14.01.1980

AUTOMOBILEGestreckter Galopp

Am Auto sollen Amerikas Mais-Farmer genesen: Herkömmliche Motoren können aus „Biomasse“ gewonnenen Alkohol verdauen. Übertriebene Hoffnungen aber sind verfrüht.
Mit einem verblüffend anmutenden Plan, trotz Benzinmangels mobil zu bleiben, überraschte Amerikas stellvertretender Außenminister Warren Christopher letzte Woche viele Autofahrer: Kräfte, die im Maiskorn schlummern, sollen künftig die Räder am Rollen halten.
Fünf Millionen Tonnen des nahrhaften Getreides, ursprünglich als Mastfutter für Sowjetvieh vorgesehen, sollen nun -- nach dem Getreide-Embargo gegen die Sowjet-Union -- zu Kraftstoff für Automobile verarbeitet werden, so die Verlautbarung aus Washington. Die Menge erbrächte eine flüssige Ausbeute von 1,75 Milliarden Litern -- genug, um den Bedarf aller amerikanischen Autofahrer für neuneinhalb Tage zu decken.
Zugleich avisierte der Verkünder so guter Botschaft ein großangelegtes Programm mit dem Ziel, künftig aus Mais und anderen biologischen Substanzen Kraftstoff herzustellen.
Es handelt sich dabei zwar nicht um eine Umwandlung in Benzin, wie manche Autofahrer zunächst annahmen, sondern um die Herstellung von Alkoholkraftstoff. Er wird von den herkömmlichen Automotoren im Prinzip auch ohne weiteres verkraftet.
Automobilisten aber, die ihre Benzinnöte durch die "Schnapsidee" aus Washington schon überwunden wähnten, wurden wenig später ernüchtert. "Viele Jahre noch werden wir darauf warten müssen", erläuterte Robert Wilmouth, Präsident der Handelskammer in Chicago, bis die angekündigte Produktion alkoholischer Treibstoffe auf dem Maismarkt spürbar werde.
Die Idee, Alkohol in den Tank zu packen, wird von den Automobil-Ingenieuren schon seit etlichen Jahren ventiliert -- die technischen Probleme, die dabei auftraten, sind gemeistert.
Es handelt sich um die beiden Alkohole Äthanol und Methanol, die sich aus "Biomasse" gewinnen lassen: Zuckerrohr und Zuckerrüben wären als Rohstoffe ebenso geeignet wie Mais, Kartoffeln, Holz oder auch (soweit er Kohlenwasserstoffe enthält) Müll.
Den Anstoß, die Alkoholtreibstoff-Entwicklung voranzutreiben, gab schon die erste Energiekrise 1973. Seither werden mehrere Programme dieser Art in der Bundesrepublik finanziert, so vom Bonner Forschungsministerium und bei fast allen großen Automobilfirmen, von VW bis Opel und Daimler-Benz.
Geschluckt wird das Mais- oder auch Kartoffel- oder Zuckerrohrdestillat von jedem konventionellen Otto-Motor, ohne daß die Technik verändert werden muß. Allerdings ist es erforderlich, Leitungen aus Gummi und Plastik, etwa wie die Treibstoffzuführung, auszuwechseln. Sie halten den aggressiven Kräften des Alkohols nicht stand.
Zum gewohnten Straßenbild gehören sie einstweilen noch nicht -- doch im Rahmen des Bonner Forschungsprogramms gibt es schon über 50 Methanol-Tankstellen in der Bundesrepublik. Taxis und Behördendienstfahrzeuge, einige private Pkw-Besitzer und beispielsweise der West-Berliner Wissenschaftssenator Peter Glotz fahren mit dem heißen Gemisch: in aller Regel S.177 mit einem Zusatz von 15 Prozent Methanol zum handelsüblichen Benzin.
Diese Mischung erscheint den Technikern vielversprechender als reiner Alkohol im Tank: Der Nachteil des Alkohols -- sein gegenüber dem Benzin um etwa die Hälfte geringerer Heizwert -macht sich in der Mixtur kaum mehr nachteilig bemerkbar. "Beschleunigung und Autobahn-Tempo", so der Hamburger Autotester Peter J. Glodschey, "leiden nicht unter dem gestreckten Benzin."
Reinen Alkohol in den Tank zu füllen, entschlossen sich vorerst nur die Brasilianer. Schon jetzt fahren in Brasilien mehr als 800 000 Autos mit Alkohol oder Alkoholzusatz, gewonnen aus Zuckerrohr. Jeder Alkoholfahrer läßt eine Fuselfahne hinter sich. Manchmal, so berichtete ein Reisender, "hängt über Sao Paulo eine Schnapswolke".
Deutsche Techniker hingegen sehen im Alkohol aus Biomasse vorerst allenfalls ein Zubrot: Wollte man alle 22 Millionen bundesdeutschen Autos mit Alkohol speisen, so müßte die halbe Republik ("Zeit-Magazin": "einschließlich der Autobahn-Mittelstreifen") in ein Zuckerrübenfeld verwandelt werden.
An dem Bio-Rohstoff würde es den Amerikanern nicht einmal mangeln -doch der Verwirklichung so ehrgeiziger Pläne, wie die Carter-Administration sie jetzt verkündete, stehen noch andere Hindernisse im Wege. Schon jetzt arbeiten Amerikas Alkoholbrennereien am Rande ihrer Kapazität. Die Anlage neuer Produktionseinrichtungen würde mindestens zwei Jahre erfordern.
Mehr als 500 Millionen Dollar müßten in den USA investiert werden, um den Alkoholausstoß bis zum Jahre 1985 zu verdreifachen, wie es das Konzept der Regierung in Washington vorsieht.
Im amerikanischen Mittelwesten gab es Mitte des letzten Jahres schon an die 1000 Tankstellen, die das Alkohol-Benzin-Gemisch ("Gasohol") verkauften. Neuerdings wird auch in der Umgebung von New York schon Gasohol abgegeben, doch durchweg um einige Cents teurer als handelsübliches Benzin.
Denn einstweilen sind die Herstellungskosten für den Benzinersatz noch erheblich. Und fraglich ist auch, ob so hochwertige Ausgangsprodukte wie Mais oder andere Getreidearten für die Spritgewinnung günstig sind. Eine beträchtliche Energiemenge muß dabei, in Gestalt von Kunstdünger, mit der Bewirtschaftung durch den Farmer und beim Destillationsprozeß zunächst hineingesteckt werden.
So wird die Maiskolben-Idee, zur Beruhigung der aufgebrachten Getreidefarmer ins Spiel gebracht, Amerikas Energieprogramm auf lange Sicht nicht bewältigen können: In den Furchen der Maisfelder liegt Amerikas Energiezukunft nicht.

DER SPIEGEL 3/1980
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