16.03.1981

„Haß auf Fremde und Demokratie“

Ein Jahr lang untersuchte das Münchner Sinus-Institut im Auftrag des Bundeskanzleramtes den Rechtsdrall in der Bundesrepublik. Das Fazit alarmierte die Bonner Auftraggeber: 13 Prozent der westdeutschen Wahlbürger haben „ein ideologisch geschlossenes rechtsextremes Weltbild“, die Hälfte von ihnen sympathisiert mit Gewalt und Terror.
Seit Monaten halten die Beamten des Kanzlers eine Studie unter Verschluß. Allzu brisant erscheint ihnen, was die Meinungsforscher über den Rechtsdrall unter Westdeutschen recherchiert haben.
Anfang 1979 hatte die Planungsabteilung des Kanzleramts das Münchner Sinus-Institut beauftragt, die Anfälligkeit der Bundesbürger für rechtsradikale Parolen zu erkunden. Aufgeschreckt von der "Hitler-Welle" an Schulen, den mit Nazi-Emblemen dekorierten Punks, der steigenden Auflage von NS-Propaganda-Schriften und von Gewalttaten rechtsextremer Fanatiker, wollten die Bonner wissen,
* welches Welt- und Feindbild die extreme Rechte hat und wie sie das politische und ökonomische System der Bundesrepublik beurteilt;
* aus welcher sozialen Schicht sich die rechten Radikalen rekrutieren und in welcher Altersgruppe sie Anklang finden;
* wie groß das Potential jener Bürger ist, die mit militanten Aktionen sympathisieren.
Ein Jahr lang sammelten und sichteten die Sinus-Leute Zeitschriften und Flugblätter, Bücher und Broschüren, sie befragten NPD-Mitglieder und Punks, militante Sektierer und studentische Burschenschaftler. Die Ergebnisse der "psychologischen Tiefeninterviews", insgesamt 160 Stunden Wortprotokolle, hielten sie auf Tonband fest. Zusätzlich befragten sie einen repräsentativen Querschnitt von 6968 wahlberechtigten Westdeutschen.
Um den Überhang nach rechtsaußen einigermaßen exakt messen zu können, entwickelten die Datensammler zunächst eine "Rechtsextreme Einstellungsskala" (RES) und, um auch "Brücken" von rechtsextremem zu autoritärem Denken zu finden, eine "Autoritäre Einstellungsskala" (AES).
So gingen sie der Frage nach, ob die klassischen Merkmale rechtsextremer Weltbilder -- Führerkult, Antisemitismus, überhöhter Nationalismus -nach wie vor zur Kernideologie gehören und ob neue aktuelle Inhalte das alte Inventar ergänzen.
Das alarmierende Fazit: "Insgesamt 13 Prozent der Wahlbevölkerung (rund 5,5 Millionen) haben ein ideologisch geschlossenes rechtsextremes Weltbild, dessen Hauptstützen ein nationalsozialistisches Geschichtsbild, Haß auf Fremdgruppen, Demokratie und Pluralismus sowie eine übersteigerte Verehrung von Volk, Vaterland und Familie sind."
Und: Fast die Hälfte dieser extremen Rechten, nämlich etwa sechs Prozent der Wahlbevölkerung, billigen politisch motivierte Gewalt bis hin zum Terror gegen Menschen. Während bislang stets nur von der Sympathisanten-Szene linker Terroristen die Rede war, zeigt sich nunmehr das Ausmaß des rechten "Gewaltpotentials".
Die Annahme, der Terror von rechts sei lediglich eine Sache von Einzelgängern oder Wirrköpfen, lasse sich, so die Sinus-Untersuchung, nicht halten: " Gewaltsamkeit - bis hin zur physischen Vernichtung des " " Gegners - ist ein Wesenszug rechtsextremen Denkens und " " Handelns. Die fast mythologische Verehrung der Gewalt und der " " unerschütterliche Glaube an ihre konfliktlösende, reinigende " " Kraft kennzeichnen die Gefährlichkeit des neonazistischen " " Terrorismus in der Bundesrepublik. Die Formen konkreter " " Gewalthandlungen und die Zahl der Opfer sind dabei im Grunde " " beliebig, eine Frage taktischen Kalküls, da ja im " " rechtsextremen Denken keine ethischmoralischen Grenzen der " " Grausamkeit angelegt sind. Ziellos tötende Attentate wie in " " München und Anschläge auf Asylantenunterkünfte entsprechen " " daher durchaus der entsetzlichen Logik rechtsextremer " " Gewaltsamkeit. Sie sind nicht Randerscheinung, sondern " " Konsequenz. "
Bei den Interviews und in den Dokumenten fanden die Sinus-Leute "zahllose Hinweise" auf wachsende Bereitschaft zur Gewalt. Mitglieder von militanten Neonazi-Gruppen gaben offen zu, sie wollten, als Antwort auf den Terror von links, ebenfalls in den Untergrund gehen.
