04.08.1980

BUNDESWEHR-KRAWALLDie Quelle

Über die Bremer Demonstration gegen das Rekrutengelöbnis war der Militärische Abschirmdienst schon vorher gut unterrichtet: Ein MAD-Mann ist Mitglied im Kommunistischen Bund Westdeutschland.
Der Militärische Abschirmdienst (MAD) war immer dabei. Und er schirmte nicht nur ab, er wiegelte auch auf.
Doch vergeblich forderte Bremens Bürgermeister Hans Koschnick in der vergangenen Woche vor dem Verteidigungsausschuß von der CDU/CSU, endlich die Quelle für ihre Behauptung zu nennen, Jungsozialisten und Kommunisten arbeiteten in der Hansestadt Hand in Hand gegen die Bundeswehr und hätten sich volksfrontartig für die Bremer Krawalle am 6. Mai verbündet.
Der CDU-Politiker Manfred Wörner, der die Bonner Untersuchung im Vor-Wahlkampf leitet, lehnte das Koschnick-Verlangen strikt ab: Der Ausschuß habe einstimmig beschlossen, die Quellen der Nachrichtendienste unter allen Umständen zu schützen.
Ob dieser Beschluß so noch lange aufrechtzuerhalten ist, bezweifeln inzwischen sogar einige Unionschristen. Denn zu schillernd scheint die Figur, auf die sich der MAD in seinen Berichten aus den Bremer Jugendorganisationen stützte, die gegen das Rekrutengelöbnis im Weserstadion demonstrieren wollten. Diese Berichte stehen zudem oft im Widerspruch zu den Erkenntnissen der Bremer Verfassungsschützer.
Der MAD-Zuträger, wehrpflichtiger Panzergrenadier und Mitglied des Kommunistischen Bundes Westdeutschland (KBW), trat nämlich nicht nur als stiller Teilnehmer in den Debatten auf. Wann immer sich Gelegenheit bot, forderte er in den Jugendzirkeln Gewaltaktionen gegen das Bundeswehr-Spektakel. Das allerdings verschwieg er seinem Leitoffizier in Hannover.
Auch sonst nahm er es mit der Wahrheit nicht allzu genau. Zu einer Sitzung der Jusos am 18. April, auf der über eine Demonstration beraten wurde, war der KBW zum Beispiel gar nicht eingeladen worden, wie "die Quelle" -- so die Umschreibung im Ausschuß -- behauptet hatte. Der MAD-KBWler war mit einem Gesinnungsgenossen einfach in die Juso-Geschäftsstelle marschiert, in der Hoffnung, nicht rausgeschmissen zu werden.
Einmal da, durfte er bleiben. Doch als er in der Diskussion wieder nach Gewalt rief, wurden die Jusos böse. Kleinlaut schrieb der Agent anschließend in seinem Bericht für den MAD: "Beteiligung an den Maßnahmen des KBW lehnten die Jusos ab."
Daß es am 6. Mai in Bremen dennoch zu blutigen Straßenschlachten kommen konnte, ist den Bremer Sicherheitsbehörden heute noch ein Rätsel. Bremens Innensenator Helmut Fröhlich vor dem Bonner Ausschuß: "So etwas haben wir in dieser Form erstmalig in Bremen erlebt."
Bis zuletzt hofften der Senator und seine Polizeiführer, die Demonstration im Griff zu haben. Sie rechneten zwar mit Störungen, aber nicht mit blutigen Krawallen.
Für diese Annahme hatten sie -trotz der Warnungen der militärischen Abschirmer und der zivilen Verfassungsschützer -- sogar gute Gründe. Auf den 30 Veranstaltungen des militanten Bremer KBW im Jahre 1979 war es zu keiner einzigen gewalttätigen Auseinandersetzung mit der Polizei gekommen.
Fassungslos war auch Jugendsenator Henning Scherf, der sich am Krawallabend mit Wissen seines Bürgermeisters und des Polizeipräsidenten vor dem Weserstadion "zwischen die Fronten" begeben hatte, um im Falle von Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten vermitteln zu können.
Als nichts mehr zu retten war, als Steine flogen und Autos brannten, verließ Scherf entmutigt die Kampfstätte und besuchte einen Freund in einer nahen Wohnung. Scherf vor dem Ausschuß: "Ich hielt das nicht mehr aus. Ich war am Ende."
Doch den Vorwurf der Union, Koschnick oder die Bremer Behörden hätten die Demonstration einfach rechtzeitig verbieten müssen, können die Sozialdemokraten mit allerhöchstem Beistand kontern. Als dem Hauptredner der Vereidigung, dem Bundespräsidenten Karl Carstens, nach Bonn gemeldet wurde, in Bremen sei mit Kundgebungen gegen die Bundeswehr und gegen den Präsidenten zu rechnen, verwarf er alle Vorschläge, die Feier abzusagen oder auf militärisches Gelände zu verlegen.
Über seinen Staatssekretär Hans Neusel ließ er am 28. April dem Bremer Staatsrat Erwin Weiß mitteilen: "Dem Herrn Bundespräsidenten läge sehr daran, daß alles vermieden wird, was zu einer Gewaltanwendung gegen friedliche Demonstrationsteilnehmer führen könnte."

DER SPIEGEL 32/1980
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