21.01.1980

„Signum mali ominis“

Die Krankheit des Marschalls Josip Broz Tito
An seinem letzten Geburtstag, einem sonnigen Maitag, war der Marschall ganz der Alte: gesegnet mit einem guten Appetit, schweren Zigarren zugetan und durstig für zwei. "Mein Vater", verkündete Tito seinen Gästen, "hat das Doppelte getrunken und ist uralt geworden." Sich selber gab er hundert Jahre.
Warum auch nicht? Seine bärenstarke Gesundheit hat die Kollegen Staatsmänner jahrzehntelang mit Neid erfüllt, die herzkranken US-Präsidenten Eisenhower und Johnson, den blutarmen Franzosen Pompidou, Nasser und Sukarno nicht minder.
Denn Josip Broz, genannt Tito, hat in jungen Jahren nicht nur eine schwere Kriegsverletzung überlebt (1915). Ihn konnten auch fünf Jahre Zuchthaus (1927 bis 1932) nicht ankränkeln. Gesund und munter überstand Tito den Streß des Partisanenlebens und 35 Jahre an der Spitze seiner Partei und des klapprigen Vielvölkerstaates.
Doch seit Ende Dezember letzten Jahres ging er am Stock, einem edlen Holz mit Silberkrücke. Das linke Bein zog er nach. Selbst kürzere Wegstrecken, vom Auto zum Flugzeug, schienen ihm Mühe zu bereiten. Treppen mutete seine Begleitung ihm nicht mehr zu. Zum erstenmal im Leben wurde Tito auch die Luft knapp. Bei seinem Neujahrsempfang saß der greise Politiker entgegen der Tradition auf einem Stuhl. Nach jedem halben Satz mußte er tief Atem holen.
Vor Vertrauten klagte Tito über die Schmerzen im linken Bein, die beim Laufen ganz unerträglich wurden -klassischer Hinweis auf die schweren Durchblutungsstörungen eines "Raucherbeins".
Dabei verengen sich, gefördert durch jahrzehntelangen Nikotinmißbrauch, die blutzuführenden Schlagadern. In die inneren Schichten der Gefäßwände lagern sich zuerst Fettzellen ein, die Wand verdickt und verhärtet sich, wird schließlich unelastisch.
Titos Arterienverkalkung ("Arteriosklerose") befiel im linken Bein nur einen begrenzten Gefäßabschnitt. Es gelang den behandelnden jugoslawischen Ärzten jedoch nicht, die gefährliche Behinderung des Blutdurchflusses mit Medikamenten zu bessern.
Anfang Januar, nach einer mehrtägigen Untersuchung im Klinikzentrum Ljubljana, dem unbestritten bestausgerüsteten Krankenhaus des Balkanstaates, riefen Titos Leibärzte ausländische Helfer herbei -- den berühmten amerikanischen Gefäßspezialisten Michael DeBakey und seinen Moskauer Kollegen Marat Knjasew.
Noch am Abend des 6. Januar gab der Staatschef den Medizinern in seiner Residenz ein Essen (siehe Photo). Doch wenige Stunden später kam es zu einer schwerwiegenden Komplikation. Im mangeldurchbluteten Raucherbein des Marschalls war die ohnehin heikle Balance zwischen Blutgerinnung und -verflüssigung nachhaltig gestört. Ein Blutpfropf hatte sich gebildet. Er gefährdete den gesamten Unterschenkel, drohte dort den gefürchteten Gewebebrand ("Gangrän") auszulösen. DeBakey und Knjasew rieten zur sofortigen Operation.
Im Regelfall wird das verschlossene Blutgefäß dabei durch eine körpereigene Ader, meist ein Stück von der großen Beinvene, ersetzt. Der Eingriff dauert rund eine Stunde und ist auch sehr alten Menschen zuzumuten. Weil aber Titos Beinvenen wegen ihrer Erweiterung als Schlagader-Ersatz nicht in Frage kamen, entschied sich das Ärzteteam für eine Kunststoff-Ader. S.101
Unter DeBakeys Aufsicht setzten jugoslawische Gefäßchirurgen ihrem Patienten die Plastikader ein -- eine Behandlungsmethode mit höherem Risiko. Bei Tito ging der Eingriff prompt schief. Die Kunststoffader verstopfte ebenfalls.
Mit dem Fehlschlag dieser Operation sanken Titos Chancen auf ein Minimum. Die seit Tagen anhaltende Mangeldurchblutung gefährdete nun nicht nur das Bein, sondern den ganzen Körper. Der Patient bekam, ausgehend von einer Keimbesiedlung am Bein, hohes Fieber. Er war vorübergehend nicht mehr ansprechbar.
Ein bettlägriger Patient im biblischen Alter, der auch noch hohes Fieber hat -- das gilt den Ärzten als "Signum mali ominis", als ganz böses Zeichen. Oft gehen dem Patienten innerhalb weniger Stunden alle Lebenskräfte verloren: Die Herzaktion wird schwächer, in der Lunge sammelt sich Wasser, der Kranke verliert die Orientierung über Ort, Zeit und Situation. Nicht so Tito.
Kaum wieder bei Besinnung, verbot er seinen Ärzten erst mal die große, vielleicht lebensrettende, wahrscheinlich aber tödliche Aktion: die Amputation seines linken Beines in Höhe des Oberschenkels.
Zu dieser allerletzten Behandlung, ihrer "Ultima ratio", greifen die Ärzte bei fortschreitendem Gewebetod einer Extremität. Erfahrungsgemäß beträgt das Risiko des Patienten, bei der Amputation nicht nur das Bein, sondern gleich auch das Leben zu verlieren, in Titos Alter mindestens fünfzig Prozent. Der Marschall muß das geahnt haben.
Am tödlichen Risiko der Operation änderte nichts, daß sich an Titos Krankenbett rund ein Dutzend prominenter Ärzte einfanden -- wie fast immer, wenn es mit einem Staatsmann zu Ende geht:
Bei Lenin drängelten sich 16 Doktoren aus drei Ländern, der Schah von Persien hat allein im letzten halben Jahr zwei Dutzend Ärzte gesehen, und selbst Mao erbat vor seinem Tod noch schnell den Rat eines deutschen Internisten. Dabei ist die Hoffnung, viel Ärzte könnten viel helfen, meist töricht. Eher gilt, was die Doktoren einander flüstern: Viele Ärzte sind des Kranken Tod.
Der energische Widerstand des befehlsgewohnten Marschalls gegen die Amputation hat ihn womöglich vor dem Tod "in tabula", auf dem OP-Tisch, bewahrt. Weil Titos Weigerung jedoch gleichzeitig die wohl letzte Chance einer ursächlichen Behandlung seines Leidens zunichte machte, kam am vergangenen Freitag das Fieber zurück, die Lunge lief voll Wasser.
S.100 Bei einem Essen für die Mediziner in Titos Residenz am 6. Januar. *

DER SPIEGEL 4/1980
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