Die aus den USA gesteuerte "NSDAP Auslandsorganisation" propagiert in Broschüren und Zeitschriften den gewaltsamen Sturz des "Bonner Verratsregimes" und veröffentlicht Morddrohungen. Anonyme Gruppen werben um Geldspenden für kriminelle Taten unter anderem mit der Parole: "Freiheit = Besatzer raus! Parteien weg! Verräter tot!"
Die Mitglieder militanter Gruppen ließen auch bei den Befragungen durchblicken, daß sie einen grundlegenden Wandel mit "radikalen Mitteln" erreichen wollen. Sie fordern eine national-autoritäre oder offen diktatorische Staatsordnung, verherrlichen Hitler, verharmlosen die Judenverfolgungen S.54 "der finden sie allenfalls "inopportun". Der Sinus-Bericht: Im " " Vordergrund der Persönlichkeit dieser Befragten steht ein " " unverhüllter Männlichkeitswahn mit Werten wie Kampf, Härte " " und Bewährung. Entsprechend wird in dieser Gruppe auch die " " Wehrsportgruppe Hoffmann als die sympatischste Organisation " " eingestuft. Rechtsextreme Jugendorganisationen wie die " " Wiking-Jugend scheinen auf Grund ihrer paramilitärischen " " Aktivitäten auf diesen Personenkreis eine besondere " " Anziehungskraft auszuüben und unter ihren Mitgliedern eine " " besonders hohe Zahl zum Rechtsextremismus neigender Personen " " zu haben. "
Der Drang nach rechts ist unter den Bundesbürgern verschieden ausgeprägt: Gewerkschafter sind weniger anfällig, dagegen Landwirte besonders. Unter den Ländern liegt Bayern, aber auch Hessen vorn. Überdurchschnittlich viele Rechtsradikale kommen aus Dörfern zwischen 2000 und 5000 Einwohnern, aus Kleinstädten und den Randzonen der Metropolen. Oft haben sie keine Berufsausbildung.
In der Altersstruktur ergibt sich eindeutig ein Übergewicht der Älteren, bei den Rechtslastigen dominieren die über 50jährigen, also die Kriegsgeneration. Bundesbürger unter 40 dagegen sind weitgehend resistent gegen jede Art von Neonazismus.
Nur vier Prozent von denen, die dem Rechtsextremismus zugerechnet werden müssen, sind 18 bis 21 Jahre alt, bei einem Anteil dieser Altersgruppe an der Wahlbevölkerung von acht Prozent. Aber 20 Prozent sind 60 bis 69 Jahre alt (Anteil an der Wahlbevölkerung: 14 Prozent). Selbst potentielle Terroristen sind unter den Jungen kaum zu finden: Nur fünf Prozent der Befragten, die sich zur Gewalt bekennen, sind zwischen 18 und 21 Jahren, 59 Prozent dagegen älter als 50 Jahre.
Punks, Rocker und Jugendsekten, die bisweilen schon als Vorboten einer neuen rechtsextremen Jugendbewegung gesehen werden, sind nach dem Sinus-Befund nur eine "hilflos autoritäre, im Kern völlig unpolitische Spielart des modernen Jugendeskapismus".
