16.03.1981

„Wir reiten, bis wir im Blut versinken“

SPIEGEL-Redakteur Erich Wiedemann über die Reform der Rassengesetze im Apartheid-Staat Südafrika 1981, Hoffmann und Campe Verlag. Das Buch „Wir reiten, bis wir im Blut versinken“ (304 Seiten, 28 Mark) erscheint Mitte März.
Die Potgieters waren immer loyale Bürger ihres Staates. Piet und Helen hätten nie geglaubt, daß ihnen jemals Zweifel an der Rechtmäßigkeit seiner Gesetze kommen würden.
Sie empfanden es sogar als besondere Gunst, daß es ihnen gestattet wurde, als Ehepaar unter einem Dach zu wohnen. Denn nach dem Gesetz lebten sie in Rassenschande. Und darauf steht Gefängnis in Südafrika.
Doch die Dankbarkeit der Potgieters gegenüber dem Staat, der ihnen gegen alle Ideologie erlaubt, eine Ehe über die Rassenschranken hinweg zu führen, hat nachgelassen.
Der Tod ihres ältesten Sohnes Gaetan hat ihr Unrechtsbewußtsein geschärft. 1950 hatten sie geheiratet, nur wenige Monate bevor die Nationalisten den Mixed Marriages Act, der schwarz-weiße Ehen verbot, auch auf Verbindungen zwischen Weißen und Coloureds ausdehnten.
Helen war von der Spruchkammer als farbig deklariert worden, obwohl man es ihr nicht ansah. Die Nachbarn wußten von nichts. Und Piet setzte eine Sondergenehmigung durch, so daß sie wie ein ganz normales weißes Ehepaar in einem weißen Kapstädter Vorort weiterleben konnten, auch nachdem die Regierung 1951 den Immorality Act erließ, der den gemischtrassischen Intimverkehr unter Strafe stellte.
Das ging gut, bis Gaetan sechs Jahre alt wurde. Da die Mutter als Nichtweiße registriert war, konnte Gaetan auch keine weiße Schule besuchen. In eine Coloureds-Schule wollte Helen ihren Sohn nicht schicken. Schließlich hatten sie einen sozialen Status zu verteidigen.
Deshalb entschloß sie sich, Gaetan zu Hause zu unterrichten. Den Nachbarn erzählte sie, er sei kränklich und könne daher die Anstrengungen des täglichen Schulwegs nicht bewältigen.
Auch die vier Kinder, die nach Gaetan kamen, behielt Helen Potgieter zu Hause. Vor dem Gesetz war das in Ordnung. Denn Schulpflicht gab es nur für weiße Kinder.
Sie hätten bis ans Ende ihrer Tage so weiterleben können -- als Weiße unter Weißen. Nicht mal ihre engsten Freunde wußten, daß Helens Abstammung nicht lupenrein war. Das stand nur in den Behördenakten. Und in die schaute niemand hinein, solange die Potgieters keinen Anlaß dazu gaben.
Mag sein, daß der eine oder andere aus ihrem Bekanntenkreis ihr Geheimnis ahnte. Aber niemand hielt es für wichtig genug, darüber zu reden. Kapstadt ist nicht Bloemfontein. Die Kapstädter waren in Rassenfragen schon immer liberaler als die Plattlandburen aus Oranje und Transvaal.
Die Kinder der Potgieters kannten ihren Makel. Aber sie litten nicht sonderlich darunter. Ebenso wie ihre Eltern hatten sie nur weiße Freunde. S.183 Auch Sonya Shepherd war weiß. Gaetan hatte sie auf einer Party kennengelernt. Er dachte sich nichts dabei, als er einen Flirt mit ihr anfing. Gemischtrassische Liebschaften sind nichts Besonderes in Kapstadt. Und überdies wußte Sonya nicht einmal, daß er ein Farbiger war.
Nur, es blieb nicht bei dem flüchtigen Flirt. Eines Tages gestand ihm Sonya, daß sie schwanger war.
Was Gaetan Potgieter in den Stunden danach durchlitt, ist nicht überliefert. Man konnte ihn auch nicht mehr fragen. Sein zerfetzter Körper wurde am Tag darauf auf den Gleisen der Vorortbahn gefunden.
In seinem Abschiedsbrief bat er Sonya um Verzeihung. Er habe den Gedanken nicht ertragen können, schrieb er, Vater eines unehelichen Kindes zu werden, weil es ihm durch das Gesetz versagt sei, sie zu heiraten. Und wenn es ein Junge würde, dann bäte er darum, ihn Gaetan zu nennen. Seine gesamten Ersparnisse hatte er beigefügt: 60 Rand. Sonya sollte dafür Babykleidung kaufen.
