04.08.1980

Welch ein hoheitsvoller Trotzkopf

SPIEGEL-Redakteur Erich Wiedemann beim Schah-Begräbnis
Die ägyptischen Einbalsamierungskünstler sind auch nicht mehr, was sie vor 3000 Jahren mal waren. Zum erstenmal seit Jahrzehnten haben sie die Chance, sich und ihre Kunst mit einem respektablen Werkstück wieder in Erinnerung zu bringen. Aber sie lassen sie ungenutzt:
Die Gilde kann sich nicht einigen, wem das ehrenvolle Mandat zufallen soll, und so wird der Auftrag vom Präsidialbüro ohne Angabe von Gründen ersatzlos gestrichen. Die berühmteste Kairoer Leiche seit Gamal Abdel Nasser wird in Formalin getunkt, ansonsten aber unpräpariert auf den Weg allen Fleisches geschickt.
Ex-Schah Resa Pahlewi, schon zu Lebzeiten ständiger Reibstein widerstreitender Interessen, bleibt auch im Tode umstritten. Neben den Mumifizierern läßt er auch die Ärzte in Streit und Hader zurück, die monatelang um sein Leben gerungen haben.
Gleich am Tag nach seinem Hinscheiden meldet sich ein Sprecher der Ärzteschaft in der Regierungszeitung "Al Ahram" mit einem ruppigen J''accuse gegen den amerikanischen Schah-Chefarzt DeBakey zu Wort, dem das Skalpell viel zu locker gesessen habe. DeBakey habe ständig an dem Patienten herumgeschnippelt, obwohl es auch mit Medikamenten gegangen wäre. Zum Schluß hätte er ihm gar ein Stück zu viel abgeschnitten. Welches Stück, steht nicht in "Al Ahram".
DeBakey kontert souverän. Er läßt die einheimischen Ärzte spüren, daß sie in seinen Augen eine Bande von arrivierten Kamel-Doktoren sind: Wenn sie den Patienten nicht ständig mit Chemikalien vollgepumpt hätten, hätte der gut noch ein paar Jahre leben können.
Am schlimmsten trifft es die in Kairo akkreditierten Diplomaten. Der Disput um die Teilnahme an den Beisetzungsfeierlichkeiten wogte bereits in Amtszimmern und auf Cocktailpartys, als die Direktion des Militärkrankenhauses in Maadi noch zweimal täglich Genesungsnachrichten verbreitete. Politisch hatte der Ajatollah Chomeini das "Licht der Arier" schon vor Jahresfrist ausgeknipst. Doch für die Westmächte kam es auch noch darauf an, eine obsolete Freundschaft mit Anstand zu begraben.
Die Amerikaner waren am schlimmsten dran. Jimmy Carter hatte an die Geiseln in der US-Botschaft in Teheran zu denken, die ihre inzwischen neunmonatige Gefangenschaft in erster Linie Carters demonstrativer Gastfreundschaft gegenüber dem gestürzten Perserkaiser verdanken; er durfte aber auch die Gefühle jener Amerikaner nicht außer acht lassen, die Freundestreue über politische Vernunft stellen. S.113
Als ausgerechnet Richard Nixon am Montagnachmittag stellvertretend für alle Amerikaner unter den Klängen von "Stars and Stripes for ever" und zu Salutschüssen und wehendem Sternenbanner in Kairo aus der TWA-Boeing kletterte und mit staatsmännisch ausgebreiteten Armen seinem Gastgeber, Anwar el-Sadat, entgegeneilte, gab es für Carter keinen Ausweg mehr. US-Botschafter Alfred Atherton mußte nun gleichfalls Flagge zeigen.
Auch die Westeuropäer verzehren sich in gequältem Ringen um die rechte Form der Repräsentation. Soll man präsent sein, nur ein bißchen oder besser gar nicht?
Die meisten entscheiden sich für gar nicht, die Regierung von Frau Thatcher für ein bißchen: Statt des Botschafters wird der Charge d''Affaires zur Teilnahme verdonnert. Es lebe der kleine Unterschied.
Die Franzosen, denen die Felle in Teheran ohnehin längst weggeschwommen sind, obwohl der Ajatollah noch letztes Jahr ihr Asyl genoß, setzen auf volle Präsenz. Ebenso die Israelis. Aber die haben sowieso nichts zu verlieren.
Dem Bonner Botschafter Hans-Joachim Hille gelingt ein diplomatisches Husarenstück. Er entscheidet sich -angeblich auf Weisung aus Bonn -erst am Dienstag früh, eine Stunde vor dem Beginn der offiziellen Feierlichkeiten, fürs Dabeisein. Der Trick gelingt: Präsident Sadat bemerkt wohlgefällig, daß ihn wenigstens die Deutschen nicht im Stich lassen. Und in Teheran merkt''s keiner, weil Hille wegen seiner späten Meldung nicht mehr auf die von der Presse verbreitete Liste der Teilnehmer kommt.
Den arabischen Sympathisanten hat Sadat von vornherein die Peinlichkeit einer Absage erspart, indem er sie gar nicht erst einlud. Nur König Hassan von Marokko ist aus der Boykottfront ausgeschert. Er hat General Mulai Hassid Alawi nach Kairo geschickt.
Ex-König Konstantin von Griechenland und der italienische Business-Prinz Viktor Emanuel, der dem Schah zu dessen Glanzzeiten als Lobbyist einer französischen Helikopterfirma verbunden war, sind gleichfalls mit von der Partie -- in zweiter Linie, versteht sich, weil sie dem von Sadat beabsichtigten politischen Zweck der Feier nicht dienlich sind.