Über Politik wissen sie extrem wenig. Sie tragen eine "markige Fassade" zur Schau, hinter der sich "eine amorphe, vorwiegend gegen "remdgruppen (Ausländer) gerichtete Gewaltbereitschaft verbirgt": " " Das Zur-Schau-Tragen nationalsozialistischer Devotionalien " " ist weniger eine politische Manifestation als die " " Stilisierung jugendlich-eskapistischen Protestes. Dieser " " Protest und die damit verbundene Gewaltbereitschaft könnte " " allerdings - zumindest punktuell - von rechtsextremen " " Organisationen für eigene Zwecke umgelenkt und ausgenutzt " " werden. Wir fanden Hinweise auf Bemühungen seitens der Jungen " " Nationaldemokraten, Rockerbanden zunächst zu betreuen, um sie " " später wohl zu integrieren. Ob dies dauerhaft gelingen wird, " " ist jedoch zu bezweifeln, da Rocker und Punker in zentralen " " NPD-Parteitag 1980 in Augsburg: Eine einzige starke Partei " " soll regieren Rechte Heldengedenkfeier: "Unverhüllter " " Männlichkeitswahn" Bereichen rechtsextremen Denkens " " (Antimaterialismus, Kulturkritik, Sexualfeindlichkeit, " " vaterländische ldeologie) völlig konträre Denk- und " " Verhaltensmuster aufweisen. "
Die Jungen Nationaldemokraten haben nach dem Bericht eine "Sonderrolle". Während die alten NPD-Mitglieder die Hoffnung auf die Wiederkehr des Vorgestern aufgegeben haben, entwickeln sie "ein Avantgarde-Bewußtsein". Unter den Angehörigen dieser Gruppe wächst die Neigung zu Gewalt, aber auch die Sympathie für die Grünen.
Die "Öko-Rechte" haben die Meinungsforscher aus München als neuen Rechtsableger ermittelt. Sie knüpft an einstmals bekannte Vorstellungen von Rassehygiene, Heimat und Volksreinheit an und "etrachtet sich als Teil der Grünen Bewegung. Sinus: Durchgängige" " Motiv für die Einstellung zu fast allen Problembereichen ist " " eine Sehnsucht nach der heilen Welt, die sich nicht nur auf " " den Umweltschutz erstreckt, sondern ebenso auf " " Ordnungsmodelle. Zentrale Werte bilden das Volk als " " natürliche Lebensgemeinschaft sowie der Begriff Gesundheit im " " weitesten Sinne. "
In jüngster Zeit, so der Sinus-Bericht, hätten sich Kontakte der Rechtsextremen zur Grünen-Szene verstärkt. So wurde etwa die Grüne Liste Umweltschutz in Rheinland-Pfalz auf Veranlassung der NPD gegründet. Der Anteil der Öko-Rechten an der Wahlbevölkerung ist erklecklich: zwei Prozent, die zu den 13 Prozent traditionell Rechten hinzugerechnet werden müssen.
Die Sinus-Autoren haben versucht, ein für alle Gruppen gemeinsames "ideologisches Grundmuster" herauszuarbeiten: Die grundlegenden Verfassungswerte lehnen diese Gruppen ebenso ab wie die demokratisch-rechtsstaatlichen Regeln für den Erwerb politischer Macht.
Deutlicher noch wird die Ideologie der extremen Rechten durch die Beschreibung ihrer eigenen Werte, ihrer Ängste und Ziele.
"Inhaltliches Rückgrat" bildet ein "reaktionäres Menschenbild": Haßerfüllt lehnen sie ab, was sie als fremd empfinden, etwa die Jugend, sexuelle Minderheiten und Asoziale. Wenn man alle Drückeberger und Verbrecher loswerden könnte, so glauben sie, wären die meisten Probleme gelöst. Homosexualität ist für sie "widernatürlich". Gäbe es wieder Arbeitslager, kämen "Zucht und Ordnung" von allein.
Die Jugend ist nach dieser rechten Ethik generell "verdorben". Kinder müßten wie "junge Hunde" erzogen werden, die durch Schläge lernen, wieweit sie gehen dürfen. Der Strafvollzug sei zu weich, die Todesstrafe müsse wieder eingeführt werden, überhaupt hätten die NS-Gesetze ruhig übernommen werden sollen, um "härteres Durchgreifen" zu ermöglichen. Vor allem gegen Terroristen sollten ganz andere S.58 Methoden angewandt werden, kurze Prozesse, KZ, Todesstrafe. Denn: "Etwas anderes hilft da nicht."
Die Bundeswehr -- in der Sprache der Rechtsextremisten "Wehrmacht" -- ist ein "Gammelhaufen", das Recht auf Wehrdienstverweigerung "ein Kuckucksei der Verfassung".
In der auf einen koreanischen Messias fixierten Mun-Sekte hat der Kampf gegen Kommunisten überragende Bedeutung, wobei fast alle Mittel recht scheinen. Eine "Endlösung" aber ist nur durch den Dritten Weltkrieg möglich, den die Mun-Anhänger für unvermeidlich halten.