Sonya Shepherd brach zusammen, als sie von Gaetans Tod erfuhr. Zu einem Reporter des "Cape Argus" sagte sie später: "Erst die Polizei sagte mir, daß er ein Coloured war. Als ob das an unserem Verhältnis irgend etwas geändert hätte. Wir hätten jederzeit in ein anderes Land gehen und dort ein ganz normales Leben führen können."
Das Kind von Sonya Shepherd und Gaetan Potgieter wurde nie geboren. Sonyas Vater nahm seiner Tochter die 60 Rand ab und bezahlte damit die Abtreibung.
Die Genehmigung wurde automatisch erteilt. Denn aller calvinistischen Bibeltreue zum Trotz haben Kirche und Regierung die Abtreibung von unstandesgemäßer Leibesfrucht legalisiert. "Kinder des Teufels" durften ja sogar im Mittelalter abgetrieben werden.
Gaetans Tod liegt inzwischen mehrere Jahre zurück. Die Affäre wurde schnell vergessen, nachdem ein Abgeordneter der United Party sich vergeblich bemüht hatte, durch eine Parlamentsanfrage das Interesse der Öffentlichkeit daran zu wecken.
Es gibt nicht einmal ein Grab für Gaetan. Auf dem weißen Friedhof konnten seine Eltern ihn nicht bestatten. Das war gegen das Gesetz. Hätten sie ihn auf dem nichtweißen Friedhof begraben, wäre ihr Geheimnis verraten worden, und sie hätten ihr Haus aufgeben müssen.
So ließen sie ihn einäschern und streuten seine Asche am Kap der Guten Hoffnung ins Meer.
Ein südafrikanisches Schicksal.
Sandra Laing aus Johannesburg ging den umgekehrten Weg. Sie war als Weiße geboren worden und als Weiße zur Schule gegangen. Dann, mit acht Jahren, wurde sie plötzlich "zurückgestuft".
Seither lebte sie als Dienstmädchen im Haus ihrer Eltern. Es kostete jahrelange Kämpfe, aber endlich, als Sandra bereits achtzehn war, gelang es ihrer Mutter, gerichtlich eine Reklassifizierung durchzufechten.
Aber nun wollte Sandra nicht mehr. Sie hatte sich in Petrus Zwane verliebt, den schwarzen Jungen vom Supermarkt, der zwei-, dreimal die Woche S.186 Gemüse brachte. Und sie war entschlossen, ihn zu heiraten.
Deshalb focht sie das Urteil an. Ihre Eltern waren außer sich vor Empörung und Enttäuschung. Vater Abraham drohte, er werde sie der Polizei melden, wenn sie sich weiter mit Petrus abgäbe.
Sandra und Petrus warteten den Gerichtsentscheid nicht ab. Sie flüchteten nach Swasiland und ließen sich dort trauen. Ein halbes Jahr später wurde ihr Sohn Henry, weitere anderthalb Jahre danach Tochter Elsie geboren. Wie es heißt, sind sie glücklich.
Nur nach Südafrika dürfen sie nicht zurück. Denn Sandra gilt wieder als Weiße. Eine erneute Reklassifizierung kann sie nur mit Zustimmung ihrer Eltern beantragen. Aber die lehnen alle Kontakte zu ihr ab.
Die Geschichte der Rassentrennung oder Apartheid, wie sie, frei übersetzt, auf Afrikaans heißt, ist eine Kette von tragischen Absurditäten. Kein institutionalisiertes Unrecht der Welt hat soviel schicksalschwere Komik hervorgebracht wie der kodifizierte Rassenwahn der Buren.
Das Apartheid-System ist nicht repressiver und sicher weit weniger blutrünstig als die übrigen Repressionsmodelle des 20. Jahrhunderts. Aber ein Staatswesen, in dem die rassische Minderheit die Mehrheit unter Berufung auf nichts als Haut und Haare konstitutionell zur Rechtlosigkeit verurteilt, das hat es in der neueren Geschichte der Zivilisation noch nicht gegeben.
Die ganze Bandbreite der Apartheid-Gesetze reicht in ihren Auswirkungen von monströser Lächerlichkeit bis zu bitterer menschlicher Tragik. Was Nichtweiße dürfen und was sie nicht dürfen, das regeln über 2000 Gesetze und Verordnungen, erweitert durch Novellen und Erlasse, die sich in Form und Inhalt in den gut drei Jahrzehnten der Burenherrschaft mehrfach geändert haben.
