26.05.1980

SCHWEIZBlödsinn des Volkes

Angeführt von fünf Jungbauern, widersetzten sich die Schweizer der Sommerzeit. Der Starrsinn kostet sie Millionen.
Wenn der Nachtexpreß aus Wien morgens um 6.33 Uhr bei Buchs die Grenze zur Schweiz überquert, gibt es regelmäßig Stunk: Der "Wienerwalzer" bleibt auf der Grenzstation eine Stunde stehen, um den Ausgleich zur Schweizer Sonderzeit zu schaffen. Dann verriegelt der Schaffner die Toiletten, S.160 "damit der Bahnhof nicht verschmutzt wird".
Reisende, die nach der langen Nachtfahrt nicht warten können, dürfen einen der drei Aborte auf dem Bahnsteig benutzen, falls sie Schweizer Kleingeld bei sich haben.
So notdürftig wie in Buchs kämpfen die Eidgenossen auch noch sieben Wochen nach Einführung der Sommerzeit in Mitteleuropa täglich gegen ihren Zeitrückstand -- den zwei Drittel von ihnen heute ablehnen.
Noch vor zwei Jahren waren sie allerdings anderer Ansicht: Am 28. Mai 1978 verweigerten sie ihrer Regierung per Abstimmung die Kompetenz, bei Bedarf die Sommerzeit einzuführen, ein groteskes Beispiel direkter Schweizer Demokratie.
Den Volksentscheid hatte nämlich der Jungbauer Rudolf Wettstein, 28, aus Wald im Kanton Zürich mit vier Freunden praktisch im Alleingang durchgesetzt. Die fünf Mitglieder des Vereins "Landwirtschaftliche Unterhaltungsamateure" (Ziel: "Mit unterhaltsamen Mitteln bäuerliche Standpunkte vertreten") wehrten sich vor allem gegen die indirekte Verlängerung ihrer Arbeitszeit.
Denn auch bei Sommerzeit, argumentierten sie, müsse das Grünfutter frühmorgens kurz nach Sonnenaufgang gemäht werden. Am Abend sei das Heu aber weiterhin erst bei Sonnenuntergang trocken und unter Dach. Kinder und Kühe, warnten die Bauern, könnten sich nur schwer an die Zeitverschiebung gewöhnen. Und Feuerwehrübungen oder Gemeindeversammlungen müßten sommers ebenso ausfallen wie das wöchentliche Kartenspiel im Dorfgasthaus oder die Proben des gemischten Chors.
82 000 Stimmbürger, die meisten in der Landwirtschaft tätig, waren gleicher Meinung und unterschrieben Wettsteins Referendumsbögen, die an den Milchsammelstellen ausgelegt waren. Politiker und Bauernfunktionäre schlossen sich eilig der Bewegung an.
Für die Sommerzeit mochte sich damals dagegen kaum jemand einsetzen, zumal sie sich, wie Untersuchungen ergaben, nicht einmal zum Energiesparen eignete.
Als dann aber im vergangenen Herbst die Bundesrepublik und die DDR überraschend schnell die Einführung der Sommerzeit beschlossen, präsentierte der Schweizer Bundesrat dem Parlament das Zeitgesetz erneut.
Doch aus Furcht vor Wettstein und seinen Anhängern, die sogleich mit einem neuen Referendum drohten, und "aus Respekt vor dem Souverän", wie sie sagten, weigerten sich die Parlamentarier, den knappen Volksentscheid von 1978 nun zu korrigieren. Erst im vergangenen März hießen sie das Zeitgesetz gut, zu spät für eine Umstellung bis Ostern, da der Beschluß erst im Juni rechtsgültig wird.
"Wenn das Volk einen Blödsinn macht", sagte ein Abgeordneter in der Debatte, "so ist es nicht an uns, diesen Blödsinn auszubügeln."
Vom Blödsinn am schlimmsten betroffen ist im Transitland Schweiz der Bahnverkehr. Um wenigstens die wichtigsten Verbindungen sicherzustellen, mußten die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) für ein Drittel ihrer Züge neue Fahrzeiten austüfteln und ein Sonderkursbuch drucken. In den Grenzbahnhöfen wurde der Arbeitsbeginn um eine Stunde vorverlegt.
Ein Riesenaufgebot von Bediensteten müht sich, erboste Reisende zu beschwichtigen, die ihre Anschlüsse verpaßt haben. Sonderkosten für die SBB: rund 13 Millionen Franken.
Kostenlos ist der Ärger für die Fernsehzuschauer. Der Krimi im Programm der ARD flimmert nun schon zur Essenszeit in Schweizer Stuben.
Über finanzielle Verluste klagen jene Unternehmer, die von ausländischer Kundschaft abhängig sind, wie eine Umfrage des Basler Arbeitgeberverbandes ergab.
Auch die 90 000 Grenzgänger aus Frankreich, Deutschland, Österreich und Italien fühlen sich geschädigt. Wohl können sie am Morgen eine Stunde länger schlafen, doch wenn sie in der Schweiz Feierabend haben, sind an ihren Wohnorten Läden und Amtsstellen schon geschlossen.
Nur in Büsingen im Landkreis Konstanz gehen die Uhren anders. In der deutschen Gemeinde, die ganz von Schweizer Gebiet umgeben ist, gilt nämlich Schweizer Sonderzeit. Bürgermeister Otto Weiß allerdings mußte sich anpassen: Um die Verbindung zu seinen vorgesetzten Behörden in Konstanz und Stuttgart aufrechtzuerhalten, verordnete er den Bediensteten der Gemeindeverwaltung eine Ausnahme von der Ausnahme: die Sommerzeit.
Mit zwei Zeiten leben auch die Einwohner der deutsch-schweizerischen Doppelstadt Konstanz-Kreuzlingen am Bodensee. Die Züge der schweizerischen Mittelthurgau-Bahn, die bis nach Konstanz fahren, halten sich auch auf deutschem Boden an die Schweizer Zeit. Der in Konstanz und Kreuzlingen verkehrende rote Stadtomnibus paßt sich dagegen geschmeidig der Ortszeit an. Pech haben so nur Fahrgäste, die nächtens aus Kreuzlingen kommend in Konstanz den Anschluß an den letzten Spätbus verpassen.
Ihren verpaßten Anschluß an die Europa-Zeit wollen die Schweizer wenigstens im nächsten Jahr schaffen, und dann dürfte es ihnen wohl gelingen. Rudolf Wettstein allerdings will seinen Kampf gegen die "unnatürliche Zeit" nicht aufgeben. Statt daß die Schweiz sich Europa anpaßt, meint Wettstein, soll sich Europa der Schweiz anpassen: "Wir wollen den Bundesrat zwingen, mit den Nachbarländern über einen Verzicht auf die unnütze Sommerzeit zu verhandeln."
Vielleicht findet der Jungbauer aus dem Zürcher Oberland im deutschen Flachland Helfer für seine Kampagne. In Niedersachsen, wußte der Hannoveraner Landvolk-Pressedienst zu berichten, klagen Bauern nach der Einführung der Sommerzeit über Leistungsabfall des Milchviehs und verminderte Gewichtszunahme der Mastschweine.

DER SPIEGEL 22/1980
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