10.03.1980

NACHRUFEine Zeugin und eine Schuldige

Hans-Jürgen Syberberg ("Hitler - Ein Film aus Deutschland") hat 1975 den fünfstündigen Dokumentarfilm „Winifred Wagner“ gedreht.
Ich wage es zu sagen, Winifred Wagner war eine große Frau. Ihr Skandal war, daß sie, eine deutsche Frau der Hitler-Generation, vom Thron Richard Wagners aus sich bis heute zu Hitler bekannte, daß sie Schuld auf sich nahm auf perverse Weise, ja trotzig, in einer Welt der Angepaßten. Jemand erklärte seine unbeugsame Treue und Freundschaft (und Liebe, konnte man ahnen) zu dem Mann, der einmal sagte, mit einiger Berechtigung, er sei Deutschland.
Sie hat uns mit unserer Geschichte versöhnt, gerade sie, mit diesem dunklen Treueschwur. Das tat und tut weh, muß weh tun wie alle Trauerarbeit.
Ihr Leben war ein Paradox. Sie war eigentlich eine unerbittliche Frau und kam nun so und für immer in die Öffentlichkeit. Sie hatte ihre große Zeit in einer patriarchalischen Männergesellschaft, sie wollte nie groß rauskommen und ist nun ein Filmmonument unserer Geschichte geworden.
Man kennt Winifred Wagner durch diesen Film: fünf Stunden reden und nur ein Gesicht. Alle haben zumindest von ihr gehört, sind mit ihr vertraut, wie mit einer eigenen Großmutter; sie wurde ein wenig zur Großmutter der Nation, der Nazi-Generation, viele haben die ihre in ihr erkannt. So sprachen, dachten, fühlten viele. Und trotzdem ist sie unvergleichbar, individuell.
Bayreuth auf dynastische Weise mit viel Familienräson ans Herz gelegt und ins Bett, gebar die blutjunge englische Waise in wenigen Jahren vier Kinder, darunter die berühmten Wieland und Wolfgang Wagner, und ihre Aufgabe schien damit erfüllt.
Aber da erst begann ihre Zeit. 1923 lernte sie den jungen Adolf Hitler kennen, der in Lederhosen durch Haus und Garten sofort zum Grab des Meisters eilte, schon beim ersten Besuch. Er 34 und sie 25: das junge Paar des nationalen Wiedererwachungskampfes im Geiste der nationalen Wagnerianer. Sie stand so in einer der vielen nicht unwichtigen Wagner-Traditionen.
Das ist bekannt. Gespenstisch hatte sich der Traum von der Einheit des Reichs mit dem Werk Richard Wagners erfüllt: Der Staatskünstler Hilter, der Richard Wagner als einzigen Lehrer anerkannte, zwang den Massen an den Volksempfängern und in den Wochenschauen und auf den Straßen seinen Meister auf. Das Gesamtkunstwerk sollte erst so vollendet sein durch Einheit von Kunst, Mythos und politischem Willen der Nation.
Thomas Mann und alle die von Wagner Bezauberten standen buchstäblich kopf, und es ist eines der großen Wunder, wie es unsere jüdischen Geistesväter in Deutschland über sich brachten, diesen Wagner trotz allem, ohne Zorn und Bosheit, wiederzugewinnen. Ob sie es wollen oder nicht (und vielleicht entgegen allen Anhängern Winifred Wagners): Sie haben aus den Händen dieser Winifred Wagner das Erbe dieses ambivalenten Richard Wagner übernommen.
Es waren die Adorno, Bloch und Hans Mayer, die, nach Winifred Wagner, Richard Wagner zu dem machten, was er heute ist: die große Erscheinung des 19. Jahrhunderts, zum erstenmal als geistige Figur jenseits des Rausches und all dieser blöden Zuordnungen von schnellfertigen Feinden. Wehe dem, der darin wieder nur jüdische Geschmäcklerei und raffinierten Modernismus und ewigen Widerspruchsgeist oder billige Geschäfte vermutete.
Also wieder ein Paradox. Sie rettete Bayreuth für dieses ihr sicher unverständliche Nachkriegsdeutschland. Sie brachte Richard Wagner ein in diese teuflische Ehe mit dem Deutschen Reich, in sehr persönlicher Beziehung zu seinem Führer, und machte diesen Richard Wagner so posthum zum Mittäter und zum politischen Teilhaber des nationalen Untergangs.
Aber sie machte es auch möglich, durch die erzwungene Übergabe Bayreuths an die Söhne, daß Bayreuth danach, gegen sie und ihr Verständnis, wieder auferstand, größer, stärker, ideenreicher als je zuvor. Unter ihrem Sohn Wieland zunächst, dem Erfüller und Besieger Hitlerschen Kunstwillens, und mit Hilfe Patrice Chereaus aus Frankreich, das Richard Wagner so unheimlich war wie die Juden.