Seit die Nationalen an der Macht sind, hat das Kapstädter Parlament 357 Entschließungen gefaßt, die die Existenz der Schwarzen reglementieren. Es gibt in Südafrika keinen Anwalt, der sie alle auswendig kennt. Manche werden mit Wissen der Behörden souverän unterlaufen, andere mit wilder Verbissenheit verteidigt.
Und wenn mal eines der Gesetze aufgehoben wird, weil es sich als überholt erwiesen hat, klingt es für Außenstehende zuweilen so, als habe die Regierung von Absurdistan die Bezugscheinpflicht für die Zuteilung von Regen und Sonnenschein aufgehoben.
Nur wer in Südafrika -- ganz gleich, auf welcher Seite der Rassenschranke -- groß geworden ist, konnte nichts dabei finden, wenn ein Kino in Johannesburg per Inserat farbige Platzanweiserinnen suchte, die "rückwärts einen dunklen Gang hinuntergehen können, ohne zu stolpern" und "nach Möglichkeit kurzsichtig sein sollten" (damit sie für Nichtweiße nicht freigegebene Filme nicht sehen können).
Selbst Liberale mokieren sich schon über den Undank der Schwarzen, die einfach den Hals nicht vollkriegen können, nun, nachdem man ihnen schon erlaubt, gemeinsam mit Weißen auf Parkbänken zu sitzen oder -- wenn auch nur im liberaleren Teil der Republik -- Autobus zu fahren oder in ausgewählten Hotels Wand an Wand zu wohnen.
Die Journalistin Sally Quinn hat ein schönes Stück Volksempfinden eingefangen, indem sie einen Plausch zwischen den Ehefrauen von vier prominenten Politikern über die Folgen von Bothas Apartheid-Reform belauschte und niederschrieb. Auszug:
Frau Malan: "Wir sind so wenige. Und wir tun soviel für so viele."
Frau Cronje: "Ja, aber unser guter Glaube wird nicht honoriert. Wir lassen sie neuerdings ja sogar im Flugzeug neben uns sitzen. Und wir sagen nichts, das sie beleidigen könnte."
Frau de Klerk: "Und die Stewardessen müssen sie sogar bedienen."
Frau Malan: "Und die Friseure auch. Jetzt läßt man sich auch von Schwarzen und Coloureds die Haare waschen. Wir hatten ja nie diesen Kontakt mit ihnen. Ich sage Ihnen, wenn sie einen berühren, das geht einem durch und durch."
Frau Cronje: "Jetzt machen sie ja schon die Kapstädter Autobusse für sie auf. Neulich sah ich, wie ein kleines Mädchen wieder ausstieg, weil sie die einzige Weiße im Bus war."
Frau Treurnicht: "Es ist wirklich gefährlich heutzutage."
Frau de Klerk: "Sie sollen ja leben. Sie sollen glücklich sein. Aber wir Weißen müssen uns schließlich schützen."
Frau Cronje: "Und die Sonntagszeitungen stehen immer voll Geschichten über Grausamkeiten gegenüber Schwarzen."
Frau Malan: "Ja, das macht uns ganz verrückt."
Den verbissensten Widerstand gegen den Abbau der Rassenschranken leisten die konservativen Gewerkschaften, S.189 nicht ohne Grund. Die Löhne der Schwarzen steigen derzeit im Schnitt dreieinhalb mal so schnell wie die der Weißen. Für Gewerkschaftsboß Arrie Paulus ist das "ein Verrat am weißen Mann, den man bis zum letzten Blutstropfen bekämpfen muß".
Und schuld an all dem Elend haben laut Paulus in erster Linie die Unternehmer. Womit erneut bewiesen ist, daß in Südafrika die Gewerkschaften rechts vom Arbeitgeberverband stehen.
Was Apartheid bedeutet, ist außerhalb Südafrikas vielen erst so richtig klargeworden, als Pretoria damit begann, die "petty apartheid", den verzichtbaren Teil der Rassengesetze, abzubauen.
Nicht ohne Erstaunen nahm auch der unpolitische Betrachter zur Kenntnis, daß ein Staat, der sich als Mitglied der freien Welt empfindet, damit prahlte, daß in seinem Machtbereich Menschen verschiedener Hautfarbe in ein und demselben Raum frühstücken dürfen.
Um Zeichen zu setzen, hatte schon der Ende 1978 zurückgetretene Premierminister, Balthazar Johannes Vorster, eine Reihe von alten Zöpfen abgeschnitten. Seit 1977 können Schwarze und Weiße gemeinsam einkaufen, ins Theater und auf den Sportplatz gehen, dieselben Postschalter und hier und da dieselben Verkehrsmittel benutzen. Die Regierung verabreichte der schwarzen Bevölkerung "einen Löffel süßer Vernunft" (so "Sunday Times"-Kolumnist Fleur de Villiers), "um ihr die unverdauliche Apartheid-Medizin schmackhaft zu machen".
