09.03.1981

Pässe vom Fälscher

Fälschungen und Skandale prägten das Bild der Eishockey-Bundesliga. Über die Meisterschaft 1980/81 entschieden Sportgerichte.
Ohne Widerspruch nahm der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) die frisch aus Kanada in die Bundesrepublik heimgekehrten Eishockey-Spieler Ernest Arnason und Kevin Nagel auf und ließ sie in seiner Bundesliga als Deutsche für den Kölner EC spielen.
Schließlich war ein wohlbekannter Funktionär, Wolfgang Sorge, als Bürge aufgetreten. Aufkeimendes Mißtrauen wegen der Geburt im fernen Nordamerika und der nicht unbedingt urdeutschen Namen zerstreute er mit Personalausweisen, die beiden einen kerngermanischen Wohnort bescheinigten -- Castrop-Rauxel.
Doch der Schwindel überdauerte keinen Bundesliga-Winter. Seit Dezember 1980 ermittelt die Staatsanwaltschaft. Dem DEB blieb nur übrig, den Klub der Mogel-Germanen, den Kölner EC, in die Abstiegsrunde zurückzustufen und Abstiegsturnier wie Meisterschafts-Endrunde noch einmal neu zu beginnen.
Die Fälschungsaffäre bescherte dem bundesdeutschen Eishockey einen Skandal mehr. Seit Jahren findet unter dem Bundesliga-Eis so etwas wie ein totaler U-Boot-Krieg statt.
Mit welchen Waffen die Funktionäre kämpfen, zeigt eine Muster-Affäre von 1978. Vom Berliner SC waren damals Nationaltorwart Erich Weishaupt zum ERC Mannheim und der Spieler Peter Scharf zu Rosenheim abgewandert. Doch ein neuer Vorstand in Berlin schickte die Spielerpässe der beiden erst verspätet nach, aus "Bösartigkeit und Rachegefühlen", wie Weishaupt vermutete.
Nach 22 Spieltagen wirbelte die Eishockey-Gerichtsbarkeit deshalb die Tabelle durcheinander. Sie entschied kalt, Weishaupt und Scharf seien nicht spielberechtigt gewesen und zog ihren neuen Klubs alle mit ihnen erzielten Punkte ab. Statt des auf dem Eis erspielten 9:0-Sieges gegen den Meister SC Riessersee kreideten die Sportrichter Rosenheim etwa eine 0:5-Niederlage an.
Doch Mannheim klagte vor einem ordentlichen Gericht. Zwei Spieltage ruhten die Eishockey-Schläger. Mit Hilfe des Prominentenanwalts Rolf Bossi erwirkten die Mannheimer eine Entscheidung beim Landgericht München I, das dem DEB bei 500 000 Mark Konventionalstrafe auferlegte, den ursprünglichen Tabellenstand wiederherzustellen.
Zugleich schreckten Außenseiter wie der inzwischen in den Verdacht des Betruges und der Untreue geratene Abschreibungsartist Dr. Jochem Erlemann die Branche auf. Er wurde zum Präsidenten gewählt, holte fertige Stars nach Köln und trieb die Preise hoch. Für den Landshuter Nationalstürmer Erich Kühnhackl brachte er 650 000 Mark Ablöse zusammen.
"Im Eishockey kostet''s nicht soviel wie im Fußball", begründete der Präsident der Düsseldorfer EG, Dr. Wolfgang Bonenkamp, den Einbruch profilsüchtiger Manager, "da gibt''s noch viel Public Relation für wenig Geld."
Immer höhere Ablösesummen und Jahresgagen von 100 000 Mark und mehr trieben schon den EV Rosenheim und den Krefelder EV in den Konkurs. Zudem mußten die Klubs Vorschaltfirmen gründen, die ihre Spieler bezahlten, oder andere Finanzierungs-Tricks entwickeln: Eishockeyspieler gelten als Amateure.
"Für eine solide finanzierte Profiliga kämen aber nur drei Bundesligavereine in Frage", verwarf Rudolf Gandorfer, der Präsident des EV Landshut alle Pläne für offizielles Berufs-Eishockey.
Da fand Eishockeytrainer Heinz Weisenbach eine verführerische Lösung: Er lockte deutschstämmige Nordamerikaner aus Kanada und den USA in die Bundesliga. Sie kosteten keine Ablöse und spielten doch als Deutsche. Die Klubs der ersten und zweiten Bundesliga füllten ihre Teams mit insgesamt 77 Deutschen aus Nordamerika auf.
Daß die rauhen Verkehrssitten auf bundesdeutschem Eis dadurch milder geworden wären, kann schwerlich behauptet werden. Den Kanadier Brent Meeke verurteilte das Amtsgericht Landshut als ersten zu 4000 Mark Geldstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung. Er hatte, wie eine TV-Aufzeichnung bewies, Nationalspieler Alois Schloder absichtlich verletzt.
