14.01.1980

„Ausgeburten kommunalen Größenwahns“

Rathaus-Neubauten in der Bundesrepublik Nur zweimal in der deutschen Geschichte -- gegen Ende des Mittelalters und in der Gründerzeit -- entstanden Rathaus-Neubauten in vergleichbar großer Zahl wie in der Nachkriegs-Ära. Das jüngst vollendete Essener Rathaus, bislang größtes, höchstes und teuerstes deutsches Gemeindezentrum, ist typisch für die Mehrheit der Repräsentationsbauten: Verwaltungskästen aus Glas und Beton ohne künstlerische Handschrift -- gestapelte Bürokratie.
Anderthalb Jahrzehnte hielt die Stadt Essen einen Negativrekord: Die größte Kommune des Reviers war ohne Rathaus; das alte hatte sie an Wertheim veräußert, noch bevor die Pläne für ein neues fertig waren.
Endlich, letzten November, konnte Oberstadtdirektor Dr. Ernst Finkemeyer mitteilen, daß sich die Krupp-Stadt wiederum "in das Buch der deutschen Rekorde eingetragen" habe: nun mit dem höchsten und größten Rathaus der Republik -- und, logisch, auch dem teuersten.
188,6 Millionen Mark kostete der voluminöse Glaskasten, der inmitten der Einkaufscity bis zur Spitze einer Peilantenne 119 Meter und 71 Zentimeter aufragt. Darauf, so der Oberstadtdirektor, seien die Essener "mit Recht ein wenig stolz".
Irgendein "Stolz" diente den Städten schon immer als willkommenes Attribut, sobald es aufwendige Bauten zu rechtfertigen galt.
Vor einem halben Jahrtausend war es der begründete Bürgerstolz auf Macht und Reichsfreiheit -- das spätmittelalterliche Rathaus wurde zum Symbol erfolgreicher Auflehnung gegen Kirche und Krone.
Im 19. Jahrhundert war es der fragwürdige Stolz eines patriotischen, dem Adel zugeneigten Bürgertums, das mit riesigen Ratsschlössern seinen Herrschaftsanspruch auch über die Massen der Industriearbeiter dokumentieren wollte. Heute suchen so stolze und abstrakte Begriffe wie "Demokratie" und "Bürgerwille", "Gemeinsinn" und "Selbstverwaltung" ihren Bauherrn -"das Volk als Souverän".
Der amerikanische Architekt Louis Kahn forderte das Rathaus sichtbar als "Raum, an dem die Quellen unseres öffentlichen Lebens sprudeln". Sein amerikanischer Kollege Kenzo Tange gedenkt "derartige Gebäude mit dem Ausdruck demokratischen Denkens auszustatten". Und der deutsche Planer Rudolf Hillebrecht wertet den "baulichen Ausdruck der Selbstverwaltung" als eine "politische Aufgabe von größter Tragweite".
In Essen, beispielsweise, trägt das vor allem hoch: Insgesamt 28 Geschosse bilden den Hort für 24 Dienststellen mit 1900 Schreibtischen hinter 2100 Türen -- mit dem Personalamt im 10. und dem Amt für Statistik im 21. Obergeschoß.
Auch dieses Rathaus bestätigt die Bedenken, die der Mahner Adolf Arndt schon 1960 über zeitgenössische Verwaltungsbauten äußerte -- daß "innerhalb der Gehäuse der Mensch als Publikum auf den Flur verwiesen" sei und die "Gehäuse nach außen hin eine ermüdende Fensterwand hochmütig abweisender Gleichgültigkeit zur Schau tragen".
Dahinter werden dann, etwa in der ersten Sitzung in Essens neuem Ratssaal, kommunalpolitisch so bedeutsame Fragen wie Gebührenerhöhungen für die Straßenreinigung erörtert.
Das Flächenverhältnis zwischen "repräsentierter Demokratie" und "schlichter Verwaltungsarbeit" beziffert der Rathaus-Experte Roland Ostertag für die Stadthäuser der Bundesrepublik mit "bis zu 2:98 Prozent". S.159 Denn "nur im Ratssaal" würde repräsentiert; die Aktivitäten in allen anderen Räumen entsprächen den Vorgängen in "einer Allgemeinen Ortskrankenkasse".