An öffentlichen Gebäuden verschwanden damals plötzlich die Schilder "Whites only" -- und tauchten vereinzelt in den Partykellern der weißen Schickeria wieder auf. Selbst das oberste Gericht ließ Rechtsuchende durch denselben Eingang eintreten.
Und im mondänen Johannesburger "Carlton"-Hotel konnten von einem Tag auf den nächsten gemischtrassische Paare sogar bei Kerzenlicht dinieren. Aber eben nur dinieren. Das Personal achtet sorgfältig darauf, daß die Gemeinsamkeit nach Tische endet.
Auch in der Armee sind Rassenschranken gefallen. Denn zur Abwehr der schwarzen Gefahr werden auch Neger benötigt. Den neuen Geist dokumentiert zum Beispiel ein Rundschreiben des Verteidigungsministeriums an die weißen Unterführer einer schwarzen Grenztruppe in Namibia.
Da heißt es unter anderem: "Man muß den Bantu als einen wichtigen Faktor in der Verteidigung Südafrikas erkennen ... Vermeiden Sie es deshalb, einen Bantu Affe oder Pavian zu nennen oder zu sagen, er habe einen Mund wie ein Krokodil ... Wenn er Ihnen seine Hand zum Gruß entgegenstreckt, dann ergreifen Sie sie. Ihre Hand wird davon nicht die Farbe ändern ... Auch der Neger ist eine Person."
Reform hin, Reform her -- der harte Kern der Apartheid-Gesetze blieb unverändert erhalten. Schwarze Gäste dürfen zwar mit weißen in einem Restaurant speisen. Aber schon Swimming-pool, Bar und Toiletten werden in aller Regel von der Integration ausgespart.
Ministerpräsident Pieter Willem Botha hat Ende 1979 in einem Zwölf-Punkte-Programm seine Vorstellungen für eine Neuordnung der Apartheid-Republik vorgelegt. Das Konzept läßt keinen Zweifel daran, daß auch für den "Reformpremier" das Grundprinzip der Rassentrennung unabdingbare Voraussetzung für die Koexistenz von Schwarz und Weiß in Südafrika ist.
Südafrika ist "Witmansland", das Land des weißen Mannes. Und so soll es bleiben. Dafür wollen die Buren, wie Farmer Vos Louw aus einem Dorf bei Kapstadt neulich einem Reporter gegenüber bekräftigte, notfalls "reiten, bis wir im Blut versinken".
Botha fühlt sich unter anderem dem Prinzip einer "vertikalen Differenzierung" verpflichtet. Er ist für die Teilung der Macht zwischen Weißen, Indern und Mischlingen und für die Abschaffung "unnötiger diskriminierender Maßnahmen". Zum Beispiel im Berufsleben, wo sie auch den Weißen hinderlich ist. Wo sie aber nötig ist, da soll sie selbstverständlich bleiben.
Zuluchef Gatsha Buthelezi, nicht mal einer der Forschesten, hat Botha gewarnt: "Wenn wir wieder enttäuscht werden", sagte er in einem SPIEGEL-Interview, "dann steuert Südafrika in voller Fahrt in die Konfrontation."
Wenn schon Gewalt nicht weiterhilft, dann sollen die Schwarzen der S.190 Rassenarroganz der Weißen wenigstens mit Würde begegnen.
Die schwarze Tageszeitung "Post" gab dazu praktische Lebenshilfe: "Wenn du zum Einkaufen in einen Laden gehst und der Verkäufer sieht regelrecht durch dich hindurch ... nimm das nicht hin mit der Resignation eines Lämmchens. Mache aber auch keinen Wirbel. Beschwer dich nicht, brich keinen Streit vom Zaun, renne auch nicht schimpfend weg. Geh einfach raus im Bewußtsein deiner Würde und kaufe dort, wo du als Mensch behandelt wirst."
Und: "Wenn du in weiße Clubs eingeladen wirst und der Gastgeber eigens für dich eine Behördenerlaubnis benötigt, dann sag lieber: nein, danke, und bleib zu Hause."
Im Berufsleben gibt es diese Möglichkeit meist nicht. In Kapstadt etwa mußte noch 1979 der indische Arzt Dr. A. O. Brey auf Aufforderung einer rassenbewußten Krankenschwester während einer Operation den OP-Saal verlassen.