Auch das klassische Merkmal rechtsextremer Einstellung, das Gefühl der Bedrohung, das an historischen und aktuellen Anlässen erkennbar wird, haben die Sinus-Rechercheure reichlich entdeckt: Den Amerikanern ist zu verdanken, "daß bei uns alles drunter und drüber geht". Der "Geburtsfehler" der Bundesrepublik ist das aufgezwungene politische System, die führenden Politiker sind nur "Marionetten der Sieger". Auch heute noch werden die "nationalen Kräfte" unterdrückt.
Die wahrhaft "tödliche Bedrohung für unser Volk" jedoch sind die Gastarbeiter, die das Land "überfremden" und damit den Bestand, die Rasse und die Identität des deutschen Volkes gefährden. Originalton: "Bald müssen die Deutschen in die Löcher krabbeln, und die anderen sind die Herren."
Die stereotypen Argumente: "Die Fremdarbeiter" nehmen den Deutschen die Arbeit weg, sind Drückeberger und streichen Kindergeld zu Lasten deutscher Steuerzahler ein. Wenn es so weitergehe, drohe eine "ungeheure Katastrophe".
Die Ablehnung des gesellschaftlichen Pluralismus und das Bedürfnis nach Harmonie stellen die Sinus-Autoren als weitere Kennzeichen des rechtsextremen Weltrasters heraus. Vor allem an diesen Merkmalen zeige sich der Kontrast zu den im Grundgesetz festgeschriebenen Basiswerten der demokratischen Gesellschaft und die Neigung zum "Führerstaat": "Eine einzige starke Partei" sollte regieren, die wirklich die Interessen aller Schichten des Volkes vertritt. Die herrschenden Parteien und die Gewerkschaften schaden dem Allgemeinwohl, ihre Streitereien zersetzen die Gemeinschaft.
Das Parlament wird als ineffizient und als "unfähiger Debattierklub" abqualifiziert, Politiker sind "Regierungs-" oder "Gesinnungslumpen", die kein Vertrauen verdienen, "weil jeder seine Sekretärin auf dem Schoß hat", so ein NPD-Mann. "Die vertreten nur ihren Eigennutz und ihre Hurerei."
Meinungsfreiheit lehnen die Militanten, aber auch die NPD-Mitglieder unter den Befragten strikt ab: Intellektuelle, "die schreiben nur und schaffen nichts", und "80 Prozent der Journalisten gehören sofort eingesperrt".
Demokratie, so ein militanter Rechtsextremist bündig, ist der "falsche Denkansatz". Und ein NPD-Mitglied erklärt: "Der Deutsche ohne Druck und Führung ist der größte Sauhaufen, der auf Gottes Boden existiert." Beweis: "Das sehen wir jetzt in Bonn."
"Wie früher" sollte die Führung im Staat wieder einem Mann anvertraut werden, der über allem Parteigezänk steht. Dieses Führerprinzip ist schon in der "Hackordnung" des Tierreiches angelegt, für Mun-Jünger ist es "gottgewollt". Die Öko-Gruppen verweisen auf die naturgegebene Ungleichheit des Menschen.
Für fast alle Rechtsextremen hat das "Dritte Reich" noch immer "Vorbildcharakter", aus unterschiedlichen Gründen. "Das waren Taten", begeistert sich ein Militanter, "die man noch heute bewundern kann."
In zahlreichen Interviews werden Institutionen wie Reichsarbeitsdienst, Hitlerjugend und Wehrmacht als Vorbild angegeben. Die "Volksgemeinschaft" habe ein heute "vermißtes Gefühl der Geborgenheit" vermittelt, der Staat "Zucht und Ordnung" garantiert.
Ungeniert feiern die Unverbesserlichen Hitler als Helden und Staatsmann. Zitate von Hitler, Goebbels und anderen Nazis finden sich in rechten Publikationen wie Marx- und Mao-Zitate in denen der Linken.
Die Judenverfolgung billigen die meisten ganz offen, nur das Ausmaß finden einige "übertrieben", andere reden von der "Vergasungslüge". Zumindest latent ist Antisemitismus bei allen Rechtsextremisten feststellbar, offen bei Militanten und NPD-Anhängern, die den zu großen Einfluß der Juden auf Wirtschaft und Politik beklagen.
Den Weltkrieg hat Hitler nach Ansicht vieler Befragter nicht gewollt. Schuld haben vielmehr die Westmächte und der deutsche Widerstand; Sabotage von innen hat schließlich in die Niederlage geführt.
Nach rückwärts wenden sich die Rechtsradikalen auch deshalb voll Wehmut, weil damals Volk, Vaterland und Familie noch etwas galten und die Sehnsucht nach Harmonie und Geborgenheit befriedigten.