Aus derlei Mißverständnissen über Anspruch und Realität resultiert ein Großteil der Querelen um Form und Aufwand, die fast jeden Rathaus-Neubau begleiten. Es klang schon rührend komisch, als Bürgermeister Rudolf Heiland die Errichtung der Marler Dezernatstürme auf einer Wiese mit der Erinnerung an mittelalterliche Rathäuser weihte: "Auch von uns soll etwas auf die folgenden Generationen überkommen."
Das verwaltete Volk empfindet solche erhabenen Assoziationen nicht. In einer Zeit, in der Fußballvereine und ihre Stadien eine Stadt deutlicher repräsentieren als alles andere, erscheinen Rathäuser ihm eher als notwendiges Übel.
Im späten Mittelalter war das Rathaus nicht nur Symbol für politische Souveränität und wirtschaftliche Autarkie, von einem selbstbewußten Bürgertum deutlich gegen die Kathedralen und die Residenzen der Landesherren gesetzt. Das Rathaus war sehr viel mehr als Schreibstube: Regierungssitz, Gericht, Kaufhaus, Festsaal --Herz und Hirn einer Stadt.
Da wurden die Waren verteilt und die Markthändel geschlichtet. Da wurde über Leben und Tod gerichtet.
So entstanden zwischen 13. und 16. Jahrhundert die gewaltigen Anlagen norddeutscher Handelsstädte, etwa in Braunschweig, Lübeck, Lüneburg. So wetteiferten, noch kurz vor Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges, zu Macht und Reichtum gelangte freie Reichsstädte wie Augsburg und Nürnberg um das schönste und prächtigste Rathaus.
"Man ließ sich jeweils einige Jahrzehnte Zeit, ehe ein neuer Trakt angestückt, eine neue Fassade vorgeblendet wurde", schreibt der Kunsthistoriker Wolfgang Braunfels über das Rathaus von Lübeck. "Der Organismus entfaltete sich nach eigenen Wachstumsgesetzen." In einer ehrgeizigen Baukultur wurde nur Meisterliches geduldet: 1230 ein spätromanisches Gewölbe, 1434 Windlöcher in einer frühgotischen Wand, 1570 eine Renaissance-Laube -- viele Generationen bauten an diesem Monument bürgerlicher Selbstregierung.
Am Kölner Rathaus-Komplex ist die ganze Geschichte der Stadt abzulesen. Beim Ausheben einer Baugrube wurden Fundamente eines römischen Prätoriums freigelegt. Ein Relief zeigt den Kampf des Bürgermeisters Gryn mit einem Löwen -- zur Erinnerung an die Rivalität zwischen dem Herrschaftsanspruch des Erzbischofs und dem Unabhängigkeitsstreben der Stadt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Hansasaal von 1360 rekonstruiert. Kölner Steinmetzen restaurierten den 61 Meter hohen spätgotischen Turm der Zünfte von 1414 wie die Renaissance-Laube von 1573. Neuzeitliches wurde dem historischen Ensemble bei Erweiterungsarbeiten zugefügt: Ziegel aus dem Abrißgemäuer des Gefängnisses Klingelpütz und von Flammenwerfern strukturierter Granit.
Nahezu drei Jahrzehnte bosselten die Kölner an der Wiederherstellung und Erweiterung ihrer Rathaus-Anlage. In dieser Zeit bauten sich Dutzende westdeutscher Gemeinden neue Rathäuser. Eine hatte das Glück, einen phantasievollen Entwurf zu erhalten, und auch die Courage, ihn zu realisieren -- zu ganz normalen Kosten.
Bensberg, eine Stadt mit 38 000 Einwohnern auf einem Hügelrücken über der Kölner Bucht, machte zu Beginn der sechziger Jahre Architekturgeschichte. Nach Plänen des Kirchenbauers Professor Gottfried Böhm errichtete sie auf dem ringförmigen Grundriß einer alten Festung sechs in sich verschachtelte Geschosse aus Sichtbeton, Klinker und Glas und setzte einen 32 Meter hohen Bergfried dazu; die "FAZ" beschrieb das Rathaus als "begehbare Plastik".
Kritiker Eberhard Schulz wollte "es kaum für möglich halten, vor einem Verwaltungsbau zu stehen": Das Bensberger Rathaus widerlege die These, unsere verwaltete Welt müsse aus Kästen regiert werden.