In Nelspruit starb der schwarze Arbeiter Philip Shakwane nach einem Autounfall, weil der Unfallarzt nicht rechtzeitig genug "schwarzes" Blut für die Transfusion hatte beschaffen können. Nach einem Gesetz aus dem Jahre 1962 muß auf Blutkonserven neben der Blutgruppe auch die Rasse des Spenders vermerkt sein. Denn in Südafrika soll kein Negerblut in Burenadern und kein Burenblut in Negeradern fließen.
Nach mehreren Verzögerungen mit Todesfolge, die auf den Bluterlaß zurückzuführen waren, gab das Gesundheitsministerium bekannt, schwarzes Blut sei erwiesenermaßen für die Übertragung auf Weiße ungeeignet -- und umgekehrt.
Die Begründung forderte eine Gruppe von Medizinern zu einer gründlichen Reihenuntersuchung heraus. Das Ergebnis, das sie im "South African Medical Journal" veröffentlichten, war für die Regierung ein böser Schock: Blutübertragungen von Schwarzen auf Weiße bergen ein niedrigeres Risiko als Übertragungen zwischen Gleichrassischen. Die geringste Gefahr von Negativreaktionen für weiße Patienten besteht bei einer Infusion von Buschmannblut.
Immerhin konnten sich Blut-und-Boden-Theoretiker damit trösten, daß wenigstens die Andersartigkeit von weißem und schwarzem Blut wissenschaftlich erhärtet worden war.
Nun ist Rassismus gewiß kein exklusiv südafrikanisches Phänomen. Mindestens ebenso tiefe Wurzeln hat die Rassendiskriminierung dort, wo sie -- verbal -- am heftigsten bekämpft wird: in Schwarzafrika. Nur daß sie dort nirgendwo Gesetz ist.
In Ruanda und Burundi starben bei staatlich inszenierten Mord-Orgien Anfang der siebziger Jahre annähernd eine Viertelmillion Tussi und Hutu. Der Rassenkrieg zwischen Biafra und Restnigeria forderte Hunderttausende Opfer. Idi Amins Ausrottungsfeldzug gegen die Acholi und Lengu entvölkerte in Uganda ganze Landstriche. Trotzdem konnte der mörderische Clown immer auf breiten Beifall hoffen, wenn er sich als Anti-Apartheid-Kämpfer gebärdete.
Wenn Not am Mann ist freilich, nehmen es schwarze wie weiße Rassisten nicht so genau mit der Rassenlehre.
Sex mit Negern ist ein alter Burensport. So verlockend, gerade weil's verboten ist.
Da war der Fall des Stadtverordneten Johannes Calitz aus dem stockkonservativen Excelsior im Oranje-Freistaat. Er erschoß sich, nachdem er gemeinsam mit fünf Weißen wegen Verstoßes gegen den Immorality Act angeklagt worden war. Anders der gleichfalls wegen Rassenschande beklagte Farmer Pieter Neverling. Er bekannte nicht ohne Stolz, daß er mit 83 Jahren ein fünfzehnjähriges Negermädchen unter einem Dornenbusch befriedigt hatte.
Rassenschänder fallen der totalen öffentlichen Verachtung anheim. Dafür sorgt schon die Veröffentlichung von Namen und Anschriften der Prozeßbeteiligten. Dank dieser für südafrikanische Verhältnisse ungewöhnlich offenherzigen Praktiken sind Rassenschande-Prozesse in aller Regel recht üppig dokumentiert.
Daher weiß man auch genau, wer von den fünf Mitangeklagten des Bürgervertreters Calitz es wann, wie heftig und mit jeweils wie vielen der ebenfalls beklagten neun Negerinnen aus Excelsior getrieben hatte.
Vor allem die oppositionelle englischsprachige Presse, die sonst von Regierung und Behörden mit Informationen ziemlich kurzgehalten wird, schwelgt gern in Einzelheiten von derlei Delikatessen -- am liebsten natürlich, wenn Buren auf der Anklagebank sitzen.
So druckten die Johannesburger Blätter ganzseitige Gerichtsberichte über die Verhandlung gegen einen prominenten Ordinarius der Witwatersrand-Universität, der mit einer indischen Kollegin in flagranti ertappt worden war.
Der Kronzeuge, Polizeikonstabler Petrus Coetzee, hatte alles genau gesehen und protokolliert: "Ich sah die Angeklagte nackt im Badezimmer. Später haben wir das Haus betreten. Die Inderin lag bereits in ihrem Zimmer. Doch S.192 daß die beiden zusammen waren, ist eindeutig. Ich fühlte das Laken im Doppelbett des Angeklagten und merkte, daß es in der Mitte warm war. Daraufhin nahm ich die Frau zur Beweissicherung mit." Weil die zwei Liebenden geständig waren, fiel das Urteil milde aus: je vier Monate Gefängnis mit Bewährung.