Trotz vermutlicher Intrigen und immer noch verbliebener Macht versagte sie nie ihre Loyalität. Wieder das Paradox. Sie kämpfte dagegen und stand dafür.
Was für eine Gestalt. So habe ich sie kennengelernt: eine Realistin, voll Noblesse, offen und diplomatisch, raffiniert und vorsichtig, voll Mut zum unerhörten Witz, zum homerischen Gelächter mit großem Nachhall wie in echostarken Hallen, leeren und dunklen, voll Plüsch und kalter Moderne. Selbst ihre natürlichen Gegner sah ich auf den Knien, voll grimmiger Faszination vor dieser listigen und gleichzeitig höheren Ehrlichkeit.
Was aber wäre sie ohne Bayreuth? Und trotzdem: Zur rechten Zeit am rechten Ort konnte sie zum Mythos werden. Und wieder ein Paradox: unsterbliche Herrenreiterin auf dem Bayreuther Thron, zu der der VW mehr paßte als der Mercedes.
Ob sie viel von Musik verstand, ist zumindest umstritten; unbestritten ist wohl ihr Repräsentationswille durch arterhaltende Leistungen für die Familie und die Sache Bayreuths.
So stehen wir nun da. Die Unsterbliche gestorben und damit zum Denkmal geworden, jeder darf sie heroisieren. S.235 Sie ist tot. Kann nicht mehr lachen, dieses erschreckende Lachen über das Unsagbare. Hat sie denn nicht gewußt, was Richard Wagner sagte und Cosima schrieb: jene täglichen Flüche über die Juden zum Beispiel, deren Feuertod wünschend, beim Theaterbrand in Wien, bezeugt von Cosima als Witz?
Wußte sie nicht, auf welche makabre Weise sie diesen Teil des Wagnerischen Erbes erfüllte? Ein blindes Werkzeug schlimmer Alpträume seiner und unserer Geschichte, Zombie auf fatale Weise. Und so tut sie mir auch wieder leid in ihrer herrischen Naivität, deutscheste unter den deutschen Rationalisten und sogenannten Realpolitikern und Positivisten von rechts bis links.
Winifred Wagner, zur Filmfigur geworden mit Hilfe (und trotz trauriger Zurücknahme) der Enkel Gottfried und Eva, abgetrotzt ihrem unöffentlichen Leben -- ein Filmdokument, vorgeführt in Johannesburg und Israel und in amerikanischen Universitäten, in großen übervollen Sälen: Das Wundertier, das endlich erwartete Liebesbekenntnis aus Deutschland, Treue zur einmal vertanen Geschichte, das Stehen zur Niederlage ohne Sentimentalität, eine Zeugin und eine Schuldige.
Irgendwie, irgendwer und irgendwo muß es ja gewesen sein, geschehen nicht nur durch Perverse, Mitläufer, Karrieristen und Schwachköpfe. Sie gab den Deutschen, die sich irrten, verloren, schuldig wurden, ihre Ehre wieder, nicht durch die Fakten, die wir kennen, sondern durch ihre Persönlichkeit: ein Rätsel, unauflösbar.
Sie war mir lieb, ich kannte sie herzlich, gütig fast, und fühlte mich manchmal wie ein angenommener Sohn. Dann wieder habe ich in Abgründe geschaut, ich sah sie blutbefleckt in ihrem Gelächter über Gustav Mahler und das Schicksal seiner Rasse.
Sie ist eine Shakespeare-Gestalt im Mythos des zwanzigsten Jahrhunderts, in Deutschland groß geworden, für, mit, durch dieses Deutschland, für dessen Geschichte sie nun steht, als Frau in einer Männerwelt, die nur Trümmer hinterließ.
Mein letzter Satz im Film war, ängstlich, an die Nachgeborenen: Es heißt den Menschen wenig lieben, nicht auch seine Schattenseiten zur Kenntnis zu nehmen. Und es folgte die Bitte: "An die Kritiker meiner Generation. Es ist kein persönliches Verdienst, nicht in barbarischen Zeiten zu leben und nicht an ausgesetzter Stelle von ihr geprüft zu werden. Es ist verhältnismäßig leicht, kein Nazi zu sein, wenn es keinen Hitler gibt."
So wird sie überleben im Film, fürchterlich durchaus auch sie. Aber was wird danach kommen? Wer wird unsere Generation repräsentieren und helfen, uns zu erkennen und zu verstehen?
S.234 In Villa Wahnfried neben einem Bildnis ihres Mannes Siegfried Wagner. *
Von Hans-Jürgen Syberberg

DER SPIEGEL 11/1980
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NACHRUF:
Eine Zeugin und eine Schuldige

  • Optische Illusionen: Alles höchst verwirrend
  • Queen's Speech: Elizabeth II. verliest Johnsons Pläne
  • Stillgelegtes Kraftwerk: Vier Kühltürme gleichzeitig gesprengt
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