16.03.1981

VERBRECHENMerkwürdigster Fall

Schon einen Tag nachdem die Leiche der entführten Cornelia Becker gefunden war, schien der Mord aufgeklärt, ein Täter gefunden. Seither aber sind die Strafverfolger leise geworden - das Drama birgt viele Rätsel.
Fast zwei Monate lang bangte ein erheblicher Teil der Nation mit den Eltern, die Blätter überboten sich in Spekulationen, der Papst bat bei seinem Deutschlandbesuch um Erbarmen für die Entführte, die Polizei war ratlos.
Dann, am Samstag vor Weihnachten letzten Jahres, wurde zufällig, in einer Tannenschonung bei Karlsruhe, die Leiche der elfjährigen Cornelia Becker gefunden, eingehüllt in einen blauen Müllsack.
Das Kind, Tochter eines Lackherstellers, war am 3. November morgens um sieben Uhr auf dem Schulweg im elterlichen Wohnort Weingarten entführt worden. Ersten Untersuchungen zufolge hatte der Täter Cornelia schon kurz danach mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen.
Einen Tag nach dem Fund der Leiche wurde der Karlsruher Diplom-Volkswirt Günther Adler, 47, festgenommen. Drei Bürger wollten anhand der polizeilichen Tonbänder seine Stimme als die jenes Mannes erkannt haben, der die Eltern Becker um zwei Millionen Mark Lösegeld zu erpressen versucht hatte.
Seither ist es ungewöhnlich still geworden um den Mordfall, der so rasch aufgeklärt schien. Und manches deutet darauf hin, daß die scheinbar so zügige Strafverfolgung auf der Stelle tritt -- oder gar auf dem falschen Weg ist.
Der bislang unbescholtene und nicht vorbestrafte Adler, Vater von fünf Kindern zwischen zehn und 21 Jahren, sitzt nun seit mehr als zwei Monaten in Untersuchungshaft unter dem Verdacht, der alleinige Entführer, Erpresser und Mörder von Cornelia Becker S.114 zu sein. Anfang Januar hatte der Karlsruher Staatsanwalt Hans Frey für die Ermittlungsbehörde optimistisch erklärt: "Es fehlt uns nur noch das Geständnis, es gibt keine Indizien mehr, die gegen ihn aufzufinden wären." Der Rest schien Routine.
Günther Adler indessen hat bis heute nichts anderes gesagt als: "Ich habe mit der Sache nichts zu tun." Ansonsten schweigt er und gesteht nichts, er setzt sich weder Verwicklungen bei Verhören noch der Überprüfung entlastender Möglichkeiten aus.
Adlers Wahlverteidiger, der renommierte Karlsruher Strafverteidiger Ernst Eggler, der schon in mehr als achtzig Mordsachen Mandanten vertreten hat, spricht schon jetzt von seinem "interessantesten, merkwürdigsten und schwierigsten Fall", und er bewertet die Indizienlast natürlich behutsamer als die Ermittler: "Es gibt nichts Feststehendes."
Fest steht immerhin, daß im Aktenkeller von Adlers Büro im Hause Basler-Tor-Straße 71 Blutspuren entdeckt wurden, die der Blutgruppe des getöteten Mädchens zugeordnet werden: A Rhesus positiv. Eggler: "Das würde nicht mal für eine Vaterschaftsfeststellung reichen."
Ein größerer Blutfleck an der Wand soll, den Ermittlungen zufolge, nach der Entführung mit Salzsäure entfernt worden sein, aber an den Lagerregalen waren noch deutlich erkennbare Spritzer. Staatsanwalt Frey: "Blut von Cornelia."
Verteidiger Eggler ("Etwa vierzig Prozent aller Menschen haben diese Blutgruppe") wundert sich, warum denn nicht versucht worden sei, auch diese deutlichen und leicht abwischbaren Spuren zu beseitigen. Das Feingutachten des Bundeskriminalamtes (BKA) zum Blutgruppen-Befund stehe noch aus; die Proben, die erst der Leiche entnommen werden konnten, "waren dann ja immerhin auch schon mehrere Wochen alt".
In Adlers Wohnung wurden Durchschläge von Geschäftsbriefen gefunden, die -- vor vielen Jahren -- nach dem vorläufigen Ermittlungsergebnis mit derselben Schreibmaschine wie die Erpresserbriefe getippt worden sein sollen. Abgesehen davon jedoch, daß die passende Schreibmaschine bis jetzt nicht gefunden wurde, kommen gleich zwei Perlschrift-Modelle in Betracht: eine Olympia-Reiseschreibmaschine der Baujahre 1951 bis 1956 sowie eine "Standard" der Jahre 1953 bis 1956. Eggler: "Durchschläge lassen naturgemäß keine hundertprozentige Sicherheit der Kongruenz zu, es waren sowieso sehr verbreitete Modelle."