Bei einfachen Leuten langt die Justiz meist kräftiger hin. Auf Rassenschande steht Prügelstrafe. Und die wird auch immer verhängt und vollzogen, wenn der männliche Partner schwarz war.
Wenn die Polizei die Hand mal nicht am warmen Laken hatte, reichen auch andere Indizien zur Verurteilung. So überführten im Sommer 1973 Sergeant Fölscher und Captain Collins von der Polizei in Windhuk einen Geschlechtsverkehrssünder und seine Gespielin in einem parkenden Personenwagen, indem sie die Anzahl der Schwingungen pro Minute feststellten.
Pfarrer Kunz von der evangelischen Gemeinde Windhuk kommentierte das sündige Geschehen in der "Allgemeinen Zeitung": "Der Kampf gegen die Apartheid zielt auf eine ungehemmte Vermischung der Rassen ... Und das liegt bestimmt nicht im Weltplan des Schöpfers." Ein Blick in die Tierwelt bestätige das göttliche Gesetz: "Auch eine Blaumeise würde sich nie mit einer Kohlmeise paaren." Nur die Menschen geben sich immer wieder mit Andersartigen ab. Und in Namibia neuerdings sogar ganz legal.
Auch einflußreiche Wirschaftskapitäne und Regime-Repräsentanten werden von der Sex-Lex nicht verschont. Nevil John Rudd, Direktor des Diamantenmultis De Beers, mußte ein halbes Jahr absitzen, weil er sich mit der farbigen Schauspielerin Dottie Tiyo eingelassen hatte.
Gideon Andrew Keyser, der Kanzleichef von Premierminister Hendrik S.193 Verwoerd, wurde zu vier Stockschlägen aufs Hinterteil und vier Monaten Gefängnis verurteilt, nachdem man ihn mit seiner afrikanischen Haushälterin erwischt hatte. Die Hiebe blieben ihm nur deshalb erspart, weil er in der Revisionsverhandlung nachweisen konnte, daß das Einschreiten der Polizei die Vollendung des Sündenfalls verhindert hatte.
Zu weltweiter Prominenz brachte es der Fall des Afrikaans-Poeten Breyten Breytenbach, der 1965 für seine literarischen Leistungen von Ministerpräsident Verwoerd mit einem Literaturpreis ausgezeichnet worden war.
Ehe Verwoerd dem Dichter den Lorbeer um die Stirn winden konnte, schlug die konservative Burenpresse Alarm. Sie hatte aus Paris den Tip bekommen, daß Breytenbach dort in sittenwidriger Ehe mit der vietnamesischen Diplomatentochter Ngo Thi Hoang Lien (zu deutsch: Lotusblüte des Teiches) lebte. Den Preis konnte Verwoerd ihm nicht mehr wegnehmen. Aber immerhin kam die Skandalwarnung rechtzeitig genug, um das Übergabezeremoniell abzublasen.
Wäre Lotusblüte Japanerin gewesen, hätte es den Skandal gar nicht erst gegeben. Japaner werden -- anders als Festlandasiaten -- in Südafrika als "Ehrenweiße" geführt. Nicht, weil sie im Sinne der Lehre rassenreiner wären, sondern weil Südafrika enge Wirtschaftsbeziehungen mit Japan pflegt. Freilich haben Hotelportiers noch immer ihre liebe Not, die gelbe Spreu vom gelben Weizen zu trennen.
Gewisse Aussichten auf Anerkennung als vollwertige Individuen haben auch die Chinesen. Sie genießen schon jetzt gewisse Privilegien. Im weltweiten Kampf gegen den Sowjetimperialismus bemüht sich die Volksrepublik China auch um die Gunst der Südafrikaner.
Niemand am Kap zweifelt daran, daß rote Chinesen das weiße Güteband erhalten, wenn sie nur wirtschaftlich interessant genug sind. Die Taiwan-Chinesen haben den Durchbruch dank eines beidseitigen Handelsvolumens von gut einer halben Milliarde Markt schon geschafft.
Die Apartheid hat viele tragische, zuweilen aber auch unfreiwillig komische Seiten. Der Nachweis der institutionalisierten Albernheit bei der Grenzziehung zwischen der weißen und der getönten Rasse ist selten jemandem auf so populäre Weise gelungen wie der neunzehnjährigen Sekretärin Carol Busch aus Kapstadt.
