16.03.1981

FORSCHUNGWunderbare Ruhe

Psychologen und Schlafforscher untersuchen das „luzide“, hellsichtige Träumen, das vom Bewußtsein kontrolliert wird. Manche behaupten, es lasse sich trainieren.
Die Traumszene schien wie aus einem Horrorfilm. Der Schläfer fand sich in ein bedrohliches Kampfgetümmel verwickelt. Ein pockennarbiger Hüne packte ihn und hielt ihn eisern im Griff. Schon fühlte der Träumer seine Kräfte und die Chance schwinden, heil davonzukommen.
Da plötzlich traf den bedrängten Kämpfer ein rettender Erkenntnisblitz: Alles nur Traum -- und damit war er augenblicklich Herr der Lage. Locker hielt der Träumende die Pranken des Riesen und sprach begütigend auf ihn ein. Wie durch Zauber legte sich auch der Tumult ringsum. Der Schläfer erwachte "mit einem Gefühl wunderbarer Ruhe".
So etwa schildert der amerikanische Psychophysiologe Stephen LaBerge ein Traumerlebnis von besonderer Qualität: Es gehört, in der Terminologie der Wissenschaftler, in die Kategorie der sogenannten luziden (= hellen, durchsichtigen) Träume -- gleichsam eine Begegnung der dritten Art mit den Kräften des Unbewußten.
Beim luziden Träumen, so haben die Schlafforscher nachweisen können, spielt der Schläfer nicht die gewohnte Rolle des willenlosen Statisten im nächtlichen Hirnkino. Er übernimmt vielmehr, als Hauptdarsteller, auch die Funktion des Dramaturgen und Regisseurs, wobei er dafür sorgt, daß die Traumhandlung möglichst auf ein Happy-End hinausläuft.
Derartige Machtfülle, so die Erkenntnis der Schlaf-Experten, fällt den S.253 Luzid-Träumern zu, sobald sie sich, ohne zu erwachen, im Traum vergegenwärtigen, daß sie nur träumen. Und nach Ansicht von LaBerge kann diese Fähigkeit mit Hilfe geeigneter Trainingsmethoden sogar erlernt werden.
LaBerge, Traumforscher an der Stanford University in Kalifornien, hat ein entsprechendes, unter anderem auf Autosuggestion beruhendes Verfahren entwickelt und an sich selbst erprobt. Rund 400 luzide Träume hat er innerhalb von drei Jahren angeblich auf diese Weise zustande gebracht und dabei, wie er begeistert feststellte, in seinem Traumreich eine wahre "Werkstatt der Kreativität" aufgetan.
Mit seiner Vorstellung von der Schöpferkraft der Traumwelt folgt La-Berge einer Tradition, die vom Altertum bis in die Neuzeit reicht. So berichtete schon Aristoteles von kontrollierten Träumen; und Künstler wie Wissenschaftler bezeugten, daß im Traum nicht nur absurdes Theater stattfindet: Mozart etwa komponierte im Schlaf, der deutsche Chemiker August Kekule fand träumend die Ringstrukturen der Benzol-Formel.
Auf den Punkt aber brachte erst Altmeister Sigmund Freud die Erkenntnis, daß die Träume eine eigene, wenn auch verschlüsselte Logik besitzen und bei der Lösung innerer Konflikte und Probleme mitwirken. In seiner "Traumdeutung", zuerst erschienen um die Jahrhundertwende, beschäftigte er sich auch mit dem Phänomen der luziden, von ihm "hypermnestisch" genannten Träume.
( Von griechisch: hyper = übermäßig und ) ( mneme = Gedächtnis. )
Dabei schilderte er den Fall des Marquis d''Hervey de St. Denis: Dem war im Traum einst eine goldblonde Dame erschienen, die ihm bekannt vorkam, die er aber nach dem Aufwachen nicht identifizieren konnte. Doch als die Schöne in einem zweiten Traum erneut auftauchte und der Marquis diesmal dringlicher nachfragte, gab die Traumgestalt immerhin ein paar Hinweise; der Marquis gewann, wieder erwacht, die verlorene Erinnerung zurück.
Es scheine, folgerte Freud, als ob bei "hypermnestischen" Träumern das Schlafbedürfnis geringer sei als der Wunsch, die eigenen Traumbilder zu beobachten und zu genießen.
