19.05.1980

KRIMINALITÄTHarte Maloche

Mit einer neuen Methode kommt eine alte Verbrechensart wieder in Mode: Geldschrankknacker arbeiten mit Diamantbohrgeräten.
Sie kommen immer am Wochenende und gehen aufs platte Land.
In der Kreissparkasse im westfälischen Anröchte durchbrachen Einbrecher die 60 Zentimeter dicke Betondecke zum Tresorraum und nahmen alle Scheine mit. Für die Kripo war es "eine völlig neue Arbeitsweise". Beute: 220 000 Mark.
Im holsteinischen Wentorf war die Wand der Verbandssparkasse noch zehn Zentimeter dicker. Die Kripo wunderte sich nicht nur über das große Loch, sondern auch über einen drei Meter langen, ungeschälten Fichtenstamm, der zurückgeblieben war. Dafür fehlten 160 000 Mark.
Im hessischen Oberbeisheim war die Beute genauso groß wie der Schaden: Aus dem Tresor der Raiffeisenkasse kassierten Unbekannte 40 000 Mark, und der Geldschrank war auch nicht mehr zu gebrauchen.
Zu Ostern im vorigen Monat schließlich blieb vor der Kreissparkasse im niedersächsischen Dollbergen die Normaluhr bei 4.05 Uhr stehen, weil mit der Alarmanlage versehentlich auch das Uhrwerk abgestellt worden war. Die Dickwandbohrer waren, vorerst letzter Fall, wieder einmal in Aktion -- Beute: 78 000 Mark.
Während die Zahl der Banküberfälle, einst eine Art "deutscher Volkssport", so der Kriminologe Günther Bauer, durch die Sicherheitsvorkehrungen der Geldinstitute zurückgeht, ist das Schränker-Handwerk wieder im Kommen.
Zwar erreicht keiner mehr die Popularität der Gebrüder Franz und Erich Saß, die 1929 einen Tunnel unter die Berliner Disconto-Gesellschaft gruben und 160 000 Reichsmark, Goldmünzen und Schmuckstücke en masse wegtrugen. Dafür sind es heute etliche mehr, und ihre Kunstfertigkeit ist auf dem neuesten Stand.
"Das sind hochqualifizierte Leute", lobt Kriminaldirektor Horst Neuber vom niedersächsischen Landeskriminalamt (LKA), der allein in seinem Bereich 14 ungelöste Fälle zu beklagen hat. "Die machen sich die modernste Technik zunutze, so was hab'' ich noch nicht gesehen", staunt auch Kripoleiter Gerhard Schäfer in Soest, der den Einbruch von Anröchte bearbeitet.
Die neue Technologie der Schränker -- Diamantkernbohrgeräte, gegen die noch keine Mauern gewachsen sind -kommt aus den USA. Für gewöhnlich findet das Spezialwerkzeug -- Preis an die 5000 Mark -- Verwendung im Hoch- und Tiefbau, bei Sprengarbeiten und bei den Kumpels im Pütt.
Eine solche Maschine, gut einen Zentner schwer, bringt es auf 1200 Umdrehungen in der Minute, frißt sich in derselben Zeit acht Zentimeter tief in gewöhnlichen und immerhin noch zwei Zentimeter tief in armierten Beton, wie er im Tresorbau verwendet wird.
Die Bohrkrone ist aus einer Legierung unter anderem von Wolfram und Kobalt, in die -- wie Rosinen im Napfkuchen -- millimeterkleine Industriediamanten eingebettet werden. Je nach Durchmesser des Bohrkörpers schneidet das Gerät sauber acht bis 16 Zentimeter dicke Zylinder in den Beton.
Das alles kann nur funktionieren, wenn ein Wasseranschluß nahe dran ist -- zur Kühlung des Bohrkopfes -- und wenn es gelingt, ein langes Stück Holz ins Gebäude zu hieven. Mit ihm wird das drei PS starke Werkzeug verstrebt, damit es an seinem Platz bleibt.
Ein Dutzend Löcher, präzise und kreisförmig nebeneinander gesetzt, ist nötig, einen Durchschlupf für einen erwachsenen Menschen zu schaffen. Das Ganze dauert, wenn die Bohrkrone hält, mindestens sechs Stunden; harte Maloche.