Carol, hübsch, hellblond, hatte sich auf einer schicken gemischtrassischen Kapstädter Party mit Percy Sledge, einem farbigen amerikanischen Popsänger, photographieren lassen. Das Bild, das tags darauf die Zeitungen veröffentlichten, ließ gestandenen Berufsburen das Blut in den Adern gefrieren: Blondchen Carol mit gelüpftem Minirock, S.195 vor ihr kniend der US-Exote, sein Autogramm auf den nackten Schenkel der Gespielin kritzelnd.
Das war Rassenschande im Quadrat. Die Burenpresse überschlug sich vor Empörung. "Da sieht man genau, wie weit es unter der gegenwärtigen Regierung kommen muß", rief ein nationalistischer Abgeordneter im Parlament seinem Premier zu. "Jetzt benutzen die Schwarzen in weißen Hotels schon unsere Frauen als Schreibunterlage!"
Doch ehe es zum Pogrom kommen konnte, ließ die Regierung die Luft aus dem vermeintlichen Skandal. Behördlicherseits verlautete in einer Presseerklärung, der Vorgang stehe im vollen Einklang mit den Gesetzen. Miss Busch sei eine Coloured.
Wenn sich ein Angehöriger des "afrikaanse burgerstand" mal richtig austoben will, dann begibt er sich gern über die Grenzen nach Swasiland oder Botswana. Da, wo die Kaffern regieren, da ist er Mensch, da darf er's sein.
Mbabane und Gaborone machen Millionen mit der bigotten Verklemmung der burischen Biedermänner. Die schwarzen Nutten und Strichjungen gehören zu den wichtigsten Aktivposten der botswanischen und swasischen Handelsbilanz.
Neuestes Sündenbabel ist "Sun City" in Bophuthatswana. Frei von den Zwängen der Apartheid-Moral, haben weiße südafrikanische Unternehmer mitten im Veld ein Glücksspiel- und Porno-Kombinat errichtet, das alle bisherigen Betriebe der gemischtrassischen Vergnügungsindustrie in den Schatten stellt.
In "Sun City" gibt es alles, was das reglementierte Burenherz sonst vergebens begehrt: schwarzen Sex, Schmuddelfilme, lasterhafte Spiele. Und alles nur eine halbe Stunde Flug vom Jan-Smuts-Flughafen in Johannesburg. Alle dreißig Minuten eine Chartermaschine; around the clock.
Die Apartheid-Praxis hindert Südafrika nicht daran, sich als Rechtsstaat zu begreifen. Wer sich rassisch deklassiert fühlt, hat die Möglichkeit, in einem ordentlichen Verfahren vor dem "Appellationshof für Rassenklassifizierung" seine Gene neu bewerten zu lassen. Das kostet 20 Rand Kaution. Abgewiesene Kläger verlieren ihren Einsatz. Wer besteht, erhält ihn zurück.
Früher war alles einfacher. Jeder zweite war vor dem Appellationshof erfolgreich. Jedenfalls in Kapstadt. Man mußte nur nachweisen, daß man "im Benehmen und in der allgemeinen Erscheinung" dem weißen Standard angepaßt war. Dann bekam man das Laisser-passer zum bürgerlichen Glück in einer weißen Wohnsiedlung.
Ganz rassenrein ist sowieso keine von den guten alten weißen Familien. Denn die Altvordern hielten es bei weitem nicht so genau mit der Trennung von Tisch und Bett, wie die Verwoerds, Vorsters und Bothas behaupten.
Fast alle haben sie einen Schuß schwarzes Blut in den Adern. Das soziologische Institut der Universität von Natal will sogar herausgefunden haben, daß es acht Prozent sind. Jeder Bure ein Zwölftel-Neger. Peinlich.
Seit Mitte der siebziger Jahre wird wieder strenger verlesen. Entscheidend ist die Abstammung -- so, wie in der guten alten Zeit. Das gesunde Volksempfinden, vor allem der sozial schwächeren weißen Kreise, die mehr zu verlieren haben als die Mittel- und Oberschicht, hat sich mit der Ansicht durchgesetzt, S.196 daß ein Farbiger nicht gleich mit dem Adelsprädikat "weiß" ausgezeichnet werden sollte, nur weil er mit Messer und Gabel essen kann. Nun zählt in erster Linie wieder das Blut.
Gerichtsflur in Bloemfontein. Zwei Coloureds sitzen vorm Verhandlungszimmer und warten, daß sie aufgerufen werden.
"Was machst du hier?" fragt der eine.
"Ich laß' mich reklassifizieren", sagt der andere.
"So'n Zufall, ich auch."