Auch dem noch ausstehenden BKA-Gutachten über die Täterstimme sieht der Verteidiger gelassen entgegen. Zum einen, weil nach wie vor nicht mehr als drei Leute glauben, Adlers Stimme identifiziert zu haben, zum anderen, weil das Gewicht von Tonband-Beweisen im Strafprozeß umstritten ist. Selbst Staatsanwalt Frey sieht da "große Schwierigkeiten".
Der Mercedes von Adler, als Entführungsfahrzeug und Leichenauto eingeschätzt, wurde von BKA-Experten gründlicher und länger gefilzt als etwa Fahrzeuge von Rauschgifthändlern -ohne Ergebnis: keine Fingerabdrücke, keine Transportspuren, keine Textilflusen oder auch nur ein einziges Haar des Opfers. Weitere Indizien der Staatsanwaltschaft hält Anwalt Eggler noch für dünn:
* Zwar wurde im Hause der Familie Adler ein Müllsack gefunden wie der, in dem die Tote lag; aber "die S.116 gibt es zu Millionen, habe ich auch daheim" (Eggler).
* Zwar wurde bei Adler eine Quittung aus einem Heidelberger Parkhaus gefunden, datiert an dem Tag, an dem der letzte Erpresserbrief aufgegeben wurde, aber "warum hätte er einen so belastenden Beweis behalten, wenn er mit der Sache zu tun hätte?"
* Zwar wurde bei der Leiche eine holländische Münze gefunden, und eine Tochter Adlers lebt in den Niederlanden, aber Abdrücke waren nicht auszumachen, und "solch ein gängiges Geldstück hat jeder mal in der Tasche oder zu Hause".
Keine Erklärung hat Eggler vorerst dafür parat, daß das Schloß jener Adlerschen Kellertür kurz vor dem Entführungstermin ausgewechselt, einige Zeit später aber wieder das alte Stück eingesetzt worden war. Aber damit kann auch die Staatsanwaltschaft noch nichts anfangen.
Es fehlen Augen- oder Ohrenzeugen etwa für den Entführungsvorgang selbst, für einen Verbleib des Kindes zwischen Kidnapping und mutmaßlichem Todeszeitpunkt. Ungeklärt ist auch noch, mit welchem "stumpfen Gegenstand" (Polizeiprotokoll) Cornelia erschlagen wurde, gefunden wurde nichts dergleichen. Spurlos verschwunden bleiben bis jetzt Kleidungsstücke und Dinge, die Cornelia bei sich hatte: ein Turnanzug, Ranzen und Bastkorb, Schulbücher und Schreibmäppchen.
Gesicherte Erkenntnis ist lediglich, daß der Fundort nicht der Tatort und Cornelia bereits tot war, ehe für den 8. November Termin und Ort der Lösegeldübergabe vereinbart wurden -- für S.117 Kriminalisten Merkmal einer besonders kaltblütigen Handlungsweise.
Ermittler schließen auch eine blutige Panikreaktion nicht aus -- weil das Kind vielleicht schrie oder sich intelligente Beobachtungen anmerken ließ. Mit seiner Hinhaltetaktik habe der Täter sodann womöglich versucht, die Fahndung zu verzögern und spätere Spurenklärung zu erschweren.
Aber auch da baut der Strafverteidiger schon vor. Adler sei, so argumentiert Eggler, doch ein "kühler Planer und Rechner, er hat noch nie jemanden geschlagen oder mißhandelt, er war nie jähzornig, Kalkül war sein Geschäft". Und so jemand, meint er, der verwende vielleicht Chloroform, oder er stranguliere, er schlage aber nicht zu, daß das Blut spritze.
Der verdächtigte Adler unterhielt ein "Büro für Entwicklungsplanung", er beriet Kommunen und Kreise, offerierte Dienstleistungen für Länder der Dritten Welt, er konnte internationale Referenzen vorweisen. Mehrere Jahre lang hatte der gebürtige Ostpreuße mit seiner Familie in Afrika gelebt und an Projekten der Entwicklungshilfe mitgearbeitet. Zwar hatte Adler, unter anderem durch den Kauf eines Wohnhauses in Karlsruhe-Durlach, an die 800 000 Mark Schulden. Er war aber nach Egglers Ansicht nicht derart in Bedrängnis, "daß man dafür vielleicht einen Mord begeht".
Zu einem Prozeß, so scheint es, fehlt vorerst noch allerhand. Die Staatsanwaltschaft in Karlsruhe, die ursprünglich eine Anklage "für Sommer" angekündigt hatte, mag sich auf einen Zeitpunkt jetzt nicht mehr festlegen. Staatsanwalt Frey hofft nur mehr, die Ermittlungen "in diesem Jahr" abschließen zu können.
S.114 Im Erdgeschoß und Keller des Hauses Basler-Tor-Straße 71. * S.116 Bei einer Fernsehpressekonferenz vor dem Haus der Familie am 30. 11. 1980. *

DER SPIEGEL 12/1981
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