13.10.1980

ERDGASHoher Druck

Die westdeutsche Gasindustrie bemüht sich um bessere Vorratshaltung unter Tage. Der Preis des schnellen Vortriebs: zwei Bohrunfälle in zwei Tagen.
Wilhelm Hohoff, erst wenige Tage Geschäftsführer der Lingener Bohrfirma Deutsche Schachtbau, war seinem neuen Arbeitgeber mit alten Kontakten zu Diensten.
Als Technikern der emsländischen Firma in der Pfalz in der Nacht vom 29. zum 30. September eine Bohrung außer Kontrolle geriet, bat Hohoff, zuvor Manager eines Bohrunternehmens auf den Bahamas, einen Bekannten zu Hilfe: Paul ("Red") Adair, texanischer Spezialist zur Bekämpfung unterirdischer Öl- und Gasausbrüche.
Im fernen Alaska, wo der Texaner gerade mal wieder ein Bohrloch gestopft hatte, setzte sich Adair Sonntag vorletzter Woche in seinen Lear-Jet, um den Deutschen beizuspringen. Eile war geboten: Aus dem unterirdischen Gasspeicher in Frankenthal fauchten stündlich fast 40 000 Kubikmeter Erdgas (Wert: fast 20 000 Mark) ins Freie.
Die Lingener Bohrspezialisten mußten um ihren guten Ruf in der Branche fürchten. Zwei Tage vor dem Malheur in der Pfalz war den Technikern im oberbayrischen Bierwang ein ähnliches Mißgeschick passiert. Aus einem Erdgasspeicher der Ruhrgas AG strömten rund 400 000 Kubikmeter des kostbaren Brennstoffes in die Luft, ehe es gelang, das Bohrloch zu schließen.
Derlei "technische Kunstfehler", so ein Ruhrgas-Sprecher, könnten offenbar in Zukunft häufiger passieren: Die westdeutsche Erdgasindustrie bemüht sich um größeren Stauraum unter der Erde.
Derzeit lagern bundesweit in 14 unterirdischen Speichern rund zwei Milliarden Kubikmeter Gas -- nicht viel bei einem Jahresverbrauch von über 60 Milliarden Kubik. Die westdeutschen Gasmanager wollen daher die unterirdischen Vorratskammern baldmöglichst auf die doppelte Kapazität bringen.
Die Eichhörnchen-Politik hat einen simplen Grund: Das Gas aus der Nordsee oder der Sowjet-Union wird in gleicher Menge das ganze Jahr über S.39 angeliefert. Doch da die Bundesbürger zunehmend auch mit Gas heizen -der Privatverbrauch stieg im vergangenen Jahr um fast 15 Prozent --, wird im Winter mehr Gas als im Sommer verfeuert.
Die deutschen Gasfirmen pumpen die überschüssigen Sommermengen, die für den Winter gespeichert werden, in unterschiedlichstes Erdreich. In Norddeutschland werden die Salzstöcke als Kavernen genutzt. Im bayrischen Bierwang, wo in 16 000 Meter Tiefe fast eine Milliarde Kubikmeter lagert, dient ein ausgebeutetes Gasfeld als Vorratsspeicher.
In Frankenthal, wo die Saar-Ferngas AG ihre Vorräte hält, dient ein sogenannter Aquiferspeicher der Lagerhaltung. Mit hohem Druck wird das Gas in wasserführende unterirdische Gesteinsformationen gedrückt. Dabei wird das Wasser zur Seite gequetscht; es dient alsdann der Gasblase als Verschluß.
Der Pfälzer Speicher gilt bei Experten als besonders ausbaufähig. In etwa 600 Meter Tiefe erstreckt sich ein gut vier Quadratkilometer großes Reservoir bis unter den Rhein. Von vier untereinander liegenden Hohlräumen sind erst die obersten beiden mit Gas gefüllt.
Als die Techniker der Bohrfirma die dritte Etage erschließen wollten, mußten sie durch eine prallgefüllte Gasblase hindurchbohren.
Während die Spezialisten das Bohrgestänge auswechselten, kam mit dem Gerät unter Hochdruck auch ein Wasser-Gas-Gemisch zu Tage. Zwar stopften die Schachtbau-Leute das Leck, aber das Gas, einmal in Bewegung, suchte sich ein anderes Bohrloch als Ausweg.
Der flüchtige Brennstoff dürfte die Haftpflicht-Versicherer der Bohrfirma mindestens fünf Millionen Mark kosten. Zuzüglich Red Adairs Honorar: geschätzt 50 000 Dollar pro Tag.

DER SPIEGEL 42/1980
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