Noch höher griff der Kunsthistoriker Jürgen Paul, der diesem "kristallinisch gefrorenen Barock, in dem die hochgespannten Visionen des Expressionismus wiederauferstehen", eine "Schlüsselrolle für die Hoffnung auf eine Erneuerung der Architektur" zusprach.
Künstlerischer Ehrgeiz beseelte auch die Mainzer, als sie nach 500 Jahren wieder ein Rathaus bauten. Unter der Last einer historischen Hypothek -das "Goldene Mainz" wurde im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört -bestellten sie den Plan bei dem angesehenen Kopenhagener Baukünstler Arne Jacobsen, der schon in Dänemark mehrere vielbeachtete Rathäuser geschaffen hatte.
Jacobsen entwarf ein Dreieck, dessen Fassaden aus norwegischem Naturstein er in Faltungen auflöste; vor die Fenster setzte er Sonnenschutzraster aus dunklem Aluminium. Daneben legte er, einem Granitblock gleich, den Ratssaal. Das Ganze ruht auf einem Sockel, der die Altstadt gegen den Rhein abschließt.
So kam die Stadt, die so gern singt und lacht, zu einem kühlen und strengen Bau, der nicht nur die Mainzer als S.160 "zu nordisch" schockte. Kritiker Paulhans Peters würdigte zwar die "überdurchschnittliche Qualität" bis ins Detail, fand den Bau insgesamt aber "so esoterisch und so falsch plaziert, daß er als Gegenbeispiel für bürgernahe Rathäuser gelten" könnte.
Geradezu bürgerfeindlich gerieten besonders während der sechziger Jahre viele Entwürfe, deren größenwahnsinnigste Auswüchse -- dank Gezänk und Intrigen bei den zuständigen Behörden -- glücklicherweise nicht in die Tat umgesetzt werden konnten.
Da ließ sich Göttingen einen nahezu 110 Meter hohen Bürokraten-Turm zeichnen, und Düsseldorf hätte am liebsten gleich drei Flügel 119, 130 und 165 Meter hochgestapelt.
Kaiserslautern realisierte immerhin 87 Meter und damit ein neues Wahrzeichen im sonst nur schwach ausgeprägten Stadtprofil. Neben dem Hochbau entstand ein Forum, mit Volkshochschule und Stadtbücherei, Läden und Restaurant -- und somit tatsächlich ein neues Zentrum.
Einigermaßen geschickt zogen sich auch die Frankfurter aus der Affäre, als sie dem historischen "Römer" ein Verwaltungszentrum gegenüberstellen mußten. Die Architekten verteilten den geforderten Büroraum auf drei gedrungene Türme; umlaufende Balkone und die Öffnung der unteren Geschosse für Läden, Kneipe und Cafe lockern den Koloß gegen Stadtmilieu und Straße ins Erträgliche.
Die Bundeshauptstadt, in der bis dahin nur gekleckert wurde, klotzte plötzlich 1977 -- als derlei Dinosaurier schon überholt schienen -- mit einem Stadthaus, das nun buchstäblich alles in den Schatten stellt. Bonns neues Ämterzentrum, ein Bündel aus fünf Türmen, drückt so massiv auf die Stadt, daß allenthalben Zeter und Mordio anhob.
"Elefant im Porzellanladen", schalt der Verein rheinischer Denkmalpfleger. Bonner Ärzte sahen das psychologische wie das meteorologische Stadtklima gefährdet. US-Verpackungskünstler Christo erbot sich, das Monster in Folie zu hüllen. Unbekannte legten Feuer. Ein unheimlicher "Hammerschläger" zerbeulte Aluwände, zertrümmerte Scheiben und Türen.
Oberbürgermeister Hans Daniels versuchte zu beschwichtigen: "Nun, da es steht, sollten wir es mit Martin Luther halten, der über seine Ehefrau Katharina von Bora gesagt hat: 'Wo wir sie nun einmal haben, wollen wir sie auch lieben.'"
Zynismus? Daniels blieb in dem Rokoko-Häuschen, das der Wittelsbacher Kurfürst Clemens August den Bonnern im 18. Jahrhundert am Marktplatz gebaut hat.
Solche Gnadenbeweise waren üblich im fürstlichen Absolutismus. Es war S.161 die Zeit der Demütigung der Bürger durch selbstherrliche Territorialfürsten. Der Dreißigjährige Krieg hatte die Macht der Städte gebrochen. Fürstliche Beamte beaufsichtigten die Verwaltungsarbeit, und fürstliche Mäzene vergaben die Bauaufträge. Erst im 19. Jahrhundert, mit der neugewonnenen Selbstverwaltung, ging die Bauherrschaft wieder auf städtische Kollegien über.
