21.01.1980

SILBERKampf ums Gramm

Trotz sprunghaft gestiegener Silberpreise wird Photographieren kaum teurer. Denn die Photo-Branche gewinnt den größten Teil des in Filmen und Photo-Papier enthaltenen Edelmetalls zurück.
Photo-Profis wie Gelegenheits-Knipser räumten vergangene Woche die Film-Bestände der Händler ab, als ob Photographieren bald zu einem fast unerschwinglichen Luxus würde.
Meldungen darüber, daß wegen der sprunghaft gestiegenen Silberpreise die nächsten Urlaubsphotos erheblich teurer würden, hatten die Photo-Branche prompt in den Sog der Kaufhysterie an den Edelmetall-Märkten gezogen.
In Wahrheit jedoch schlagen die seit Anfang 1979 um 600 Prozent gestiegenen Silberpreise (Frankfurter Kurs am Freitag: 2900 Mark pro Kilo) nur schwach auf die Kosten fürs Photographieren durch.
Ein Quadratmeter Photopapier enthält gerade zwei bis vier Gramm Silber, ein normaler Farbfilm etwa ein halbes Gramm, ein Schwarzweiß-Film über 0,6 Gramm.
Der Photo-Konzern Kodak erhöhte daher Anfang des Jahres seine Preise für Amateur-Filme um bescheidene fünf bis sechs Prozent. Konkurrent Agfa-Gevaert zog mit Preisaufschlägen von 10 bis 20 Prozent nach.
Marktstarke Händler wie Foto-Quelle und Photo-Porst können jedoch S.92 mühelos darauf verzichten, die Silberzuschläge der Hersteller voll an die Verbraucher weiterzureichen. Denn bei diesen Firmen, die zugleich riesige Photo-Labors betreiben, sammelt sich ein gut Teil des Film-Silbers wieder an.
In den Fixierbädern der Labors und Kopieranstalten löst sich das Metall fast völlig aus Filmen und Photo-Papier ab. Maschinell gewinnen die Labors dann aus der silberhaltigen Brühe (bis zu fünf Gramm Silber pro Liter Fixierbad) das Edelmetall zurück.
So entzog etwa Foto-Quelle den Fixierbädern ihrer Labors im vergangenen Jahr 3,5 Tonnen Silber. Das waren rund 80 Prozent des in Filmen und Photo-Papier enthaltenen Silbers.
In reinen Farblabors wie etwa bei Kodak in Stuttgart gehen bei dem Wiedergewinnungsprozeß, dem sogenannten Recycling, sogar nur ein bis zwei Prozent des für die Filmproduktion aufgewandten Silbers verloren.
Insgesamt gewinnt der in den USA beheimatete Kodak-Konzern von den 1555 Tonnen Silber, die er im Jahr verbraucht, rund 620 Tonnen selbst zurück. Nur die etwa 930 Tonnen (fast soviel wie der gesamte Jahresverbrauch in der Bundesrepublik), die sich in den Fixierbädern fremder Labors absetzen oder völlig verlorengehen, belasten daher die Kostenrechnung des größten Photo-Konzerns der Welt.
Den kleinen Labors, für die eigene Silber-Rückgewinnungsanlagen nicht ökonomisch sind, nehmen in der Bundesrepublik etwa 60 bis 70 Verwertungsbetriebe die Recycling-Arbeit ab. Die Firmen kaufen die silbergesättigten Fixierbäder auf und entziehen das Edelmetall.
"Jedesmal, wenn die Silberpreise hochgehen", berichtet der Inhaber einer kleinen Hamburger Rückgewinnungsfirma, "glauben einige Leute, sich eine goldene Nase verdienen zu können, und steigen in das Geschäft ein."
Solange die Preise nach oben klettern, kommen selbst winzige Recycling-Klitschen gut zurecht. Denn dann wirken sich die Zahlungssitten in der Branche günstig auf die Gewinne aus.
Der Aufkäufer erstattet dem Lieferanten nach Analyse des Silbergehalts nämlich sofort den Gegenwert des Metalls, sieht selbst aber erst nach mehreren Wochen Bares.
Denn Endstation für das Recycling-Silber ist in der Regel die Edelmetall-Scheiderei des Frankfurter Metall-Konzerns Degussa. Dort wird das von den kleinen Rückgewinnungsbetrieben angelieferte Silber weiter gereinigt, geschmolzen und zu Barren, Walzplatten und Körnern verarbeitet. Und Degussa rechnet erst ab, wenn der Verarbeitungsprozeß abgeschlossen ist.
Bei rasch steigenden Preisen kassieren die kleinen Silberverwerter für den edlen Rohstoff daher weit mehr, als dieser sie selbst gekostet hatte. Kracht die Silber-Hausse dagegen zusammen, sind vor allem kapitalschwache Newcomer rasch am Ende.
Auch in Druckereien, die Repro- und Photo-Satz-Papier verwenden, in Krankenhäusern und Röntgenarzt-Praxen mit ihrem hohen Bedarf an besonders silberhaltigen Röntgenfilmen fällt genügend Silber für eine rentable Wiedergewinnung an.
So werden aus den Röntgenfixierbädern des Unfallkrankenhauses in Hamburg-Bergedorf etwa ein bis anderthalb Kilogramm Silber pro Jahr gewonnen. "Bei diesen Silberpreisen", berichtet der Krankenhaus-Angestellte Bähr, "kämpfen wir um jedes Gramm."
Trotz wesentlich geringerer Röntgenarbeit gewannen die Bergedorfer vor zehn Jahren noch fast doppelt soviel Silber wie heute zurück. Grund: Wegen des schon in den vergangenen Jahren ständig gestiegenen Silberpreises drückten die Hersteller den Silbergehalt ihrer Röntgenfilme stark herab.
Weitere Einspar-Erfolge bei industriellem Silberverbrauch aber sind selbst nach dem gewaltigen Preisschub der vergangenen Wochen zumindest kurz- und mittelfristig nicht mehr zu erwarten.
Denn neben dem größten Silberverbraucher, der Photo-Industrie (Anteil am deutschen Silberverbrauch: 25 bis 30 Prozent), hat auch der zweite Großverbraucher, die Elektro-Branche (25 Prozent), bereits fast alle technischen Möglichkeiten ausgeschöpft, bei der Herstellung von Elektro-Kontakten, Batterien und anderen Fertigungsteilen Silber einzusparen.
"Dort stecken", weiß Werner Knies, Edelmetall-Chef der Degussa, "gegenwärtig keine großen Reserven mehr."
Auch zusätzliches Recycling lohnt nicht in jedem Falle. So enthält ein Fernseher etwa 200 Milligramm Silber -- zu wenig, um für die Edelschrott-Branche interessant zu sein.

DER SPIEGEL 4/1980
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