Diese Begriffe werden, laut Sinus-Studie, "pathologisch überhöht", ein allgemeiner Werteverfall wird als "Dekadenz" bejammert. Materialismus und Wohlstand seien ein "Verderben für das Volk" (NPD-Anhänger), Antibaby-Pille und Abtreibung. Porno-Welle, Geburtenrückgang, Alkoholismus und Kriminalität Zeichen des kulturellen Niedergangs. Deutschtum, so die Forderung, soll "rein erhalten" bleiben.
Weit verbreitet sind Ressentiments gegen die Amerikaner, die nach dem Krieg versucht hätten, die Deutschen "von den bisher geltenden Werten Nationalgefühl, Anstand, Sitte, Treue, Vaterlandsliebe" zu lösen. Durch Umerziehung haben die Besatzer die Besiegten "ihrem Wesen entfremdet" und "geschichtlich entwurzelt", den Deutschen eine fremde Kultur aufgepropft: "Coca-Cola-Imperialismus, Beat-, Drogenkultur, Diskowelle, Hollywood und Jeanswelle."
Ein NPD-Mann: "Die Amerikaner haben uns den Augiasstall gebracht." Der Nationalsozialismus hingegen, so S.60 ein anderer, habe der "Volksseele Frieden gebracht".
Schließlich konstatieren die Verfasser des Sinus-Berichts einen "Siegfried-Komplex": Der Stolz, Deutscher zu sein, verbindet sich mit der Kritik an der "Marionettenregierung von Amerikas Gnaden". "ieser Komplex bündelt Statements, die sich am ehesten durch das " " Scenario vom aufrechten deutschen Recken, der von tückischen, " " listigen, intelligenten Feinden umlauert ist, beschreiben " " lassen. Hier gehen Angst, Nationalismus, Männlichkeitswahn " " und Fremdenhaß ihre typisch rechtsextreme Mischung ein. " " Interessant ist, daß die Feindbilder des Nationalsozialismus " " (linke Journalisten, linke Intelligenz, Freimaurer, Juden, " " das Ausland) ungebrochene negative Symbolkraft für die " " Rechtsextremen besitzen. "
Anfällig für die verquast-gefährliche Rechtsideologie sind freilich nicht nur Extremisten, sondern auch politisch unbedarfte Bürger, bei denen ähnliche Gefühle, Ängste oder Wünsche virulent sind. Anhand einer "autoritären Einstellungsskala" spürten die Befrager und Auswerter Bereiche auf, "in denen rechtsextreme Propaganda mit Aussicht auf Erfolg operieren könnte".
Viele Deutsche halten etwa Begriffe wie Treue, Fleiß und Pflichtbewußtsein als Werte an sich hoch; sie haben Angst, ihr Leben werde von geheimen Abmachungen und Plänen kontrolliert; sie meinen, durch zunehmenden Luxus würden die Menschen verseucht, der Wohlstandsegoismus zerstöre das natürliche Empfinden für die "olksgemeinschaft. Der Sinus-Bericht: Inhaltlich dokumentiert die"e " Skala unspezifische Gefühle des Bedrohtseins, der " " Verlorenheit, der Orientierungs- und Machtlosigkeit. Es wird " " ein Kulturpessimismus sichtbar, der antipluralistische, zum " " Teil antidemokratische Züge trägt. Die Ausschließlichkeit, " " mit der vermeintlich typisch deutsche Eigenschaften wie " " Treue, Fleiß und Pflichtbewußtsein für die eigene Nation " " beansprucht werden, erinnert an rechtsextremistischen " " Ethnozentrismus und Fremdenhaß. "
Gefährlich erscheint den Sinus-Leuten dieser Befund vor allem, weil die Extremisten eine solche "Grundstimmung der Verlorenheit und Machtlosigkeit" leicht ausnutzen könnten. Auch die Sehnsucht nach "nationaler Identität" und einer heilen Welt, die "von industriegesellschaftlichen Konflikten befreit" ist, könne leicht umgemünzt werden. Die Ausländerfeindlichkeit zeige bereits heute, "wie rasch sich diese spezifischen Gefühle der Bedrohung und politischen Ohnmacht konkretisieren und politisch mobilisieren lassen".
Immerhin 37 Prozent der Bürger sind nach Sinus-Maßstäben "autoritär disponiert", lehnen freilich Führerkult, Militarismus und die Nazis ab. Aber 18 Prozent der westdeutschen Wähler sagen heute noch: "Unter Hitler hatte es Deutschland eigentlich besser."