Ex-Schah Resa hatte zwar um eine kleine Feier gebeten. Einmal -- wenn auch posthum -- hatte er bescheiden sein wollen. Aber man hat ihn nicht gelassen. Für Sadat ist die Beisetzung seines Freundes ein schmerzlicher, gleichwohl willkommener Anlaß, erneut seine trutzige Souveränität zu beweisen. Er hat Geschmack gefunden an historischen Alleingängen, obwohl er sich, welch ein hoheitsvoller Trotzkopf, darüber klar ist, daß diesmal kein Nobelpreis zu gewinnen ist.
Obwohl es sich, wie regierungsamtlich verlautbart, nur um ein "offizielles", nicht um ein "Staatsbegräbnis" handelt, hat Sadat das Protokoll voll aufdrehen lassen: Flaggen, Hymnen, Kanonendonner. Alles wie bei der Beerdigung eines richtigen Staatschefs.
Sechs schwarze Hengste ziehen den Katafalk, eine Geschützlafette aus dem letzten Israel-Krieg, vom Abdin-Palast aus die Mohammed-Ali-Straße hinunter, die man in Kairo unter Anspielung auf ihre Bewohnerschaft auch die "Straße der Tänzerinnen" nennt. Dem Leichenwagen folgen drei Offiziere, die dem Toten auf Samtkissen die zahlreichen Orden und Ehrenspangen hinterhertragen.
Während die Kanonen ihre 21 Schuß Ehrensalut herunterböllern, treten Sadat und die zwei Pahlewi-Söhne Resa Cyrus und Ali Resa in der Gruft, die in den 40er Jahren vorübergehend schon den Leichnam von Pahlewi Senior beherbergte, zum Gebet an. Witwe Farah und Schwester Aschraf müssen draußen bleiben, weil das weibliche Element -- daher auch keine Stuten -- bei solchen Anlässen als unrein gilt.
Die zwei Kilometer lange Trauerstrecke vom Abdin-Palast bis zur Rifai-Moschee ist von Tausenden Polizisten gesäumt. Alle zwei Meter steht einer. Auf den Dächern hocken Scharfschützen mit Präzisionsgewehren. Aber es zeigt sich nicht einmal ein Anflug von Widerstand gegen das Beisetzungsspektakel. Am El-Tachrir-Platz im Zentrum der Stadt sollen zwar morgens ein paar Plakate mit der offensichtlich widersinnigen Aufschrift "Tod dem Schah" gesichtet worden sein. Es gab vereinzelt Proteste von rechten Moslembrüdern und linken Nasseristen. Und "El Dawa", das Organ der Moslembruderschaft, hat Anstoß daran genommen, daß Jung-Resa die Bars und Diskotheken in "Sahara-City" verunsicherte, während sein Vater mit dem Tode rang.
Aber für die breite Masse der Ägypter war der Schah, ob tot oder lebendig, längst kein Reibstein mehr. "Viel Zirkus um nichts", sagt Fuad, der Mangosaft-Verkäufer aus der Kasr-el-Nil-Straße. "Wir haben andere Sorgen."
Daß Sadat dem todkranken Flüchtling Asyl am Nil angeboten hat, findet Fuad in Ordnung. Gastfreundschaft auch gegenüber ungeliebten Gästen ist noch immer eine der besten arabischen Tugenden. Und daß der Schah ein Diktator war, ist für Fuad und die meisten Muselmanen nun wirklich kein Grund, ihn zu hassen. Dazu sind Mord und Folter als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln zwischen Casablanca und Karatschi viel zu unumstritten.
Und unter den Gewaltdespoten der Dritten Welt stand dem Schah -- wenn man die Mordquoten seiner Geheimpolizei als Kriterium nimmt -- keineswegs der Spitzenplatz zu.
Er war überhaupt viel durchschnittlicher, als seine Cäsaren-Allüren ihn immer erscheinen ließen. Aber das wurde den meisten erst in den letzten anderthalb Jahren seines Lebens klar.
Nur einer hat ihn viel früher durchschaut: Ajatollah Ruholla Chomeini, dessen Revolvermänner ihn rings um den Globus hetzten, ehe er seinen Rächern ganz trivial im Bett wegstarb. In einer Audienz hatte Resa Pahlewi dem rebellischen Kirchenpatriarchen Anfang der 60er Jahre gedroht: "Wenn ihr weiterhin Unsinn macht, dann ziehe ich die Schuhe meines Vaters an." Der Ajatollah, so heißt es, sei ganz gelassen geblieben. "Die Schuhe deines Vaters", sprach er zu seinem Herrscher, "die sind dir doch viel zu groß."
Für Anwar el-Sadat freilich war er zeitlebens, und auch noch im Tod, ein großer Mann, wobei offenbleibt, ob er ihm nur aus Mitgefühl die letzte Ehre erwies. Schah Resa, so erzählt man sich in Geschäftskreisen der Hauptstadt, hat den Ägyptern aus seinem Fluchtgeld-Fundus Milliarden-Investitionen versprochen. Die fünf Millionen Mark für das Mausoleum auf der Nil-Insel bei Assuan, wo Pahlewi später endgültig ruhen soll, sind erst der Anfang.
S.112 Erste Reihe: Ex-Kaiserin Farah, Ex-Präsident Nixon, Schah-Schwester Aschraf, Schah-Sohn Resa Cyrus, Sadat. *
Von Erich Wiedemann

DER SPIEGEL 32/1980
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