06.10.1980

EISHOCKEYFalsches Spiel

Krach in der Eishockey-Bundesliga: Einige Klubs verstärkten sich durch Nordamerikaner mit erschwindelten Bundespässen.
Über den Meistertitel, über Auf- und Abstieg in der Eishockey-Bundesliga entscheiden in der eben begonnenen Spielzeit nicht nur Puck und Punkte, Siege und Niederlagen. Als Oberschiedsrichter waltet das Bonner Außenministerium mit.
Der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) bat das Genscher-Ministerium um Amtshilfe: Es kontrolliert die Pässe von insgesamt 54 Spielern der ersten und zweiten Bundesliga, die als Söhne deutscher Einwanderer in Kanada und den USA deutsche Papiere erhalten haben, sogenannter Amerika-Deutscher.
Denn inzwischen war Argwohn aufgetaucht, daß "wohl auch mit illegalen Mitteln", wie DEB-Geschäftsführer Walter Hussmann annimmt, Bundespässe erschlichen worden seien. In einem Fall platzte das falsche Spiel schon auf: Terry Seitz vom ESV Kaufbeuren entzog sich einem Verfahren wegen Paßvergehens (und wie andere vermuten, der Einberufung zur Bundeswehr) durch rasche Heimreise nach Kanada.
Seitz hatte sich beim bundesdeutschen Konsulat in Vancouver einen deutschen Paß mit der falschen Angabe verschafft, er sei geboren worden, bevor seine deutschen Eltern die kanadische Staatsangehörigkeit angenommen hätten; mithin sei er Deutscher. Nachforschungen ergaben, daß Seitz von Geburt an Kanadier ist.
Wie in der Fußball-Bundesliga trachten auch die Eishockey-Klubs Erfolg und Anziehungskraft durch Verstärkungen S.229 zu erzwingen. Kaum einer der verschuldeten Vereine sieht sich jedoch imstande, 50 000 Mark Ablöse für einen unfertigen Bundesspieler oder 650 000 Mark für einen Star wie den Rekordtorschützen Erich Kühnhackl aufzubringen. Da fiel dem Eishockeytrainer Heinz Weisenbach ein, wie ein Trick alle Probleme lösen könne.
Spieler aus Nordamerika kosteten keine Ablöse. Da Eishockey in den USA und Kanada als Volkssport gilt, schien auch eine hohe Spielstärke gewährleistet. Schließlich baute Weisenbach auf das starke deutsche Element. Nordamerikanern mit deutschen Eltern stehen Bundespapiere zu. Sie fallen deshalb nicht unter die Regel, die nur zwei Ausländer pro Mannschaft erlaubt.
Weisenbach inserierte. Zwölf deutschstämmige Nordamerikaner bissen an. 100 000 Mark und mehr pro Saison lockten sie in die Bundesliga. Der Mannheimer ERC, Weisenbachs Klub, verpflichtete 1979 insgesamt sieben Rückwanderer und beteiligte sie mit ausgeklügelten Erfolgsprämien.
"Das hat mit Sicherheit die Meisterschaft entschieden", urteilte Rudolf Gandorfer, Präsident der Konkurrenz vom EV Landshut und Vorsitzender des Bundesliga-Vereinsausschusses. Mannheim war erstmals Meister geworden.
Rasch ahmten andere das vermeintliche Erfolgsrezept nach. Agenten priesen billige Nordamerikaner an. Auch in Landshut erschien ein Spielerhändler. "Einen deutschen Paß hat er nicht", erinnerte sich Gandorfer an dessen Angebot. "Aber das versprach er hinzubiegen." Landshut verzichtete.
Einige der mittlerweile 27 Nordamerikaner in der ersten Bundesliga bereicherten das Niveau durch Spielwitz und ausgefeilte Technik. Doch andere mußten erst richtig Eishockey lernen: Sie glichen spielerische Mängel durch Brutalität aus.
Schon im ersten Spiel der vorigen Saison zog sich Duisburgs Deutschkanadier Lynn Powis eine Matchstrafe zu, wegen der er sechs Spiele aussetzen mußte. Powis führte auch die Foul-Tabelle mit insgesamt 162 Strafminuten an -- vor seinem Mannschaftskameraden Ken Baird (140 Strafminuten). Ihr Klub erwies sich mit 995 Strafminuten als weitaus am ruppigsten. Meister Mannheim stand mit 802 Strafminuten kaum nach.
"Die sollen doch nach Hause gehen und Holz hacken", empfahl Landshuts Kapitän Alois Schloder, nachdem ihm der Deutschamerikaner Gerald Hangsleben aus Duisburg zum Beginn der neuen Saison die Schulter zertrümmert hatte. Schloder wurde operiert, sein Klub rechnet nicht vor Weihnachten mit ihm. Powis feuerte seinem liegenden Gegner Kühnhackl den Puck zwischen die Augen.
Doch die Bundesliga-Funktionäre sorgen sich nicht nur um die Gesundheit ihrer Spieler. Sie erkennen vor allem Gefahren für die Nachwuchsarbeit. Von 30 Jungspielern schaffen allenfalls zwölf den Durchbruch. In jeden von ihnen hat der Verein dann nach jüngsten Berechnungen 126 000 Mark gesteckt. Soviel erlöst ein Klub an Ablöse jedoch nur ausnahmsweise. "Nach kaufmännischen Gesichtspunkten", bilanzierte Gandorfer die unrentabel gewordene Förderung eigener Talente, "müßten wir den Laden dichtmachen."
Zudem sickerte durch, daß sich ablösefreie Nordamerikaner für etwas mehr oder weniger als 5000 Mark gefälschte Dokumente für die lohnende Eisarbeit in Germany erschwindelt hatten. Deshalb verlangte der DEB alle fraglichen Pässe und reichte sie zur Überprüfung an das Auswärtige Amt nach Bonn weiter. Für wenigstens zwölf Bundesligaspieler erscheint die Legalität der Spielberechtigung fraglich, gegen acht ermittelt der DEB schon. Duisburg meldete, sämtliche Pässe seien aus einem Wagen gestohlen worden.
Spätestens am 1. Dezember entscheidet der DEB über die Spielberechtigung. Dann haben die Klubs bereits 26 von 44 Vorrunden-Spielen hinter sich. Einige der umstrittenen Spieler schlenzen und schießen jedoch ungerührt weiter. Falls der DEB ihren Klubs dann Punkte absprechen muß, gerät die Meisterschaft ins Zwielicht.
Doch vielleicht löst sich die Frage auch so: Von 1981 an kosten die Nordamerikaner ebenfalls Ablöse und Verbandsgebühren, fast soviel wie Deutsche auch.

DER SPIEGEL 41/1980
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