Beton vor dem Geld galt lange als unüberwindbar, es sei denn, einer versuchte es mit Kriegsgerät, einer Sauerstoff-Lanze, gefüllt mit Magnesium oder anderem leicht entflammbarem Material, die den Beton zwar mit weit über tausend Grad zum Schmelzen bringt. Doch wenn er geschmolzen war, war oft auch die Beute verkohlt.
Kein Vergleich mit dem properen Kernbeißer. Waren beim ersten deutschen Versuch im westfälischen Mettingen noch Tüftler mit einer Eigenkonstruktion erfolgreich gewesen, setzte bald darauf der kriminelle Run auf fabrikneues Werkzeug ein.
Dem Kaufmann Manfred Dieckmann in Nienhagen bei Celle kamen in den letzten Jahren so viele Bohrmaschinen vom Typ "Milwaukee 4114", dazugehörige Motoren und Bohrkronen abhanden, daß er schon dachte, "da will jemand ein neues Bohrunternehmen aufmachen".
Die neue Organisation, die sich offenbar gebildet hat, vergab die Aufgaben in ihrem Laden nach dem Prinzip der Arbeitsteilung. "Es gibt", weiß LKA-Abteilungsleiter Neuber, "Beschaffer und Handwerker mit guten technischen Fertigkeiten." Die Branche ist fast ausschließlich auf dem Lande tätig, ob in Lensahn/Ostholstein, Betziesdorf S.112 bei Marburg oder rund dreißig anderen Tatorten in der Bundesrepublik -- auf dem Lande läßt sich gut das dicke Geld holen.
Dort sind die Alarmanlagen nicht so perfekt und die Betonwände nicht so dick, weil dort weniger mächtig gebaut wurde. In aller Regel wird nicht einmal die seit 1970 übliche unterste Sicherheitsstufe LT 0 (600 Millimeter Flachstahlschieneneinlage) erreicht. Von der Stufe T 2 (1000 Millimeter Polypstahlschienen doppellagig), wie neuerdings bei Großbanken, gar nicht zu reden.
Stammsitz der Schränker, von denen noch keiner gefaßt wurde, ist Niedersachsen. Da gibt es, mutmaßen die Ermittler, nicht nur eine Bande, sondern "Spezialisten und Nachahmer".
Immer wenn ein Ding gedreht wird, wie im hessischen Bad Hersfeld, dem südlichsten Operationsgebiet der Panzerknackerbande, heißt es: "Das waren wieder Zugereiste aus Niedersachsen" (Kriminalhauptkommissar Günter Küllmer).
In Hannover nehmen Kriminelle und Kriminaler auch schon mal an derselben Messe teil. Polizisten in Zivil versuchten, unter den Interessenten und Neugierigen an den Ständen der Bohrfirmen ihre Klientel auszumachen.
Einmal waren sie ganz dicht dran. Als ein vornehmer Herr mit langem Mantel -- außen Leder, innen Biber -- und einem Goldbarren an der Halskette ein Gerät bei Dieckmann kaufte, "ohne nach Skonto und Quittung zu fragen", verständigte der die Polizei. Die Fahnder folgten dem Käufer bis vor ein Braunschweiger Bordell. Anderntags hob der Mann nach Teneriffa ab. Das Werkzeug verloren die Fahnder aus den Augen.
Kurz darauf wurde in der Filiale der "Algemene Bank Nederland" in der Amsterdamer Keizersgracht mit solchem Gezähe der 80 Zentimeter dicke Tresorbeton durchlöchert -- Zufall? Die fleißigen Handwerker sackten 200 000 Gulden plus Wertsachen für 700 000 Gulden ein. Das Gerät war, wie die geschnappten Täter später der Polizei erzählten, zuvor noch schnell nach Rom geflogen worden, wo es -für den Einsatz in der Großstadt -frisiert wurde, damit es nicht so laut war.
Der Bruch von Amsterdam mit seiner Rekordmarke von 80 Zentimetern war für die bundesdeutschen Tresorhersteller ein Warnsignal. Die "Forschungs- und Prüfgemeinschaft für Geldschränke und Tresoranlagen" ist auf der Suche nach einem neuen Stoff. Möglicherweise kann Gummi den Beton noch härter machen.
Mit dem Kernbohrgerät käme der Fachmann dann zwar immer noch durch, aber er braucht dafür mehr als ein Wochenende. Dann bliebe nur noch Weihnachten, in diesem Jahr vier Bankfeiertage.
S.109 Polizeiphoto. *

DER SPIEGEL 21/1980
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