahrheit ist so zu packen, wie es die drei ausländischen Gutachter aus Wien, Zürich und Lüttich in ihren Berichten fast gleichlautend taten: "Es spricht nichts gegen die Annahme, daß es sich um Tod durch Selbstmord handelt."
S.112
Wenn sie sich nicht wehrt, weil sie bewußtlos ist, dann könnte man
sie aufhängen, ohne daß man Abwehrverletzungen hat. Aber dann muß
man sie halten und muß sie in die Schlinge hinaufheben. Und eine
bewußtlose, schlaffe Person, die man halten muß und aufheben muß,
muß man festhalten. Es ist üblich, daß man eine solche Person unter
den Arm nimmt, unter den Armen hält. Man kann sie ja nicht an den
Beinen oder am Unterkörper halten, weil sie sonst vorneüberkippt.
Wenn man sie also an den Achseln oder an den Armen hält, dann
sollten Griffspuren entstehen. Selbst wenn man diese Griffspuren von
außen nicht sieht, so sollte man wenigstens diskrete Gewebsblutungen
haben. Wir haben die beiden Arme sorgfältig untersucht: Es ist keine
derartige Blutung äußerlich oder innerlich festgestellt worden.
*
S.97 Mit Schaumgummi umhüllte Holzspanplatten, die vor den Terroristenzellen angebracht waren und nächtliche Rufkontakte unterbinden sollten. * S.104 Zu einem 1933 von der "Deutschen Zeitung für die gesamte gerichtliche Medizin" behandelten Selbstmord-Fall. *

DER SPIEGEL 11/1980
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 11/1980
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Spur Nr. 6 blieb ein Geheimnis

  • Der Bär und die Felswand: Schafft er's, oder schafft er's nicht?
  • "Aggressives Luftmanöver": Venezolanischer Kampfjet nähert sich US-Flugzeug
  • Japanisches Geisterdorf mitten im Wald: Die traurige Geschichte von Nagatani
  • Das Geheimnis der V2: Hitlers Angriff aus dem All