Da wird der eine reingerufen. Nach gut einer Stunde kommt er wieder raus. Der andere springt in freudiger Erwartung auf: "Na, hat's geklappt?" Der andere sieht angewidert an ihm vorbei und knurrt böse: "Quatsch mich nicht an, Kaffer."
Ein Witz. Aber ein sehr realistischer. Die Wirklichkeit sieht in Südafrika nicht viel anders aus:
Zimmer 33, im Old Training College Building an der Queen Victoria Street in Kapstadt. Verhandlung vor dem Rassengericht. Bürger Sobhuza klagt gegen die Republik Südafrika.
"Warum wollen Sie eine Neuklassifizierung?" fragt der Vorsitzende.
"Wir wollen Weiße sein", antwortet Kläger Sobhuza.
"Sonst nichts? Haben Sie keine persönlichen Härten vorzutragen?"
"Nein, ich will Weißer sein. Wir gehören zu den Weißen."
Herr Sobhuza trägt vor: Er hat mit seiner Familie bisher in einem gemischten Vorort von Kapstadt gewohnt. Jeder wußte, daß sie Mischlinge waren. Aber sie waren ganz in die weiße Gesellschaft integriert.
Jetzt soll die Siedlung weiß werden. Für die Sobhuzas heißt das, ans andere Ende der Stadt umsiedeln zu müssen. Um bleiben zu können, klagt Herr Sobhuza jetzt auf weiß.
Zeugen marschieren auf. Der Schriftführer notiert Namen, Hautfarbe und Anschriften der Beteiligten in ein ledergebundenes Buch.
Mister Draaks, Eisenbahner und Nachbar der Sobhuzas: "Sie sind so weiß wie Sie und ich, Euer Ehren. Wir haben sogar das Erntedankfest mit ihnen gefeiert."
Eigentlich ist es ein ganz klarer Fall. Herr Sobhuza hat zwanzig Jahre lang als Weißer in einer weißen Firma gearbeitet. Er ist einer der Senioren im reinweißen Cricket-Club. Und im Sommer haben er und seine Frau stets anstandslos in einem Whites-only-Hotel in Port Elizabeth Ferien machen dürfen.
Die Verwandten sehen es anders. "Sie haben überhaupt kein weißes Blut in sich", sagt ein Vetter aus. "Sie hielten sich immer für was Besseres. Aber sie sind Coloureds wie wir."
Viele ihrer Freunde und Bekannten seien nicht zufrieden mit ihrem Schicksal, sagt der Zeuge, aber sie alle kennten ihren Standort. Und nur Gott der Herr könne etwas daran ändern: "Die Coloureds, die den Sprung über die Linie geschafft haben, kommen zu uns, halten uns ihre weiße Kennkarte unter die Nase und lachen uns aus. Aber wir lassen uns nicht von ihnen provozieren. Wir kennen den Platz, auf den Gott uns gestellt hat."
"Wie war es in Ihrer Kindheit?" will der Vertreter des Ministeriums von Herrn Sobhuza wissen. "Hatten Sie farbige oder weiße Freunde?" "Farbige und weiße Freunde." Kindern muß man die Apartheid erst beibringen. Und in den zwanziger Jahren gab es ja nicht mal zwischen den Erwachsenen Rassentrennung.
"Und Ihre eigenen Kinder?"
"Sie spielen mit den anderen wie richtige weiße Kinder. Sie gehen mit ihnen zum Club und zum Schwimmbad. Nie gab es deshalb Schwierigkeiten." Er überlegt: "Doch, einmal, als sie vier Wochen zum Badeurlaub in Durban waren, da kamen sie braungebrannt zurück. Ein Schulkamerad hat sie in der Schule als Kaffern beschimpft. Aber der Lehrer hat ihn streng bestraft."
Herr Sobhuza und seine Familie finden verständnisvolle Richter. Sie bekommen die Plastikkennkarten mit dem ersehnten "W" (White). Nur, ein Gericht im Oranje-Freistaat hätte das Verdikt ganz gewiß nicht gebilligt.
Im Kapstädter Parlament legte das Innenministerium Ende 1979 seine Klassifizierungsbilanz vor. Danach waren im Berichtszeitraum umgestuft worden: zwei Weiße zu Mischlingen, 101 Mischlinge zu Weißen, sechs Weiße zu Chinesen, zwei Weiße zu Indern, drei Mischlinge zu Chinesen, zwei Chinesen zu Mischlingen, ein Chinese zum Weißen, elf Inder zu Mischlingen.
Mitten im 20. Jahrhundert ...
Von Erich Wiedemann

DER SPIEGEL 12/1981
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