S.51
Gewaltsamkeit - bis hin zur physischen Vernichtung des Gegners - ist
ein Wesenszug rechtsextremen Denkens und Handelns. Die fast
mythologische Verehrung der Gewalt und der unerschütterliche Glaube
an ihre konfliktlösende, reinigende Kraft kennzeichnen die
Gefährlichkeit des neonazistischen Terrorismus in der
Bundesrepublik. Die Formen konkreter Gewalthandlungen und die Zahl
der Opfer sind dabei im Grunde beliebig, eine Frage taktischen
Kalküls, da ja im rechtsextremen Denken keine ethischmoralischen
Grenzen der Grausamkeit angelegt sind. Ziellos tötende Attentate wie
in München und Anschläge auf Asylantenunterkünfte entsprechen daher
durchaus der entsetzlichen Logik rechtsextremer Gewaltsamkeit. Sie
sind nicht Randerscheinung, sondern Konsequenz.
*
S.54
Im Vordergrund der Persönlichkeit dieser Befragten steht ein
unverhüllter Männlichkeitswahn mit Werten wie Kampf, Härte und
Bewährung. Entsprechend wird in dieser Gruppe auch die
Wehrsportgruppe Hoffmann als die sympatischste Organisation
eingestuft. Rechtsextreme Jugendorganisationen wie die Wiking-Jugend
scheinen auf Grund ihrer paramilitärischen Aktivitäten auf diesen
Personenkreis eine besondere Anziehungskraft auszuüben und unter
ihren Mitgliedern eine besonders hohe Zahl zum Rechtsextremismus
neigender Personen zu haben.
*
Das Zur-Schau-Tragen nationalsozialistischer Devotionalien ist
weniger eine politische Manifestation als die Stilisierung
jugendlich-eskapistischen Protestes. Dieser Protest und die damit
verbundene Gewaltbereitschaft könnte allerdings - zumindest
punktuell - von rechtsextremen Organisationen für eigene Zwecke
umgelenkt und ausgenutzt werden. Wir fanden Hinweise auf Bemühungen
seitens der Jungen Nationaldemokraten, Rockerbanden zunächst zu
betreuen, um sie später wohl zu integrieren. Ob dies dauerhaft
gelingen wird, ist jedoch zu bezweifeln, da Rocker und Punker in
zentralen NPD-Parteitag 1980 in Augsburg: Eine einzige starke Partei
soll regieren Rechte Heldengedenkfeier: "Unverhüllter
Männlichkeitswahn" Bereichen rechtsextremen Denkens
(Antimaterialismus, Kulturkritik, Sexualfeindlichkeit,
vaterländische ldeologie) völlig konträre Denk- und Verhaltensmuster
aufweisen.
*
S.55
Durchgängiges Motiv für die Einstellung zu fast allen
Problembereichen ist eine Sehnsucht nach der heilen Welt, die sich
nicht nur auf den Umweltschutz erstreckt, sondern ebenso auf
Ordnungsmodelle. Zentrale Werte bilden das Volk als natürliche
Lebensgemeinschaft sowie der Begriff Gesundheit im weitesten Sinne.
*
S.60
bündelt Statements, die sich am ehesten durch das Scenario vom
aufrechten deutschen Recken, der von tückischen, listigen,
intelligenten Feinden umlauert ist, beschreiben lassen. Hier gehen
Angst, Nationalismus, Männlichkeitswahn und Fremdenhaß ihre typisch
rechtsextreme Mischung ein. Interessant ist, daß die Feindbilder des
Nationalsozialismus (linke Journalisten, linke Intelligenz,
Freimaurer, Juden, das Ausland) ungebrochene negative Symbolkraft
für die Rechtsextremen besitzen.
*
Inhaltlich dokumentiert diese Skala unspezifische Gefühle des
Bedrohtseins, der Verlorenheit, der Orientierungs- und
Machtlosigkeit. Es wird ein Kulturpessimismus sichtbar, der
antipluralistische, zum Teil antidemokratische Züge trägt. Die
Ausschließlichkeit, mit der vermeintlich typisch deutsche
Eigenschaften wie Treue, Fleiß und Pflichtbewußtsein für die eigene
Nation beansprucht werden, erinnert an rechtsextremistischen
Ethnozentrismus und Fremdenhaß.
*
S.51 Im April 1979 in Arolsen. * S.58 1979 in Oldenburg. *

DER SPIEGEL 12/1981
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