Den Beweis allerdings, daß die Luzid-Träumer wirklich schlafen und nicht etwa nur in einem halbwachen Dämmerzustand dahindösen, konnte Freud nicht antreten. Das gelang erst jenen Experten, die Anfang der fünfziger Jahre die Schlaf- und Traumforschung als experimentelle Laborwissenschaft etablierten.
Mit Hilfe von Meßgeräten, die etwa die Hirnströme, den Muskeltonus und die Augenbewegungen von Tiefschläfern registrieren, können die Fachleute seither exakt ermitteln, ob ihre Versuchspersonen schlafen und wann sie jeweils träumen. Luzide Träume, so zeigte sich, laufen wie normale Träume nicht im Halbschlaf, sondern im Schlaf ab.
In jüngerer Zeit haben Reiseberichte von Völkerkundlern das Interesse der Forscher an den Luzid-Träumen noch verstärkt. So begegnete etwa der Anthropologe Kilton Stewart in Malaysia dem Eingeborenenvolk der Senoi, das offenbar die Traum-Kontrolle seit je systematisch betreibt. Allmorgendlich muß die Senoi-Jugend zum Traum-Appell antreten und über gute wie schlimme Traumerlebnisse berichten. Zweck der Übung: Die Senoi-Kinder sollen lernen, ihre Träume zu steuern, und dabei immer versuchen, so Stewart, "ein positives Ende anzustreben".
Dasselbe Ziel schwebt mittlerweile amerikanischen und britischen Forschern vor, die glauben, daß luzide Träume auch vielen westlichen Stadtneurotikern zu größerem Seelenfrieden verhelfen könnten.
Die Experten bemühen sich beispielsweise, durch bestimmte äußere Reize die Traum-Kontrolle der Schläfer zu fördern. Forscher LaBerge etwa läßt sich im Schlaflabor in seine Träume hineinreden: Sobald dort die Meßinstrumente eine Traumphase anzeigen, raunt sich LaBerge, via Tonbandansage, mit seiner eigenen Stimme ins Ohr: "Stephen, du träumst."
Andere Wissenschaftler haben herausgefunden, daß Luzid-Träume überwiegend in den frühen Morgenstunden vorkommen. Die gesteuerten Traumerlebnisse dauern maximal sechs, im Durchschnitt zwei Minuten. Doch können die luziden Kurzfilme auch früher ablaufen -- einen geeigneten Auslöser vorausgesetzt: Ein Beischlaf um Mitternacht, so notiert etwa die Traum-Expertin Patricia Garfield aufgrund eigener Erfahrungen, habe sich da zum Beispiel als förderlich erwiesen.
Eine Garfield-Kollegin, die US-Psychologin Rosalind Dymond Cartwright, hat inzwischen ein Therapie-Modell für geschiedene deprimierte Frauen entwickelt, die mittels bewußter Traum-Steuerung neuen Lebensmut schöpfen sollen. Traumforscher LaBerge geht es dagegen eher um ein gehobenes künstlerisches Traum-Niveau: Die Mehrzahl der "naiven" Schläfer, meint er, träume nur kitschige "Melodramen" im Stil seichter Hollywood-Filme -- anstatt, schöpferisch gestaltend, im Schlaf "höhere Bewußtseinsebenen" zu erklimmen.
Wieweit LaBerge sein kritisches Traum-Bewußtsein bereits geschärft hat, illustriert er an einem Exempel: Auf der Flucht vor anonymen Widersachern klettert er im Traum wie eine S.256 Eidechse die Fassade eines Wolkenkratzers hinunter. Als ihm dämmert, daß er nur träumt, reagiert er luzid: Er fliegt einfach davon.
Doch da ertönt aus dem Off die Stimme eines Traum-Rezensenten: Löblich, daß er, Stephen, die Situation als Alptraum durchschaut habe und souverän abgeflogen sei; dennoch müsse kritisch angemerkt werden, daß er -- als nunmehr luzider Vogelmensch -- die Flucht unnötig fortgesetzt habe.
S.253 Von griechisch: hyper = übermäßig und mneme = Gedächtnis. * "Die Nachtmahr" von Johann Heinrich Füßli (1741 bis 1825). *

DER SPIEGEL 12/1981
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