Schon zu Anfang der Saison 1980/81 kam zudem Argwohn auf, daß einige der Discount-Spieler unter falscher Flagge spielten. Der DEB reichte die fraglichen Pässe jedenfalls zur Nachprüfung an das Auswärtige Amt weiter. An einigen hatten Stümper herumgefummelt: Von drei angeblich im Generalkonsulat Edmonton ausgestellten Dokumenten wies das älteste von 1978 die höchste Seriennummer auf.
Der DEB sperrte 19 Spieler, darunter allein fünf Duisburger. Damit die Meisterschaft überhaupt andauern konnte, beschlossen die Funktionäre, die konkursnahen Duisburger bei jedem Auswärtsspiel mit 5000 Mark zu subventionieren.
Als der Duisburger Manager Fritz Hesselmann jedoch Paßfälschungen eingestand und zurücktrat, weigerte sich der Münchner Mäzen und EHC-Präsident Alexander Merk, "nachträglich die Betrügereien zu belohnen". Duisburg trat nicht an und ließ noch ein zweites Spiel platzen.
Erst im Februar 1981, lange nachdem der Staatsanwalt offiziell ermittelte, S.194 aber kurz vor dem Ende der Bundesliga-Runde, urteilten die DEB-Gerichte und krempelten die Tabelle um: Sie zogen den Duisburgern 17 Punkte ab und sprachen sie den Klubs zu, die sie ursprünglich auf dem Eis eingebüßt hatten. Gandorfer trat als Vorsitzender des Bundesliga-Ausschusses zurück. Seinem Klub Landshut waren wegen belangloser Formfehler bei der Anmeldung zweier Spieler Punkte abgezogen worden.
Andere Klubs dagegen, die ebenfalls mit unechten Deutschen gespielt hatten, gingen straffrei aus, weil ihren Funktionären noch keine Fälschungen nachgewiesen worden waren. "Der Kölner EC spielte sich als großer Saubermann auf", erklärte Spielgerichts-Vorsitzender Wolfgang Sorge, "kurz bevor der Staaatsanwalt auch zu ihm kam."
Sorge hatte sich allerdings selber tief in den Fall verstrickt. Er urteilte nicht nur seit 1976 auf dem wenig begehrten Posten des DEB-Spielgerichts-Vorsitzenden über Paßfälschungen. "Da müssen die Kameraden hart arbeiten, ohne einen Vorteil zu haben", beschrieb er die seit 1978 von 97 auf 280 angeschwollene Flut von Klagen. "Dafür hat man immer den Schwarzen Peter."
Zugleich war Sorge im Kölner EC als Organisationsleiter dafür zuständig, die Spielerausweise an den Obmann im nordrhein-westfälischen Verband weiterzuleiten. Das war Sorge auch.
Mit dem KEC-Schatzmeister Clemens Vedder war er noch enger verknüpft. Vedder hatte Objekte seines Geschäftsfreundes Erlemann verkauft. Als Sorge Anfang 1980 dringend Kredit für eine Wohnung benötigte, half Vedder mit einem ungewöhnlich günstigen 40 000-Mark-Darlehen aus.
Sorge, lange Betriebsleiter der Eissporthalle in Bergisch-Gladbach und der Deutschen Eissportstätten-Betriebsgesellschaft, kennt sich auch beruflich bestens in der Branche aus. Im Juli köderte ihn Vedder mit einem günstigen Angebot. Er trat als Geschäftsführer in Vedders Finanz- und Vermögensberatungsfirma ein. "Das war mein Fehler", bedauerte Sorge nachträglich "das sehe ich ein."
Denn kurz nach Dienstantritt beauftragte der Chef seinen neuen Mitarbeiter, als Funktionär tätig zu werden. Sorge sollte den Deutsch-Kanadiern Arnason und Nagel beim DEB die Spielberechtigung verschaffen -- mit den zweifelhaften Ausweisen aus Castrop-Rauxel. Sorge zog Photokopien und gab sie dem DEB-Vizepräsidenten Günter Sabetzki zur Überprüfung. Sie waren gefälscht. Sorge stieg aus und erklärte seinem Chef: "Ab morgen komme ich nicht mehr." Die Kölner drohten Sorge mit einer Schadensersatz-Klage.
Der DEB verlangte nun von seinen Vereinen, die Staatsbürgerschaft aller deutschen Spieler aus Nordamerika einwandfrei nachzuweisen. Ein Mittelsmann bot den Kölnern an, ihnen Pässe für ihre betroffenen vier Spieler zu beschaffen. Er verlangte 20 000 kanadische Dollar, Köln zahlte vom Klubkonto, "gutgläubig", wie ein Sprecher einräumte. Eine Essener Fälscherwerkstatt fertigte die Pässe an. Der Verband zog dem KEC 20 Punkte ab.
Die gezinkten Pässe vergraulten schon Branchenfremde. Ein Bewerber, den der EV Landshut als Manager einstellen wollte, winkte ab: "Ich will mir nicht mit dieser Sportart meinen Namen verderben."
S.192 Eimannsberger (EHC München) befördert Diepold (Riessersee) über die Bande. *

DER SPIEGEL 11/1981
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