Nach der Reichsgründung, besonders während der Konjunkturwellen zwischen 1880 und 1910, errichteten sich die Städte Kolosse in Dimensionen, die bis dahin nur bei Schlössern angemessen schienen -- weit über Bedarf. Nun, fast ein Jahrhundert später, sind die Verwaltungen freilich in sie hineingewachsen.
Als "Ausgeburt eines einzig dastehenden kommunalen Größenwahns" geißelte die Arbeiterzeitung "Volkswille" im Jahre 1907 den Neubau in Hannover: Das Konglomerat aus Dom, Schloß, Reichstagsgebäude geriet 129 Meter breit und 76 Meter tief. Mit einer Höhe von 97 Metern überrage die Kuppel auch das alte Wahrzeichen der Stadt, den Turm der Marktkirche aus dem 14. Jahrhundert.
Im Stil wetteiferten die Städte zwischen Spätgotik und deutscher Renaissance, mal in Barock, später auch in Klassizismus. Einige richteten als Festgemach servil den "Kaisersaal" ein; Wilhelm II. reiste gern zur Einweihung an, und den Herrschenden jener Zeit schien Treue zum Monarchen Bürgerpflicht.
Die Hamburger -- dem Adel sonst genauso abhold wie dem Habenichts -- stellten auf dem Rathausmarkt sogar ein Reiterstandbild von Kaiser Wilhelm I. auf. 1928 wurde es wieder entfernt, und seitdem haben die Hamburger Probleme mit dem Platz.
Zur Neugestaltung veranstaltete der Senat eigens einen Wettbewerb unter dem Gebot, "Würde" walten zu lassen: Der Platz müsse auch "mit Anstand leer sein können".
Derlei Sorgen haben die Kollegen in Essen nicht -- sie verzichteten ganz auf einen Platz, richteten statt dessen vor ihrem Rathaus eine Budenstraße ein und gaben ihr den verwegenen Namen "City-Center".
Die Essener sind überhaupt auf der Höhe ihrer Zeit: Laserstrahlen sollen den gläsernen Turm in wechselnden Farben umspielen und offenbar signalisieren, in welcher Verlegenheit sich die Hausherren bei der Präsentation ihres Prachtstücks befinden.
Die mittelalterlichen Rathäuser hatten ihr zwangsläufiges Zubehör: Pranger, Waage, Verkündungskanzel und Ratskeller. Es mit zeitgenössischen Accessoires zu ersetzen, tun sich die meisten Stadtverwaltungen schwer.
Bonn postierte vor seinem neuen Stadthaus eine Kreation des französischen Kinetikers Nicolas Schöffer und ließ sich das was kosten: 600 000 Mark. Die Mainzer zierten ihre Piazza mit betonierten Wasserspeiern. In Kaiserslautern hätten Einwohner am liebsten eine Barbarossa-Figur vor dem supermodernen Rathaus gesehen.
Geradezu orgiastisch wurde in Fresken und Skulpturen des Münchner Ratskellers der Alkoholgenuß verherrlicht; da "erfuhren dionysische und christlichsakrale Themen gleichsam eine Säkularisation", wie die Kulturwissenschaftlerin Charlotte Kranz-Michaelis schreibt.
Ausschank städtischer Biere oder Weinabgabe zu zivilen Preisen waren erster Sinn und Zweck der Ratskeller, die -- wie schon zu altdeutschen und hanseatischen -- auch zu den Rathäusern des 19. Jahrhunderts gehörten. In Lübeck holten die Küfer den Wein mit dem Heber direkt aus den Fässern, für jede Bestellung.
Mit der Baukunst ging offenbar auch die Trinkkultur verloren. Im Bensberger Rathaus war noch Platz für Bierkeller und Stehkneipe. Der Turm von Kaiserslautern hat, immerhin, Bar und Cafe.
Deutschlands modernstes und größtes Rathaus in Essen hat -- im ersten Untergeschoß -- nur noch eine Kantine, mit Geldwechselmaschine und Automatenwand: Heiß- und Kaltgetränke gibt es gegen Münzeinwurf.

DER SPIEGEL 3/1980
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